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Das Meisterstück am Morgen

Wie frühstückt man richtig? Schon der Prophet Elia und Bismarck wussten Rat. Die Wahrheit verbirgt sich hinter Bauklötzen.

Wer an Otto von Bismarck denkt, dem kommt in kulinarischer Hinsicht natürlich in erster Linie der Hering in den Sinn. Kein Wunder: Ist doch sogar eine Zubereitungsform dieses Fisches nach ihm benannt. Doch der ehemalige Reichskanzler hatte noch eine weitere genüssliche Leidenschaft. Ob am 21. März 1871, als er Kanzler des neugegründeten Deutschen Reiches wurde, oder am 15. Juni 1883, als er die Rentenversicherung einführte – für den Politiker musste jeder neue Tag mit einer richtigen Mahlzeit beginnen.

Schon am Morgen hatte Bismarck ein ausgeprägtes Faible für deftige Speisen: Mit Wurst und Räucherfisch startete er in den Tag. „Ich kann keinen ordentlichen Frieden schließen, wenn man mir nicht ordentlich zu essen und zu trinken gibt“, soll er einmal gesagt haben. Eine weitere Zutat des Bismarck’schen Frühstücksrituals jedoch sticht besonders ins Auge. Wenn man Berichten Glauben schenken mag, hat Otto von Bismarck bis ins hohe Alter täglich zwölf Eier zum Frühstück verdrückt. An guten Tagen können auch schon einmal 16 Eier drin gewesen sein.

Als Julia Axer, Ernährungsexpertin aus Regensburg, das hört, ist sie erst einmal sprachlos. Dann muss sie lachen. „Das ist ja Wahnsinn“, sagt sie. Schließlich rät die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, nicht mehr als zwei oder drei Eier zu essen – pro Woche. Das Frühstück à la Bismarck ist also nicht unbedingt empfehlenswert.

Wird die Bedeutung des Frühstücks überschätzt?

Bismarcks Hang zum ausgiebigen Morgenschmaus scheint in der heutigen Zeit verflogen zu sein. Immer mehr Menschen nehmen nur noch einen kurzen Snack zu sich, ehe sie zu ihrem Arbeitsplatz hetzen. Viele verzichten gar gänzlich auf das Frühstück, ein schneller Kaffee muss reichen. Doch wie bedeutsam ist das Frühstück nun tatsächlich? Ist es die wichtigste Mahlzeit des Tages, wie lange behauptet wurde, oder doch – die neuere Sichtweise – überschätzt und eigentlich überflüssig?

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Otto von Bismarck genehmigte sich bis zu 16 Eier zum Frühstück. Foto: dpa

Für Julia Axer fällt die Antwort eindeutig aus: Die Diplom-Ökotrophologin misst dem Frühstück weiterhin große Bedeutung bei. Wer frühstücke, sei leistungsfähiger und könne sich besser konzentrierten, sagt sie. Mit einem Mythos räumt sie aber auf: Es ist nicht unbedingt notwendig, das Frühstück direkt nach dem Aufstehen zu sich zu nehmen, schließlich sei ja nicht jeder gleich am Morgen im wahrsten Sinne des Wortes aufnahmefähig. Daher sei es auch in Ordnung, etwas später etwas zu essen, zum Beispiel, nachdem man in der Arbeit angekommen ist.

Auf keinen Fall sollte man das Frühstück komplett ausfallen lassen. Lieber wenigstens ein paar Happen auf dem Weg zur Arbeit zu sich nehmen, auch wenn das nicht ideal ist. „Aber immer noch besser als gar kein Frühstück“, sagt die Expertin.

Ein festes Frühstücksdogma gibt es also nicht (mehr). Wer wissen will, wie unterschiedlich das Frühstück in Deutschland mittlerweile interpretiert wird, muss nur auf dem sozialen Netzwerk Instagram den Hashtag #frühstück eingeben, schon zeigen die deutschen Frühstückstische ihre Vielfalt.

Effektiver Muskelbrei und üppige Schlemmertafel

Da ist zum einen das Bild eines muskelbepackten Sportlers, der oberkörperfrei einen wohl eher minder schmackhaften aber dafür umso effektiveren Brei zu sich nimmt. Ein anderes Bild zeigt einen Berg Waffeln, der mit Früchten garniert ist. Auf einem wieder anderen Bild steht eine Tasse Kaffee verloren auf einem Tisch. Im Gegensatz dazu findet man auch Bilder von üppig gedeckten Tafeln.

Diese Individualität hat auch durchaus seinen Grund. „Frühstücken ist wie mit Bauklötzen spielen“, sagt Julia Axer. Es gebe keinen festen Bauplan, der festlegt, wie ein Frühstück auszusehen hat. Vielmehr könne man sich seine Wunschmahlzeit aus vielen einzelnen Stücken nach Wunsch zusammenstellen.

Auch wenn es keinen festen Bauplan gibt, so sollte man manche Bausteine aber auf keinen Fall weglassen. Eine Kohlenhydratquelle – zum Beispiel Vollkornbrot – darf nicht fehlen, genauso wenig wie ein Fettspender. Entweder Butter – laut Expertin gesünder als Margarine – oder auch Nüsse. Dazu noch etwas Obst und Gemüse und natürlich etwas zu trinken, bestenfalls Wasser. Aber natürlich sind die Frühstücksklassiker Kaffee, Tee und Orangensaft auch in Ordnung.

Die Bedeutung fester Mahlzeiten nimmt ab

Ein derart ausgiebiges, facettenreiches Frühstück genehmigen sich die meisten Menschen indes nur noch an Wochenenden oder freien Tagen, wenn sie nicht zu sehr von den Anforderungen des Alltags gehetzt werden. Allgemein nehme die Bedeutung fester Mahlzeiten immer mehr ab, sagt Julia Axer. „Leider.“ Dies sei auch ein Grund dafür, warum immer mehr Menschen Probleme mit ihrer Ernährung und Übergewicht haben.

Daher rät die Expertin, Mahlzeiten wie feste Termine zu behandeln. „Ich sage meinen Kunden, dass sie sich das Frühstück oder Mittagessen sogar in ihren Terminkalender eintragen sollen“, sagt Julia Axer. So bekommt das regelmäßige Essen die Bedeutung, die ihm eigentlich zusteht.

Prophetischer Rat für den Nachwuchs

Wenn es um das Frühstücksverhalten des eigenen Nachwuchses geht, dann meint man, dass viele Eltern es mit dem Bibelvers 1 Könige 19,8 halten. Darin spricht der Engel des Herrn zum Propheten Elia: „Steh auf und iss! Denn du hast einen großen Weg vor dir.“ Ein Satz, der vielen Erwachsenen so oder ähnlich noch aus ihren Kindertagen im Ohr liegt. Doch auch wenn viele mit Graus an diese Aufforderung zurückdenken, sie hat durchaus ihre Berechtigung. Denn was für Erwachsene gilt, trifft auch auf Kinder zu: Ganz auf das Frühstück sollten sie nicht verzichten: „Kinder, die frühstücken, sind wesentlich leistungsfähiger in der Schule“, sagt Julia Axer.

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Todsünde oder royale Mahlzeit?

Obwohl das Frühstück durch den Propheten Elia offensichtlich schon in der Bibel belegt ist, taten sich katholische Glaubenshüter anfangs schwer damit: Im Mittelalter stigmatisierte manch übereifriger Prediger das Frühstück. Wer am Morgen allzu ausgiebig schlemme, so sagten sie, mache sich der Völlerei schuldig – immerhin eine der sieben Todsünden.

Zum 16. Jahrhundert hin rehabilitierte sich dann das Frühstück aber wieder, vor allem durch royale Fürsprache: Franz I. von Frankreich, der von 1515 bis 1547 König war, erklärte es für schicklich, um neun eine erste Mahlzeit zu sich zu nehmen. Auch eine andere Monarchin maß dem Frühstück große Bedeutung bei: Königin Elisabeth I. von England (regierte von 1558 bis 1603) war eine ausgewiesene Frühaufsteherin – ein ausgiebiges Mahl am Morgen gehörte ebenso dazu.

Ein Steak für Pioniere

Im 20. Jahrhundert hatte das Frühstück für US-amerikanische Soldaten im Zweiten Weltkrieg eine spezielle Bedeutung. Mussten sie in eine gefährliche Schlacht ziehen, wurde ein „Battle Breakfast“ serviert, eine äußerst deftige Variante, die aus einem Steak und Eiern bestand. Das gleiche herzhafte Frühstück bekamen 20 Jahre später auch die Astronauten-Pioniere, die sich aufmachten, das All zu erkunden.

Otto von Bismarck war zwar zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs längst tot und auch den Weg ins All hat er nie angetreten. Ein Steak mit Eiern – das hätte ihm aber wohl trotzdem gut geschmeckt. Dass ausgiebige Frühstücker leistungsfähig sind und viel erreichen können, dafür ist Bismarck ein gutes Beispiel. Zudem wurde er immerhin 83 Jahre alt. Auch wenn es natürlich nicht unbedingt zwölf Eier zum Frühstück sein müssen.

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