nr. sieben

Freiheit auf zwei Quadratmetern

Auf dem Zeltplatz an der Ilz bei Passau treffen sich unterschiedliche Menschen mit der gleichen Passion für die Schönheit des Einfachen.

Wie der alte Weise eines Dorfs läuft Jan mit seinem Gehstock über den Zeltplatz des Passauer Stadtteils Hals. Er trägt einen weißen Rauschebart, eine Brille mit runden Gläsern, eine alte Wanderhose, dazu eine blaue Weste. Gemächlich lässt er sich neben seinem Zelt nieder und beginnt mit schier unerschöpflichem Wissen von Tunnel-, Kuppel- und Firstzelten zu berichten. Er erzählt von Booten, von seiner Tochter, von gemeinsamen Urlauben. Während er in Erinnerungen schwelgt, blickt der Pensionär verträumt in die Ferne und ein leichtes Schmunzeln umspielt sein durch Falten gezeichnetes Gesicht.

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Jan aus Bremen ist 72 Jahre alt und mit dem Faltboot unterwegs. Foto: Julia Kronawitter

Gemeinsam mit einem Bekannten ist der 72-Jährige von Ingolstadt über die Donau nach Passau gepaddelt. In seinem russischen Faltboot transportiert Jan sein Zelt von Platz zu Platz. Hier, auf der idyllischen, gerade frisch gemähten Wiese an der Ilz, schlägt er sein Lager zum letzten Mal auf, bevor es mit dem Zug wieder zurück in seine Heimatstadt Bremen geht. Der Zeltplatz in der Dreiflüssestadt gehört zum Turnverein Passau, genauer zur Kanuabteilung. Auf der gepflegten Grünfläche campen Wanderer, Radfahrer, Kanufahrer oder Jugendgruppen. Klaudia und Karl Friedl, die den Campingplatz seit zehn Jahren führen, kümmern sich tagsüber um die Pflege der Anlage, ab 18 Uhr empfangen sie die neuen Gäste. Neben einer italienischen Gaststätte gehört ein Waschhaus mit Toiletten, Duschen, Waschmaschine und Trockner zur Ausstattung. Viele Stammgäste kommen nach ihrem ersten Besuch auf dem Passauer Zeltplatz wieder, teilweise sogar Jahr für Jahr – deren Lob istfür die Friedls der Lohn für ihre Arbeit.

Jan ist ein Camping-Urgestein und kennt viele Anekdoten

Während Jan die eine Hand auf seinen Stock stützt und mit der anderen Früchteteebeutel durch einen Wassertopf auf dem Gaskocher zieht, sinniert er über das Kampieren in einer anderen Zeit. Früher hätten sie über Campingkocher nur gelacht. Jeder wusste schließlich, wie man Feuer macht. Sogar bei Regen hätten sie dafür nur drei Streichhölzer gebraucht. „Schon 1955 habe ich mit dieser Unsitte des Zeltens angefangen“, erinnert sich Jan. Jahre später begegnete er auf einem seiner Campingabenteuer einem Mann in kurzen Hosen und ausgesprochen hässlichen Sandalen. Der Reifen seines Fahrrads war geplatzt. Jan fuhr in die Stadt und kaufte ihm einen Neuen. Da der Mann nicht zahlen konnte, bat er Jan um seine Adresse. Monate später erhielt der Bremer eine Einladung nach Bielefeld, samt Zugticket. Am Hauptbahnhof wurde er von einem Chauffeur erwartet. Wie sich herausstellte, lud ihn der einst hilflose Mann zu einem luxuriösen Abendessen als Dank ein. „Es war Dr. August Oetker.“

Idylle an der Ilz: Der Campingplatz des Turnvereins Passau

Seit Langem ist ein Zeltplatz für viele Deutsche wieder eine echte Alternative zum Hotel geworden. In den letzten zehn Jahren stieg die Zahl der Campingbegeisterten kontinuierlich um einige Prozent. Die beliebtesten Ziele der Deutschen befinden sich innerhalb Europas: im eigenen Land, im Nachbarland Österreich oder in Italien. Die Hochsaison für den Trip mit Zelt, Isomatte & Co. beginnt etwa um Pfingsten und zieht sich bis zum Ende der Sommerferien im September. Auch für Klaudia und Karl Friedl ist diese Zeit die Wichtigste: Abschlussfahrten und internationale Treffen werden jede Saison wieder auf dem kleinen Passauer Zeltplatz abgehalten.

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Bert brutzelt Schnitzel und Bratkartoffeln, Marja freut sich schon drauf. Foto: Julia Kronawitter

Nur wenige Meter von Jans Faltboot entfernt sitzen Marja und Bert vor ihrem Zelt, wie zwei Wächter in Campingstühlen, die den Reißverschluss der Plane bewachen. Die beiden Rentner sind mit einem kräftigen Sonnenbrand versehen, ihr Lächeln wirkt herzlich. Vor den beiden stehen zwei Gaskocher, auf denen das holländische Ehepaar das Abendessen zubereitet: tiefgekühlte Minischnitzel und Bratkartoffeln. Das Fett brutzelt in der kleinen Pfanne und das kräftige Aroma breitet sich langsam in der Umgebung aus.

Marja und Bert aus Almelo liegt das Radeln und Zelten im Blut

Von ihrer Heimat, dem niederländischen Städtchen Almelo, machten sich Marja und Bert über den Limes-Radweg auf in Richtung Süden. Ausgestattet mit Zelt, Isomatten, Schlafsäcken, Gaskochern und vielem mehr radelten die beiden Hunderte Kilometer, ehe sie ihr Zwei-Mann-Zelt in Passau aufschlugen. 

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In den nächsten Tagen will das Ehepaar den Donauradweg in Richtung Wien antreten. Das holländische Volk ist wohl am ehesten dafür bekannt, dass es mit gelbbeschilderten, weißen Wohnwägen durch Europa kurvt. Aber auch das Radeln scheint ihm im Blut zu liegen – wie dem Rentnerehepaar aus Almelo.

Eine junge Frau schlendert im Handtuch und Flipflops am herzhaft duftenden Essen der Niederländer vorbei. „Das riecht ja lecker! Gibt’s heute Bratkartoffeln?“, fragt sie ihm Vorbeigehen. Ihrem Geruch nach Nivea-Creme folgend, gelangt man zu einem hellgrauen Zwei-Mann-Zelt am Ende der Wiese. Wenig später sitzt die junge Camperin, die 24-jährige Hannah, mit ihrer Schwester Sarah auf einer gelben Decke im Schneidersitz. Hannah hat die nassen Haare zu einem Dutt gebunden, dennoch tropft es ab und an auf ihr graues T-Shirt. Aus der runden Bluetooth-Box, die neben ihr liegt, erklingen sanfte Gitarrentöne. 

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Die Schwestern Hannah (l.) und Sarah haben viele Kräuter dabei. Foto: Julia Kronawitter

Sarah hat ein Schneidebrett, das auch als Nudelsieb verwendet werden kann, auf ihrer gemusterten Leinenhose abgelegt. Während das Nudelwasser dampft, schneiden die beiden Gemüse und packen ihre Gewürzpalette aus. In einem großen Zip-Beutel befinden sich kleine Laborröhrchen, die liebevoll beschriftet sind: getrocknete Petersilie, Kurkuma, Paprika, Pfeffer. Auf einem der Röhrchen steht Nana, dahinter ist ein kleines Herz aufgezeichnet. Nana steht für Minze, so wird sie in arabischen Ländern genannt.

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In kleinen Plastikröhren haben die Camperinnen ihren Gewürzvorrat dabei. Foto: Julia Kronawitter

Zu den vielen Plastikröhrchen kam die 28-jährige Sarah in ihrem Medizinstudium. Nun fehlt ihr nur noch die Facharztausbildung. Ihre vier Jahre jüngere Schwester Hannah wird im Herbst ein duales Studium zur Hebamme beginnen, einen Bachelorabschluss hat sie bereits in der Tasche. Da die Schwestern das Leben in der Natur genießen und auch sonst versuchen, mit möglichst kleinem Budget zu verreisen, haben sie sich für einen Radurlaub mit dem Zelt entschieden. Gestartet sind die beiden in München. Am fünften Tag ihrer Tour entlang abgelegener Feldwege quer durch Bayern können sie ihre Behausung bereits in unter fünf Minuten aufbauen. Das Ausrollen der Isomatten, das Vorbereiten des Abendessens – schön langsam wird das Nomadenleben zur Routine.

Sarah und Hannah genießen die Ruhe

Hannah und Sarah gefällt der simple Lebensstil – kein Stress, keine Ablenkung, kein Make-up. Auf vieles verzichten, was im Alltag selbstverständlich ist. Für einige Leute ist der Campingurlaub dennoch negativ konnotiert. Sie verbinden damit schlechten Schlaf, Mückenstiche und Lärm. Für die beiden gebürtigen Essenerinnen geht es beim Campen jedoch vor allem darum, ihre Freiheiten zu haben und diese in vollen Zügen genießen zu können. Über kleine Unannehmlichkeiten sehen sie dafür gerne hinweg.

Als die Sonne untergeht, zündet Hannah eine Räucherspirale gegen die Mücken und eine Zigarette für sich selbst an. In Fleecejacken gehüllt würfeln die jungen Frauen um die nächste Partie Kniffel. Full House für Sarah. Während die Frauen spielen, verschwinden rundherum nach und nach die Menschen mit ihrem Sammelsurium an Dingen in den Zelten. Unter den Planen wandern Lichtkegel von Taschenlampen hin und her.

Am Abend kehrt Ruhe ein auf dem Zeltplatz

Morgen werden Sarah und Hannah ausschlafen, ehe sie in ihrem Espressokocher Kaffee zubereiten. Zum Frühstück stärken sie sich mit Müsli, Obst und Marmeladebroten für die nächste 50-Kilometer-Tagesetappe. Inzwischen leuchten nur noch die Kerzen neben den Schwestern auf dem kleinen Platz zwischen Wald und Fluss. Wie Schmetterlingskokons liegen die wenigen Zelte still nebeneinander.

PS: Wer jetzt ganz große Lust aufs Zelten, aber keinen blassen Schimmer vom Zeltaufstellen hat, für den hätten wir hier die ultimative Anleitung:

Text: Ramona Dinauer und Laura Reich
Fotos: Julia Kronawitter

Die Autorinnen dieses Textes studieren Medien und Kommunikation an der Universität Passau. In ihrem Studiengang absolvieren die Studierenden ein Praxisseminar „Zeitungsjournalismus“.

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