nr. sieben

Die Schanze auf Rambazamba

Gründergeist und Rebellentum – G20 hin oder her, im Hamburger Stadtteil Sternschanze ist vieles nicht mehr so, wie es mal war.

Man muss eins vorausschicken: Uwe Rodermund ist kein Schanzenviertler. Er brachte am Morgen seine zwei Pflegekinder in die Kita, ist im beschaulichen Stadtteil Farmsen in die U1 gestiegen, hat nach ein paar Stationen auf die U3 gewechselt. Eine halbe Stunde später steht er am U-Bahnhof Sternschanze, ein großer Mann in Sandalen und kurzer Hose, kariertem Hemd, sonnenbrauner Haut und breitem Lächeln. „Moin Moin.“ Uwe (70) wird durch das Viertel führen, in dem es nächste Woche zum Showdown kommt zwischen G20-Teilnehmern und ihren Beschützern einerseits und G20-Gegnern und ihren Unterstützern andererseits. Uwe sagt: „Eine Zeit lang war Ruhe. Jetzt geht das wieder los.“ Warum war Ruhe? „Die haben jetzt Familie. Da wird man ruhiger.“

Krawall wird friedliche Proteste überschatten

Es schien tatsächlich ein bisschen Frieden rund um die Rote Flora eingekehrt zu sein, da mobilisiert der G20-Gipfel den rebellischen Geist in der Schanze von Neuem. „Le temps passe, la rage reste“ – die Zeit vergeht, die Wut bleibt – prangt auf einem Banner über dem seit 1989 besetzten Gebäude. 

„Le temps passe, la rage reste – die Zeit vergeht, die Wut bleibt"
„Capitalism will end anyway – you decide when – der Kapitalismus wird so oder so enden, du entscheidest, wann."

Die Mobilisierung läuft auf Hochtouren. Die Polizei zieht aus ganz Deutschland ihre Kräfte zusammen, um das direkt ans Viertel grenzende Tagungsgelände zu schützen. Die Gipfelgegner sprayen seit Wochen ihren Unmut an Wände, mal in Worten – „G20 go to hell“, zur Hölle mit G20 – oder in Bildern. Ein riesiges Graffiti am Platz vorm Nachtclub Knust sagt eindeutig etwas, das man lieber nicht in Worte fasst. Überall die Szenezeichen A.C.A.B. und 1312, sie stehen für „All cops are bastards“, abgekürzt oder alphabetisch verschlüsselt eine Diffamierung der Polizei. Rund 100 000 Menschen wollen demonstrieren. Und wie so oft werden militante Krawallmacher deren friedlichen Protest überschatten.

Uwe Rodermund
Uwe Rodermund ist Hamburg-Greeter aus Passion. Er führt Gäste aus aller Welt durch seine Stadt. Foto: M. Sauerer

Wasser auf die Mühlen all jener, die schon immer über die Schanze geschimpft haben. Uwe schüttelt den Kopf. Er ist eigentlich hier, um das Bild zu korrigieren. Seines sieht so aus: bunt, jung, studentisch, idyllisch, weltoffen, quirlig, kritisch, nachbarschaftlich, schon auch ziemlich stylish und von einem gewissen Gründergeist beseelt. Uwe seinerseits ist auch beseelt – vom Geist der Greeter. Das sind Hamburger, die Gästen unentgeltlich ihre Stadt zeigen. Greeter kommt von „to greet“ – grüßen. Die Idee stammt aus New York. Vor 25 Jahren gründete Lynn Brooks dort die Big Apple Greeters. New York City (und speziell die Bronx) hatte Anfang der 90er wegen hoher Kriminalität einen schlechten Ruf. Die Greeters wollten dem Negativimage entgegensteuern. Nichts anderes will Uwe im Schanzenviertel.

Nur einen Steinwurf von der Roten Flora entfernt

Aus dem Bahnhof heraus wendet er sich nach rechts. Entlang der Schienen glänzt ein schon fast provokant nagelneuer Zaun in der Sonne. Dahinter schachteln sich die Hallen der Hamburg Messe aneinander. Hier werden am 7. und 8. Juli die rund 6000 Delegierten von Putin, Trump & Co. über Globalisierungsfragen brüten. Gegenüber thront ein imposantes Industriedenkmal: In dem ehemaligen Wasserturm ist nun ein Hotel untergebracht. Auch da wurde die angespannte Stimmung schon handfest. Steinwürfe haben an Fenstern ihre Spuren hinterlassen. 

  • Alter Bahnhof Sternschanze
    Hinter dem alten Bahnhof Sternschanze liegt das Areal der Messe Hamburg. Foto: A. Sauerer
  • Westeingang Messe Hamburg
    Vom U-Bahnhof Sternschanze aus gelangt man direkt zum Messeeingang West. Foto: A. Sauerer
  • Wasserturm Sternschanze
    Im ehemaligen Wasserturm gegenüber dem Messegelände ist ein Hotel untergebracht. Foto: M. Sauerer
  • Fernsehturm Hamburg
    Im Luftbild erkennt man gut die Messehallen zu Füßen des Fernsehturms. Dort werden die G20-Delegationen tagen. Foto: dpa

Im Sternschanzenpark dahinter herrscht friedliches Faulenzen. Von der Anhöhe aus sieht man zum Campus der Universität Hamburg im Stadtteil Rotherbaum hinüber. Wegen der Nähe zur Uni, der guten Verkehrsanbindung und günstiger Mieten sind in den 70ern viele Studenten ins Schanzenviertel gezogen. Die alternativ-linke Szene ließ sich ebenfalls in dem etwas heruntergekommenen Stadtviertel nieder, dessen Gesicht auch heute noch der mittlerweile stillgelegte Schlachthof mitsamt Zuliefer- und Weiterverarbeitungsbetrieben prägt. Dahin steuert Uwe nun seine Schritte.

Es ist schon eine wilde Mischung, die sich hier im Schatten des Telemichel, wie die Hamburger ihren Fernsehturm liebevoll nennen, etabliert hat: Das Messegelände liegt ihm zu Füßen, daneben werden Rinderhälften gehandelt und in direkter Nachbarschaft besiedeln kleine Handwerksbetriebe, Start-ups aus der IT- und Medienbranche sowie die zugehörige Gastronomie die Backsteinbauten des alten Schlachthofs. Rinderhack trifft Salzbrenner-Würstchen und veganes Bio-Curry. Und keinen Steinwurf entfernt ziert die Rote Flora wie eine martialische Tätowierung das Schulterblatt, also quasi die Hauptstraße der Schanze.

Verkauft, saniert und „yuppisiert“

  • Ehemaliga Produktion Steinway & Sons
    Wo einst die Flügel von Steinway & Sons hergestellt wurden, finden sich heute schicke Büro-Lofts. Foto: A. Sauerer
  • Tim Mälzers "Bullerei"
    Das Bistro von Tim Mälzers "Bullerei" ist im Vintage-Stil eingerichtet. Das Backsteingebäude gehörte zum früheren Schlachthof. Foto: M. Sauerer
  • Eingang Montblanc
    Hier an der Schanzenstraße begann Montblanc die Füllerproduktion. Der angrenzende Schanzenhof gehörte zum Komplex.Nach der Sanierung konnten sich die bisherigen Nutzer meist die Miete nicht mehr leisten. Foto: A. Sauerer
  • Hippe Räder in der Schanze
    Wer hip sein will, braucht so ein Rad. In der Schanze gibt es viele davon. Foto: A. Sauerer

Sylvia Sonnemann hat beobachtet, wie sich das Viertel seit den 1980er Jahren gewandelt hat. Die Geschäftsführerin des Hamburger Mietervereins hilft seit 25 Jahren Mietern in der Schanze. Das frühere Industrie- und Arbeiterviertel sei eher schmuddelig gewesen, „ein bisschen Multikulti“. Dann habe sich die linke Szene niedergelassen, danach Kreative, Studenten, Werber. Rund 8000 Menschen leben in der Schanze. Das Viertel sei immer hübscher geworden, sagt Sonnemann. „Es wurde hip und chic, hier zu wohnen.“ Oder Boutiquen, Läden, Cafés und Bars zu betreiben. Ehemalige Fabrikanlagen wie die des Füllerherstellers Montblanc oder des Klavierbauers Steinway & Sons wurden verkauft und saniert. „Yuppisiert“ nennt es Uwe. Backsteinlofts kommen gut an. Bisherige Mieter allerdings können sich die Preise nicht mehr leisten. Für einige der Schanzenhof-Mieter aus dem Montblanc-Areal bedeutete das 2015 das Aus ihrer beruflichen Existenz. Die günstige Nische, die sie für sich und ihr Metier gefunden hatten, war weg.

Paradox, aber wahr: Erst hatten die jungen Kreativen und schon etwas älteren Linken zur Aufwertung beigetragen, nun sind sie plötzlich davon betroffen, dass die Mietpreise explodieren. In der Spitze hätten sich die Preise versechsfacht, sagt Sonnemann. Und das in einem Stadtteil, in dem traditionell links gewählt wird und die CDU bei der Bürgerschaftswahl 2015 nur auf mickrige 2,9 Prozent kam.

Kein Kommentar zu G20 und den Begleitumständen

Uwe quert auf dem Weg vom Schlachthof zur Schanzenstraße Tim Mälzers „Bullerei“. Ein Essen im hippen Schuppen des Fernsehkochs hat er sich noch nicht geleistet, ein Bierchen im Garten schon. Wer will, chillt auf Kissenlandschaften. Nicht ganz so entspannt bleibt das Management Mälzers bei der Frage nach G20 und den Begleitumständen. Man sperre den Laden zu, Mälzer sei auf Drehterminen.

Ähnlich wortkarg reagiert die andere Seite. Thomas Schultze teilt im Namen des Kollektivs der Schanzenbuchhandlung mit: „Kein Kommentar, nur so viel: Wir haben offen.“ Der Schanzenbuchladen ist eine Institution der linken Szene, gegründet 1979 unter dem Namen „Die Druckerei“ als Spielzeugladen, Buchhandlung, Kinderprojekt. Solche Start-ups aus der alternativen Bewegung heraus gab es damals viele – es sind jene, denen nun bei fortschreitender Gentrifizierung der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Doch im Grunde knüpfen viele der neuen Geschäftsideen in der Schanze an diesen Gründergeist an: Nicht lange fackeln, einfach tun. So wurde auch die Rote Flora besetzt.

Altona-Hamburg
Grenzstein: In der früher dänischen Stadt Altona herrschte Religions- und Gewerbefreiheit, in Hamburg war man nicht so liberal. Foto: M. Sauerer

Wie ein Monolith thront sie an der Plaza im Schulterblatt und präsentiert ihre Parolen: „Capitalism will end anyway – you decide when“ – der Kapitalismus wird so oder so enden, du entscheidest, wann. Uwe zeigt eine Wegmarke auf dem Boden: links ein großes A, rechts ein H. Da verlief die Grenze zwischen Altona und Hamburg, also zwischen der großen Freiheit der ehemals zweitgrößten Stadt Dänemarks und dem kleineren Geist der Hamburger Pfeffersäcke. Altona galt bis weit ins 19. Jahrhundert in Europa als ungewöhnlich liberal. Neben einem großen Teil der Sternschanze gehörte die westliche Seite von St. Pauli ebenfalls zu Altona. Klar, dass die Flora auf diesem Boden steht. Oft wird das Rebellentum in der Schanze mit der namensgebenden, aber nicht mehr existierenden, sternförmigen Befestigungsanlage in Verbindung gebracht, wo die Hamburger 1686 den Dänen trotzten. Doch eigentlich ist es eher dieses Alt-Altonaer Freiheitsgen, das hier lebendig blieb. Uwe weist auf die zwei Wappen hin, die sich auf den ersten Blick gleichen: Stadttor mit Türmen – in Altona steht das Tor offen, in Hamburg ist es zu.

Die Rote Flora konnte nichts aufhalten, nur bremsen

Sehen Sie sich selbst auf der Plaza im Schulterblatt um. Nutzen Sie im Bild ihre Maus (oder ihren Finger, wenn Sie ein mobiles Endgerät nutzen), um sich umzusehen.

Schanzenviertel in Hamburg www.mittelbayerische.de/nrsieben - Spherical Image - RICOH THETA

Verrammelt ist auch der Haupteingang zur Flora. Auf den Stufen lagern Obdachlose. Seitlich, wo ein Skatepark angelegt ist, liegt der Zugang, dahinter ein kleiner Park. Von der Flora, einem einstigen Konzerthaus mit Saal, steht nur mehr der Kopf. Als das Gebäude 1988 zum Großteil abgerissen wurde, um ein Musicaltheater zu werden, besetzten es linke Gruppen und etablierten dort ein autonomes Stadtteilkulturzentrum. Die Rote Flora steht immer noch, aber die Veränderungen ihres Stadtteils konnten ihre Besetzer nicht aufhalten, nur etwas bremsen.

„Wir schließen nicht aus Angst vor Ausschreitungen. Das Klima ist durch die ständige Polizeipräsenz und die teilweise von den Polizisten ausgehenden Provokationen so vergiftet, dass wir schlicht keine Lust haben, uns dem auszusetzen. “ Alvaro Rodrigo Piña Otey, Wirt der Cantina Popular im Schulterblatt

Alvaro Rodrigo Piña Otey serviert in der Cantina Popular lateinamerikanische Küche vom Feinsten. Von der Schanze spricht er in der Vergangenheit: „Es gab hier viele besetzte Häuser, von denen die Rote Flora das bekannteste ist. Wohnprojekte, Bau-, Druck-, Medienkollektive, kollektiver Lebensmitteleinkauf – sogenannte FoodCoops – sowie die Mischung ihrer Anwohner, viele migrantischen Hintergrunds sowie deutsches Proletariat und viele Studenten. Davon ist nur noch der Mythos und die Rote Flora als baulich-manifester Antagonismus übrig geblieben.“ Und Leute wie er und seine Kompagnons Maria Endrich, der Autor Heinz Strunk und der Verleger und frühere RAF-Terrorist Karl-Heinz Dellwo. Ihre Cantina sei hier, sagt Piña, „weil wir hier auch wohnen, unseren Lebensmittelpunkt haben und uns hier am besten auskennen“.

  • Rote Flora Skateanlage
    Der Eingang zur Roten Flora befindet sich an der Seite. Dort, wo früher der Ballsaal lag, ist heute ein kleiner Park und eine Skateanlage. Foto: A. Sauerer
  • Wohnstraße Schanzenviertel
    Im Schanzenviertel gibt es ruhige Wohnstraßen, wo man - mit viel Glück - noch bezahlbare Mieten hat. Foto: A. Sauerer
  • Straße Schanzenviertel
    Die Nähe zum früheren Schlachthof bestimmte das Gewerbe im Umfeld. Manche Geschäfte gibt es noch. Foto: M. Sauerer
  • Salzbrenner
    Salzbrenner-Würstchen sind jedem Hamburger ein Begriff. Sie werden im Schanzenviertel produziert und verkauft - allerdings nicht während des G20-Gipfels. Foto: A. Sauerer

Die Cantina Popular liegt ein paar Häuser von der Roten Flora entfernt im Schulterblatt. Allabendlich schieben sich hier bei gutem Wetter Touristen – und ja: auch Sauftouristen – entlang. Ausflüge hierher haben Tradition. Die Straße verdankt ihren Namen einem Wirtshaus, dem als Aushängeschild das Schulterblatt eines Wals diente, erzählt Uwe. Ab Donnerstag werde der ganze Stadtteil ausgestorben sein, prophezeit Alvaro Piña. Weder Lieferanten noch Gäste würden durchkommen. „Außerdem ist das Klima durch die ständige Polizeipräsenz und die teilweise von den Polizisten ausgehenden Provokationen so vergiftet, dass wir schlicht keine Lust haben, uns dem auszusetzen“, sagt er unmissverständlich. Und fügt hinzu: „Wir schließen nicht aus Angst vor Ausschreitungen.“

„Meine Fenster sind eh schon kaputt.“ Jill Bittner, Wirtin im sanierten Schanzenhof

Angst hat Jill Bittner auch keine. Sie ist in der Schanze aufgewachsen, liebt die Ecken und Kanten des Viertels – ein kleines Dorf, wo man sich kenne und in der Regel die Toleranz überwiege. Sie zog weg und nun ist sie wieder hier, ausgerechnet als Pächterin eines Restaurants im sanierten Schanzenhof. „Meine Fenster sind eh schon kaputt“, sagt sie. Sie werde ihre Pizzeria öffnen und das besagte Wochenende auf sich zukommen lassen.

Wo Schulterblatt und Schanzenstraße sich auf dem Stadtplan zu einem Victory-Zeichen vereinen, da liegt ungefähr der Neue Pferdemarkt, am fließenden Übergang zwischen Schanze und St. Pauli. Wenn am Millerntor Fußball gespielt wird, kriegt man hier alles mit. Und wenn in der Schanze Rambazamba ist, erst recht.

Zahlt die Glasversicherung? Lohnt sich eine Holzverschalung?

  • Schanzenviertel Holzverschalung
    Manche Wirte präparieren ihre Lokale regelmäßig gegen Ausschreitungen. Foto: dpa
  • Wasserwerfer Schanzenviertel
    Maifeiern und Frühlingsfeste enden hier oft mit brennendem Müll und Wasserwerfern. Foto: dpa

Steffen Hellmann sagt achselzuckend: „Wir kennen das ja.“ Er wohnt hier, seit er 16 ist, und betreibt mit Elisabeth Füngers das Nil, ein Restaurant, das man am besten als eine Art Seelenverwandter des Regensburger Orphées beschreibt. Sie hätten mit ihrer Glasversicherung gesprochen, einen Kostenvoranschlag für eine Holzverschalung eingeholt – und dann entschieden, zu öffnen, ohne weitere Vorkehrungen. Wenn er sich mit Gästen unterhält, kommt immer wieder die Frage: „Warum machen die das ausgerechnet hier mitten in der Stadt?“ Wer kann, fährt mit den Kindern raus aufs Land. Kitas und Schulen sind ja geschlossen. Hellmann dagegen überlegt schon mal, wie er die angespannte Situation seinem Sohn erklären soll.

Uwe Rodermund überlegt, wann er wieder ins Schanzenviertel fährt. Wahrscheinlich am Sonntag, wenn alles vorbei ist. Er hofft, dass sein Bild der Schanze dann noch stimmt.

Text: Angelika Sauerer
Fotos: Sauerer, dpa

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