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Der Tod des letzten Zaren

Der Untergang eines Herrschers wider Willen: Vor 100 Jahren wurden Nikolaus II. und seine Familie ermordet.

Möge all das Blut, das du vergossen hast, über dich kommen.“ So verfluchte der Arbeiterpriester Gapon nach der grausamen Niederschlagung der Revolution 1905 in St. Petersburg den „Seelenmörder des russischen Reiches“: Zar Nikolaus II. Ob der abgedankte Zar aller Reußen die Verwünschung in den Sinn gekommen ist, als ihm und seiner Familie kurz vor ihrer Ermordung das knappe Todesurteil in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918 mitgeteilt wurde, ist nicht bekannt.

Vor 100 Jahren kam der letzte autokratische Herrscher von Gottes Gnaden in Europa im Kugelhagel eines bolschewistischen Erschießungskommandos im sibirischen Jekaterinburg ums Leben, mit seiner Frau Alexandra, seinem Sohn Alexej und den Töchtern Anastasia, Maria, Olga und Tatjana.

Von Beginn an unter keinem guten Stern

300 Jahre Herrschaft der Romanow-Dynastie im Riesenreich Russland fand ein barbarisches Ende. Welche Schuld oder doch zumindest Mitschuld trägt der letzte Zar selbst an seinem und seines Landes Schicksal, das in einem erbarmungslosen Bürgerkrieg und im kommunistischen Terror versank?

Maria Fyodorovna And Her Son Niki
Zar Nikolaus als Kind mit seiner Mutter Maria Fjodorowna. Ihr gelang die Flucht. Foto: Sergey Lvovich Levitsky

Das 50 Jahre währende Leben des Nikolaus Alexandrowitsch Romanow aus dem Geschlecht Romanow-Holstein-Gottrop stand unter keinem guten Stern. Seine Mutter war die Prinzessin Dagmar, Tochter des dänischen Königs Christian IX., die sich als Zarin Maria Fjodorowna nannte. Sein Vater, Zar Alexander III., glaubte, nur mit eiserner Faust den russischen Vielvölkerstaat zusammenhalten zu können. Er gründete die berüchtigte Geheimpolizei Ochrana, um Anarchisten aller Couleur zu bekämpfen. Zum Erzieher seines 1868 geborenen Sohnes Nikolaus bestimmte er seinen engsten Vertrauten, den erzkonservativen, der Orthodoxen Kirche treu ergebenen Konstantin Pobedonoszew. Der formte entscheidend das Weltbild des künftigen Zaren. Es war von zwei Konstanten bestimmt, die längst nicht mehr in das ausgehende 19. und erst recht nicht in das 20. Jahrhundert passten: eine von Gott gewollte Alleinherrschaft des Kaisers und eine mystisch überhöhte Gläubigkeit mit der fatalistischen Überzeugung, dass der Allmächtige im Himmel jegliche Geschicke auf Erden vorherbestimmt habe.

Tsarevich Nicholas Alexandrovich
Zarewitsch Nikolaus als junger Mann Foto: Charles Bergamasco

Gepaart mit einem wankelmütigen Charakter, der ihm jede Entscheidung zur psychischen und sogar physischen Qual werden ließ, war Nikolaus denkbar schlecht darauf vorbereitet, Russland in das moderne Industriezeitalter zu führen und erst recht nicht darauf, dem Volk inneren Frieden zu bringen. Er, dem beste Manieren zur zweiten Natur geworden waren, wurde so zum Spielball der mächtigen, weit verzweigten Romanow-Sippe und seiner wechselnden politischen und militärischen Einflüsterer und nicht zuletzt auch seiner Frau, der deutschen Prinzessin Alix aus dem Hause Hessen-Darmstadt.

Reformen können den Tod bedeuten. Das war eine fatale Lektion, die der junge Romanow früh lernen musste, eine verhängnisvolle Prägung: Als Kind sah Nikolaus den zerfetzten Leib seines Großvaters, Zar Alexander II. Der war bei einem Bombenattentat 1881 ums Leben gekommen. Dass der in Russland die Leibeigenschaft abgeschafft und mehrere wirtschaftliche und kulturelle Liberalisierungen angestoßen hat, konnte ihn nicht vor dem Terror der Anarchisten bewahren.

Äußere Stärke zu zeigen, war wohl dem Vorbild des Vaters Alexander III. geschuldet. Der hat 1888 mit seiner gerühmten Körperkraft seine engsten Familienmitglieder vor dem drohenden Tod bewahrt. Als bei einer Reise in den Kaukasus der Hofzug entgleiste und einen Abhang hinabrutschte, hat er das einstürzende Dach des Waggons mit seinen breiten Schultern so lange gehalten, bis alle in Sicherheit waren.

"Ich bin nicht darauf vorbereitet, Zar zu sein.“ Nikolaus II.

Eine solche Fürsorge konnte Nikolaus seiner Familie und seinem Volk nicht zuteil werden lassen. Nach dem Tod des Vater 1894 klagte der 26-Jährige dem Großfürsten Alexander Michajlowitsch, seinem Sandkastenfreund Sandro und Gatten der Schwester Xenia, verzweifelt weinend: „Was soll ich tun? Was wird aus mir, aus dir, aus Xenia, aus Mutter, aus Alix, aus Russland? Ich bin nicht darauf vorbereitet, Zar zu sein. Ich wollte nie einer werden und ich verstehe überhaupt nichts vom Regierungsgeschäft. Ich weiß nicht einmal, wie man mit Ministern spricht.“

​Die Krönungsfeier war mit Blut und Champagner getränkt​

Bereits das Volksfest anlässlich der Krönungsfeierlichkeiten in Moskau geriet zum Fiasko. Das Massenspektakel fand auf dem ehemaligen Truppenübungsfeld Chodynka statt. Das Gelände war unzureichend für den Ansturm Hunderttausender gesichert worden. Zur Falle wurde ein langer, mannshoher Graben, der den Zugang von einem Platz trennte, auf dem Geschenke an die Besucher verteilt werden sollten. Der Andrang war so gewaltig, dass in dem Graben 1500 Menschen zu Tode getrampelt wurden. Trotzdem wurde das Festprogramm durchgezogen.

Wedding Of Nicholas Ii And Alexandra Feodorovna By Laurits Tuxen 1895 Hermitage
Laurits Tuxens Gemälde zeigt die Hochzeit von Nikolaus II. von Russland mit Prinzessin Alix von Hessen-Darmstadt im November 1894 in der Kapelle des Winterpalasts in St. Petersburg.

Am Abend tanzte das junge Zarenpaar auf einem Ball der Superlative. Eingeladen hatte der französische Botschafter Montebello 7000 exklusive Gäste. Der Diplomat hatte 100 000 Rosen aus der Provence herbeischaffen lassen, Tonnen von Silbergeschirr, deckenhohe Palmen, erlesene Speisen und viel Champagner. Damit sollte der Grundstein für eine neue, strategische Freundschaft zwischen Russland und Frankreich gelegt werden. Der Zar ahnte nicht, dass so die „Triple Entente“ geschmiedet wurde, die Russland in den Ersten Weltkrieg gezogen und den Sturz der Monarchie herbeigeführt hat.

„Wir wollen die Japaner mit den Bildern unserer Heiligen schlagen, während die uns mit Bomben und Kanonen schlagen.“ Ein russischer General

Vollends vorbei war es mit dem traditionellen Glauben des russischen Volkes an Väterchen Zar, als sich Nikolaus II. 1905 auf das Abenteuer eines Krieges mit Japan einließ. Den Grund offenbarte Innenminister Plewe: „Wir brauchen einen Krieg, der nicht groß, aber siegreich ist, um das Reich vor der Revolution zu schützen.“ Die Niederlage führte jedoch zu gegenteiligen Ergebnis: Sie machte die Rückständigkeit der größten Militärmacht der damaligen Welt und die Ohnmacht des Zaren deutlich. Ein General spottete: „Wir wollen die Japaner mit den Bildern unserer Heiligen schlagen, während die uns mit Bomben und Kanonen schlagen.“

Das Maß war voll, als klar wurde, dass der Zar sein Volk vor Elend und Ausbeutung nicht schützen konnte. Die Revolution von 1905 war anfangs nur ein Aufstand der Petersburger Arbeiter wegen geringer Löhne und schlechter Arbeitsbedingungen. Der Priester Grigorij Gapon organisierte einen Protestmarsch mit Fahne, Zaren- und Heiligenbildern zum Winterpalais. Dort wollte man dem Herrscher eine Petition überreichen, um auf die Not des russischen Volkes aufmerksam zu machen. Obwohl Kinder und Frauen in vorderster Reihe waren, schossen Polizisten und Soldaten auf die Menge. Mehr als 200 Menschen wurden getötet, ebenso viele verletzt. Dieser Blutsonntag zerschnitt das Band zwischen Volk und Zar unwiederbringlich. Obwohl Nikolaus den Schießbefehl nicht gegeben hat, hatte man in ihm einen Schuldigen. Den Ruf des gemeinen Mörders wurde er nicht mehr los.

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Das letzte russische Zarenpaar: Zar Nikolaus II. und seine als Alix, Prinzessin von Hessen-Darmstadt, geborene Frau Alexandra Feodorowna Foto. dpa

Unter dem Einfluss seines fähigsten und später deshalb auch entlassenen Ministerpräsidenten, Sergej Witte, stimmte der Zar der Bildung eines Parlaments, der Staatsduma, zu. Die hatte freilich keinerlei Eingriffsrechte und konnte auf Befehl des Monarchen jederzeit aufgelöst werden. Zu mehr war Nikolaus nicht fähig, schon gar nicht dazu, sich auf eine konstitutionelle Monarchie nach dem Vorbild Englands einzulassen, wie es ihm in der Endphase des Systems sein Schwager Sandro empfohlen hat. Das hätte den Romanows den Thron gerettet und Russland wie der ganzen Welt den kommunistischen Terror erspart.

Im Gegensatz zu seiner offensichtlichen Unfähigkeit als Staatsmann war Nikolaus ein rührend besorgter Familienmensch. Doch Nicky, so nannten ihn Nahestehende, hatte das Pech, eine komplizierte Verwandtschaft zu haben. Die Großfürsten seiner Sippe versuchten, auf die Politik massiv Einfluss zu nehmen. Obendrein probierten einige, aus dem strengen Reglement ebenbürtiger Heirat auszubrechen. Zur Staatsaffäre wurde schließlich das Verhältnis, das seine Frau Alexandra und letztlich auch ihn an den zwielichtigen Wunderheiler und Wanderprediger Grigori Jefimowitsch Rasputin gebunden hat. Der 1904 geborene Thronfolger Alexej war Bluter. Jede kleinste Verletzung konnte für ihn den Tod bedeuten. Die Krankheit, die bis heute nicht heilbar ist, ließ die Eltern verzweifeln.

Rasputin – Wunderheiler oder Sargnagel?

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Der russische Mönch und angebliche Heiler Grigori Jefimowitsch Rasputin wurde 1864, nach anderen Angaben 1865, in Pokrowskoje geboren und 1916 in Petrograd ermordet. Ab 1907 lebte er am russischen Zarenhof und hatte großen Einfluß auf das Zarenpaar. Foto: dpa

In dieser ausweglosen Situation, verstand es der kaum des Lesens und Schreibens kundige Gottesmann, sich als Retter in der Not anzudienen. Als Gebete und Segnungen akute Zustände des Zarewitsch’ schlagartig zu bessern schienen, war besonders die Zarin dem Scharlatan verfallen. Rasputin, der ungepflegte, ja schmutzige Bauer mit dem tiefliegenden, stechenden Augen weilte oft in den Privatgemächern der kaiserlichen Familie. Er brachte sogar die Kinder ins Bett. Bald rankten sich übelste Gerüchte um den Einfluss des lasterhaften Wundermanns auf die Zarin.

Im Ersten Weltkrieg wurden er und die Herrscherin verdächtig, für den Erzfeind, das Deutsche Reich, zu spionieren. Der Zar antwortete einem besorgten Verwandten: Er nehme lieber zehn Rasputins in Kauf als eine hysterische Zarin zu ertragen. Er sagte aber auch: Er habe seine schwierigen Jahre nur mit Hilfe der Gebete Rasputins überstanden. Als Rasputin, unterstützt durch die Zarin, auch noch versuchte, Einfluss auf die Politik und die Ernennung von Ministern zu nehmen, wurde er vom Fürsten Felix Jussupow in dessen Palast erst mit Zyankali vergiftet und dann erschossen. Beihilfe leisteten ein Duma-Abgeordneter und der Großfürst Dimitri Pawlowitsch, Mitglied der Zarenfamilie. Welch ein Skandal.

Das letzte Kapitel im Leben des letzten Zaren ist von Tragik gekennzeichnet. Ohne großes Bedauern legte Nikolaus nach der Februar-Revolution 1917 sein Herrscheramt nieder. Er bat nur darum, nicht von seiner Familie getrennt zu werden, mit ihr nach Murmansk reisen zu dürfen, um von dort aus ins Exil zu gehen. Der Sozialrevolutionär und zeitweilige Ministerpräsident der russischen Übergangsregierung, Alexander Fjodorowitsch Kerenski stimmte zu. Sein Versprechen aber war nichtig, als die Bolschewiki nach der Oktoberrevolution die Macht übernahmen.

Die Auslöschung der Familie Romanow

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Lenin ließ die Zarenfamilie töten. Er hatte mit den Romanows eine Rechnung offen. Foto: TASS/dpa

Lenin hatte mit den Romanows noch eine Rechnung offen. Sein Hass auf die zaristische Autokratie hatte auch eine ganz persönliche Komponente: Der Vater des gefangenen Ex-Zaren hatte das Todesurteil gegen seinen Bruder Alexander unterzeichnet. Lenin hat mit dem Rat der Volkskommissare die Tötung der Zarenfamilie angeordnet, nachdem er zuvor dem abgedankten Monarchen nach dem Vorbild der Französischen Revolution den Prozess machen wollte. Es bestand auch die Gefahr, dass der von den Weißgardisten befreit und zum Anführer einer Konterrevolution gemacht würde.

Der Mord im Keller des Ipatjew-Hauses in Jekaterinburg erfolgte also nicht nur, weil der Bauern- und Soldatensowjet des Urals die Einnahme der Stadt durch die Truppen des Admirals Koltschak befürchtet hat. Man wollte die Zarenfamilie physisch vernichten.

20 Minuten dauerte das Gemetzel. Der Zar, seine Frau und Tochter Olga sowie drei Bedienstete der Familie waren sofort tot. Der Zarewitsch und die anderen drei Schwestern waren schwer verletzt. Sie wurden mit den Bajonetten der Mördertruppe umgebracht. Die entkleideten Leichen wurden in einen Bergwerksschacht geworfen, am nächsten Tag herausgeholt, die Gesichter mit Säure unkenntlich gemacht und die Leichen im Wald verscharrt. Einen Tag später ereilte sechs weiteren Romanows ein noch grausameres Schicksal im nahen Alapajewsk . Sie wurden zusammen mit einem Diener und einer Nonne lebendig in einen Schacht geworfen, in den man auch noch Handgranaten schleuderte.

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Nikolaus II. mit (v. l.) Olga, Maria, Alexandra, Anastasia, Alexej und Tatjana im Jahr 1913 Foto: Levitsky Studio, Livadiya; Original in der Hermitage in St. Petersburg

Insgesamt 18 Mitglieder der Romanows wurden von den Bolschewiken ermordet. 46 gelang die Flucht ins Ausland, darunter die Zarenmutter Maria Fjodorowna. Sie wurde von der Krim aus auf einem britischen Kriegsschiff in Sicherheit gebracht und lebte bis 1928 in ihrer Heimat Dänemark. Sie glaubte trotz aller erdrückender Beweise, das ihr Sohn noch lebe. Leo Trotzki wusste es besser. Ihn hatte der nominelle Staatschef der ersten Sowjetregierung, Jakow Michailowitsch Swerdlow die Tötung des Zaren samt seiner Familie bestätigt. Auf die Frage, wer das veranlasst habe, bekam er zur Antwort: „Wir alle. Iljitsch (Lenin) war der Ansicht, dass wir ihnen kein lebendes Banner überlassen dürfen.“

80 Jahre nach der Ermordung wurden Nikolaus II. und seine Frau von der Orthodoxen Kirche als Märtyrer heiliggesprochen. Die Gebeine der unglücklichen Zarenfamilie wurden geborgen und in der Peter-und-Paul-Festung in St. Petersburg beigesetzt.

Text: Harald Raab
Titelbild: Gemälde von Henrichas Manizer von 1905
Fotos: Sergey Lvovich Levitsky, Charles Bergamasco, unbekannt/Source Bibliothèque nationale de France, Gemälde von Laurits Tuxen, dpa, TASS/dpa, Levitsky Studio, Livadiya

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