Seite 2 Politische Korrektheit

Essay

Die Grenzen des Sagbaren

Die politische Korrektheit hat ein schlechtes Image, dafür gibt es Gründe. Keine guten Gründe gibt es dafür, mit ihr Schluss zu machen. Ein Rettungsversuch

Es steckt irgendwie in einem drin. Vielleicht hat es ja mit Erziehung zu tun. „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu.“ Die volkstümliche Version des kategorischen Imperativs prägte Generationen. Das mag altmodisch sein. Politisch korrekt nannte man diese Haltung erst später. In Deutschland kam der Begriff in den 90ern an – als Vorwurf und Totschlagsargument. Aber wenn man es genau nimmt, dann brauchen wir heute nicht weniger, sondern mehr davon.

Eine Podiumsdiskussion im MZ-Verlagshaus greift am Mittwoch, 11. Juli, dieses Thema auf. Hier geht es zu den Infos.

Warum sollen Achtung und Rücksicht Müll sein?

Im Grunde geht es darum, eine Sprache zu verwenden, die nicht diskriminiert, nicht stigmatisiert und keine Vorurteile schürt. Daran scheint viel Gutes und nichts Schlimmes zu sein. Auf den ersten Blick jedenfalls. „Die politische Korrektheit gehört auf den Müllhaufen der Geschichte“, sagte Alice Weidel im April 2017 auf dem AfD-Parteitag. „Wir müssen weniger politisch korrekt werden. Wir sind so politisch korrekt, dass wir uns gar nichts mehr trauen“, sagte US-Präsident Donald Trump 2017 nach einem IS-Anschlag in New York. Warum sollen Achtung und Rücksicht Müll sein? Und was will sich der US-Präsident noch alles trauen, wenn er schon Kleinkinder von ihren Müttern trennt, die nichts Schlimmeres verbrochen haben, als in die USA einreisen zu wollen. Wer der politischen Korrektheit den Kampf ansagt, befindet sich in Gesellschaft von Trump, Weidel und anderen Tabubrechern und Zündlern.

Die verbalisierte Spaßbremse

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Der Eintrag zu "Political Correctness" im Duden Foto: Franz-Peter Tschauner/dpa

Andererseits fällt es auch schwer, sich mit der politischen Korrektheit zu identifizieren. Zum einen liegt es auch an diesem irgendwie sperrigen Begriffspaar „politisch“ und „korrekt“, die in Kombination daherkommen wie die verbalisierte Spaßbremse schlechthin. Vor allem dem Korrekten haftet eine knöcherne Spießigkeit, eine kompromisslose Besserwisserei, eine gestrenge Oberlehrerhaftigkeit an, mit der sich niemand gern schmücken mag. Als ob die Welt so leicht in richtig und falsch zu unterteilen wäre wie die Lösung einer Mathematikaufgabe. Das Problem ist, dass manche so tun, als wäre sie es. Dass gerade das soziale Miteinander und insbesondere das Politische als Spielfeld widerstreitender, miteinander konkurrierender Handlungskonzepte eben nicht in ein simples Schwarz-weiß-Muster passen können, liegt auf der Hand. Statt eines kategorischen Richtig oder Falsch gibt es doch eher eine Pendelbewegung von zu viel bis zu wenig. Ein auf Anschlag gedrehtes Verständnis von politischer Korrektheit lässt keinen Spielraum zu und würgt jede Diskussion ab. Das ist das Aus für eine Gesellschaft, die sich weiterentwickeln will, ja muss, angesichts des Tempos, in dem sich die globalisierte Welt dreht. Wenn umgekehrt aber alles geht, wird auch alles gemacht, gesagt, getan.

Mit jedem Tabu, das verletzt wird, verschiebt sich die Grenze des offensichtlich Sagbaren.​

Wie das klingt, ist längst sogar im Bundestag zu hören. AfD-Frau Alice Weidel spricht dort von „Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierten Messermännern und sonstigen Taugenichtsen“. Immerhin rügte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) sie dafür. „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“, sagte ihr AfD-Kollege Alexander Gauland vor kurzem beim Bundeskongress der AfD-Nachwuchsorganisation Junge Alternative. Mit jedem Tabu, das verletzt wird, verschiebt sich die Grenze des offensichtlich Sagbaren.

Gleichzeitig droht immer wieder der Sinn dafür verloren zu gehen, was gesagt werden sollte: Wenn ein Problem, eine Bedrohungslage, eine Straftat in Zusammenhang mit der Herkunft steht, wieso diese verschweigen? Die Lehren aus dem Kommunikationsdesaster nach der Silvesternacht 2015 in Köln, wo Hunderte Frauen von jungen Männern aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum sexuell belästigt, beraubt und vergewaltigt wurden, sind – hoffentlich – gezogen worden.

Titel Politische Korrektheit
Foto: Fotolia/Fiedels
„Soviel und welche Sprache einer spricht, soviel und solche Sache, Welt oder Natur ist ihm erschlossen. (…) Der Verderb der Sprache ist der Verderb des Menschen.“​ Dolf Sternberger, Politikwissenschaftler

Etwas totschweigen, die Realität verschleiern und beschönigen will auch euphemistische Sprache. Sie hat Konjunktur und es ist nicht ganz klar, ob das eine Folge von übertriebener politischer Korrektheit ist oder doch eher fahrlässiger Zynismus. Die Rede ist von Transitzentren und Ankerzentren – als ob man es der Bevölkerung und insbesondere den Betroffenen ersparen wollte, die Camps ehrlich als Lager zu benennen, in denen Flüchtlinge im Schnellverfahren geprüft und in den meisten Fällen wohl abgeschoben werden sollen. Von Transit – also Durchreise – kann nicht die Rede sein. Und einen Rettungsanker werden die wenigsten dort vorfinden. Wie „Asyltourismus“ rücken die beiden Begriffe Transitzentrum und Ankerzentrum Flucht vor Krieg, Vertreibung und Perspektivlosigkeit in die Nähe eines Pauschalurlaubs. Man würde sehr gerne lesen, wie das der 1989 verstorbene Politikwissenschaftler Dolf Sternberger kommentiert hätte. Er untersuchte von 1945 an mit zwei Mitautoren in seinem „Wörterbuch des Unmenschen“ die Sprache auf irreführende, missbräuchliche und euphemistische Verwendung hin. Im Vorwort schreibt er: „Soviel und welche Sprache einer spricht, soviel und solche Sache, Welt oder Natur ist ihm erschlossen. (…) Der Verderb der Sprache ist der Verderb des Menschen.“

Unter der Aufsicht von Anführungszeichen

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Hass im Netz, Provokationen in Songtexten – siehe die Rapper Kollegah und Farid Bang –, Politiker mit rechten Parolen: Die Verrohung der Gesprächskultur ist unüberhörbar. Ebenso unübersehbar ist die zunehmende Empfindlichkeit. Man (und frau) ist schnell beleidigt, fühlt sich übergangen, nicht repräsentiert, verletzt. Matthias Dusini und Thomas Edlinger nennen es eine „Kultur der Empörung“. In ihrem Buch „In Anführungszeichen. Glanz und Elend der Political Correctness“ schreiben sie: „Um die Wörter herumkrabbelnde Gänsefüßchen zeigen an, wo es die Gesellschaft juckt.“ Darf man noch „Flüchtlinge“ schreiben, oder lieber Geflüchtete? „Das ‚Kopftuchmädchen‘ oder ‚bildungsfern‘ haben das Potenzial, in Zukunft unter Anführungszeichen-Aufsicht gestellt zu werden; zu viele Menschen fühlen sich dadurch verletzt.“ Das Buch erschien 2012.

Mittlerweile hat sich die Spirale weitergedreht. Es wäre an der Zeit, die politische Korrektheit zu retten. Vor sich selber, indem sie ihren bisweilen hypermoralischen Anspruch zurückschraubt. Und vor all jenen, die sie auf dem Müll sehen wollen. In der Mitte, wie so oft, könnte man sich treffen.

Die Autorin Angelika Sauerer

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Angelika Sauerer ist mit Kants Imperativ aufgewachsen. Der Großvater, der zwei Weltkriege er- und überlebt hat, zitierte ihn mindestens einmal am Tag. Sie hat sich nie vorgenommen, so zu sein, aber es war freilich unvermeidlich: „Ich bin politisch korrekt. Ich kann gar nicht anders, selbst wenn ich wollte.“

Podiumsdiskussion

  • Theater Regensburg und Mittelbayerische Zeitung veranstalten die „Regensburger Gespräche“.
  • Die Podiumsdiskussion findet am Mittwoch, den 11. Juli, um 19 Uhr im MZ-Verlagsgebäude (Kumpfmühler Str. 15) statt. Der Eintritt ist kostenlos.
  • Um Anmeldung per E-Mail wird gebeten: heike.benedikt@mittelbayerische.de

Text: Angelika Sauerer
Fotos: Fotolia/Fiedels, Franz-Peter Tschauner/dpa, Angelika Sauerer
Infografik: Lissi Knipl-Zörkler

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