Abenteuer

Die menschlichen Drohnen

Pics or it didn’t happen: Caleb und Chris Farro filmen den Aberwitz von Grenzgängern mit GoPros. Fast immer geht das gut.

Winter-X-Games in Aspen, Colorado. Sage Kotsenburg, Olympia-Sieger im Snowboarden, hebt zum letzten Sprung ab. Mit über 70 Stundenkilometer rast er über die Schanze. Acht Meter über dem Boden dreht er sich um sämtliche Achsen. Die Landung, der kritischste Moment, steht bevor. Als sein Snowboard den Schnee berührt, wird das TV-Bild plötzlich schwarz. Ist Kotsenburg gestürzt? Verletzt? Verunglückt? Nein. Seine menschliche Drohne liegt am Boden.

Der Kameramann, der auf Skiern dem Athleten über alle Sprünge des Parcours folgt, hat sich bei der Landung in eine Wolke Schnee aufgelöst. Noch heute wird Caleb Farro von seinem Bruder Chris deshalb geneckt. Chris ist noch nie bei einer weltweit ausgestrahlten Live-Sendung auf die Nase gefallen. 365 Millionen Haushalte schalten laut TV-Sender ESPN bei der Extremsportveranstaltung ein. Caleb grinst halb verlegen, halb stolz, fasst sich an den blonden Schopf und sagt „Oh man, das war peinlich.“ Nicht gefährlich. Nicht schmerzhaft. Nicht furchterregend. Peinlich.

Der Nervenkitzel im Fokus

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Winter X-Games in Aspen: Der Kameramann jagt hinter dem Sportler den gleichen Parcours bergab. Foto: Caleb und Christopher Farro

Im nächsten Winter werden die Brüder wieder wenige Zentimeter hinter den Besten der Welt über aberwitzig steile Schanzen fliegen. Sie werden versuchen, gestürzten Sportlern in der letzten Sekunde auszuweichen. Sie werden sich vor durch die Luft schießenden Skiern und Stöcken ducken. Und bei all dem werden Sie das Wichtigste nicht vergessen: die Kamera stillzuhalten. Der Parcours der X-Games wird jedes Jahr schwerer, die Sprünge kritischer, ihre Arbeit noch gefährlicher. Aber der Gedanke daran entlockt Caleb und Chris nur ein identisches, spitzbübisches Lächeln und lässt vier grüne Augen blitzen. Zwei Brüder, ein Gesicht, keine Angst: Die eineiigen Zwillinge sind ein Glücksgriff für ihren Arbeitgeber, den Action-Kamerahersteller GoPro.

Es gibt wenige Extremsportarten, die die Farros nicht betreiben. Sie surfen, kitesurfen, windsurfen, skydiven, fahren Motorrad, Mountainbike und natürlich Ski. Wenn es sein muss, lassen sie sich auch mal Hunderte Meter eine glatte Felswand hinab. Wenn von GoPro gesponserte Athleten irgendwo auf der Welt an ihre Grenzen gehen, sind Caleb und Chris dabei – mit einer kleinen Kamera auf dem Kopf, um die Brust, am Handgelenk, im Mund.

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Caleb und Chris gehen gerne surfen – aber nie ohne Kamera. Foto: Caleb und Christopher Farro

Traumhafte Geschäftsreisen

Ihre Arbeit führt die Brüder an traumhafte Orte. Caleb filmt im türkisfarbenen Wasser von Tonga drei Freedive-Schönheiten beim Unter-Wasser-Tanz mit Buckelwalen. Chris begleitet die Surf-Legenden Kelly Slater und Shane Dorian nach Australien. Gemeinsam schickt GoPro die Zwillinge nach Japan, um den Skifahrer Chris Benchetler und den Snowboarder John Jackson im feinsten Pulver zu filmen.

Mit der Regelmäßigkeit, mit der andere ihren Döner oder die volle U-Bahn fotografieren, schicken die Zwillinge ihren Freunden Bilder ihrer Geschäftsreisen. Chris mit Surf-Star und Bikini-Model Alana Blanchard auf Sumatra. Caleb vor einem atemberaubenden Steilhang in Alaska. Chris beim Musikfestival „Burning Man“ im US-Staat Nevada. „Die Zwillinge haben den besten Job der Welt“, sagt ihr ehemaliger Kollege DouglasDunlap. „Wenn ich gewusst hätte, dass man mit Hobbys Geld verdienen kann, hätte ich mich während der Uni auch mehr darauf konzentriert“, sagt Billy Luedtke. „Man muss die zwei einfach hassen“, schlussfolgert der Freund, zwinkert mit einem Auge und seufzt.

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Blick zurück in Chile beim Helikopter-Skifahren Foto: Caleb und Christopher Farro

Der Vater der Zwillinge sagt gerne: „Ich habe einen Fehler gemacht und zwei Probleme bekommen.“ Er meint es scherzhaft. Aber man kann sich gut vorstellen, dass er den Satz auch manchmal ernst gemeint hat. Etwa als Caleb und Chris im Lausbubenalter den Rosengarten der Mutter mit Böllern in die Luft sprengen. Gerne testen sie nicht nur die eigenen Grenzen aus, sondern auch die ihrer Umgebung.

Was die Zwillinge machen, lernt man auf keiner Filmhochschule. Auf ihren Job hat sie nur eins vorbereitet: ihr hyperaktives Leben. Wo ihre Ausbildung begann, ist schwer zu sagen.

Vielleicht in Mount Hood Meadows, Oregon, wo die Mutter sie schon mit zwei Jahren auf Skier stellt. Vielleicht auf dem Columbia River, wo der Vater sie zum Windsurfen hinschleift. Vielleicht in Hood River, wo sie nach der Schule Tennis und Fußball spielen, dann ringen gehen und abends noch etwas sprinten. Vielleicht in Los Angeles, wo sie während der Studienzeit an der University of Southern California (USC) zu Wellenreitern werden.

Spätestens aber auf den verschneiten Hängen von Mammoth, Kalifornien, wo sie mit dem Skiteam der USC trainieren. Dort bereiten sie sich nicht nur auf Wettkämpfe vor, die sie nicht selten gewinnen. Die Zwillinge und ihre Kollegen kaufen sich eine GoPro, filmen sich und veröffentlichen die Videos auf YouTube. Mal sind es Anleitungen für einen Rückwärtssalto, mal Zusammenschnitte des Wochenendes im Schnee. Es ist das Jahr 2009, die Qualität des ersten digitalen GoPro-Modells ist noch beschränkt. Aber die Freunde erkennen das Potenzial der Zigarettenschachtel-großen Kamera.

Und GoPro-Gründer Nick Woodman das Potenzial der Zwillinge. Nach der Uni stellt er sie ein.

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„Eine Wohnung hat keine Räder“

So nah dran wie die GoPro war vor ihr noch keine Kamera. Ihr Weitwinkel ist dafür konzipiert, die Perspektive des Nutzers aufzuzeichnen. Aus dem Start-up ist inzwischen eine börsennotierte Firma geworden, aus ihrem Gründer ein Milliardär. Auf YouTube finden sich rund 32 Millionen Treffer zum Stichwort GoPro. 2014 waren es noch 19 Millionen. Alle paar Minuten kommt ein neuer Clip hinzu. In der Firma widmen sich ganze Abteilungen der Produktion eigener Videos und ihrer Verbreitung im Internet.

Die Zwillinge sind lieber unterwegs als hinter einem Schreibtisch. Auch wenn das bedeutet, mal in einem Schneesturm in Kanada festzusitzen oder von einer Riesenwelle in Australien verschluckt zu werden. Wenn Chris und Caleb im Büro in San Mateo, Kalifornien, eine Produktion vor- oder nachbereiten, zappeln sie irgendwann unruhig mit den Beinen.

An solchen Tagen übernachten sie gerne am Strand. Sie wollen vor der Arbeit noch surfen gehen. Weder Chris noch Caleb haben eine Wohnung. „Wozu?“ Vier grüne Augen gucken verständnislos drein. „Eine Wohnung hat keine Räder und kann sich nicht dorthin bewegen, wo Wind und Wellen am besten sind.“ Die beiden leben in zwei Campingbussen. Am Flughafen San Francisco begrüßt man die Zwillinge wie alte Freunde, wenn sie wieder mal ihre Wagen auf dem Langzeitparkplatz abstellen und in ein Flugzeug steigen.

Die GoPro hat die Möglichkeiten der Selbstdarstellung in der Fotografie revolutioniert. Die kleinen Kameras schlagen bei der Generation Selfie ein wie eine Bombe. Go Professional, werde ein Profi, besagt der Name der Kamera. Be a hero, sei ein Held, rät der Slogan der Firma. Freizeitsportler inszenieren sich mit den robusten, wasserfesten Kameras als Profis. Die GoPro gilt als unzerstörbar.

Die Menschen sind es nicht. Es gibt einige Videos, die tödliche Unfälle etwa von Basejumpern zeigen. Kritik geht über die Gefährdung des eigenen Lebens für den Ruhm auf YouTube hinaus. Olivier Chambres, ein Chirurg aus Biarritz, Frankreich, und Mitglied von Surfing Medicine International, bemerkt eine Zunahme an Surfunfällen, seit die Action-Kamera bei Wellenreitern beliebt geworden ist. „GoPro-Phänomen“ tauft er seine Beobachtung und meint damit, dass Surfer einander über den Haufen fahren, weil sie zu sehr auf ihre Kamera und den richtigen Shot fixiert sind.

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Selfiesalto in Snowmass, Colorado Foto: Caleb und Christopher Farro

Für das perfekte Bild gehen auch die Zwillinge an ihre Grenzen – und manchmal darüber hinaus. Caleb dreht in Chile mit Profi-Snowboarder Travis Rice. Ein Helikopter setzt sie auf einem Gipfel ab, der so schmal ist, dass er nur mit einer Kufe landen kann. Die andere hängt in der Luft. Rechts und links geht es Hunderte Meter in die Tiefe. Caleb und Travis müssen aufeinander kauern und sich in den Schnee krallen, bis der Hubschrauber abgehoben hat. Eine falsche Bewegung, und der Sturz in den Tod ist gewiss.

„Der Grat zwischen einem Leben am Limit und einem Leben aus den Fugen ist schmal.“ Chris Farro

„Das ist zu viel für mich, habe ich gedacht“, sagt Caleb. „Und das war, bevor ich Travis mit der Kamera vom Gipfel hinunter folgen musste.“ „Der Grat zwischen einem Leben am Limit und einem Leben aus den Fugen ist schmal“, sagt Chris. Jeder Mensch müsse seine Risiken selbst abwägen und entsprechend handeln. Verletzt haben sich die Zwillinge in ihrem Leben schon oft – jedoch nie auf einem Dreh.

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Selfie im Duett Foto: Caleb und Christopher Farro

Ein guter Sommertag ist für Caleb und Chris, wenn sie morgens eine Runde kiten gehen, mittags drei, vier Mal mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug springen und abends wieder kiten. „Das ist die perfekte Mischung: Endorphine, Adrenalin, Endorphine. Besser geht’s nicht.“ Und das machen die zwei mit Kamera oder ohne.

Meistens haben sie aber eine dabei. Mit ihren 27 Jahren sind die Zwillinge Teil der Ego-Film-Kultur, in der ein Erlebnis nur dann Wert hat, wenn man es mit einer Aufnahme belegen kann. Pics or it didn’t happen. Mit ihren GoPro-Fotos und -Videos haben es die beiden auf rund 60 000 Follower auf Instagram gebracht. Posten sie ein Bild, sehen das mindestens so viele Menschen, wie Weimar Einwohner hat.

An der Grenze des Möglichen

Die Actionsport-Filmbranche boomt. Die technische und finanzielle Ausstattung von Produktionen wird immer gigantischer. Mit jedem Projekt verschieben sich die Grenzen des Möglichen – sportlich wie filmerisch. Athleten und Filmer riskieren für atemberaubende Videos ihren Hals, die Normalverbraucher im sicheren Wohnzimmer aus allen erdenklichen Perspektiven goutieren können: der 360-Grad-Umschau, der Sicht des Sportlers, der Drohne, des Lawinenhundes

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Mit genauen Angaben über Produktionskosten hält sich GoPro bedeckt. Auch der andere große Mitspieler, Red Bull, gibt keine Zahlen preis. Beide Video-Kanäle zählen zu den zehn erfolgreichsten auf YouTube. GoPro arbeitet an einer Drohne, um angesichts wachsender Konkurrenz und schlechter Verkaufszahlen des Mini-Modells „Session“ vorne dabei zu bleiben.

Die Aufnahmen für das Werbevideo liefern die Zwillinge. Das heißt nicht, dass sie mit einer Fernbedienung irgendwo herumstehen. Mit Skiern an den Füßen, einem Fallschirm auf dem Rücken und einem Kiteboard unter dem Arm wollen Caleb und Chris Bilder machen, die die Welt noch nicht gesehen hat. Das ist ihr Job.

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