nr. sieben

Der brüchige Frieden

Kolumbien ringt um die Zukunft. Kriminelle Banden und der Ausgang der Präsidentschaftswahlen gefährden die Einigung.

Hier wollten sie mich erschießen“, sagt Igor Osvaldo Mantilla und deutet auf den Marktplatz von Ituango, einer Kleinstadt inmitten der kolumbianischen Berge. „Aber Ituango hat mir drei neue Leben geschenkt.“ Wenn man die Geschichte des Ortes nicht kennt, nichts von den Massakern und Massengräbern weiß, könnte man glauben, dass Ituango ein Paradies sei, ein Idyll: Alte Männer mit Cowboyhüten dösen auf einer Bank, in bunten Blechhütten bieten Dorfbewohner Tomaten, Bananen und Bohnen an, Bauern stiefeln mit ledrigen Peitschen und Macheten im Hosenbund über den Platz. Kinder spielen in der Sonne, daneben werden Kaffeesäcke von Eseln abgeladen.

„Kein Stein blieb auf dem anderen.“ Igor Osvaldo Mantilla

Doch 1995 legte die Farc-Guerilla die Kleinstadt in Antioquia, im Nordwesten Kolumbiens, in Schutt und Asche. Hunderte von Kämpfern stürmten den Ort und besetzten ihn 24 Stunden lang. Sie legten Telefon und Strom lahm, zerstörten Läden, befreiten 38 Inhaftierte aus dem Gefängnis und brannten es ab, griffen die Polizeistation an. Igor Osvaldo Mantilla arbeitete gerade in dem Gebäude, als es von Granaten zerfetzt wurde. Er überlebte. „Kein Stein blieb auf dem anderen“, erinnert sich Mantilla. Dann zerrten die Farc-Kämpfer ihn, der damals als Polizeikommandant in Ituango stationiert war, auf den Marktplatz. Er musste sich hinknien, sie hielten die Gewehre auf seinen Kopf gerichtet. Nur die Bewohner von Ituango, die die Farc-Soldaten anflehten, nicht abzudrücken, Mantilla mit ihren eigenen Körpern abschirmten, hielten sie davon ab. „Ich verdanke Ituango alles“, sagt der Mann mit dem angegrauten Bürstenhaarschnitt.

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    Igor Mantilla ist dreimal dem Tod entkommen. Foto: Julia Jaroschewski
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    Der Marktplatz von Ituango Foto: Julia Jaroschewski

Jetzt steht Ex-Polizist Mantilla in T-Shirt und Jeans auf dem Marktplatz, er trägt keine Waffe mehr – so wie die Farc-Truppen, die nach zähen Verhandlungen Tausende von Waffen abgegeben haben. Vor zwei Jahren wurde der historische Friedensvertrag zwischen der Regierung und der Guerillagruppe unterzeichnet. Gerade hält Kolumbien die ersten Präsidentschaftswahlen nach dem Ende des Bürgerkrieges ab. Präsident und Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos durfte nach zwei Amtszeiten nicht wieder kandidieren. Nach dem Urnengang vom letzten Wochenende kommt es am 17. Juni zur Stichwahl zwischen dem rechten Kandidaten Iván Duque (39,12 Prozent der Stimmen) und dem Linken Gustavo Petro (25,09 Prozent). Während Duque den Vertrag ändern möchte, will Petro daran festhalten. Die Zukunft Kolumbiens ist also mehr als ungewiss, der Frieden steht auf wackligen Beinen.

Kommt der Frieden tatsächlich bei den Bauern auf dem Land an?
Die alten Männer haben Vertreibung, Verschleppung und Mord gesehen. Ihre Blicke sind skeptisch. Foto: Julia Jaroschewski

Schon jetzt muss man sich die Frage stellen: Kommt der Frieden tatsächlich auf dem Land an, in abgelegenen Orten wie Ituango, die jahrzehntelang nur Wellen der Gewalt erlebt haben, durch die Guerillas, aber auch durch paramilitärische Truppen? Und in denen die Staatsmacht selbst, Polizei und Militär an Massakern und Menschenrechtsverbrechen beteiligt waren?

Der Boden ist brüchig, auf dem sich die Menschen in die Zukunft vortasten. Es gibt nur eine schmale Straße, die von Medellín 200 Kilometer, in fünf Stunden, nach Ituango führt. Der Weg schlängelt sich auf dem Gebirge entlang, das steil zum Fluss hin abfällt. Bis vor kurzem hatten Farc, Paramilitärs und Militär hier Straßensperren aufgestellt, kontrollierten alle Passagiere. Vermeintliche Verräter wurden von den kriminellen Gruppen exekutiert. Leichen wurden auch im Fluss, dem Río Cauca, entsorgt.

Kokaanbau und Drogenschmuggel

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    Holprige Straße in Ituango Foto: Julia Jaroschewski
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    Die unzugängliche Region um Ituango macht es Banden leicht, sich zu verstecken. Foto: Julia Jaroschewski
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    Die blutige Vergangenheit ist in Ituango nicht sichtbar, aber spürbar. Foto: Sonja Peteranderl

Dass die Region schwer zugänglich ist, macht sie für Banden zum perfekten Rückzugsgebiet, dazu liegt Ituango in einem klassischen Drogenschmuggelkorridor. Die riesige Gemeinde mit den zersprengten Dörfern zieht sich von Urabá, wo die Drogen am Hafen verschifft werden, bis zum Verwaltungsgebiet von Cordoba, einem strategischen Gebiet krimineller Banden. In dem warm-feuchten Klima von Ituango blühen seit der Jahrtausendwende die Koka-Felder, für viele Bauern die Haupteinnahmequelle. Erst kontrollierte die Farc den Handel, dann drängten andere ins Geschäft. In den 70ern setzten sich Guerilla-Truppen in der Bergregion fest, in den 90ern begannen Paramilitärs, ganze Dörfer zu massakrieren. Zehntausende Menschen wurden vertrieben, die Bevölkerung geriet zwischen die Fronten.

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Jorge Gallo setzt sich für die Bauern in Ituango ein. Foto: Julia Jaroschewski

„Bis vor zwei, drei Jahren, als die Farc sich zurückgezogen hat, hatten wir Angst, auf die Straße zu gehen, jeden Tag passierte etwas, Drohungen, Attentate, Schutzgelderpressung war Alltag“, sagt Jorge Gallo und streicht sich über seinen kahlen Kopf. „Die Hoffnungslosigkeit war extrem, jetzt mit dem Frieden hat sich das ein bisschen verbessert. Aber ein paar Monate, nachdem der Friedensvertrag geschlossen wurde, sind neue Gruppen aufgetaucht, und haben wieder mit Drohungen angefangen, mit Vertreibungen, Morden. Wir haben Hoffnung auf den Frieden, aber wir wissen nicht, was passiert.“ Jorge Gallo ist in Ituango aufgewachsen, jetzt versucht er mit seinem Team die von der Regierung entwickelte politische Vision in etwas zu verwandeln, was sich greifen lässt.

„Vom Schreibtisch aus kann man den Frieden nicht erreichen.“ Jorge Gallo

Die Unterzeichnung des Friedensvertrages war nur der Anfang eines steinigen Weges. „Es hat 60 Jahre gedauert, bis der Staat endlich hier angekommen ist, wir brauchen jetzt nicht schön den Frieden zu vermarkten, da winken die Leute ab“, so Gallo. „Die Bauern, die so viel Gewalt erlitten haben, glauben nicht an den kolumbianischen Staat. Vom Schreibtisch aus kann man den Frieden nicht erreichen.“ Die Politiker müssten schon nach Ituango kommen.

Das Hauptquartier des Friedens wirkt noch improvisiert. Im untersten Stock des Rathauses haben sich die Friedensinitiativen einquartiert. Jedes Projekt hat ein kleines Büro, in dem ein paar Stühle, Tische aufgestellt sind. Poster hängen an der Wand, die für den Frieden werben. Andere kartieren die Vergangenheit, legen Verschwundenendatenbanken an, versuchen, die Opfer der Massaker in der Umgebung zu suchen – das Team von Gallo bastelt an der Zukunft. Sie haben sich mit Gemeinschaftsvertretern aus all den abgelegenen Siedlungen vernetzt, in denen die Farc präsent war. Sie machen Workshops mit Bauern, diskutieren mit den Menschen Themen, die alle betreffen: Bildung, Gesundheit, Landbesitz, Einkommen, Recht auf Nahrung und das Zusammenleben in Frieden – und versuchen Lösungen für kleine Probleme zu finden, wie etwa den neuen Anstrich für die Schule oder Zugang zum Internet. „Das Land soll komplett erneuert, transformiert werden, die Bedürfnisse der Bauern sollen endlich befriedigt werden“, so Gallo. Ob es dazu kommen wird? Gallo hält sich an der Hoffnung fest: „Wir haben gelitten, geweint, aber es gibt auch Gutes, viel Potenzial – wie den Wunsch nach vorn zu schauen“, sagt Gallo. „Die Leute sind voller Hoffnung, aber sie haben auch Angst.“ Mit seiner Arbeit will Jorge Gallo kleine Fenster schaffen, die zeigen, wie ein Land in Frieden aussehen kann.

„Die Farc war die Autorität und hat das Gesetz gemacht, mit dem Gewehr.“ Igor Mantilla

Im Büro nebenan arbeitet auch Ex-Polizist Mantilla daran, den Kreislauf der Gewalt zu brechen. Als Sicherheitsexperte für die Region analysiert er die Lage, entwickelt Anti-Gewalt-Strategien für Jugendliche – damit die Generation Krieg den Krieg hinter sich lässt. Sie sollen lernen, Konflikte nicht mit Gewalt und Schlägereien zu lösen. „Wir wollen die Jugendlichen auf Trab halten, damit sie keine Zeit haben, nur herumzuhängen“, erklärt Mantilla. „Hier gibt es keine Möglichkeit, zu studieren, keine gute Ausbildung, wir informieren sie deshalb über Stipendien.“

Auch die Ex-Farc-Mitglieder, viele von ihnen junge Männer, sollen ihre Gewehre gegen Bildung tauschen. „Die Farc war die Autorität und hat das Gesetz gemacht, mit dem Gewehr“, sagt Mantilla. „In den Camps werden sie jetzt weitergebildet, sie sollen in die Gesellschaft integriert werden – 55 Prozent von ihnen können weder lesen noch schreiben.“ Es sind kleine Erfolge, die ihn motivieren: Zwei junge Frauen haben Stipendien für Kuba erhalten, sie werden dort Medizin studieren. Es hängt aber auch von der Gesellschaft ab, ob die Ex-Guerilleros aufgenommen werden – obwohl die Narben vom Krieg noch frisch sind. Bei der Volksabstimmung über den Friedensvertrag 2016 haben zwei Drittel der Wähler aus Ituango für den Frieden gestimmt. Aber nur ein Viertel der Bewohner hat überhaupt an der Wahl teilgenommen.

Trauern, loslassen und verzeihen können

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Am 15. August 2008 explodierte eine Bombe der Farc-Rebellen mitten in Ituango. Sieben Menschen starben, 52 wurden schwer verletzt. Foto: Raul Arboleda, epa/dpa

„Ich verstehe, dass nicht alle verzeihen können, manche haben eines oder mehrere Familienmitglieder verloren“, sagt Mantilla. „Es ist ein Prozess: Die Leute müssen trauern, aber die, die nicht loslassen, werden Hass im Herzen entwickeln.“ Es ist ein Thema, das für ihn sehr persönlich ist. Er zögert: „Ich selbst wurde auch von der Farc entführt.“ Es war das dritte Mal, dass er in Ituango dem Tod entkam: Sie brachten ihn nicht um, aber er war ihr Gefangener. Er sagt, dass er verziehen hat.

Von den 550 Farc-Kämpfern in Ituango, die die Waffen niedergelegt haben, sind nur etwa 150 im Camp geblieben. Manche hatten keine Lust mehr, in den Demobilisierungscamps auf bessere Zeiten zu warten. Andere haben sich bewaffneten Gruppen angeschlossen. Und kämpfen nur noch für den Drogenhandel statt für eine bessere Welt. Außerhalb der bewachten Camps sind Ex-Farc-Kämpfer Freiwild. Im März 2018 wurde Róbinson Oquendo Sucerquia in Ituango erschossen. Er war schon der fünfte Ex-Guerillero, der in Ituango ermordet wurde. Das Vakuum, das der Rückzug der Farc hinterlassen hat, füllen paramilitärische Truppen wie die Autodefensas Gaitanistas de Colombia (AGC), auch „Clan del Golfo“ genannt, die an Drogenhandel und Ausbeutung der Naturressourcen, wie illegalen Minen, verdienen.

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    Die 20-jährige Luisa hat nachts Angst, herumzulaufen. Foto: Sonja Peteranderl
  • Ituango Junge Sop
    Die Chancen auf Bildung und Arbeit stehen schlecht in Ituango. Männer wie Mantilla und Gallo wollen erreichen, dass Kinder wie dieser Junge hier eine Zukunft haben. Foto: Sonja Peteranderl

Der Ombudsmann von Ituango hat die Regierung alarmiert, dass die Gemeinde einem hohen akuten Risiko ausgesetzt ist: durch Bedrohungen, Schutzgelderpressung und Morde. Die Regierung hat zwar zur Verstärkung weitere Hunderte Soldaten nach Ituango geschickt, doch die Gewalt hält an. „Eine Granate, die durchs Fenster flog, hat vor Kurzem eine Dreijährige getötet, sie hat fernsehgeguckt, boom“, sagt Luisa, eine 20-Jährige, die vor der Schule lehnt. „Ich hoffe, dass der Frieden kommt, denn mit all diesen Toten gerade, ist es schwierig.“ Ihr kommt die Kleinstadt wie ein Gefängnis vor. Die Frauen streiten sich um die Männer, die sich gegenseitig prügeln, erzählt sie. „Ich vertraue auf gar keinen – es gibt komische Leute hier, nachts habe ich Angst, allein rumzulaufen“, erzählt Luisa. „Man weiss nicht mehr, wer wer ist.“ Sie würde gern nach Medellin gehen, dort als Friseurin arbeiten.

Solange es nicht mehr Chancen vor Ort gibt, sind die Ituanginos gezwungen, zu gehen – oder so weiterzumachen, wie zuvor. Die Regierung versucht zwar, die Bauern aus Ituango mit Zuschüssen zu überzeugen, ihre Kokafelder zu roden und Kaffee oder Kakao anzubauen. Doch zuletzt wurden immer wieder Bauern bedroht oder sogar ermordet, die aussteigen wollen. „Es ist ein schlechter Deal, mit dem Kokaanbau aufzuhören“, sagt Adrian Caramecho, der aus einer Bauernfamilie kommt. „Koka existiert hier vielleicht seit 30 Jahren und wir leben damit, es ist Alltag für uns.“ Der 27-Jährige würde gern studieren. „Aber wenn ich arbeite, kann ich nicht studieren, wenn ich nicht arbeite, kriege ich aber auch kein Essen, und dann bin ich geliefert.“

Wer protestiert, lebt gefährlich

Caramecho arbeitet gerade für ein Aufforstungsprojekt. Sie pflanzen Bäume, gleichen die Naturschäden aus, die die Bauarbeiten für das Wasserkraftwerk „Hidroituango“ hinterlassen haben – ein Mammutprojekt, das der Region Tausende von Jobs bescheren sollte. „Das Wasserkraftwerk bringt einige Vorteile für die Region, der Gemeinde fließen deswegen gerade mehr Mittel zu, die Politik profitiert also davon“, sagt Caramecho. „Was hier aber fehlt, sind Proteste und Kritik am Bürgermeister und am Rathaus – denn wenn niemand Hilfsmittel fordert, dann versickert das Geld.“ Die Bauern hätten keine Zeit zu protestieren, weil sie arbeiten müssten. Und wer protestiert, lebt gefährlich. Zwei Umweltaktivisten wurden vor Kurzem erschossen.

Wohin driftet das Land? Straßenszene in Ituango: Kolumbien sucht seinen Weg zwischen Vergangenheit und Zukunft. Foto: Julia Jaroschewski

Doch selbst die Zukunft des Wasserkraftwerks ist ungewiss. Mehrere Milliarden sind in das Projekt geflossen, für November 2018 war die Eröffnung geplant. Doch nach Starkregen und Erdrutschen musste die Baustelle geflutet werden. Der Fluss steigt immer weiter an, Zehntausende Bewohner aus umliegenden Siedlungen mussten ihre Häuser verlassen. Ein Dammbruch droht. Gegen die Betreiberfirma laufen Ermittlungen wegen Korruption. Und das Wasser steht Ituango bis zum Hals.

Text: Sonja Peteranderl und Julia Jaroschewski
Fotos: Julia Jaroschewski, Sonja Peteranderl, Leonardo Munoz/epa/dpa, Raul Arboleda/epa/dpa, Ricardo Maldonado/epa/dpa

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