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Der Mann mit den Geschichten

Randy Newman macht Musik für Leute, die weder ihr Hirn, noch ihre Gefühle abstellen können – also für Leute, wie ihn selbst. Nun ist sein neues Album „Dark Matter“ erschienen. MZ-Autorin Angelika Sauerer hat ihn in Berlin getroffen.

Das Hotel, in dem Randy Newman wohnt, verschwindet fast im Grunewald. „Kennen Sie den Weg zum Schlosshotel?“ Kopfschütteln im Bus. Eine unscheinbare Straße, rechts und links Villen. Heftiger Regen hat Blätter und Äste auf dem Gehweg verteilt. Kein Schild, aber eine Einfahrt. Roter Teppich auf den Stufen des Portikus. Da muss es sein. Der Ort ist wie Randy Newman: eine Klasse für sich und irgendwie im Verborgenen.

„Randy – wer?“ Fragende Blicke, meistens. Wenn nicht, dann Superlative: der sarkastischste, ironischste, mutigste, klügste und witzigste Songwriter. Und kritischste – am Rassismus der amerikanischen Gesellschaft und an der Bush-Regierung ließ er kein gutes Haar. Man ist gespannt, was er zu Donald Trump sagt. Randy Newman gehört zu seinen fünf Lieblingsliedermachern, schwärmte kürzlich Art Garfunkel bei seinem Konzert in Regensburg – und sang ein Stück von ihm.

Randy Newman Dark Matter Album Cover
"Dark Matter" von Randy Newman ist bei Nonesuch für ca. 17 Euro als CD erschienen. Vinyl folgt am 18. August. Coverfoto: Nonesuch/Warner

Mittelgroß, den Kopf ein wenig schief gelegt und ein Lächeln, das man schelmisch nennen könnte, wenn das nicht zu harmlos klänge. Randy Newman ist 73 Jahre alt, aber selbst im x-ten Interview dieses Tages wirkt er neugierig wie ein Kind auf den nächsten Moment. Er kommt vom Balkon in den Salon seiner Suite, die Herzlichkeit in Person, und mit ihm weht ein frischer Wind aus dem sauber gewaschenen Grunewald durchs Zimmer. „Dark Matter“ (Dunkle Materie) heißt sein neues Album - und es ist großartig. Schon sein vorhergehendes, das neun Jahre zurückliegt („Harps and Angels“), wurde von manchen als „Alterswerk“ betitelt. Dabei trifft eher zu: Randy Newman war immer und ist mal wieder der Zeit voraus. Sein Blick geht ein bisschen zurück, aber vor allem nach vorn.

Herr Newman, Sie sagten, Sie hoffen, die Songs auf diesem Album unterhalten die Zuhörer. Wie definieren Sie Unterhaltung – auf eine sehr spezielle Weise, oder?

Das tue ich nicht. Man könnte es meinen, weil ich anders als die meisten schreibe. Unterhaltung bedeutet für mich einfach, dass die Leute es mögen. Ich will nicht, dass sie denken, oh, was für ein großartiger Schreiber oder was für ein gut geschriebener Song! Ich möchte einfach, dass sie ihn mögen. Dass sie tanzen oder lachen, wenn er lustig ist. Dass sie ihn fühlen. Das ist es: Ich möchte, dass sie fühlen.

Die Musik ist auf alle Fälle unterhaltsam. Swingende Grooves, schmeichelnde Melodien, der Blues… Aber die meisten Texte sind es nicht.

Wenn ich etwas lese, dann gefällt es mir, darüber auch nachzudenken. Ich gehe da von mir aus und hoffe, die Leute sehen das ähnlich. Ich kann gar nicht anders, als auf diese Weise zu arbeiten. Ich langweile mich dabei, Musik zu hören, die nichts zu sagen hat und in der du nichts sehen kannst. In meine besten Songs, also in die, die ich am meisten mag, kann ich hineinschauen.

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Randy Newman hat es nie gestört, mit seinen Songs anzuecken. Foto: Tony Newman

Sie erzählen fast immer kleine Geschichten, aktuell etwa von den Kennedys, von „Sonny Boy“ Williamson, von Willie „On The Beach". Das sind richtige Short Stories, nicht wahr?

Ja, das denke ich auch. Warum sollten Songwriter das nicht versuchen? Warum sollten sie keine Geschichten erzählen? Warum müssen wir immer so gewöhnlich sein, so künstlich? Es ist zwar nicht besonders einträglich, es zu tun. Aber so habe ich es halt immer gemacht.

Die Geschichten waren oft provokativ. Es scheint Sie nicht zu stören, anzuecken.

Hauptsächlich interessiere ich mich für den menschlichen Charakter. Und ich denke nie darüber nach, ob das für irgendjemanden schwierig oder negativ sein könnte.

„Short People“ ist so ein Beispiel. Der Song ist vor 40 Jahren auf Newmans Album „Little Criminals“ erschienen und vielleicht der am falschesten verstandene Hit aller Zeiten. Noch so ein Superlativ. Newman schlüpft darin in die Rolle einer Person mit einem lächerlichen Vorurteil gegenüber kleinen Leuten – eine sarkastische Parabel für alltäglichen Rassismus. Leider nahmen etliche Leute die Lyrics für bare Münze. Das Jonglieren mit unterschiedlichen, bisweilen sehr polarisierenden Charakteren ist ein Markenzeichen von Newman. „Rednecks“ vom 1974er Album „Good Old Boys“ gehört auch in diese Reihe. Die zeitlose Aktualität – auch die ist sein Markenzeichen. Denn Rednecks, das könnten auch die wütenden weißen Männer sein, die Donald Trump gewählt haben. Donald Trump, den man vergeblich auf dem neuen Album sucht. Warum eigentlich?

Wie weit waren Sie mit ihrem Album, als Donald Trump gewählt wurde?

Es war so gut wie fertig. Ich wollte es nach dem ersten Track „The Great Debate“ nennen. Aber der Titel hätte Erwartungen geschürt, die nicht erfüllt worden wären.

"Glaube gegen Wissenschaft – ich finde das spannend."

In „The Great Debate“ geht es nicht um Kandidatendebatten, sondern um eine fiktive Show, in der Glaube und Wissenschaft gegeneinander antreten. In Zeiten, in denen wissenschaftliche Erkenntnisse, zum Beispiel der Klimawandel, massiv bezweifelt werden, Aberglaube und Verschwörungstheorien jedoch Konjunktur haben, ein brisantes Thema. Randy Newman ist Atheist, aber lässt im Song dem Glauben und Irrglauben die Oberhand, auch musikalisch: Sorry, die Vernunft hat keine Chance, da kann Mr. Newman so viele lächerliche Charaktere erfinden, wie er will, heißt es sinngemäß im Text. Randy Newman lächelt bedauernd während er fortfährt:

Glaube gegen Wissenschaft – ich finde das spannend. Und der Glaube gewinnt! Weil der Glaube die bessere Musik hat: Beethoven, Bach, Haydn. Gospel. Dem kann der Vernunftglaube gar nichts entgegensetzen.

Putin widmen Sie einen Song, Trump – noch – nicht. Es geht darin um den Größenwahn politischer Führer. Könnte man den Namen Putin durch Trump ersetzen?

Anderer Kerl. Aber lassen Sie mich nachdenken. (Pause) Anderer Stil. Putin ist schlauer als Trump. Ich lasse ihn Dinge sagen wie: „Wer mischte Napoleon auf?“, und darüber sinnieren, warum Russland es verdient, endlich bequem an der Spitze im Sessel zu sitzen. Ich glaube nicht, dass Trump mit Napoleon oder dem zweiten Weltkrieg argumentieren könnte. Trump hätte keine Ahnung davon, vermutlich.

Vor der Wahl glaubten Sie nicht daran, dass Trump eine Chance hätte. War das Wunschdenken?

Nein. Ich dachte, ich sei gut informiert. Ich bin schockiert. Es gibt unter 40 Millionen keinen Typen, der so schlecht wäre wie er.

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"Ich denke nicht, dass Musik die Welt verändern kann. Sie tat es nie." Trotzdem hört Randy Newman nicht auf damit, es zu versuchen. Foto: dpa

Sie waren ja immer sehr kritisch mit ihren Landsleuten. Haben die Amerikaner nun den Präsidenten, den sie verdienen?

Nein, auf keinen Fall. Trump ist ein Lügner!

Aber wie konnte das passieren?

Weil mit unseren Nachrichten was passiert ist. Seit Jahrzehnten sind wir daran gewöhnt, Nachrichten im Fernsehen anzuschauen. Wir glaubten, was die Typen hinter den Schreibtischen sagten. So, und nun kommt Fox News daher und der Typ hinterm Schreibtisch sagt Dinge, die unwahr sind – meine Meinung – und dann glauben das die Leute, wie schlimm es um alles steht, zu viele Einwanderer, und so weiter, einfach schrecklich.

Vor neun Jahren dachten Sie schon: Schrecklicher kann’s nicht mehr werden. Damals suchten sie nach Worten zur Verteidigung ihres Landes.

„A few words in defense of our country“ passt jetzt viel besser als damals. Ich dachte, die Bush-Regierung wäre die schlimmste, die wir je hatten. Aber im Vergleich zur gegenwärtigen sieht sie super aus – fast wie Sokrates und Plato in Athen.

Seit Jahrzehnten halten Sie Amerika den Spiegel vor. Umsonst, nun ist alles schlimmer denn je. Kann Musik die Welt verändern? Werden die Leute es jemals kapieren – oder: „When will they ever learn?"

(lacht) Nein, ich denke nicht, dass Musik die Welt verändern kann. Sie tat es nie. Ich meine, es gibt Stücke, die einem einen Geist geben, wie die Marseillaise den Franzosen oder „We shall overcome“ den Bürgerrechtlern. Aber ich glaube nicht, dass das irgendetwas ändert. Was Dinge verändert, ist das Auftreten einer Madonna oder einer Lady Gaga. Es beeinflusst, was Mädchen anziehen. Sie ahmen die Stars nach. Das erreicht mehr Menschen als die Musik an sich. 

"Ich dachte, die Bush-Regierung wäre die schlimmste, die wir je hatten. Aber im Vergleich zur gegenwärtigen sieht sie super aus – fast wie Sokrates und Plato in Athen."

Randy Newman ist der Mann für die die Musik an sich. Nicht selten wurden seine Stücke zu Welthits, wenn sie von anderen interpretiert wurden. Beispiel: Joe Cockers Version von „You Can Leave Your Hat On“ von Newmans erstem Album „Sail Away“ (1972) umspielte 1986 die Striptease-Szene in „9 1/2 Wochen“ mit Kim Basinger und Richard Gere. Ein Millionenpublikum erreichte Newman mit seiner Filmmusik, vor allem zu Disney-Filmen wie Toy Story, Monster AG, Cars, Küss den Frosch. Bisher war er 20-mal für den Oscar nominiert, 2002 und 2013 gewann er ihn. Das Komponieren von Filmmusik liegt in der Familie: Drei seiner Onkel verdienten ihr Geld und Ansehen damit. Und es scheint aufs Leben abzufärben. Randy Newman denkt und komponiert nicht nur in Bildern und Szenen, als Interpret oder Interviewpartner schauspielert er seine Gedanken. Und dazu diese Stimme.

Ihre Art zu singen ist sehr speziell.

Das ist nett formuliert.

Sie haben eine Stimme – da weiß jeder gleich, das ist Randy Newman.

Ich denke, das kommt von den Disneyfilmen. (lacht)

So viel Sie auch spaßen, bei aller Ironie und Sarkasmus – wenn es um Gefühle geht, sind Sie ernst und emotional. „Lost Without You“ zeigt eine berührende Abschiedsszene am Lebensende. Vater, Mutter, Kinder – alle kommen zu Wort und doch braucht es nur wenig Worte, um ein Leben einzufangen.

Ich nehme Gefühle ernst, meine eigenen und die der anderen. Wenn Menschen sterben, das habe ich auch erlebt, benehmen sich die Leute nicht immer gut. Man muss vergeben können. Die Story in diesem Song ist real für meinen Bruder und mich. Meine Mutter lag im Sterben und mein Vater war Arzt. Er kümmerte sich um sie. Aber wir dachten, er verliert die Kontrolle, nimmt zu viel Medizin. Wir gingen zu unserer Mutter und erzählten es ihr. Sie sagte, er ist wunderbar gewesen, jede Sekunde seines Lebens war er großartig, ihr sagt gar nichts über ihn. Das hat mich getroffen.

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    Schon als ganz kleiner Junge war Randy Newman fasziniert vom Klavier. Foto: Adele Newman
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    Früh komponierte er seine ersten Songs. Foto: Adele Newman
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    Blues, Swing, rockig oder jazzig klingt Randy Newman, und egal, wie sentimental er wird, nie kitschig. Foto: Tony Newman

Seine Mutter war Sekretärin, sein Vater Internist und Hobby-Musiker. Am 30. November 1943 kam Randall Stuart Newman in Los Angeles zur Welt, verbrachte aber die prägende Zeit seiner Kindheit in New Orleans. Das hört man seiner Musik an, in der Blues und Swing den Ton angeben. Er kann auch rockig sein oder jazzig. Und egal, wie sentimental er wird, es klingt nie kitschig. Suchte man einen Begriff, der all seinen Facetten gerecht wird, ist es vielleicht dieser: Randy Newman komponiert Chansons mit zutiefst amerikanischen Wurzeln. Sie funktionieren opulent orchestriert genauso gut, wie sparsam am Piano begleitet, wo sie entstanden sind.

Was ist bei Ihnen als Erstes da – die Geschichte oder die Musik?

Als Erstes habe ich die Frage im Kopf: Werde ich es hinkriegen? Kommt mir eine Idee? Aber dann ist es immer zuerst die Musik. Ich habe in meinem Leben vielleicht drei Songs geschrieben, in denen die Zeilen zuerst da waren.

Tatsächlich, erst die Musik?

Ich sitze am Piano und spiele irgendwas, das mich irgendwas singen lässt. Und plötzlich finde ich einen Anfang. Einen Charakter. Und dann stelle ich mir vor, was er sagen würde und was er nicht sagen würde…

Im Hotelzimmer im Schlosshotel im Grunewald gibt es ein Klavier. Man stellt sich vor, wie Randy Newman sich nachher hinsetzt, ein paar Tasten anschlägt, eine Melodie draus wird, und am Ende eine Geschichte.

"Putin ist schlauer als Trump", sagt Randy Newman. Ein Grund mehr, ihn im Song und Video zu "Putin" auf die Schippe zu nehmen:

Interview: Angelika Sauerer, MZ
Fotos: Pamela Springsteen, Tony Newman, Adele Newman, dpa

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