Geschichte

Das Messer und seine Schweizer

Vor 125 Jahren bestellte die Schweizer Armee erstmals Soldatenmesser. So begann die Geschichte der legendären Taschenmesser.

Luftraum über Bangalore, Maschine der Indian Airlines, 1976. Das Kind röchelt, ringt nach Luft, die Augen aufgerissen. Die Mutter schreit verzweifelt nach Hilfe. Ein Bonbon steckt in der Luftröhre fest. Zum Glück ist ein Arzt an Bord. Aber im Erste-Hilfe-Kasten fehlt ein OP-Messer. Da reicht ein Passagier dem Doktor ein neues, sauberes, scharfes Schweizer Offiziersmesser. Der Luftröhrenschnitt gelingt im letzten Moment. Das Kind ist gerettet.

Sackmesser aus dem kleinen Örtchen Ibach

Nicht immer ist es ein Menschenleben, das mit einem Taschenmesser gerettet wird. Aber auch nicht gerade selten. Und nicht immer ist ein original Schweizer Taschenmesser das Werkzeug des Helden. Aber meistens. Die Sackmesser aus dem kleinen Örtchen Ibach bei Schwyz sind – neben den Schweizer Uhren – der Inbegriff von Qualität made in Switzerland. Sie sind die Antwort des kleinen und großen Mannes auf die Zumutungen des Alltags, von heraushängenden Fäden über ungeöffnete Raviolidosen bis hin zu fehlenden Gürtellöchern. Ihr Design ist so zwingend, dass das Museum of Modern Art in New York und das Staatliche Museum für angewandte Kunst in München das „Original Swiss Army Knife“ in ihre Sammlungen aufgenommen haben. Ihren Durchbruch hatten die legendären Messer vor 125 Jahren, als die Schweizer Armee in der Messerschmied-Werkstatt von Karl Elsener ihre Soldatenmesser bestellte.

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Das Original Soldatenmesser von 1891 mit Ahle, Schraubenzieher (unten), Klinge und Dosenöffner. Foto: Victorinox

Erfunden haben die Schweizer das Taschenmesser nicht – auch wenn es zu ihnen gepasst hätte. Die ältesten Funde stammen von den Kelten (600 v. Chr., bei Hallstatt). Beliebt waren Klappmesser aus Bronze auch bei den Römern. Allerdings haben die Schweizer das Alltagswerkzeug innerhalb des letzten Jahrhunderts perfektioniert. Als die Bestellung der Armee 1891 in Ibach einging, war zunächst mal Land unter in dem kleinen, 1884 mit viel Mut gegründeten Betrieb. Eigentlich hatte man sich mit 27 Kollegen aus dem Verband Schweizerischer Messerschmiedmeister um die Herstellung beworben. Doch die sprangen ab und das erste Kontingent wurde aus Solingen geliefert. Doch Elsener holte den Auftrag zurück.

Sein Messer bot alles, was das Soldatenherz begehrt: Klinge, Ahle, Schraubenzieher und Büchsenöffner, zwischen zwei robusten schwarzen Eichenholz-Griffschalen. 1897 ließ Elsener sein „Schweizer Offiziers- und Sportmesser“ gesetzlich schützen. Die elegantere Ausführung für den höheren Rang integrierte auch einen Korkenzieher – nicht lebensnotwendig, aber doch ein Zeichen von Lebensart.

Ein Schweizer Messer ist eine Marke für sich

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Diese Maschine stanzt aus hochwertigem Stahl Klingen. Die Werkzeuge dafür konstruiert Victorinox selbst. Foto: Sauerer

Flug über den Atlantik, USA, 1988. Admiral G. Wheatley geht die Luft aus. Atemmaske defekt. Er hat zwei Möglichkeiten: Tiefer fliegen, aber da würde der Sprit nicht bis zum Festland reichen. Oder Flughöhe beibehalten, doch da droht ihm die Ohnmacht. Im letzten Moment fällt ihm sein Taschenmesser ein. Er repariert die Maske und fliegt planmäßig weiter.

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Präzise Handarbeit ergänzt die automatische Herstellung der Taschenmesser. Foto: Sauerer

Das Offiziersmesser oder „Swiss Army Knife“ wuchs um weitere Funktionen. Es gibt heute über hundert Modelle. Das aufwendigste davon hat 33 Werkzeuge und besteht aus 64 Einzelteilen, die in 450 Arbeitsschritten zusammengebaut werden. 28 000 Offiziersmesser und 32 000 andere Taschentools (260 Modelle) wandern täglich durch die Produktion von Victorinox in Ibach und in Delémont. Victoria – so hieß die Mutter des Firmengründers. 1909 benannte Karl Elsener die Marke nach ihr. Als 1921 der rostfreie Stahl – „Inox“ – erfunden wurde, bekam Victoria die Endung -inox. 2005 übernahm Victorinox den langjährigen Konkurrenten Wenger in Delémont. Bei Taschenmessern ist es fast wie bei Tempo-Taschentüchern: Man sagt Victorinox und jeder weiß, dass ein Schweizer Messer gemeint ist.

Mount Everest, Südwestwand, Himalaya, 1975. Klirrend kalter Wind verschlägt Doug Scott und Dougal Haston den Atem und vereist ihre Sauerstoffversorgung. Die Erstbesteigung der Route droht zu scheitern. Ob auch ihr Leben auf dem Spiel steht, interessiert die beiden in dem Moment nicht. Sie wollen auf den Gipfel. Mit dem Taschenmesser reparieren sie die Sauerstofftanks. Es geht weiter.

Felix Immler und der Schweizer Bubentraum

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Felix Immler aus St. Gallen hat sich als Naturpädagoge ganz dem Taschenmesser verschrieben. Foto: Sauerer

Wahrscheinlich hat jeder Schweizer ein Taschenmesser. „Und wenn nicht, dann hab’ ich hundert für einen“, sagt Felix Immler. Der 41-Jährige ist Sozialarbeiter und Naturpädagoge. Das Taschenmesser ist sein Ding. Er hat zwei Bücher darüber geschrieben und ein ganzes Waldcamp damit gebaut. Er setzt sich oberhalb von St. Gallen am Waldrand auf eine Bank vor einem Holzstoß. Unter ihm grüne Wiesen, in der Ferne der Bodensee. Er klappt sein Taschenmesser auf und schnitzt. Es wird ein kleiner Kreisel. Während er erzählt, wird klar: Es ist kein Zufall, dass das Taschenmesser in der Schweiz daheim ist.

In unserem Video bastelt Taschenmesser-Pädagoge Felix Immler mit seinem Taschenmesser einen kleinen Kreisel:

In der Schweiz gibt es wie in einigen nordischen Ländern das Jedermannsrecht. Man darf sich fast überall im Wald aufhalten, picknicken, schlafen, Feuer machen. „Den Bubentraum zu leben ist in der Schweiz leichter als anderswo“, sagt Immler. Daraus ist ein Teil der Schweizer Mentalität geschnitzt: aus einem Werkzeug, das in jeden Hosensack passt und mit dem man sich überall und in jeder Situation weiterhelfen kann.

Weltall, Tür zur Raumstation Mir, 1995. Chris Hadfield versucht, die Luke der russischen Raumstation zu öffnen. Keine Chance. Da bleibt dem kanadischen Astronauten nichts anderes übrig, als einzubrechen – mit Hilfe seines Schweizer Messers.

Alltag und Abenteuer für Kinder

Alltag und Abenteuer – mit dem Taschenmesser ist alles möglich. „Gefährliche Aufgaben sind wichtig für Kinder. Sie brauchen das, um innerlich zu wachsen“, sagt Felix Immler. Manchmal sehe man es sogar, meint er lächelnd: Sie überqueren einen Fluss auf einem Baumstamm – und danach schauen sie gleich zwei Zentimeter größer aus. Man drückt ihnen ein Taschenmesser in die Hand, und plötzlich sind sie stark. „Wir brauchen Mädchen und Jungs, die sich was trauen.“ Immler hat selbst zwei Kinder und war jahrelang Sozialarbeiter in einem Kinderheim. Er weiß, worauf Kinder Lust haben: „Sie haben Lust auf alles, was uns Betreuern und Eltern Angst macht: Holz hacken mit der Axt, Feuer machen, klettern, schnitzen.“ Nur wenn sie es richtig lernen, wird die Angst kleiner und das Kind stärker.

Weltall, Space Shuttle, 1983. Der deutsche Astronaut Ulf Merbold repariert auf der Raumfähre Columbia mehrere Versuchsanordnungen, die Millionen gekostet hatten – mit seinem Schweizer Taschenmesser. Das „Master Craftsman“ gehört seit 1978 zur Standardausrüstung der Astronauten. Mission geglückt.

3. Klasse, Grundschule, vor gut 30 Jahren – fast alle hatten eins. Felix Immler hat sein erstes, schönes Taschenmesser mit Namensgravur von seiner Patin bekommen. Er hat es dreimal verloren, und dreimal kam es zu ihm zurück. Einmal sogar bis aus dem Tessin. Heute ist es nicht mehr selbstverständlich, dass Kinder ein Taschenmesser besitzen. „Darin sehe ich meine Aufgabe: Sie sollen dieses tolle Werkzeug wieder kennenlernen“, sagt der Naturpädagoge. Deshalb schreibt er Bücher, bietet Kurse an, baut an seinem Camp weiter, dreht Videos.

Wie baut man mit einem Taschenmesser eine Flöte? Felix Immler zeigt es in unserem Video:


Soziale Kompetenz, Weitblick und Heimatverbundenheit

Ibach, Schwyz. Von der Fabrik aus geht der Blick in die Schweizer Berge, deren Gipfel selbst im Sommer der Schnee bedeckt. Durch ein geöffnetes Fenster in der Produktionshalle leuchtet eine sattgrüne, gelb getupfte Blumenwiese. Innen verrichten hoch spezialisierte Automaten ihren Dienst, im Raum daneben entgeht kein Makel den Argusaugen der Damen an geordneten Arbeitstischen. Kleine Serien werden sogar komplett von ihren fingerfertigen Händen zusammengebaut.

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Eingebettet in grüner Landschaft und zwischen hohen Bergen: die Produktion von Victorinox in Ibach/Schwyz. Foto: Sauerer

Leider kann ein Taschenmesser manchmal mehr sein als eine Allzweckwaffe gegen eingerissene Fingernägel, lockere Schrauben und Wursthäute. 9/11 bedeutete einen herben Einschnitt für den Messerhersteller. Terroristen hatten mit Teppichmessern und anderen Messern mit kurzen Klingen Flugzeuge gekapert, die sie unter anderem in die Türme des New Yorker World Trade Centers lenkten. Als Folge wurden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Der Umsatz brach um 30 Prozent ein. Dennoch wurde kein einziger Mitarbeiter entlassen. Die Elseners sind nicht nur Unternehmer mit sozialer Kompetenz, sondern auch mit Weitblick: Früh hatten sie die Produktpalette um Uhren, Bekleidung, Reisegepäck und Haushaltsmesser ergänzt.

Sieben Schnitzregeln

01 Sitzen

Wer schnitzt, der sitzt – das ist die wichtigste Regel! Aufstehen heißt, sofort das Messer einklappen. Wenn man sich das von Anfang an angewöhnt, kann schon mal weniger passieren.

02 Entfernung

Zum Nachbarn sollte generell mindestens eine Armlänge Abstand gehalten werden. So kommt man sich nicht gegenseitig in die Quere.

03 Schärfe

Das Messer muss unbedingt scharf geschliffen sein. Mit einem stumpfen Messer rutscht man viel leichter ab – und schneidet sich schlimmstenfalls ins eigene Fleisch.

04 Körperhaltung

Bei Rechtshändern liegt die linke Hand mit dem Schnitzstück auf dem linken Knie auf, bei Linkshändern anders herum. Geschnitzt wird immer in dem Bereich vor dem Knie.

05 Schnitzbewegung

Das Messer wird zur Sicherheit immer vom Körper weg geführt. Geschnitzt wird, indem man Druck ausübt und gleichzeitig das Messer leicht seitlich durch das Holz zieht.

06 Handhabung

Die lange Klinge ist das Brotzeitmesser, die kurze Klinge ist zum Schnitzen da. Je näher am Griff man das Messer ansetzt, desto kürzer ist der Hebel und umso präziser und kraftvoller kann man schnitzen.

07 Aufsicht

Je nach Erfahrung sollte immer ein Erwachsener dabei sein.

Weitblick: Hans Schorno, Pressesprecher von Victorinox, zeigt vom Dach in die eine Richtung. „Da unten war die Keimzelle“, sagt er, dann läuft er auf die andere Seite hinüber und deutet auf eine Brache. „Und da bauen wir weiter.“ Schweizer Messer werden weiter aus der Schweiz kommen. Aber die Geschichten dazu aus aller Welt.

Urenui, Neuseeland 1997. Chris Jamieson zögert keine Sekunde. Vor ihm ist ein Van von der Straße abgekommen und versinkt im Awakinofluss. Der Student springt ins Wasser. Vater, Mutter und ein Kind kann er aus dem Auto ziehen. Aber zwei Kinder hängen hinten in den Gurten fest. Chris tastet in seiner Hose nach dem Messer. Es ist da, wie immer, sein Schweizer Offiziersmesser. Er schneidet die Gurte durch und befreit die Kinder.

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