Sport

Die Chinesen kommen!

Vor einem Jahr wurde Chinas Ski-Nationalteam noch belächelt. Und heute? Unser Reporter hat die WM-Neulinge herausgefordert.

Im Sessellift, der mich zum Start auf der Diavolezza bringt, gehe ich den Parcours noch einmal durch: Zwei kurze und vier lange Schwünge, dann die lange flachere Passage, bevor es in den Zielhang geht. Eine Stimme von rechts reißt mich aus meinen Gedanken: „Mit diesen Schuhen und diesen Skiern würde ich nicht auf diese Piste gehen.“ Ich schaue auf meine geliehenen Stiefel und die geborgten Slalomcarver. Mir kommen Zweifel. Kann das gut gehen? Vielleicht hat Pavel Cebulj recht.

Sieben Chinesen und ein verunsicherter Oberpfälzer

Pavel Cebulj ist seit einem knappen Jahr Trainer der chinesischen Ski-Alpin-Nationalmannschaft. Und er lässt mich an diesem Tag mittrainieren. Einige seiner Teammitglieder stehen erst seit vier oder fünf Jahren auf den Brettern, ich seit gut 18. Die Chinesen haben gerade mal seit drei Jahren eine Nationalmannschaft, Deutschland seit es den Wintersport gibt. Zehn Tage trainieren die Chinesen bereits in St. Moritz. Ich will bei meiner Stippvisite vor einigen Wochen zumindest ein paar von ihnen hinter mir lassen.

Gruppenfoto
Unser Reporter Philipp Froschhammer (r.), Trainer Pavel Cebulj (2.v.r.) und das chinesische Ski-Nationalteam Foto: Froschhammer

Wir warten oben am Hang – sieben Chinesen, die bei der mittlerweile laufenden alpinen Ski-Weltmeisterschaft in St. Moritz für ein Wunder sorgen sollen, und ein verunsicherter, weil nicht optimal ausgerüsteter Oberpfälzer. Cebulj hat sich mitten auf die Piste platziert und schaut nach oben. Dann ein Klacken. Zhang Xiao Song, Chinas große Slalom-Hoffnung bei den Herren, greift nach dem Walkie-Talkie, das mit einem Gummiband an einer Slalomstange befestigt ist und lauscht, während der Dolmetscher Cebuljs Anweisungen übersetzt: „Halte immer deine Körperspannung und gib Druck auf den Außenski. Was gilt, sind Speed und Stärke. Go!“ – „Go!“, antwortet Zhang Xiao Song und schießt los.

„Halte immer deine Körperspannung und gib Druck auf den Außenski. Was gilt, sind Speed um Stärke.“ Pavel Cebulj, Trainer

Cebulj beschreibt seine Arbeit für den chinesischen Skiverband als die größte Herausforderung seiner Karriere. Nachdem er als eher durchschnittlicher FIS-Profi im ehemaligen Jugoslawien die Bretter frühzeitig an den Nagel gehängt hatte, kam er nach dem Maschinenbau-Studium wieder mit dem Skisport in Berührung. Rasch machte sich Cebulj einen Namen als Trainer und Technik-Experte. Im Lauf der Jahre trainierte es das isländische, das slowenische, das schwedische Frauen-Speed- und das norwegische Herren-Technik-Team. Er arbeitete mit Spitzensportlern wie Aksel Lund Svindal oder Truls Ove Karlsen. „Mit den Chinesen kann man diese Sportler nicht vergleichen. Da sind einige Klassen Unterschied“, sagt Cebulj.

Nichtsdestotrotz sind Skifahrer aus anderen Nationalmannschaften, die sich an diesem Tag die Piste mit den Chinesen teilen, beeindruckt von Zhang Xiao Songs Slalomfahrt. Ein paar Meter über dem Startpflock hat sich ein Traube Schaulustiger aus dem zweiten und dritten Schweizer Ski-Alpin-Nationalteam gebildet. Während der zweite Starter aus Cebuljs Mannschaft losrauscht, meint einer: „Die sind ja richtig gut, das hätte ich nicht gedacht.“ Ich muss derlei Lob ausblenden, fokussiert bleiben, an meine Stärken glauben.

Hier erhalten sie einen Eindruck vom Training mit den Chinesen:

Ein erfolgreiches Trainingslager

Der Schnee auf der Diavolezza ist perfekt, genau meine Verhältnisse. Nicht zu nass, nicht zu weich. Kein Wunder, dass sich hier, fast 3000 Meter über dem Meeresspiegel, ganzjährig nicht nur Chinesen, sondern auch Schweizer und andere Nationalmannschaften tummeln. Die Diavolezza hat überdies einen weiteren Vorteil: Nur wenige Kilometer von der Talstation entfernt liegt St. Moritz, heuer wieder einmal Gastgeber der Ski-WM. Dort wollen die Chinesen zum ersten Mal vor internationalem Publikum ihr neues Können unter Beweis stellen.

Enge Kurven
Enge Kurven um die Tore, bloß keine Zeit verlieren. Foto: Froschhammer

Das zehntägige Trainingslager ist der erste Schritt. Es scheint erfolgreich gewesen zu sein, das sehe ich am Tempo, aber auch an der technischen Finesse meiner Kontrahenten. Nachdem der letzte der sieben Chinesen mit Affenzahn hinter der ersten Kuppe verschwunden ist, bin ich an der Reihe. Walkie-Talkie und Go! Einmal, zweimal, dreimal ramme ich die geliehenen Stöcke in den Boden. Dann gehe ich die Hocke, nehme Tempo auf und fahre möglichst eng um die ersten beiden Tore. Noch einmal drücke ich den Außenski mit aller Kraft in den Schnee, schieße um das dritte Tor - und staune: An der Einfahrt zum Steilhang erstreckt sich eine Eisplatte, groß wie ein Fußballfeld.

Angst? Nein. Aber Respekt vor dem Können der Chinesen. Und vor der Leistung ihres Trainers. Binnen eines Jahres hat Cebulj die Außenseiter zu einer passablen Ski-Mannschaft geformt, das durch harte Arbeit dem Gewinn der ersten Weltcup-Punkte immer näher rückt. „Beim ersten Trainingslager mit diesem Team wurde ich von vielen Kollegen ausgelacht. Mittlerweile sind sie überrascht vom Können meiner Mannschaft“, erzählt Cebulj. „Anfangs konnten wir noch nicht einmal auf Rennstrecken fahren, wir mussten erst einmal wie Touristen auf der Piste üben.“

Wie groß der Fortschritt war, wird mir an dieser Eisplatte klar. Ganz knapp schaffe ich es um das vierte Tor, doch als ich zum zweiten Schwung ansetze, bemerke ich, dass mein Außenski nicht greift. Die Kante prallt vom Eis ab, die Skier beginnen zu flattern. Ich verliere für einen Augenblick die Kontrolle und rutsche seitlich ein Stück Hang hinunter. Ich stehe fast, und das am steilsten Stück, an dem es eigentlich gilt, Tempo zu machen. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie der Chinese, der vor mir gestartet ist, hinter der nächsten Bergkuppe in den Zielhang verschwindet. Liegt es am Material? Leider nein, die Chinesen fahren einfach wesentlich besser als ich.

Wie schnell die Chinesen unterwegs sind, sehen Sie in unserem Video:

Vor allem zwei Athleten lassen auch Cebulj hoffen. Zhang Xiao Song, der kräftige Slalom-Spezialist, und Kong Fan Ying, die zierliche Riesenslalom-Expertin. „Beide haben große Fortschritte gemacht und entwickeln sich noch immer weiter. Ich weiß nicht, ob sie bei der WM die Qualifikation überstehen, aber gewiss schaffen sie es bis zu den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking“, hofft der Slowene. Kong Fan Ying hat sogar schon ihr erstes FIS-Rennen in Asien gewonnen. Nach acht weiteren Abfahrten beendet Pavel Cebulj das letzte Training vor der Rückreise der Mannschaft in ihre Heimat. Gemeinsam bauen sie die Slalomtore ab, anders als das Schweizer Team nebenan, dem selbstverständlich das Streckenteam die Arbeit abnimmt. Als würde sie Tau ziehen, zerrt Kong Fan Ying an einer Stange. Mit ihrem ganzen, geringen Körpergewicht versucht sie, das im Eis verankerte Tor herauszureißen. Schweißperlen bilden sich auf ihrer Stirn, erstmals an diesem Tag.

Kabine
Die Kabine teilen sich die Chinesen mit den Schweizern. Foto: Froschhammer

Das Fehlen eines professionellen Umfelds sei eines der Hauptprobleme der chinesischen Mannschaft, sagt Cebulj: „Sie kommen mit einem einzigen Paar Ski, zum Teil ist das Material sogar kaputt.“ Auch hätten sie niemanden, der ihre Skier präpariert und wachst, keine Streckenposten, keine Zeitmesser. Es wird sich zeigen, ob die Chinesen mit ihren spartanischen Mitteln bereits bei dieser WM in St. Moritz Akzente setzen können.

Eines ist derweil sicher: Ich werde mir die Rennen gemütlich von der Couch aus ansehen. Vielleicht ausnahmsweise sogar die Qualifikation am 13. Februar, in der meine neuen Freunde an den Start gehen.

Sieben Fakten über die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking:

  • Peking: Mit 44 zu 40 Stimmen gewann Peking im Juli 2015 den Zuschlag für die Austragung der Olympischen Winterspiele 2022. Sieben von neun Bewerbern hatten sich zuvor aus Kostengründen oder wegen fehlender Unterstützung der Bevölkerung zurückgezogen.
  • Rückzieher: Sieben Städte zogen ihre Olympia-Bewerbung zurück: Barcelona, Krakau, Lemberg, München, St. Moritz, Stockholm und Oslo.
  • Almaty: In Almaty, dem einzigen Mitbewerber, wären alle Einrichtungen vorhanden gewesen. Sie hätten nur zum Teil ausgebaut werden müssen. Trotzdem unterlag die kasachische Hauptstadt.
  • Premiere: Peking ist die erste Stadt, in der sowohl Sommer- als auch Winterspiele ausgetragen werden. München hätte das auch gerne sein wollen, doch die Bürger legten in Abstimmungen ihr Veto ein.
  • Kunstschnee: In und rund um Peking kann es im Winter zwar bitterkalt sein, doch auch sehr trocken. Daher werden die Skipisten und die Snowboard-Anlagen sowie Loipen und Schanzen für die nordischen Wettbewerbe aller Wahrscheinlichkeit nach ausschließlich mit Kunstschnee präpariert sein.
  • Schnellzug: Die Eiswettbewerbe finden in Peking statt. Im 90 Kilometer entfernten Yanqing wird Ski, Bob, Rodel und Skeleton gefahren. Etwa 190 Kilometer nordöstlich in Zhangjiakou werden die nordischen, Skisprung-, Snowboard- und Freestyle-Wettbewerbe ausgetragen. Ein neuer Schnellzug soll die Fahrzeit auf 70 bzw. 20 Minuten verkürzen.
  • Boom: 15,1 Millionen Ski- und Schneebegeisterte zählte China 2016. Vor 20 Jahren gab es im ganzen Land nur elf Skigebiete – aktuell sind es bereits 646, knapp 80 davon haben im letzten Jahr ihre Pforten eröffnet. Die meist kurzen Pisten werden von 5180 Schneekanonen beschneit. Mehr als ein Viertel davon wurden erst vor Jahresfrist aufgestellt. 
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