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Im Reich der Klapper und Falter

Ein Laie kann Falt- und Klappräder kaum unterscheiden. Doch zwischen diesen beiden Radtypen – und ihren Fahrern – liegen Welten.

Alexander Schenkl hat sich in Schale geworfen. Graues Sakko, rot-orange gestreifte Socken und eine rote, mit Fahrrädern verzierte Krawatte. Dazu Fahrradhelm, Spiegelbrille und eine kurze Radhose. Ein richtiger Bromptonaut weiß schließlich, was sich gehört. Der Hobbysportler aus Lauf an der Pegnitz ist nicht der einzige, der sich so gekleidet hat. Sobald der Startschuss ertönt, laufen Hunderte Sportler in Anzügen und Sakkos zu ihren Rädern, die zusammengefaltet am Start stehen. Nach wenigen Handgriffen sind die Falträder startklar. Die Bromptonauten treten in die Pedale. Die Zuschauer feuern sie mit Dudelsack und englischen Fähnchen an.

Wenn Alexander Schenkl in seinem Heimatdorf trainiert, erntet er von den Passanten teilweise erstaunte Blicke. Ein Fahrrad, das man zusammenklappen kann? Früher waren Klappräder mal in Mode. Heute können die meisten damit nichts mehr anfangen. Doch eine kleine, feine, eingeschworene Gemeinschaft hat sich dem Faltrad verschrieben. Es sind Menschen jeden Alters, die sich gepaart mit einer Prise Selbstironie und gewandet in edles Zwirn auf ihr faltbares Rad schwingen. Und es werden von Jahr zu Jahr mehr.

Verkleidung und Klapprad oder Faltrad und edler Zwirn?

Doch der exklusive Club der Bromptonauten hat Zugangsbeschränkungen. Wer dazugehören will, braucht neben mehr oder weniger ausgeprägtem Stil auch ein Rad der Marke Brompton. Als „den Klassiker“ unter den Falträdern bezeichnet Alexander Schenkl sein Brompton. Ein echter Bromptonaut wird nie ein anderes Faltrad in die Hand nehmen – geschweige denn ein Klapprad. Zu schwer, zu langsam, qualitativ zu schlecht verarbeitet: So beschreiben die meisten Bromptonauten das Klapprad. Kurzum: Klappräder klappern, Falträder kann man falten. 

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Verkleidete Radfahrer bereiten sich auf das Radrennen "World-Klapp" vor. Es ist eine Meisterschaft im Klappradfahren, die jeden Teilnehmer zum Tragen eines Oberlippenbartes verpflichtet.

Ohne Bart kein Start – die Regeln sind streng

Auch wenn die Veranstaltung spaßig ist: Regeln müssen sein. Deshalb inspiziert ein „20-Zoll-Inspektor“ beim „World Klapp“-Rennen jeden Bart und jedes Rad. Denn: Ohne Bart kein Start. Angeklebte Bärte sind offiziell nicht zulässig, nur bei Damen wird großzügig eine Ausnahme gemacht – wenn sie vor dem Start eine „Bartwuchsunfähigkeitsbescheinigung“ vorlegen. Die Oberlippenbärte sind gewissermaßen das Erkennungszeichen der „Klapper“. Sie sollen an die 70er Jahre und die Blütezeit des Klapprads erinnern. Selbst jeder Laie erkennt den Unterschied auf den ersten Blick. Wer neu in die Szene einsteigt, muss sich erst einmal entscheiden: Klappen oder falten? Altes oder neues Rad? Oberlippenbart oder feiner Anzug?

Ein Video vom World-Klapp-Rennen in Mannheim sehen Sie hier:

Alexander Schenkl hat diese Entscheidung für sich längst getroffen. Schenkl, ein sportlicher und schlanker Mann, könnte locker als Rennradfahrer durchgehen. Zu seinen großen Leidenschaften zählen Fahrräder und guter Espresso. In seinem Keller hängt sein Brompton-Faltrad in einer Wandhalterung, zwischen klassischen Stahlrennrädern, wie ein Bild. Brompton, das ist für Schenkl bei Falträdern der Inbegriff von Qualität. Wenn er über die Marke spricht, gerät er ins Schwärmen. Was er über die Räder erzählt, könnte genauso gut in einer Werbezeitung stehen: Vergleichsweise leicht, gutes Fahrgefühl, schnell, leicht faltbar. Einziger Haken: Der Preis. Unter 1200 Euro ist kein neues Brompton-Modell zu haben.

Klapper und Falter kämpfen um die Vormachtstellung

Wer über die Faltradszene schreibt, der muss diese Marke erwähnen, ob er will oder nicht. Im späten 19. Jahrhundert wurde das Klapprad, das damals eher einem Hochrad ähnelte, von William Grout erfunden. Immer wieder wurde das Gefährt weiterentwickelt und verbessert. Doch erst dem Briten Andrew Richie gelang es, mit dem Brompton ein Kultrad zu schaffen. Der englische Hersteller hat sich als führende Marke im Faltradbereich etabliert. Weitere Produzenten drängen in den Markt: Birdy von Riese und Müller etwa oder Dahon. Wer einen Wettbewerb gewinnen will, braucht nicht unbedingt ein teures Faltrad. Dieser Meinung ist zumindest Stephan Menke, Mitorganisator der „German Folding Bike Open“ in Bremen. Hier darf jeder starten, egal ob mit Falt- oder Klapprad. „Es ist schon auch ein Kampf“, sagt Menke. Aber ein bisschen Inszenierung muss freilich auch sein. Schließlich geht es um nichts Geringeres als die Vormachtstellung: Sind Klapper oder Falter cooler?

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Alexander Schenkl beantwortet die Frage ohne ein Wimpernzucken: Er schwört auf Falträder. Unter seinem Brompton glänzen die zahlreichen Medaillen, die er gewonnen hat. Die Startnummern der letzten Rennen hat sich der Bromptonaut aufgehoben: Bremen, Berlin, London. Schenkl verbindet damit Erinnerungen: An Konkurrenten mit skurrilen Outfits, an gewachsene Freundschaften zu ausländischen Bromptonauten, an spektakuläre Rennen. „Das Schöne ist, dass es bei den Rennen nicht um den Sieg geht. Man gewinnt aber natürlich gerne“, sagt Schenkl. Er setzte sich dreimal in Folge in Bremen bei der „German Folding Bike Open“ und außerdem bei Brompton-Rennen durch, wurde Dritter in Berlin und 22. in London bei der Weltmeisterschaft.

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Die Jünger der Brompton-Fangemeinde schwören auf edlen Zwirn und ihre Falträder. Alexander Schenkl (zweiter von rechts) gewann schon mehrere Rennen.

Sein erstes Rennen hat er gleich gewonnen – ganz zufällig

Dabei begann die Leidenschaft für das Faltradfahren bei ihm eher zufällig. Schenkl wollte ursprünglich eine Radtour von Deutschland nach Dänemark unternehmen. Von dem Rennen in Bremen hatte er beiläufig erfahren – im Geschäft eines befreundeten Fahrradhändlers. Weil Schenkl damals kein eigenes Faltrad besaß, lieh ihm der Händler eines und schickte es mit der Post nach Bremen. Nach dem Rennen sandte Schenkl zwei in die Heimat zurück: Als Preis für den Rennsieg hatte er ein eigenes Faltrad gewonnen. 

Das grün lackierte Rad nutzt Schenkl seitdem regelmäßig für Fahrten in die Arbeit und in der Freizeit. Das weiß lackierte Gefährt, mit dem Schenkl seitdem alle Rennen bestreitet, steht heute auf einem kleinen, erhöhten Holzpodest im Nürnberger Radgeschäft seines Bekannten. Drum herum hängen Fotos vom Rennen und von Schenkls Triumphen. Eine gute Werbung nicht nur für den Radhändler, sondern auch für den Faltradsport.

Alexander Schenkl zeigt im Video, wie ein Faltrad schnell aufgebaut wird:

Kurz vor der Faltmeisterschaft bleibt das Holzpodest jedes Jahr leer: Schenkl leiht sich dann wieder sein Meisterrad. Die Tage vor dem Rennen dreht er damit einige Runden. Einen Trainingsplan hat Schenkl nicht: „Ich fahre jeden Tag mit dem Fahrrad in die Arbeit. Wenn ein junger, trainierter Fahrer beim Rennen dabei ist, habe ich keine Chance.“ 

„Das Reizvolle ist die Atmosphäre, die man einfach genießt." Alexander

Ums Gewinnen geht es Schenkl sowieso nicht: „Das Reizvolle ist die Atmosphäre, die man einfach genießt. Wenn ich aber sehe, dass was zu holen ist, packt mich der Ehrgeiz und ich trete natürlich fest in die Pedale.“ Früher ist Schenkl richtige Radrennen gefahren, heute würde er nur noch bei Faltradrennen starten. „Es gehen alle viel rücksichtsvoller miteinander um. Wenn ein Zuschauer in die Strecke läuft und einen anderen Starter behindert, wartet man.“

Dabeisein ist alles – im Schnitt sogar mit 35 Sachen

Mit seiner Begeisterung für das extravagante Faltradrennen hat Schenkl mittlerweile seine ganze Familie angesteckt. Vor einem Jahr gab es sogar einen Doppelsieg: Seine Lebensgefährtin und Schenkl selbst fuhren auf das Podium. Etwas Training braucht es dafür schon: Wenn Schenkl bei den Faltradrennen startet, saust er im Schnitt mit mehr als 35 Stundenkilometern an den Zuschauern vorbei. 

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Länger als eine halbe Stunde braucht er für die knappen 14 Kilometer nicht. Andere Starter sind deutlich langsamer: „Es sind auch Leute dabei, die noch nie mehr als zehn Kilometer mit dem Rad gefahren sind und am Rennen nur aus Spaß teilnehmen“, sagt Schenkl. In diesem Jahr kommt er in Bremen nicht als Erster, sondern nur als Dritter ins Ziel. Egal. Viel wichtiger ist, dass die rote Krawatte und das graue Sakko perfekt sitzen.

Interview: Philipp Seitz

Fotos: dpa, Fridolin Schubert

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