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Der Sternengucker

Christian Rauch aus Regensburg organisiert in Berlin ein Wissensevent über Gefühle von Mensch und Maschine. Noch Fragen? Ja!

Wie fühlen Sie sich denn heute?

Christian Rauch: (lacht) Etwas ausgelaugt. Aber sehr energetisch. Wir haben uns jetzt eineinhalb Jahre auf das Festival vorbereitet. Nächste Woche startet das Partnerprogramm. Im Moment laufen alle Maschinen heiß.

Apropos Maschine. Drehen wir die Zeit mal ein Stück voraus. Was würde Ihr Computer an so einem Tag wie heute auf die Frage antworten, wie er sich fühlt?

Mein Computer? Kommt drauf an, wie weit wir in die Zukunft gehen. Aber ich kann jetzt schon Siri in meinem MacBook fragen, wie’s ihr geht.

Und, wie geht’s ihr?

Jeden Tag anders. Momentan ist das noch sehr davon bestimmt, wie die Entwickler sie programmiert haben. Aber bald wird bei solchen Systemen eine gewisse Eigendynamik zu spüren sein. Und es wird sich vielleicht kaum mehr unterscheiden lassen, ob man nun mit einem Computer oder einem Menschen kommuniziert.

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STATE verdient den Namen Festival – die Stimmung bei der ersten Auflage 2014 zum Thema „Zeit“ war jedenfalls bestens. Foto: Robert Felgentreu

Sie sind Physiker, ein Mann der Fakten. Und dann steht da plötzlich ein Gerät, das Sie mit seiner unberechenbaren Gefühlswelt konfrontiert. Schrecklich, oder?

Ja – und nein. Grundsätzlich ist der technologische Fortgang nicht aufzuhalten. Es liegt in unserer Verantwortung als bewusste Bürger – und besonders auch als junge Wissenschaftler – den Verlauf so zu gestalten, dass er sich gewinnbringend auswirkt. Erschreckend wäre, wenn sich die Entwicklung emotionaler künstlicher Intelligenzen von gesellschaftlichen Bedürfnissen abkoppeln würde. Im positiven Fall aber profitieren wir davon.

Wo zum Beispiel?

In der Altenpflege etwa. Oder in Bereichen, wo es schwer ist, Arbeitskräfte zu finden. Um Roboter in so einem Umfeld einsetzen zu können, bedarf es einer gewissen Reife der Mensch-Maschine-Interaktion. Menschen gehen lieber mit Dingen um, die empathisch reagieren und denen sie Emotionen zuschreiben können.

Kunstaktionen unterstreichen den interdisziplinären Ansatz und die gesellschaftliche Relevanz von STATE. Foto: Robert Felgentreu

Man trennt das ja gerne: hier die Emotion, dort die Intelligenz, oder: Bauch und Herz einerseits, Hirn andererseits. Ihr Festival verbindet beides ganz bewusst. Wie hängen Intelligenz und Emotion zusammen?

Als Physiker bin ich da zwar nicht vom Fach. Aber grundsätzlich hat sich in den letzten Jahren die Wahrnehmung der Rolle der Emotionen in der Intelligenz gewandelt. Es gab die Tendenz, das Affektive als die Verbindung des Menschen mit dem Tierreich zu verstehen: als Überbleibsel aus der Vergangenheit als simples Säugetier. Man meinte, dass es uns in unserem Handeln eher einschränkt. Das hat sich geändert. Man sieht Emotionen inzwischen vielmehr als wichtigen Mustererkennungsmechanismus, der uns erlaubt, auf Situationen, die wir so ähnlich schon mal gesehen haben, schnellstmöglich zu reagieren. Das ist eine enorme Hilfe, denn Entscheidungen nach rational-logischer Analyse auf Basis der Faktenlage zu treffen, dauert natürlich sehr lange.

Sie verbinden in Ihrem Festival die Bereiche Wissenschaft und Kunst. Dass Kunst von Emotion geprägt ist, liegt auf der Hand. Aber die Wissenschaft doch nicht…

Also, den Wissenschaftler als dieses logisch-rationale Maschinenwesen gibt es doch nicht. Folgt man der Wissenschaftstheorie von Karl Popper, ist der erste Moment einer wissenschaftlichen Arbeit gar nicht so viel anders als der einer künstlerischen: Man braucht Inspiration, Kreativität, dieses Heureka-Moment. Dann trennen sich die Wege. Der Forscher muss gemäß den Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens die Idee beweisen oder widerlegen. Der Werkzeugkasten des Künstlers ist ein anderer. Aber beide versuchen, die Welt zu verstehen.

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Ihr künstlerischer Protagonist Jonathon Keats verbindet mit seinem Werkzeugkasten Kunst und Forschung...

Wir sind sehr froh, ihn dabei zu haben. Er übersetzt Forschungsmodelle in Datensätze, die von den Besuchern verdaut werden: Er kreiert Eiskugeln mit Inhaltsstoffen, deren Dosis das Klimamodell widerspiegelt.

Das Thema Roboter und künstliche Intelligenz begegnet einem zur Zeit vermehrt. Da hatten Sie einen guten Riecher!

Das ist die Herausforderung, aber auch das Qualitätskriterium eines solchen Festivals: Man muss mit dem Thema am Puls der Zeit sein. Wir würden jetzt keine Veranstaltung zur Dampfmaschine machen...

Da muss ich mit einem Zitat einhaken: „Die Entwicklungen der Computer und der digitalen Technologien werden für unsere mentalen Kapazitäten das bedeuten, was die Dampfmaschine einst für unsere Muskelkraft bedeutete“, sagen zwei MIT-Forscher. Also doch Dampfmaschine!

Wenn man’s so sieht – absolut! Wir wollen Themen, die in den Laboren stecken und die die Fachwelt schon als etwas akzeptiert hat, das massiv die Art und Weise, wie wir miteinander interagieren, verändern wird – in fünf bis zehn Jahren.

Dann haben wir es mit lauter sentimentalen Maschinen zu tun?

Es geht uns auch um den Menschen und seine Emotionen – deshalb ist unser Untertitel „The Sentimental Machine“ auf zwei Arten zu verstehen. Wird nicht auch der Mensch immer mehr zur sentimentalen Maschine? Es gibt inzwischen Apps und Devices, die versprechen, über das Smartphone mit einem Adapter am Kopf Kontrolle über Emotionszustände zuzulassen. Ist das nicht fragwürdig, wenn wir uns aussuchen können, wie wir uns fühlen? Wie unterscheiden wir uns dann noch von Maschinen?

Maschine wird Mensch und Mensch Maschine.

Auf der anderen Seite des Erzählstrangs stehen diese ganz stupiden, abstrakten Rechenmaschinen, die durch die dynamische Entwicklung der künstlichen Intelligenz plötzlich Muster aufweisen, die sich gar nicht mehr so sehr von typisch menschlichen Charakteristika wie Kreativität und Emotionalität unterscheiden.

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Das Erscheinungsbild von STATE prägt Martin Wunderer – auch ein Regensburger. Mit seiner Firma montebelo ist er europaweit tätig.

Was tun Sie eigentlich, wenn Sie gerade kein STATE-Festival organisieren?

Ich tu in der Tat gar nichts mehr anderes...

Und da haben Sie noch ein paar Regensburger gut brauchen können....

Die Heimat lässt einen nicht los. Mein Freund Martin Wunderer ist Art Director des Festivals. Veronika Natter kümmert sich um Produktion und Sponsoren und noch ein paar Regensburger sind dabei. Martin und ich sind früher oft zusammen auf den Winzerer Höhen gesessen und haben in die Sterne geguckt – er als Künstler und ich als Wissenschaftler. So was in der Art tun wir hier gemeinsam immer noch.

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