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Der Löwe, der zum Papst kam

Prince Benedikt hat das Herz von Josef Ratzinger erobert. Heute ist er ein Star in der Manege – und stinkfaul: Er verschläft fast den ganzen Tag.

Die Szene dauert keine Minute, trotzdem wird sie ein ganzes Löwenleben prägen. Durch das Glasdach der Aula delle Udienze Pontificie im Vatikan scheint Tageslicht. Unter der Kuppel sitzen an jenem 28. Januar 2009, elf Uhr, rund 6500 Menschen.

Alle haben sie den Regensburger Pontifex fokussiert. Sie sind gekommen, um dem Heiligen Vater bei der Privataudienz nahe zu sein. In den vorderen Reihen halten Gläubige Videokameras und Fotoapparate hoch. Das wäre heute unvorstellbar. Die Smartphone-Kultur gab es damals noch nicht.
Es herrscht Stille in der Audienzhalle, fast andächtig. Dann plötzlich eintretender Applaus. Auf der Bühnenplattform tut sich etwas. Ein Mann im weißen Kostüm, an dem funkelnde Pailletten und Glitzersteine befestigt sind, nähert sich dem Papst. Es ist kein Unbekannter. Martin Lacey junior, der mit seinen Raubtiernummern Europas Zirkuszelte füllt, trägt einen knapp drei Monate alten Löwen. Das Tier hat seine Vorderpfoten lässig über den linken Arm des Briten gelegt. Der Löwe ist relaxed. Sein Dompteur auch. Er wirkt smart. Ein Brite eben.

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    Ganz schön frech: Babylöwe Prince Benedikt faucht den Papst bei der Audienz an. Foto: Circus Krone
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    Martin Lacey jr. küsst die Hand von Papst Benedikt. Foto: Circus Krone

Der Löwe faucht, wann er will – selbst vorm Pontifex

Papst Benedikt stützt sich mit seiner rechten Hand vom Papststuhl ab und steht auf. Vier Schritte und er steht vor Lacey und dem Löwen. Der Pontifex will das Tierbaby streicheln. Lacey versteht die Handbewegung anders und küsst die Hand des Papstes. Der lächelt kurz und fährt zugleich dem Löwen durch das Fell. Das Tier faucht. Der Pontifex muss schmunzeln. Ratzinger, der Katzenlieber, weiß, wie man die Tiere anfasst. Angst scheint der Papst nicht zu haben. Er denkt sich wohl, dass der Babylöwe, dem Lacey nach dem Treffen den Namen „Prince Benedikt“ gibt, mit seinen kurzen Krallen keinen Schaden anrichten kann. Man kann sich auch täuschen.

Hier wohnt Prince Benedikt. Sein Außengehege teilt er sich mit Jazz, einem weißen Löwen.

Acht Jahre später, die Krallen von Prince Benedikt sind gewachsen, wie der ganze Körper. Das Tier mit imposanter Mähne bringt über 200 Kilogramm auf die Waage. Ein Absperrgitter und ein hoher Zaun machen einen gefährlichen Ausbruchversuch unmöglich. Die Raubkatze frisst pro Tag sechs bis acht Kilogramm Rindfleisch mit Knochen. Zum Geburtstag am 2. November gibt’s einen Leckerbissen: argentinisches Steakfleisch.

Benedikt liegt in seinem Gehege im Innenhof des Circus Krone in München. Das ist seine Lieblingsbeschäftigung. Löwen sind faule Tiere. 20 Stunden Schlaf sind für die Raubkatzen nichts Ungewöhnliches – auch in freier Wildbahn nicht. Prince Benedikt ist einer der Stars in der Zirkusmanage. „Er ist ein sehr aktiver Löwe, liebt die Arbeit und will die Manege oft gar nicht mehr verlassen“, sagt Dompteur Martin Lacey mit seinem britischen Akzent.

„Benedikt macht das gern.“ Martin Lacey jr., Dompteur

Kein Wunder. Benedikt ist Teil der weltgrößten Raubtiernummer. Zusammen mit 26 anderen Raubkatzen sorgt er im Zentralkäfig in der Manege für Nervenkitzel bei den Zuschauern. Das Highlight der Raubtiernummer: 22 hochsitzende Löwen. Ein Weltrekord und Benedikt mitten drin. Der Star-Dompteur ist überzeugt: „Benedikt macht das gern.“ Tierschützer glauben das nicht.Sie kritisieren immer häufiger die Haltung von Wildtieren in Zirkussen und fordern ein Wildtierverbot.

Martin Lacey hält dagegen. Er versichert, dass es seinen Tieren gut geht. Ein Argument: Ihre Lebenserwartung würde weit über der in freier Wildbahn liegen. Einen Feuerring gibt es in der Show von Lacey nicht. Er zeigt seine Löwen und Tiger in natürlichen Bewegungen – auch den Papstlöwen. „Benedikt springt gerne. Das zeigt er auch in meiner Nummer. Ich könnte ihn auch küssen und mit ihm schmusen. Aber das mag er nicht so.“ Jede Raubkatze hat eben ihren Charakter.

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Prince Benedikt ist Teil der weltgrößten Raubtiernummer der Welt mit 26 anderen Löwen und Tigern. Foto: Circus Krone
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Gut gebrüllt: Prince Benedikt zeigt in der Manege gern sein Temperament. Jeden Tag tritt der Löwe zweimal auf. Foto: Seitz

Ob der Papst damals den Handkuss von Martin Lacey wollte – wir wissen es nicht. Der Pontifex ist vom kleinen Löwen jedenfalls so begeistert, dass er Lacey und das Tier kurzerhand nach der Privataudienz zu einer Generalaudienz einlädt. Das heißt: Papst, Dompteur und Löwe ganz alleine in der Sixtinischen Kapelle, in der sonst die Kardinäle den Papst wählen. Prince Benedikt, der fünf Kilogramm schwere Wonnebrocken, wird bei dem Gespräch dem Dompteur irgendwann zu schwer. Das fällt dem Papst auf. „Lassen Sie ihn laufen“, sagt er nur.

Gesagt, getan. Und dann passiert es auch schon. Der kleine Löwe benutzt einen wertvollen, hunderte Jahre alten Gobelin – eine Art Bildteppich für die Wand – als Kratzbaum. Seine kurzen Krallen hinterlassen deutliche Spuren. Lacey ist schockiert. „Das macht nichts, dass da ein Kratzer drin ist“, entschärft der Papst schnell die Situation. „Dann muss ich wenigstens jeden Tag an den Löwen denken.“

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Susanne Matzenau ist die Pressesprecherin im Circus Krone. Foto: Kellermeier

Ganz legal kam der Babylöwe übrigens nicht in den Vatikan. Susanne Matzenau, Pressesprecherin des Circus Krone, erinnert sich: „Prince Benedikt wurde unter dem Mantel eines Kardinals in den Vatikan geschmuggelt.“ Es sollte ja schließlich eine Überraschung für den Pontifex sein.

Zurück in München. Martin Lacey bereitet sich für die Show vor. Er ist ein Star in der Manege. Beim Zirkusfestival in Monte Carlo hat er den goldenen Clown gewonnen. Seine Raubtiernummer kommt heute gleich zu Beginn des Programms. Zirkusmitarbeiter haben den großen Käfig schon aufgebaut. Auf den Rängen sitzen viele Schulkinder, die ungeduldig auf den Beginn der Vorstellung warten. Davon bekommt Lacey nichts mit. Er geht zu den Außengehegen seiner Löwen. Hier ist von all dem Trubel nichts zu hören. Gewohntes Bild: Prince Benedikt schläft. Neben ihm liegt Jazz, ein weißer Löwe. Jazz ist sein Kumpel. Beide teilen sich das Außengehege.

„Er liebt mich und ich liebe ihn.“ Martin Lacey jr., Dompteur

Die Ohren der Raubkatzen zucken. Die Löwen haben die Schritte von Lacey gehört und gehen in seine Richtung. Dann ein waghalsiger Moment: Der Dompteur muss blindes Vertrauen haben. Ohne lange nachzudenken greift er durch das Gitter und krault Prince Benedikt. „Er liebt mich und ich liebe ihn.“ Probleme mit anderen Raubkatzen hat Prince Benedikt nicht. Im Gegenteil: „Er ist ein echtes Gruppentier“, sagt Lacey. Sticht der Papstlöwe heraus? „Ja, schon. Er hat einen ziemlich lustigen Charakter.“ Der kommt bei den Proben heraus: Der Löwe stellt sich oft dumm, obwohl er genau weiß, wie der Trick funktioniert.

Prince Benedikt lebt beim Circus Krone nicht im Zölibat

Einen Zölibat wie in der Kirche gibt es beim Circus Krone nicht – Nachwuchs aber auch nicht. Aus kirchlicher Sicht noch viel schlimmer: Im Löwengehege wird verhütet. „Meine Löwenfrauen nehmen die Pille“, schmunzelt Lacey. Den Spaß will er den Tieren aber nicht nehmen. Regelmäßig dürfen Weibchen und Männchen zusammen – auch Prince Benedikt und seine Löwenliebe. „Das Business kann er ja machen. Aber eben ohne Babys.“ Das kann sich aber bald ändern. Wenn Martin Lacey wieder Löwen züchtet, dann könnte der Papstlöwe zum ersten Mal Vater werden. „Ich glaube, er wäre ein super Dad.“

Das ist Zukunftsmusik. Prince Benedikt ist auch ohne Vaterschaft für Martin Lacey und die Zirkusfamilie etwas Besonderes. Ein Papstbesuch verbindet auch Mensch und Tier. Der Moment in der Audienzhalle bleibt unvergesslich – sicher auch für den Papst.

In dieser Bildergalerie haben wir sieben Fakten über Löwen gesammelt.

Im Video sehen Sie die Begegnung von Papst und Löwe!

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