nr. sieben

Die Formel zum Sieg

Anna Bremböck ist eine von 14 Jugendlichen aus Bayern, die zur finalen Runde des Bundeswettbewerbs für Mathematik zugelassen sind. Sie weiß, wie gut es sich anfühlt, zu gewinnen. Deshalb bereitet sie sich akribisch vor.

November 2016: Annas Handy klingelt. Es ist ihr Papa. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, aber er klingt so anders. Vor Aufregung überschlägt sich seine Stimme: „Anna, ein Brief ist für dich angekommen. Ich glaube, es ist die Auswertung.“ Natürlich weiß sie sofort, wovon er spricht. Ein nervöses Kribbeln macht sich in ihrem Bauch breit. Ihre Stimme ist zittrig, mehr als ein einfaches „Und?“ bringt sie nicht heraus. Dann hört Anna, wie ihr Vater den Umschlag öffnet. Sein erleichtertes Lachen verrät ihr das Ergebnis.

„Das ist natürlich schon eine extrem große Freude, wenn man dann gewinnt. Man hat ja vorher auch brutal viel Zeit investiert“, erzählt sie rückblickend und ihre großen, eisblauen Augen strahlen, als wäre es gerade erst passiert. „Wenn man in der zweiten Runde den ersten Preis erhält – und das schaffen nur sehr wenige – wird man zu einem Kolloquium nach Schmitten im Taunus bei Frankfurt am Main eingeladen. Das ist dann die dritte und letzte Runde“, erklärt Dr. Erich Fuchs, Gründer des Mathezirkels an der Uni Passau. Dort macht sich Anna erneut auf die Suche nach der Formel zum Sieg.

Erst kommt das Kopfzerbrechen, dann die Lösung

Die Zeit wird knapp, nur noch eine Woche bis zum Abgabetermin. Seit drei Monaten rechnet Anna Bremböck nun schon an dieser letzten Aufgabe. Nummer drei – Geometrie – hatte sie sofort gelöst. Das ist ihr Steckenpferd. „Ich versuche immer, über die Geometrieaufgabe den Zugang zu finden“, sagt die Gymnasiastin. Auch die zweite Aufgabe gelingt innerhalb kürzester Zeit, die erste läuft irgendwie parallel dazu. Aber die vierte, die ist eine harte Nuss.

„Entweder man hat die Lösung gleich oder man hat sie nicht.“ Anna Bremböck

„Entweder man hat die Lösung gleich oder man hat sie nicht“, sagt Anna lapidar. Und dann endlich, nach monatelangem Kopfzerbrechen, knackt sie die Aufgabe. Erleichterung durchströmt ihren, vom vielen Rechnen qualmenden Kopf. Jetzt heißt es, die Ergebnisse abschicken und abwarten.

Anna ist 17 Jahre alt und geht in die 11. Klasse des Maristengymnasiums in Fürstenzell. Ihre gekräuselten Locken hat sie streng zu einem Dutt zusammengebunden. Die ehrgeizige Schülerin sieht die Teilnahme an Wettbewerben als Herausforderungen. Es macht ihr Spaß, herumzuexperimentieren, bis sie die richtige Lösung hat. Bereits zum zweiten Mal nimmt sie am Bundeswettbewerb Mathematik teil.

Dass sie so erfolgreich ist, verdankt sie unter anderem dem Mathezirkel der Universität Passau. Hier haben Jugendliche mit Talent für Mathematik die Möglichkeit, gemeinsam Aufgaben zu lösen. Diese gehen weit über den normalen Unterrichtsstoff hinaus. Gegründet wurde der Mathezirkel vor ungefähr 13 Jahren. Erich Fuchs’ freundlichen Augen ist anzusehen, wie sehr ihm das Projekt am Herzen liegt. Voller Begeisterung spricht der sonst so ruhige Informatiker über sein Ehrenamt.

  • 18406295
    Lisa Sauermann (l.) und Lisa Li gehörten 2010 zu den Siegern im Bundeswettbewerb Mathematik - und zwar beide nicht zum ersten Mal. Foto: Jörg Carstensen/dpa
  • 84189727
    Kopfrechnen ist seine Stärke: Jan van Koningsveld (l.) beweist es bei der WM. Foto: Peter Endig/dpa
  • 15461444
    Rechenkünstler Gert Mittring ist vielfacher Weltmeister im Kopfrechnen. Er ist Diplom-Informatiker und promovierter Psychologe. Foto: Oliver Berg/dpa

„Zu Beginn war es nur ich, im Laufe der Zeit wurden es immer mehr Schüler und Mitarbeiter“, sagt Fuchs. Die Jugendlichen treffen sich nicht nur, um ihr Wissen zu erweitern, sondern trainieren auch für überregionale Wettbewerbe. „Wir hatten schon einige wirklich erfolgreiche Teilnehmer in unseren Reihen.“ Fuchs ist stolz. Der Mathezirkel ist quasi eine Art Siegerschmiede. Denn nicht nur ein gewonnener Wettbewerb, sondern jede gelöste Aufgabe ist ein Sieg. Fuchs und sein Team zeigen den Schülern den Weg.

Am Freitagnachmittag treffen sie sich. Dafür kommen die Mathe-Freaks aus Passau und Umgebung für eineinhalb Stunden an die Uni. Aufgeteilt in Gruppen der Klassenstufen sechs und sieben, acht und neun, zehn und elf sowie der zwölften Klasse wälzen sie mathematische Probleme. „Bei den Jüngeren sind noch recht viele da, nach oben hin werden es weniger“, sagt Fuchs.

Elf Jungen und zwei Mädchen sitzen aufgeteilt in den ersten drei Reihen. Licht strömt durch die Glasfront des Seminarraums, in dem normalerweise bis zu 40 Personen Platz finden. Wenn Alexander Zimmermann komplizierte Regeln der Mathematik erklärt, herrscht Totenstille. Man würde eine Stecknadel fallen hören. Seit vier Jahren begleitet der Informatiker Annas Gruppe. Anna sitzt rechts außen in der ersten Reihe. Sie sieht vom Blatt auf zu der Leinwand, auf der die Aufgabe projiziert ist, zurück zum Blatt, wieder auf die Aufgabe. Dann geht es los.

„Hinten raus“ wird’s bei den meisten richtig eng

Der Bundeswettbewerb für Mathematik findet jährlich statt. Teilnehmen dürfen Schülerinnen und Schüler aller Jahrgangsstufen, die Aufgaben richten sich jedoch an den Klassen 9 bis 13 aus. Der Mathewettbewerb läuft anders ab als alles, was man zum Beispiel aus dem Sport kennt. Es gibt keine Rangfolge im herkömmlichen Sinne. Es gibt keine festgelegte Anzahl an Siegern. Das heißt, dass es beliebig viele erste, zweite und dritte Plätze gibt – je nachdem, wie gut die Aufgaben gelöst werden. In der ersten Runde des Wettbewerbs ist Gruppenarbeit erlaubt. Ab der zweiten Runde arbeiten alle alleine. Die Schüler müssen vier Aufgaben aus den Bereichen Geometrie, Kombinatorik, Zahlentheorie und Algebra bearbeiten. Dafür haben sie etwa drei Monate Zeit. Dementsprechend höher sind dann aber auch die Anforderungen.

„Richtig vorbereiten kann man sich eigentlich nicht. Mehr als das, was ich eh schon weiß, werde ich nicht mehr lernen bis dahin.“ Anna Bremböck

Man könnte sich gleich zu Beginn die Lösungen überlegen und hätte viel Zeit, alles ordentlich aufzuschreiben. „Aber so, wie es die meisten machen, wird es hinten raus oftmals eng“, sagt Erich Fuchs. Die Lösung allein reicht nicht. Man muss seine Gedankengänge nachvollziehbar auf das Papier bringen. Die Anforderungen dabei sind sehr hoch. Anna weiß das. Deshalb hat sie bei ihrer ersten Teilnahme letztes Jahr nicht mit einem Sieg gerechnet, der sie in die Finalrunde beförderte.

Dort führen die Teilnehmer ein etwa halbstündiges Fachgespräch mit zwei Mathematikern, jeweils einem Lehrer und einem Universitätsprofessor. Im Gespräch wird der 17-Jährigen alles abverlangt. „Vor einem Jahr konnte ich vor Nervosität kaum klar denken“, sagt Anna lachend. Immer wieder habe sie versucht, sich selbst zu beruhigen. Aber als sie dann den Raum betrat und das Gespräch begann, war die Nervosität wie weggeblasen. „Man redet am Anfang sogar ein bisschen – zur Auflockerung“, erzählt Anna. Letztes Jahr gehörte sie nicht zu den Bundessiegern. Aber man lernt ja auch aus Niederlagen. Dieses Jahr weiß sie immerhin schon ziemlich genau, was auf sie zukommt.

Das Talent für Mathematik – niemand weiß, wo es herkommt

40 Schüler aus ganz Deutschland sind für das Kolloquium zugelassen. 14 von ihnen kommen aus Bayern. Anna ist eine davon. Ihre Konkurrenz ist hart. Viele Teilnehmer besuchen Begabtenschulen mit Mathematikschwerpunkt. Die Eltern, die Oma und ihre Freunde werden ihr die Daumen drücken. Annas Freunde haben mit Mathematik zwar nichts am Hut, freuen sich aber für sie, wenn sie von ihren Siegen berichtet. Woher ihr Talent kommt, kann sich irgendwie keiner erklären. Mathe jedoch wird Anna ihr Leben lang begleiten. „Astrophysik zu studieren, würde mich interessieren, aber vielleicht auch reine Mathematik.“

90294422
Rechnen bis der Kopf raucht: ein Teilnehmer der Mathe-Olympiade Foto: Ingo Wagner/dpa

Anna nimmt einen Kugelschreiber aus dem karierten Mäppchen. Ein letzter Blick auf die Aufgabenstellung, plötzlich macht es bei ihr klick. Zielgerichtet beugt sie sich über den Collegeblock. Ihre rechte Hand fliegt über die Seite. Schnell ist die erste Hälfte gefüllt mit Zahlen und vor allem Buchstaben. Die Konzentration im Raum ist fast mit Händen greifbar. Nach wenigen Minuten lehnt sie sich entspannt zurück und wartet darauf, dass auch die anderen die Aufgabe beenden.

Alexander Zimmermann schätzt ihre Chancen in der Endrunde dieses Mal optimistisch ein: „Das Zeug dazu hat sie auf jeden Fall!“ Aber natürlich weiß er aus Erfahrung, dass es schwer wird: „Wenn man davor steht, wie ein Ochse vorm Berg, dann hilft das ganze Üben nichts.“ Anna sagt gelassen. „Richtig vorbereiten kann man sich eigentlich nicht. Mehr als das, was ich eh schon weiß, werde ich nicht mehr lernen bis dahin.“ Die Aufgaben sind mit bloßem Schulwissen nicht zu meistern. Aber die Kenntnisse und Lösungsstrategien aus dem Mathezirkel werden helfen.
Lange dauert es nicht mehr bis zum Finale. Trotzdem bleibt Anna entspannt. Alleine am Kolloquium teilzunehmen, ist für die ehrgeizige Schülerin schon ein Sieg.

Text: Franziska Vogel und Sarah Parzer
Fotos: Franziska Vogel, pakpong pongatichat/stock.adobe, dpa

Die Autorinnen dieses Textes studieren Medien und Kommunikation an der Universität Passau. In ihrem Studiengang absolvieren die Studierenden ein Praxisseminar „Zeitungsjournalismus“.

Die Redaktion der Mittelbayerischen Zeitung betreut und begleitet diese Übung seit mehreren Jahren. Dieses Mal gestalteten die Teilnehmer des Kurses eine Ausgabe der „nr. sieben“ zum Thema „Gewinnen“.

Teilen