nr. sieben

Der Hass geht mich an

Hass macht sprachlos. Und dann? Es lohnt sich, Antworten auf Hetze zu suchen und neu zu formulieren, worauf wir Wert legen.

Es hassen so viele. Sie rasen mit einem Lkw in eine friedliche Menschenmenge in Berlin und töten. Sie verbreiten bösartige Parolen wie die des AfDlers Marcus Pretzell: „Es sind Merkels Tote“. Sie hetzen im Netz gegen Ausländer und Andersartige. Sie zünden Flüchtlingsheime an. Schreiben verleumdende E-Mails an Politiker. Zeigen Journalisten den Stinkefinger. Ätzen irgendetwas von „Lügenpresse“ und verbreiten selbst Falschmeldungen. Sie beleidigen, verletzen, keifen und morden. Egal, ob durch Populisten angestachelt oder durch IS-Ideologen radikalisiert: Ihre Ressentiments und Verbrechen richten sich gegen alle, die nicht in ihr Weltbild passen – in Wort, Text und in der Tat. Jeder, der eine andere Herkunft, ein anderes Aussehen, eine andere Meinung hat als sie; jeder, der die Freiheit offen auslebt, ist ihnen als Opfer recht. Von Nizza bis Würzburg. Von Ansbach bis Istanbul. Es hassen zu viele.

Am 14. Juli raste ein Lkw in Nizza eine Menschenmenge. 86 Menschen starben, Hunderte weitere wurden verletzt. Foto. dpa

Zuerst sprachlos – und dann kommen die Fragen

Und dann? Dreht sich die Welt einfach so weiter? Ich beobachte mich dabei, dass mich der Hass sprachlos macht. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll und wie ich angemessen darauf reagieren kann. Einfach weitermachen im Text? Dem ganzen feindseligen Irrsinn zuschauen und hoffen, dass er bald zu Ende geht? Es ist klar, dass das nicht geht. Aber was geht dann? Und wie geht es?

Anis Amri
Anis Amri lenkte den Lkw 19. Dezember 2016 in den Berliner Weihnachtsmarkt. Foto: dpa

Als 1987 Geborene habe ich es noch nicht erlebt, dass Anfeindungen gegen die „Anderen“ und „Fremden“ so direkt nach außen gekehrt werden. Weil mir das noch nie zuvor begegnet ist, habe ich keine probate Antwort darauf. Ich kann nicht auf Argumentations- und Handlungsmuster zurückgreifen, die mir vertraut sind und die ich verinnerlicht habe. Es gibt diese Muster nicht, weil es den Hass so nicht gab. Sicher, Fremdenhass und Diskriminierung sind keine grundsätzlich neuen Erscheinungen in unserer Gesellschaft. Aber die Qualität und Unmittelbarkeit sind neu. Die Dimension des Hasses macht sprachlos. Zuerst. Und dann kommen die Fragen.

Woher kommt der Hass? Wie entsteht dieses tiefe Gefühl der Ablehnung gegenüber anderen Menschen, das sich plötzlich den Weg in die Öffentlichkeit bahnt? Es kommt doch nicht aus dem Nichts, nicht einfach so aus dem Bauch heraus.

Die Publizistin Carolin Emcke, die 2016 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, geht in ihrem Buch „Gegen den Hass“ der Frage nach, was die Gewalt vorbereitet, welche Strukturen sie schüren. „Hass ist nicht einfach da“, schreibt Emcke. „Er wird gemacht.“

Am 18. Juli betrat der Attentäter Riaz K. einen Regionalzug in der Nähe von Würzburg. Er attackierte und verletzte vier Touristen mit einer Axt. Foto: dpa

Wo wäre etwas anderes möglich gewesen?

Sich die Ursachen und Funktionsweisen des Hasses genau anzuschauen, hieße laut Emcke immer auch zu zeigen, wo etwas anderes möglich gewesen wäre, wo jemand hätte aussteigen oder einschreiten können. Also schauen wir genau hin und fragen: Ist es der Unmut derer, die in unserer globalisierten westlichen Welt zu kurz kamen, der sich Bahn bricht? Ist es die Flüchtlingskrise, die die Unsicherheit verstärkt? Sind es die Populisten, die scheinbar simple Lösungen auf komplexe Probleme vorgaukeln und laut genug schreien, so dass niemand ihren Schwindel bemerkt? Ist es einfach der Lauf der Geschichte? Ja, all das hat einen Anteil. Doch die Frage, die mich am meisten betrifft, ist noch offen: Wie kann ich als Bürgerin dieser Gesellschaft, die auf Offenheit und Toleranz Wert legt, mit dem Hass umgehen? Das einzige, was ich sicher weiß: Der Hass geht mich etwas an. Und ich will nicht sprachlos zuschauen.

Mit den Fragen allein ist es noch nicht getan, klar. Aber sie sind ein Anfang. Wir müssen uns jetzt damit auseinandersetzen, was mit unserer Gesellschaft passiert und in welcher Gesellschaft wir künftig leben wollen. Dabei ist auch klar, dass die Probleme Aufgabe der politischen Entscheider sind: Sie müssen Antworten auf sicherheitspolitische Fragen finden, sie erlassen Gesetze und prägen die politische Debatte. Doch jenseits von der Verantwortung der Politiker geht unsere Gesellschaft uns alle etwas an. Es führt kein Weg daran vorbei – die Hasser, Populisten und Attentäter sind längst zu laut und zu viele geworden. Erst wenn wir uns diese Fragen ernsthaft stellen, eröffnen wir die Möglichkeit, neue Ansätze zu finden. Ohne Frage keine Antwort.

Trauer in Ansbach: Der Attentäter hinterließ schwer verletzte Menschen, Trauer und Verunsicherung. Foto: dpa

Das Netz ist oft der Buhmann

Mohammed D
Mohammed D. sprengte sich am 24. Juli mit einer Rucksackbombe vor einem Weinlokal in Ansbach in die Luft. Der 27-Jährige kam ums Leben, 15 weitere Menschen wurden verletzt. Foto: afp

Das Internet ist ein willkommener Buhmann.In Echokammern und Filterblasen würden sich die ganzen negativen Emotionen zusammenbrauen, heißt es oft.Im digitalen Zeitalter würden wir gar nicht mehr mitbekommen, was um uns herum passiert, weil raffinierte Algorithmen uns nur noch Nachrichten zuspielen, die sich nahtlos ins eigene Weltbild fügen. Das gilt für jeden von uns. Und eben auch für die Wütenden und Hasser. „Der Hass kommt aus dem Herzen, nicht aus dem Netz“, sagt Carsten Reinemann, Professor für Medienforschung und politische Kommunikation an der LMU München. Das Netz an sich sei neutral. Klar, Algorithmen spielen eben nur jene Inhalte aus, die Nutzer einspeisen. Im Internet werden Texte, Videos und Kommentare verbreitet und der Prozess beschleunigt, bis sie beim Nutzer ankommen. Das Netz verstärkt, aber es erzeugt nicht. Und weil das Netz zu jeder Meinung und für jeden Geschmack die passende Wahrheit parat hat, finden wir darin nicht die eine allgemeingültige Antwort auf Hetze und Propaganda. Wir müssen tiefer graben, ran ans Herz.

Es hilft nichts: Auf der Suche nach dem richtigen Umgang mit dem Hass müssen die eigenen gewohnten Denk- und Handlungsmuster auf den Prüfstand. Ich muss mich fragen, was ich bisher nicht gesehen oder gedacht habe. Was hatte ich nicht auf dem Schirm, wo habe ich weggeschaut oder verharmlost? In welchen Situationen war ich so eingenommen von meinem eigenen Alltag, dass mir nicht auffiel, dass sich etwas zusammenbraut? Das ist ungemütlich, weil diese Fragen alte Gewissheiten in Frage stellen.

In der Silvesternacht drang ein Bewaffneter in den Nachtklub Reina in Istanbul ein. Er tötete mindestens 39 Menschen, 69 weitere wurden verletzt. Foto: dpa

Die neuen Einsichten sind ungemütlich

Plötzlich scheint es nicht mehr sicher, dass wir in Frieden und Sicherheit leben. Viele Menschen sind verunsichert. Es scheint nicht mehr sicher, dass auf offener Straße keine Gewalt ausbricht und sich junge Menschen nicht in die Luft sprengen; dass Journalisten offen und kritisch berichten können, ohne angefeindet zu werden; dass Politiker sich nicht vor Übergriffen fürchten müssen; dass wir in einem Europa mit offenen Grenzen und Reisefreiheit leben; dass unsere freiheitliche Demokratie ein Gut ist, das alle erhalten wollen. 

Und mehr noch: Plötzlich wird sichtbar, dass den Preis für die Globalisierung Menschen gezahlt haben, die in der Öffentlichkeit oft keine Stimme haben; dass die Stimmen, die öffentlich viel sprechen, nicht automatisch für alle sprechen; dass diejenigen, die von früh bis spät in der Fabrikhalle stehen, schlicht keine Zeit haben, Zeitungen und Bücher zu lesen, um mitreden zu können; dass sie trotzdem ein Recht haben, gehört zu werden; und dass sie wütend werden, wenn sie nicht gehört werden; dass Fair-Trade-Klamotten und Bio-Essen nicht selbstverständlich moralisch gut sind; dass diese hippen Konsumgüter denjenigen, die sie sich nicht leisten können, vor Augen führen, dass sie sozial schlechter gestellt sind; dass wir vor lauter Offenheit existierende Grenzen übersehen haben; dass der Liberalismus es sich zu bequem gemacht hat. So viele Gewissheiten werden infrage gestellt, dass einem angst und bange werden könnte. Ja, diese neuen Einsichten sind ungemütlich. Aber: Wir können vieles daraus lernen. Deswegen sie sind auch gut.

Nur wenn ich weiß, warum mir Freiheit und Offenheit wichtig sind, kann ich sie vor Angriffen schützen.

Gut sind die vielen Fragen, weil der eigene Standpunkt neu definiert, die Koordinaten neu ausgelotet werden müssen. Ich muss mir jetzt die Mühe machen, genau zu formulieren, was mir an dieser Gesellschaft lieb und teuer ist, auf was ich im gesellschaftlichen Miteinander Wert lege, was ich erhalten und verteidigen will, kurz: Wofür ich einstehe. Erst wenn ich das für mich festgelegt habe, kann ich denen etwas entgegen setzen, die diese Werte angreifen. Nur wenn ich weiß, warum mir Freiheit und Offenheit wichtig sind, kann ich sie vor Angriffen schützen. Die traurige Nachricht daran ist: Es musste zu viele Opfer des Hasses geben, bis wir anfangen, etwas zu verändern. Die gute Nachricht ist: Der Prozess hat schon begonnen. Wir können ihn jetzt mitgestalten.

Nicht stumm werden

Die Publizistin Carolin Emcke sagte in ihrer Friedenspreisrede, dass wir uns nicht nur als freie, demokratische Gesellschaft behaupten dürften, sondern es dann auch sein müssten. „Freiheit ist nichts, das man besitzt, sondern etwas, das man tut.“ Man kann sich nicht einfach darauf verlassen, dass die Demokratie immer weiterbesteht, ohne eigenes Zutun. Wir müssen für sie eintreten und kämpfen. Mit der Demokratie ist es wie mit all den anderen Gewissheiten: Sie bleiben nur dann gewiss, wenn wir sie weiterhin leben, neu erlernen und immer wieder gegen Angriffe verteidigen.

Die Sprachlosigkeit, die zuerst auf den Hass folgte, ist schon ein seltsamer Reflex: Man verstummt, wenn andere laut werden. Doch lasst uns nicht die eigene Haltung verlieren. Wir dürfen es nicht den Schreihälsen überlassen, die am lautesten brüllen, für uns Antworten auf alle Fragen zu finden. Die Antwort auf den Hass muss jeder für sich finden. Wir müssen es – und wir können es auch. Fangen wir an zu suchen. Fangen wir mit den Worten an.

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