nr. sieben

Das innere Geschlecht

Rebecca und Martin fragten sich lang: „Was passt nicht bei mir?“ Seitdem sie die Antwort kennen, blühen sie auf.

Rebecca ist 31 Jahre alt und eine Frau. Die meiste Zeit ihres Lebens trug sie einen Jungennamen. Sie sah auch aus wie ein Junge. Aber ihr Ich war das eines Mädchens, auch wenn es ihr lange nicht bewusst war.

Martin ist 26 Jahre alt und ein Mann. Die meiste Zeit seines Lebens trug er einen Mädchennamen. Er sah auch aus wie ein Mädchen. Aber sein Ich war das eines Jungen, auch wenn es ihm lange nicht bewusst war.

Rebecca und Martin aus Regensburg sind Frau und Mann. Und zusammen ein Paar. Das klingt so einfach. Aber ihre Geschichten sind es nicht.

„Ich mach’ was falsch. Ich lass’ das lieber.“ Rebecca

Rebecca wächst in einem kleinen Ort in Oberbayern auf, wo die Luft sauber ist, die Skiberge direkt vor der Haustür liegen und die Kirche mitten im Dorf steht. Vater, Mutter, Kind spielen sie oft im Kindergarten. Die Mutter will sie sein, oder die Tochter. Aber sie kommt nicht zum Zug. Weil ihr als Junge doch der Vater wie auf den Leib geschrieben ist, finden die Freundinnen, soll sie ihn auch spielen. Die Rolle gefällt ihr nicht, aber Rebecca fügt sich. „Warum spielst du nicht mit den Jungs?“, fragen die Erzieherinnen. Und der Bub in der Puppenecke denkt sich: „Ich mach’ was falsch. Ich lass’ das lieber.“ Noch so ein Kinderspiel: „Du hast drei Wünsche frei, welche sind es?“ Rebecca will sagen: „Ein Mädel sein.“ Doch sie bleibt still und verschließt den Wunsch tief in ihrem Innern. Von ihrem ersten Taschengeld kauft sie sich Mädchenkleidung, von der niemand etwas wissen darf: zwei T-Shirts, ein Rock, Schuhe. Es fühlt sich gut an, ihr Geheimnis in Pink.

Ein Junge, der davon träumt, Polizist zu werden

Martin ist in München geboren, bald danach zieht die Familie aufs Land. Als Kind will er keine Röcke anziehen. Dann trägt er halt Hosen. Ist ja kein Problem für ein Mädchen. „Ich weiß genau, dass ich schon im Kindergarten gerne ein Junge gewesen wäre“, erzählt er. Seine Stimme klingt nach heiserem Tenor, dunkle Bartstoppeln rahmen sein Gesicht. In der Erinnerung sieht er sich als Junge, der davon träumt, Polizist zu werden. Und später daran scheitert, dass ein Zentimeter Körpergröße fehlt. Während der Grundschulzeit bittet er die Eltern, ihn als Junge anzureden. Sie halten es für eine Spinnerei. Er wählt damals den Namen seines Lieblingsonkels – das ist ein anderer als sein jetziger Rufname, der auch nicht Martin lautet. Trotzdem gehört auch der „Martin“ zu ihm. Bei Rebecca ist es das Gleiche. „Rebecca mit zwei c bitte“, diktiert sie.

„Von Transsexualität hatte ich ein verqueres Bild. Ich bin doch keine Drag Queen, dachte ich.“ Rebecca

Die Zeit am Gymnasium ist für sie schlimm, aber nicht wegen der Schule. Rebecca muss hilflos zuschauen, wie alles an ihr männlicher wird. Breite Schultern, tiefe Stimme, Körperbehaarung, Bartwuchs. Die anderen Jungs zelebrieren das: endlich ein richtiger Kerl sein. Äußerlich gehört Rebecca dazu, innerlich nicht. Händchen halten, der erste Kuss, die erste Liebe – alles nichts für sie. „Ich war nicht in der Lage, zu flirten. Normalerweise geht ja der Mann auf die Frau zu. Das konnte ich nicht.“ Krampfhaft versucht sie, in der Rolle zu bleiben. Denn alles, was sie sonst kennt, scheint auch nicht zu passen. „Von Transsexualität hatte ich ein verqueres Bild. Ich bin doch keine Drag Queen, dachte ich.“

In der internationalen Öffentlichkeit gibt es immer mehr Transgender-Frauen und -Männer, die offen mit ihrer Geschichte umgehen. Hier sind einige Beispiele:

  • Jennifer Peace
    Jennifer Peace kam mit 19 Jahren zum US-Militär und diente im Irak und in Afghanistan. 2014 begann sie den Prozess der Geschlechtsangleichung. Sie geht offen mit ihrer Transidentität um. Allerdings ist ihre Zukunft beim Militär offen: Im August hat US-Präsident Trump Transgender vom Militärdienst ausgeschlossen. Foto: dpa
  • Andreja Pejić
    Das international erfolgreiche Model Andreja Pejić kam 1991 in Tuzla (Bosnien-Herzegowina) als Andrej Pejić zur Welt und wuchs in Australien auf. Anfang 2014 unterzog sie sich einer geschlechtsangleichenden Operation. Foto: dpa
  • Caitlin Jenner
    2015 gab der frühere Zehnkampf-Weltrekordler Bruce William Jenner bekannt, eine Transfrau zu sein. Seither heißt sie Caitlyn. In der Reality-TV-Serie "I Am Cait" dokumentiert sie ihre Geschlechtsangleichung. Zuvor war sie in dritter Ehe mit Kris Kardashian verheiratet. Foto: E! Entertainment/dpa
  • Sarah McBride
    Sarah McBride, geboren 1990 als Tim, ist eine US-amerikanische LGBT-Aktivistin, die auch schon für das Weiße Haus arbeitete. Über ihre Kindheit erklärte sie: "Es war nicht so, dass ich meinte, anders zu sein, ich wusste buchstäblich, dass ich ein Mädchen bin." Foto: dpa
  • Geraldine Roman
    Geraldine Roman ist die erste Transfrau, die in den philippinischen Kongress gewählt wurde. Sie wurde 1967 als biologischer Mann geboren und lebt seit den 1990er Jahren als Frau. Foto: dpa

Bei den Hosen und den kurzen Haaren spielen Martins Eltern noch mit, auch seine Grundschulfreunde akzeptieren ihn als Kumpel. „Keiner hatte ein Problem“, erinnert sich Martin. Aber er selbst, als er das Kommunionkleid tragen muss. Es ist ganz eigenartig: Martin fühlt sich als Mädchen verkleidet. Und das mit dem Jungennamen klappt auch nicht. Die Mutter sagt: „Nö“, und der Vater erklärt nochmal die Sache mit den zwei Geschlechtern. „Ich bin weiblich und das ist halt nicht zu ändern – das habe ich derweil mal so akzeptiert.“ Der Übergang von der vierten in die fünfte Klasse ist dann ohnehin eine Zäsur: Die Familie zieht nach Regensburg und Martin erlebt seine Gymnasialzeit als etwas untypisches Mädchen. Und auch wenn das ein Klischee ist, wie so vieles andere im Bereich der Geschlechterrollen: Besonders gut ist Martin in den naturwissenschaftlichen Fächern. Er verliebt sich, probiert es mit Mädchen und Jungs. Aber es ist noch nicht das Wahre. Martin fragt sich immer wieder: Was ist es, das nicht passt? Die richtige Antwort verdrängt er. Am besten geht es ihm, wenn das Geschlecht keine Rolle spielt. Mit seinen besten Freunden klappt das.

Rebecca kann gut verdrängen, sofern sie Männerrunden meidet

Rebecca studiert in Regensburg Informatik. An der Uni sind Geschlechterrollen nicht so wichtig. Ihr Verdrängungsmechanismus funktioniert, solange keine „Männerrunden“ anstehen. Dann stößt sie plötzlich auf den Blog einer Transfrau. Es ist, als ob sie ihre eigene Geschichte liest: die eines Menschen, dessen Körper ein anderes Geschlecht hat als sein Bewusstsein, dem es dabei nicht in erster Linie um Sex geht, sondern um Identität. Sie will endlich eins sein mit ihrem Körper. Und sie erfährt, dass es geht.

„Ich hatte das Gefühl, alle schauen mich an.“ Martin

Martin, mittlerweile Physikstudent in den ersten Semestern, bekommt zunehmend psychische Probleme. Er fühlt sich verfolgt, beobachtet, den Blicken anderer ausgesetzt, verunsichert. „Ich hatte das Gefühl, alle schauen mich an.“ Er sucht Hilfe bei einem Psychologen. Ihm erzählt er nebenbei von seinem alten Kindheitswunsch, ein Junge zu sein. Schon während er redet, spürt er: Das ist es. Martin macht sich auf den Weg, er selbst zu werden.

Es ist ein langer, schwieriger, schmerzhafter und steiniger Weg. Wer ihn wählt, weiß: Das würde niemand tun, der sich nicht sicher ist. Bevor die Krankenkasse die Kosten für Hormontherapie und geschlechtsangleichende Operationen übernimmt, müssen die Betroffenen monatelang Psychotherapie und Alltagstests absolviert haben. Das heißt: Sie müssen bereits als Mann oder Frau leben, obwohl sie noch keine Hormone nehmen. Ab nächstem Jahr soll eine neue Richtlinie das Verfahren vereinfachen und beschleunigen. Hinzu kommt die Namensänderung, die 2000 bis 3000 Euro kosten kann.

„Es hat niemand schlecht reagiert, auch nicht in der Arbeit oder unter den Freunden.“ Rebecca

Rebecca fiebert in Torschlusspanik den Hormonen entgegen. Sie hat Angst, ihre Haare könnten ausfallen, bevor die Therapie beginnt. Als es so weit ist, wird zunächst ihre Haut weicher und reiner. Nach vier Wochen wachsen ihre Brüste. Behaarung und tiefe Stimme bleiben, dagegen helfen nur Laser und Logopädie. Rebecca streift die dichten Locken aus dem Gesicht, als sie ihren liebsten Wow-Moment schildert: „Ich wollte telefonisch bei einem Internetanbieter meinen Namen ändern. Die Frau sagte zu mir, da stimmt was nicht, ich hab’ unter diesem Namen nur einen Mann – und Sie sind doch eine Frau...“ Eine Frau. Aber wie werden die Eltern, Freunde und Kollegen reagieren? Zu Hause im Garten auf der Hollywoodschaukel erzählt sie es der Mutter, danach dem Vater. Sie sind zwar besorgt, nehmen die Nachricht ansonsten aber gut auf. „Es hat niemand schlecht reagiert“, sagt Rebecca, „auch nicht in der Arbeit oder unter den Freunden.“

„Es ist gut, wie es ist. Es ist kein angenehmer Weg, aber er gehört zu mir. Ich bin absolut glücklich.“ Martin

Martin ist so euphorisch, sein Problem erkannt zu haben, dass er es gleich allen mitteilt. Familie und Freunde sind nicht so begeistert wie er, aber keiner wendet sich ab. Seine kleinere Schwester meint: „Nun weiß ich, warum ich immer eine Schwester vermisst habe – ich hatte einen Bruder.“

Wie (oder wann) werde ich endlich so, wie ich schon immer sein wollte?

  • Transidentität bei Kindern und Jugendlichen lautet der Titel einer Fachtagung in Regensburg, die am 30. September 2017 von der Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie Dr. med. Sabine Kübber, der Erziehungs-, Jugend-, Familienberatung der Kathol. Jugendfürsorge sowie von KJ-Psychotherapeutin Dipl.-Psych. Heidi Zorzi veranstaltet wird.
  • Am Rahmenprogramm im Degginger (29.9., 20 Uhr, Performance „I love being who I am“) und Andreasstadel (30.9., 19 Uhr, Film „Una mujer fantástica – eine fantastische Frau“ und Diskussion) können Interessierte teilnehmen.

Als es raus ist, geht es ihm schlagartig besser. Martin blüht als Mann auf. Die Hormontherapie macht sich bald in der Stimme bemerkbar, dann beginnt der Bart zu sprießen. Ein paar Jahre ist das nun schon her. „Hormone sind wichtiger als die Operationen“, sagt er rückblickend. Rebecca nickt: Die OPs bilden nur den Abschluss. Manchmal beendet einer den Satz des anderen. Sie sind nicht nur ein Paar, sondern seelenverwandt. Getroffen haben sie sich beim Stammtisch der Regensburger Selbsthilfegruppe Trans-Ident. Dort hören sie oft üblere Geschichten als ihre.

Trotzdem lautet Rebeccas Wunsch nach wie vor: „Als Mädchen geboren zu sein.“ Martin schaut seine Frau an und sagt: „Es ist gut, wie es ist. Es ist kein angenehmer Weg, aber er gehört zu mir. Ich bin absolut glücklich.“

Transidentität ist bei Kindern schwer zu diagnostizieren. Dabei wäre eine frühe Hilfe gut, denn die Pubertät schafft irreversible Fakten. Die beiden Experten Dr. Alexander Korte und Michael Bastian sprechen hier über das Dilemma, in dem behandelnde Therapeuten und Ärzte stecken.

Text: Angelika Sauerer
Fotos: simoneminth/Fotolia und dpa

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