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Dein Freund und Radler

Seit April sind in Passau Polizei-Fahrradstreifen unterwegs. Wie sieht eine typische Dienstfahrt aus? Und was passiert, wenn jemand auf die Dienststelle mitkommen muss?

Aus Florian Pechos Funkgerät rauscht es: „Wo seid’s ihr grad? Wir hätten einen Einsatz für euch.“ Seine Kollegin packt die Wasserflasche in die Gepäcktasche. Beiden stecken ihre Funkgeräte an den Gürtel, rücken die Pedale zurecht. Blick nach links, rechts, links, ab auf die Straße. Im Eiltempo biegen sie um die Kurve – Alltag einer Fahrradstreife.

Dienstbeginn 10:30 Uhr in der Polizeiinspektion Passau. Yvonne Schwinge und Florian Pecho machen sich auf den Weg zum Streifendienst. Auf dem Parkplatz stehen ihre Dienstfahrzeuge schon bereit. Anstelle des Autoschlüssels tragen die Beamten hellgraue Helme mit der Aufschrift „Polizei“ in der Hand. Florian Pecho schwingt sich mit seiner kurzen Hose auf den Sattel, den er zuvor auf seine Höhe eingestellt hat. Yvonne Schwinge stöpselt das Funkgerät noch an den Knopf in ihrem Ohr und setzt die dunkel getönte Sonnenbrille auf. Ihre blonde Kurzhaarfrisur verschwindet unter dem Helm, ehe sie mit ihrem Kollegen durch das breite, grüne Metalltor rollt. Es wirkt viel zu überdimensioniert für die beiden Radfahrer.

767 Fahrräder für Bayerns Polizisten

Die Beamten sind regelmäßig mit dem Rad unterwegs. Zusammen mit zwei weiteren Kollegen bilden sie seit dem 1. April 2018 die Fahrradstreife der Polizeiinspektion Passau. Im Gegensatz zu den meisten ihrer radelnden Kollegen in anderen Städten – die bayerische Polizei verfügt aktuell über 767 Fahrräder in Bayern – fahren sie aufgrund der vielen Radwege und bergigen Straßen in Passau Räder mit Unterstützung eines Motors, sogenannte Pedelecs. Bayernweit nutzt die Polizei davon nur 15.

In Regensburg können Beamte normale Dienstfahrräder nutzen. In der Regel fahren sie aber nicht in Uniform mit dem Zweirad Streife, wie Markus Reitmeier, der Sprecher der Polizeiinspektion Regensburg Süd sagt. Der Schwerpunkt liege in Regensburg darauf, Zweiraddiebe zu ertappen. Dafür sind Beamte zivil unterwegs.

Fahrradpolizisten sind immer im Zweierteam unterwegs. Vor Knöllchen sind die Passauer ebenfalls nicht sicher. Denn in den Fahrradtaschen auf dem Gepäckträger transportieren Yvonne Schwinge und Florian Pecho neben Funkgerät, Fotoapparat, Formblättern und Alkomat auch Strafzettelblöcke.

"Habt ihr jetzt ein Elektroradl bei der Polizei?" Ein Passant

Kurz vor Mittag, die Sonne brennt vom Himmel. Die vielen Touristen hält das nicht davon ab, sich mit Sonnenhut und Fotoapparat um den Hals durch die Fußgängerzone zu drängen. Die Polizisten schlängeln sich mit ihren Fahrrädern vorsichtig durch die Menschenmenge. Erlaubt ist dies normalerweise nur zwischen 18.30 und 10 Uhr, aber als Polizisten können sie von dem Sonder- und Wegerecht Gebrauch machen.

Neben Wortfetzen in verschiedenen Sprachen nehmen sie schon von weitem melancholische Akkordeonmusik wahr. Ein älterer Herr mit Strohhut sitzt auf einer Bank vor der Sparkasse. Sein Akkordeon schimmert grünlich im Sonnenlicht. Florian Pecho dreht den Kopf nach hinten und nickt seiner Kollegin zu. Er fährt näher an den Musiker heran und beugt sich mit freundlichem Blick über dessen Instrumentenkoffer. „Basst scho, danke“. Alles in Ordnung, der Akkordeonspieler besitzt eine Genehmigung, in der Fußgängerzone zu musizieren. Die beiden Polizisten fahren weiter in Richtung Dom.

Bürger haben Verständnis für die Radpolizisten

Polizei Passau Fahrrad 2
Yvonne Schwinge und Florian Pecho sind für die Polizeiinspektion Passau mit dem Fahrrad unterwegs.

In Situationen wie diesen werden die Vorteile des neuen Dienstfahrzeuges deutlich. Vor allem in Fußgängerzonen, auf Radwegen sowie in Park- und Grünanlagen, die mit dem Streifenwagen nur schwer zugänglich sind, werden Fahrradstreifen eingesetzt. Auch Demonstrationsmärsche haben Yvonne Schwinge und Florian Pecho mit ihren Pedelecs schon begleitet.

„Du bist einfach viel näher am Bürger dran“, sagt die Polizistin. Bei Diebstählen, Drogenmissbrauch oder kleineren Autounfällen im Stadtgebiet schickt die Zentrale Fahrradpolizisten zum Einsatzort. Natürlich soll die Fahrradstreife auch für die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer sorgen, weshalb präventiv Radfahrer auf ihr falsches Verhalten hingewiesen werden. Yvonne Schwinges bisherige Erfahrungen zeigen, dass „es mit dem Rad leichter ist, Fahrradfahrer anzuhalten, weil sie größeres Verständnis haben, als wenn einer aus dem Auto herausschreit“.

Polizisten ziehen Blicke auf sich

Auf Verständnis und Respekt der Fußgänger stoßen die beiden Fahrradpolizisten, als sie vom Dom in Richtung Innufer fahren. Ein Pärchen springt überrascht zur Seite und macht Platz für die Beamten, ein älterer Herr erschrickt und reißt aus Spaß die Hände hoch. Egal, wo sie unterwegs sind, aufgrund ihrer dunkelblauen Fahrradshirts mit der fettgedruckten Aufschrift „Polizei“ ziehen die beiden die Blicke auf sich. „Habt ihr jetzt ein Elektroradl bei der Polizei?“, fragen sie Passanten immer wieder und bringen die Polizisten dadurch zum Schmunzeln. Yvonne Schwinge und Florian Pecho genießen den neu gewonnenen Kontakt zu den Bürgern und freuen sich, an der frischen Luft unterwegs zu sein.

Über Kopfsteinpflaster geht es weiter Richtung Innkai. Das Wasser in Yvonnes Schwinges Trinkflasche schwappt hin und her, die Fahrräder klappern über die unebenen Straßen. Die Beamten sind froh, dass ihre Pedelecs keine normalen Straßenreifen, sondern Trekkingreifen aufgezogen haben. Froh sind die beiden auch über ihre spezielle Fahrradkleidung, weil das Radfahren selbst mit dem Pedelec anstrengend wird, wenn sich der Motor ab 25 km/h abschaltet. „Mit der normalen Uniform kannst natürlich auch radfahren, aber da fährst ein paar Meter und bist schon durchgeschwitzt“, sagt Yvonne Schwinge.

„Mit der normalen Uniform kannst natürlich auch radfahren, aber da fährst ein paar Meter und bist schon durchgeschwitzt.“ Fahrradpolizistin Yvonne Schwinge

Die vier Fahrradpolizisten in Passau testen derzeit im Rahmen des Projekts „Neue Dienstkleidung der Bayerischen Polizei“ verschiedene Outfits, angefangen von der Zip-Hose über die Regenkleidung bis hin zur Fahrradunterhose. Bis Ende Oktober 2018 dauert die Testphase noch, danach soll es eine einheitliche Fahrraduniform geben.

Yvonne Schwinge präsentiert gemeinsam mit Kollegen in Erlangen die neue Funktionskleidung und berichtet von ihren Erfahrungen. Innenminister Joachim Herrmann betont in seiner Rede, dass es sich um eine „Uniform von Polizisten für Polizisten“ handle. Herrmann, der in seiner Freizeit auch gerne Rad fährt, dreht im königsblauen Anzug gleich noch eine kleine Runde mit dem Pedelec. Das Bayerische Rote Kreuz ist mit zwei E-Mountainbikes vor Ort. Die Räder garantieren, dass die Helfer trotz der schweren Rucksäcke mit genügend Luft in den Lungen beim Patienten ankommen, um ihn gegebenenfalls wiederzubeleben.

In Passau biegen Yvonne Schwinge und Florian Pecho jetzt in Richtung Römerplatz ab. Da die Luitpoldbrücke derzeit gesperrt ist, müssen Radfahrer hier schieben. Ein kurzer Blick nach rechts genügt, kein Radfahrer ist in Sicht. Heute fallen hier also weder Verwarnung noch Bußgeld an. Am Passauer Rathaus halten die Polizisten abrupt an. Yvonne Schwinge und Florian Pecho konzentrieren sich auf den Funk, der sonst immer im Hintergrund läuft. In der Nähe eines Autohauses in Passau wurde eine Person entdeckt, die schon seit längerem per Haftbefehl gesucht wird. Kurze Absprache. Ergebnis: zu weit entfernt für die Fahrradpolizisten.

„Wenn du mit kurzer Hose und dem Fahrradhelm einem Betrunkenen gegenüberstehst, glaub ich jetzt nicht, dass dich der dann so für voll nimmt“ Fahrradpolizist Florian Pecho

„Wenn’s pressiert, dann fahren die Kollegen mit dem Auto“, sagt Florian Pecho und zuckt dabei mit den Schultern. Doch auch Verhaftungen oder Einsätze im Klostergarten sind schwierig, da sich dort oft Alkoholiker und Drogenabhängige aufhalten. Diese bringt die Polizei notfalls mit dem Auto zur Inspektion, weil es mit dem Fahrrad schlichtweg unmöglich ist. Generell sind Fahrradpolizisten zur eigenen Sicherheit nur tagsüber unterwegs, da sie im Dunkeln schlecht zu sehen sind. Außerdem befürchtet Florian Pecho, dass er nachts mit dem Fahrrad nicht ernst genommen wird: „Wenn du mit kurzer Hose und dem Fahrradhelm einem Betrunkenen gegenüberstehst, glaub ich jetzt nicht, dass dich der dann so für voll nimmt“.

  • Polizei Passau Fahrrad 5
    Innenminister Joachim Herrmann bei der Vorstellung der Pedelecs für BRK und Polizei
  • Polizei Passau Fahrrad
    Bei der Vorstellung der neuen Pedelecs stieg Innenminister Joachim Herrmann selbst auf ein Rad.

Der nächste Funkruf geht direkt an die Fahrradstreife. Mehrere Passanten haben in der Nähe der Polizeiinspektion eine Person gesichtet, die nur mit Unterhose bekleidet herumläuft. Wasserflasche zurück in die Gepäcktasche, Funkgeräte an den Gürtel, Blick nach links, rechts, links und ab auf die Straße. Yvonne Schwinge und Florian Pecho nutzen die Motorkraft ihrer Pedelecs, während sie die steile Straße hochfahren. Bei dem orientierungslosen Mann angekommen, begleiten sie ihn zu Fuß auf die Inspektion. Die scheinbar entspannte Rundfahrt durch Passau endet im normalen Alltagsgeschäft eines Streifenpolizisten. Gerade rechtzeitig, bevor es regnet. Doch auch dafür wären die Passauer Fahrradpolizisten gerüstet gewesen: mit ihrem neuen Dienst-Outfit inklusive Regenkleidung.

Text und Fotos: Sandra Brunnbauer und Lisa Müller, Studentinnen der Universität Passau


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