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Der Doc, die Wellen und der Tod

Mark Renneker ist nicht nur der Mann für haushohe Wellen. Er ist der Mann für verlorene Menschen im Dschungel der modernen Medizin.

Mark Renneker ist Surfer. Und Arzt. Auf die Reihenfolge legt er Wert. Das eine gehört zum anderen, aber Surfer war Mark schon immer. Mark, so nennt ihn eigentlich keiner. Für die meisten ist er Doc. Doc ist ein Hüne. Alles an ihm ist groß: die Hände, die Nase, die Stimme, der Anspruch an sich selbst und an seine Umgebung.

Docs Sprechstunden richten sich danach, wann Wellen und Wind günstig sind. Er arbeitet vor allem abends. Und wenn ein besonders großer Sturm an der kalifornischen Küste erwartet wird, sagt seine Assistentin auch mal alle Termine ab, damit der Doc riesige Wellen surfen kann, irgendwo auf der Welt oder direkt vor seiner Haustüre, in Ocean Beach, San Francisco. „Dem Doc ist etwas dazwischen gekommen“, sagt sie dann. „Surfen?“, fragen die Patienten. „Ja“, sagt die Sprechstundenhilfe ehrlich und vereinbart einen neuen Termin. Seine Patienten verstehen das. Obwohl ihnen nicht selten der Tod im Nacken sitzt.

„Krebs interessiert mich nicht. Er hat mich noch nie wirklich interessiert. Mich interessieren die Menschen."
Mark Renneker

Sie schätzen, dass sich ihr Arzt kompromisslos, ja fanatisch, den Kräften der Natur entgegenwirft. Denn das macht er auch für sie. Doc widmet sich komplexen, teils hoffnungslosen medizinischen Fällen. Dabei operiert er nicht. Er untersucht nicht. Er verschreibt keine Medikamente. Er sitzt auf seinem Surfbrett und denkt über seine Patienten nach. Dann greift er zum Telefon.

Kein typischer Arzt und kein typischer Surfer

Surfen ist auch das Erste, worüber der Patient am anderen Ende der Leitung an diesem Sommertag redet. 45 Jahre alt, erfolgreicher Start-up-Gründer aus dem Silicon Valley, Darmkrebs im Spätstadium. Sein Leben steht auf dem Spiel. Aber darüber spricht er erst später. „Als Allererstes will ich Ihnen sagen, wie ich Sie als Surfer bewundere. Ich bin früher selbst gesurft“, sagt er. „Das ist das traurigste, was ich den ganzen Tag lang gehört habe!“, dröhnt der Bass seines Arztes. Doc trägt ein Headset und kein T-Shirt, seine Füße liegen auf dem Schreibtisch. Kurze Verwirrung am anderen Ende der Leitung. „Unser Ziel sollte sein, Sie wieder aufs Surfbrett zu kriegen“, sagt Doc und leitet das Gespräch sanft zum medizinischen Teil über.

Doc Renneker ist eine Mischung aus medizinischem Detektiv und Vermittler, der versucht, für seine Patienten die beste Diagnostik und Behandlung zu finden. Das kann ein Fachmann am anderen Ende der Welt sein. Oder eine aktuelle Studie in einer wenig bekannten Klinik. Oder die Korrektur eines diagnostischen Fehlers, der sich in der langen Krankengeschichte des Patienten versteckt.

Mark Renneker1 Foto Janz
Mark Renneker beginnt jeden Fall mit der Krankengeschichte. Er dreht jeden Stein um. Foto: Janz

Doc liebt das Telefonieren. Nonverbale Kommunikation lenkt vom Eigentlichen ab, findet er. Außerdem arbeitet er gerne mit nacktem Oberkörper. Patienten würden ihre lebensentscheidenden Probleme wohl eher ungern einem shirtlosen Mann mit Pferdeschwanz erzählen. Docs Haare sind aus Prinzip lang, auch wenn sie im Alter von 64 Jahren, als dürftiges Zöpfchen im Nacken, weniger zum Erscheinungsbild beitragen als eine Lebenseinstellung ausdrücken.

In den 60er und 70er Jahren sind Surfer in den USA eine Randgruppe. Anständige Bürger sehen in ihnen Schulabbrecher, Taugenichtse, Drogenabhängige. Mark passt nicht in die Szene. Zu den anderen Medizinstudenten passt er aber auch nicht. Im Anatomiekurs klettert er auf den Seziertisch, um die Wellen zu checken. Gefällt ihm, was er sieht, ist er nach der Pause verschwunden. „Die meisten Vorlesungen waren eh schlecht, da hab ich lieber abends ein Buch gelesen und bin tagsüber Surfen gegangen“, sagt er. Dass das überheblich klingt, ist dem Doc nicht bewusst. Oder gleichgültig.

„Die meisten Vorlesungen waren eh schlecht, da hab ich lieber abends ein Buch gelesen und bin tagsüber Surfen gegangen.“ Mark Renneker

Als bei seinem Vater ein Tumor entdeckt wird, setzt Mark sich auf den Hosenboden mit der festen Absicht, alles über Krebs zu lernen. Er forscht, hält Vorträge, bekommt Stipendien. Noch vor Ende des Studiums veröffentlicht er ein Buch „Understanding Cancer“. Am Tag, als er die letzte Prüfung seines Medizinstudiums in San Francisco ablegt, geht er unter der Golden Gate Bridge surfen. Über seinem Neoprenanzug trägt er einen Arztkittel.

Krebsspezialist wird er trotzdem nicht. Fragt man ihn, warum, sagt er: „Krebs interessiert mich nicht. Er hat mich noch nie wirklich interessiert. Mich interessieren die Menschen. Die Reaktion auf solch eine alles verändernde Diagnose. Diese extreme Situation am Rande von Leben und Tod, wenn keine Zeit mehr ist für Oberflächlichkeiten.“ Es ist nicht ganz klar, ob der Doc noch über Krebs spricht oder schon übers Big-Wave-Surfen.

Die Naturgewalt spüren – als Surfer und als Arzt

Diese Vergleiche macht er häufig. Und nicht zu unrecht. Surfen und seine Arbeit sind miteinander verbunden. Viele Patienten kommen wegen seines Könnens auf dem Brett zu ihm. Wie viele? Doc hat genaue Zahlen. In einem Jahr hat er 4000 Dollar an Surf-Material von der Steuer abgesetzt. Als das Finanzamt eine Erklärung wollte, durchforstete er seine Fälle. Knapp die Hälfte seiner Patienten geben an, ihn wegen seiner Big-Wave-Surfer-Qualitäten als Arzt ausgewählt zu haben. Das Finanzamt war zufrieden.

Doc genießt es, wenn er fällt, wenn der Ozean ihn verschlingt, ihm unter Wasser eine Tracht Prügel verpasst, so dass er nicht mehr weiß, wo oben und unten ist und ihm langsam die Luft ausgeht.

Der Doc kennt keine Angst vor der Kraft des Wassers, nur Faszination. Manchmal ist er der einzige Surfer, der sich bei Riesenwellen aufs Meer hinaustraut. Ihn reizt nicht nur das Gefühl, einen Berg von Wasser hinabzugleiten. Doc genießt es auch, wenn er fällt, wenn der Ozean ihn verschlingt, ihm unter Wasser eine Tracht Prügel verpasst, so dass er nicht mehr weiß, wo oben und unten ist und ihm langsam die Luft ausgeht. Andere Surfer fürchten diese Wipe-outs. Sie akzeptieren sie als notwendiges Übel, das nun mal Teil des Wellenreitens ist. Nicht Doc. Die Naturgewalt zu spüren, ist für ihn ebenso essenziell, wie sie zu dominieren.

Gefangen in einem medizinischen Alptraum? Anruf genügt!

Nach dem Studium wird Mark Allgemeinarzt und arbeitet in einem öffentlichen Krankenhaus in San Francisco. Die Arbeit befriedigt ihn nicht. Er hat das Gefühl, den Patienten nicht wirklich helfen zu können. Vor allem denen mit schwerwiegenden und unklaren Erkrankungsbildern. In der Klinik fehlt die Zeit. Außerhalb der Klinik sowieso. Der Doc wagt ein Experiment, das sein Leben verändern wird.

1988 schaltet er eine Anzeige. Sie ist angelehnt an eine trashige 80er Jahre Fernsehserie, in der sich Ex-CIA-Agent Robert McCall – Codename „the Equalizer“, der Ausgleicher – für Menschen in Not einsetzt. „Trapped in a medical nightmare and need help? Call the medical equalizer!“ (Gefangen in einem medizinischen Alptraum? Rufen Sie an!) Die Anzeige landet im gemischten Teil des San Francisco Chronicle. Zwischen einer Wahrsagerin und Werbung für Billig-Scheidungen.

Mark Renneker3 Foto Renneker
Nach seiner letzten Prüfung zum Arzt surfte Mark Renneker unter der Golden- Gate-Bridge in San Francisco – im Arztkittel. Foto: Renneker/privat

Am nächsten Tag klingelt das Telefon von Doc Sturm. Er wirbt nie wieder für seine Dienste.

Wo viele Ärzte mit ihrem üblichen Handwerkszeug an ihre Grenzen stoßen, wird es für Doc erst interessant. Doc nimmt Fälle aus allen Fachbereichen an. Das können Menschen mit unerklärlichen Symptomen sein, die von Arzt zu Arzt wandern, Menschen, die von ihren Ärzten aufgegeben worden sind, oder Menschen, die ihrer Diagnose misstrauen.
Einmal wendet sich eine 24-jährige Frau an Doc. Seit Jahren kann sie sich nur über eine Dünndarmsonde ernähren. Essen bereitete ihr unmenschliche Schmerzen. Ihre Ärzte hatten keine Erklärung dafür. Aber die Notlösung mit der Sonde. Doc überträgt den Fall einer Medizinstudentin in seinem ersten Kurs an der Universität von Kalifornien in San Francisco (UCSF). Obwohl sein Erfolg ohne Zweifel auch mit seiner Persönlichkeit, seinem Charisma, zusammenhängt, besteht Doc darauf, dass er mit einer einfachen Methode arbeitet: einem unkonventionellen Denkgerüst, viel Zeit für aufwendige Recherchen und dem Anspruch, alle Differentialdiagnosen abzuklopfen. Das bringt er auch anderen Ärzten und Medizinstudenten bei.

Manchmal ist Doc der einzige Surfer, der sich bei Riesenwellen aufs Meer hinaustraut. Symbolfoto: dpa

Schließlich haben Mark und die Studentin eine These. Sie ist gewagt. Die Frau könnte an einer anatomischen Besonderheit leiden, die die Magendurchblutung bei Nahrungsaufnahme hemmt. Fehlt Blut, dann fehlt auch Sauerstoff, das Gewebe glaubt abzusterben. Nur wenige Menschen haben diese anatomische Besonderheit. Und nur ein Bruchteil leidet deswegen Höllenqualen. Eine Untersuchung bestätigt ihre These zunächst nicht. Doch Doc und die Studentin lassen sich nicht entmutigen. Sie stoßen auf die Publikation einer Gruppe von Chirurgen aus Chicago, die schon Patienten aus der ganzen Welt aufgrund dieser Kondition operiert haben. Doc tritt mit den Kollegen in Kontakt, fliegt die junge Frau nach Chicago, in einem kleinen Eingriff wird das einengende Band durchtrennt. Die Arterie ist nun frei, den Magen mit Blut zu versorgen. Noch im Krankenhaus isst die junge Frau ihre erste Mahlzeit und schickt ein Bild davon nach San Francisco.
Doc ist kein Experte in allen Fachbereichen und gibt auch nicht vor, einer zu sein. Vielmehr beschreibt er seine Arbeit so: „Ich mache das für die Patienten, was ein Arzt für kranke Angehörige machen würde.“ Er erklärt, holt zweite, dritte, vierte Meinungen ein, fordert neue Labortests an, konsultiert Spezialisten, hakt bei Kollegen nach, übt Druck aus, durchforstet die Krankengeschichte. Außerdem beschäftigt er einen Biologen, der für ihn die neuesten Forschungsergebnisse zu jedem Fall individuell zusammenträgt. Auch die Patienten erhalten diese Hausarbeit zur eigenen Krankheit.

Doc macht seine Patienten stark: „Patient Empowerment“

Sie sollen verstehen. Nicht nur ihre Krankheit, sondern auch, dass sie mitreden können, obwohl sie keine Fachmänner sind. Docs Patienten sollen sehen, dass sie der Mittelpunkt des Ganzen sind, nicht ihre Diagnose oder die Therapie oder die behandelnden Ärzte. Amerikaner nennen das „Patient Empowerment“, die Ermächtigung der Patienten. Selbst hoch gebildete Menschen glauben, im Gesundheitssystem einen Lotsen zu brauchen: 40 Prozent der Patienten von Mark Renneker haben einen Doktortitel oder andere akademische Grade. Einige seiner Patienten sind selbst Ärzte.

Macht der Doc Eliten-Medizin? Hilft er den ohnehin Privilegierten, eine noch bessere medizinische Versorgung zu bekommen als ohnehin für sie vorgesehen? Doc wiegt den Kopf hin und her. Er überlegt. Kritische Fragen stören ihn nicht, sie spornen ihn an. Schließlich sagt er: „Eigentlich wollte ich Schriftsteller werden. Drehbuchautor. Revolutionär. Bis ich gemerkt habe, dass es in der Medizin auch nur um die conditio humana geht“ – ums Menschsein an sich. Erst danach erwähnt er in einem Nebensatz – solche Banalitäten interessieren ihn nicht – dass sein Stundenlohn vom Einkommen der Patienten abhängt. Dass seine Assistentin die Auswahl für ihn verblindet. Dass er auch Fälle gratis annimmt. Dass es sich bei seinen Patienten mehrheitlich um überdurchschnittlich wohlhabende und gebildete Menschen handelt, kommentiert er mit nur einem Satz: „Auch reiche Menschen können sehr krank sein.“

Doc kämpft gegen Naturgewalten - im Meer und bei seien Patienten. Foto: dpa

1993 porträtiert eine Dokumentar-TV-Sendung den Doc und seine Arbeit. Doc fand das Stück gelungen. Es zeigte ihn beim Surfen und am Schreibtisch. Der Beitrag sollte um 20 Uhr in Kalifornien ausgestrahlt werden. Als um 17 Uhr das Telefon klingelte, ahnte Doc noch nichts. Es war der erste Kranke von der Ostküste. Dort war die Sendung bereits zu Ende. Docs Telefon klingelte tagelang. Seine Assistentin drohte mit Kündigung. Er selbst war paralysiert.

Seither arbeitet er nach dem Rettungsboot-Prinzip. Ein überfülltes Boot sinkt, sagt er. Doc hat Bewerbungen aus der ganzen Welt. Bevor er drei Menschen halb hilft, nimmt er sich lieber für einen richtig Zeit. Pro Woche bedeutet das einen neuen Fall. Und jeden beginnt er mit der genauen Überarbeitung der Krankengeschichte. „No stone unturned“, nennt er diesen Schritt. Jeder Stein wird umgedreht.
Dabei findet er fast immer Fehler. Aber auch bei groben Behandlungsfehlern rät er den Patienten davon ab, vor Gericht zu gehen. Doc geht es nur um ihre Gesundheit. Nicht um Schuldzuweisung. Nicht um Rache. Für den individuellen Kampf gegen die Naturgewalt ihrer Krankheit brauchen die Patienten alle Kraft. Ein Nebenschauplatz lenkt ab, findet Doc.

Das Vertrauen in sich selbst

Selbst in den USA ist das, was Mark Renneker macht, ein sehr kleines Feld: Patient Advocacy, die Anwaltschaft für Patienten. Im Deutschen gibt es keine gängige Übersetzung. Dass Mark Renneker am Rande des Silicon Valley lebt, ist kein Zufall. In der Wiege der technischen Revolution ist der Blick auf die Welt ebenso ein anderer wie der Blick auf die eigene Gesundheit. Dabei geht es weniger um Misstrauen in behandelnde Ärzte als um das Vertrauen in sich selbst: Ein mündiger Patient, der zusammen mit einem unabhängigen Arzt die eigene Krankheit in Angriff nimmt.

In Deutschland gibt es Ärzte wie Mark Renneker nicht. Kein auf Solidarität basierendes Gesundheitssystem der Welt kann Mediziner für derartig individuelle Recherchen bezahlen. Und hierzulande wäre auch kaum jemand gewillt, bis zu 400 Dollar die Stunde für einen Privatarzt zu zahlen. Das liegt zum einen an den gesetzlichen Rahmenbedingungen, zum anderen an einem Jahrhunderte alten System staatlich regulierter Gesundheitsversorgung. Das Vertrauen in Ärzte, Institutionen und das System ist in Deutschland größer. Und das Selbstbewusstsein der einzelnen Patienten, am Verlauf ihrer Krankheit etwas ändern zu können, geringer. Im Gegenzug erwartet man von seinem Arzt aber auch, dass er keine Termine wegen guter Surfbedingungen absagt.

Die Welle bestimmt den Arbeitsrhythmus: Surfen first

Wenn Mavericks bricht, einer der bekannten Big-Wave-Spots von Kalifornien, ist der Doc da. Aufgrund geografischer Besonderheiten türmen sich in der Half Moon Bay, Kalifornien, regelmäßig über 20 Meter hohe Wellen auf. Man kennt den Doc hier. Und man weiß: Wenn die anderen Surfer nach ihrer Session vollgepumpt mit Adrenalin und Endorphinen in der Bar der Titanen ein Bier trinken und von ihren Heldentaten reden, wird der Doc nicht dabei sein. Er wird nach Hause fahren und Krankenakten durchforsten. Denn auch wenn er es nicht gerne zugibt: Doc arbeitet so viel wie andere Ärzte. Doc ist eben beides. Surfer und Arzt. Aber Surfer war Mark Renneker schon immer, Arzt ist er geworden.

Text: Markus Emerich, Charlotte Janz
Fotos: Janz, dpa, Renneker, Scott Eggers/Fotolia

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