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Die Liebe in der Rinne

Anfang Mai sind im Landkreis Cham bunt geschmückte Birken an den Häusern zu sehen. Dahinter steckt ein alter Brauch, der Männern eine schlaflose Nacht bereitet.

Es ist ein Phänomen der ersten Maitage im westlichen Landkreis Cham: Zwischen Roding und Wald und sogar in der Kreisstadt selbst fahren Autos mit auswärtigen Kennzeichen auffällig langsam an jedem Haus vorbei, an dem eine bunt geschmückte Birke steckt. Das haben viele wohl noch nie gesehen. Wir im Landkreis Cham nennen es Maibäume. Die Frau, die gerade aus dem Auto aussteigt und in die Praxis der Mutter meiner Freundin gehen will, nennt es Verlobungsbaum. Bitte was?!

Jetzt müssen wir reden. Klar sind meine Freundin und ich glücklich und so, erklär’ ich der Frau mit osteuropäischen Wurzeln. Aber Verlobung? Das hat noch Zeit. Nun ist die Dame verwirrt. Während im Hintergrund der Wind die Kreppbänder der geschmückten Birke zum Flattern bringt – astrein platziert in der Dachrinne gleich über der Garage –, klärt sich das Missverständnis. Die Frau kommt aus der Ukraine, und dort sind geschmückte Birken zur Verlobung Brauch. Das ist zwischen Roding und Cham ein bisschen anders. Mit den Birken, die es immer in der Nacht zum 1. Mai gibt, fängt die Liebe erst so richtig an. Aber das erzähle ich besser von vorne.

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Der Maibaum-Trupp: drei Journalisten, ein Student, ein Mechatronik-Azubi und „Multi“, der Mann für alle Fälle. MZ-Autor Martin Kellermeier ist im Vordergrund zu sehen. Foto: Benjamin Franz

Freitag, 28. April: Der Maibaum-Trupp trifft sich zum ersten Mal. „Lauter Ganoven“ nennt uns mein Vater schelmisch. Zu sechst sind wir in diesem Jahr und dank einer WhatsApp-Gruppe mit dem banalen Namen „Maibaumstecken“ perfekt vernetzt. Die Mitglieder total unterschiedlich. Drei Journalisten, ein Student, ein Mechatronik-Azubi und „Multi“, so nennen wir Christoph, der eigentlich auch Student ist, aber für uns ist er der Mann für alle Fälle. Vielleicht kommt daher auch sein Spitzname. Heute jedenfalls ist Multi gleich zweimal die Rettung. Zum einen hat er gute Musik mitgebracht, von Calvin Harris und Zara Larsson zum Beispiel. Dazu tanzen wir sonst im Club. Zwischendurch gibt’s noch Blasmusik. Die gehört zu einem solchen Traditionsabend einfach dazu.

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Dank Multis Heckenschere geht das Schneiden der Bänder diesmal ruckzuck. Foto: Benjamin Franz

Wir schneiden die fünf Zentimeter breiten Kreppbänder für die späteren Maibäume. Und da kommt Multis zweite gute Tat zum Vorschein: „Flora Best“, eine Heckenschere. Die Jahre davor kam da immer die Bastelschere zum Einsatz. Die Blasen an den Händen waren noch Tage danach zu sehen. Zack, zack, zack macht es diesmal nur, und der bunte Baumschmuck liegt nach Farbe sortiert in einer Schachtel. Jetzt fehlen nur noch die Birken.

Teurer Spaß: Ein Maibaum kann schnell über 100 Euro kosten

Wir sechs sind natürlich nicht die Einzigen, die ihrer Freundin einen Maibaum als Liebesbeweis stecken. Neben vielen kleinen Gruppen, die die Maibäume in der Garage schmücken, organisiert der Rodinger Burschenverein am 30. April einen Tanz in den Mai. Dort werden dann nach Mitternacht unter Ausschluss der Damenwelt bereits geschmückte Maibäume versteigert. Ein Baum kann schnell über 100 Euro kosten, im Schnitt landen die Birken für 50 Euro unter dem Hammer. Das ist uns zu teuer, deshalb die heimische Garage. Und geselliger sind die Schmückabende ohnehin.

Geschmückte Birken für die Freundin haben in Roding eine lange Tradition.
Das historische Foto stellte der Rodinger Burschenverein zur Verfügung.

Die Wurzeln des Maibaumsteckens in unserer Region gehen auf den Rodinger Burschenverein zurück. Als Dankeschön an die Tanzpartnerin beim Burschenball am Rosenmontag befestigen die jungen Männer in der Walpurgisnacht, also am 1. Mai, die bunten Birken in die Dachrinne oder im Kamin der Liebsten. Die Geburtsstunde des Liebes-Maibaums lässt sich nicht genau datieren. Manche Historiker vermuten, dass es sich um einen heidnischen Brauch handelt. Peter Reidl, der von 1968 bis 1969 Vorstand der Rodinger Burschen war, winkt ab. Die Birken seien ein Geschenk an die Frau und nichts Heidnisches. „In Roding gab es den Brauch, so wie er heute gepflegt wird, vermutlich schon zwischen den beiden Weltkriegen“, sagt Reidl.

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    Sie sind Maibaumexperten: Peter Reidl (links) mit seinem Sohn Tobias und Burschenvorstand Michael Engl (rechts). Foto: Martin Kellermeier
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    Bezirksheimatpfleger Tobias Appl Foto: Kellermeier

Die Birke sei ein Fruchtbarkeitssymbol. Daher stößt man auch anderswo in Deutschland, aber auch in Amerika, Japan oder der Ukraine auf bunt geschmückte Birken. Von Roding aus haben sie sich im westlichen Landkreis Cham verbreitet. „Wir sind schon stolz, wenn das auch andere machen“, sagt Tobias Reidl vom Burschenverein.

Die Burschen sägen ihre Birken in den Bayerischen Staatsforsten ab

Zurück zu den Bäumen. Während die Rodinger Burschen ihre Birken mit Genehmigung aus den Bayerischen Staatsforsten holen, sägen wir sie aus dem Wald eines Verwandten. Ganz legal. Am Tag vor der Nacht zum 1. Mai rücken wir den zweieinhalb Meter hohen Bäumen stilecht mit der Handsäge zu Leibe. Transportertür auf, Birken rein. Ganz wichtig: unbedingt sicher einsperren. Bei den kleinen Maibäumen ist das nicht anders als bei ihren großen Brüdern: Sie dürfen gestohlen werden. Dieses Malheur ist den Rodingern vor fünf Jahren zugestoßen. Für einen Kasten Bier gab es die Birken zurück.

Peinlich. Passierte uns zum Glück noch nie. Und wenn es mal passieren sollte, werden wir uns grün und blau ärgern. An der Birke für die Freundin hängt ganz schön viel Arbeit.

Wir hören AC/DC, zum Wachbleiben. So viele Knoten wie in dieser Nacht machen wir sonst nie.

30. April, 23.30 Uhr: Endspurt und gleichzeitig der längste Arbeitsschritt – das Schmücken. Dank Multi und seiner Musik ist es aber ebenfalls kurzweilig. Wir hören ACDC, zum Wachbleiben. So viele Knoten wie in dieser Nacht machen wir sonst nie. Violett, orange, rot, grün, gelb, blau und pink sind die Kreppbänder, die wir in Handarbeit an die Birken binden. Nur gelegentlich reißt ein Band ab. Alexander ist als Erster fertig. Kein Wunder: Sein Baum ist auch der kleinste. Am Boden liegt neben vielen Blättern und Krepppapier-Resten unsere Ausrüstung für das Maibaumstecken bereit. Man nehme eine lange Leiter, eine kurze Leiter, einen akkubetriebenen Baustrahler, Werkzeug, Kabelbinder und Paketschnur – und dann kann quasi nichts mehr schiefgehen. Multi ist unser Verlademeister, ich dann später der Fahrer. Mit Spanngurten zurren wir die sechs Birken fest und decken sie mit einer großen Plane ab, um keine Bänder unter der Fahrt zu verlieren.

Motor aus, Licht aus: Die heiße Phase beginnt

Im Ford Transit herrscht gute Stimmung und gleichzeitig auch Anspannung. Freut sich die Liebste über die Birke in der Dachrinne? Multi ist sich unsicher. Tina bekommt wie meine Freundin ihren ersten Maibaum. Ich habe davor bei ihren Eltern vorgefühlt. Die kannten den Brauch nicht direkt. Das kann ja was werden... Mucksmäuschenstill pirschen wir uns an die Häuser heran. Motor aus, Licht aus, Leiter leise abladen. Immer wieder macht einer „Pscht“. Ich komme mir vor wie ein Einbrecher. Lauter Ganoven, der Vater hat schon recht. Fehlen nur noch Sturmhauben und Waffen, dann wäre der Krimi perfekt.

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    Martin Kellermeier hievt die Birke für seine Freundin aufs Dach. Foto: Benjamin Franz
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    Einen Monat lang sieht jeder, der vorbeifährt: Das Mädchen, das hier wohnt, hat einen großen Verehrer. Foto: Benjamin Franz

Leiter angelehnt, Baum hochgehievt, Stamm in der Dachrinne versenkt. Läuft wie geschmiert. Noch ein prüfender Blick um die Ecke. Es kann ja vorkommen, dass an einem Haus gleich zwei Bäume stecken. Dann gibt es einen heimlichen Nebenbuhler. 

Die Gruppe wird von Baum zu Baum kleiner. Jeder bleibt vor dem Haus seiner Freundin sitzen und schützt die Birke vor Baumdieben. Dank WhatsApp ist keiner alleine. Dann schlägt die Kirchenglocke sechs Uhr. Ich klingle. Die Tür geht auf, die Freundin sieht den Baum – und ist sprachlos. Wenn das nicht der schönste Lohn ist. 

Ihre Eltern haben scheinbar im Brauchtums-Buch nachgelesen. Als Dankeschön für die Birke gibt’s ein Mittagessen für den Burschen. Gut hat’s geschmeckt!

Text: Martin Kellermeier
Fotos: Benjamin Franz, Martin Kellermeier, Burschenverein Roding

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