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Das große Krabbeln

Bettwanzen galten schon als ausgestorben. Nun sind die Parasiten wieder auf weltweitem Vormarsch – und resistent gegen viele Wirkstoffe.

Im Schutz der Dunkelheit suchen sie nach Opfern. Nach jenen, die arglos in den Betten schlummern. Untertags lauern sie im Verborgenen, doch des Nachts beginnt ihr Beutezug. Wie Vampire laben sie sich am Blut des Menschen, still und unbemerkt – und zwar schon seit Jahrtausenden. Die Bewohner einiger Balkanregionen sollen sich zum Schutz vor den mythischen Nachtgestalten ja einst Knoblauch an ihre Betten gehängt haben. Heute streuen sie dagegen Bohnenblätter rund um ihre Schlafstätten. Auch die sollen schützen. Allerdings nicht vor Vampiren, sondern vor nahezu ebenso grausigen Kreaturen. Mit den einfachen Mitteln der Natur wollen sich die Menschen dort Bettwanzen vom Leib halten. Denn die sind nach jahrelanger Absenz wieder auf weltweitem Vormarsch. Und sie sind stärker denn je.

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Der Körper der Bettwanze ist papierflach, was ihr den umgangssprachlichen Namen „Tapetenflunder“ einbrachte.Foto: Arno Burgi/dpa

Mit bloßem Auge sind die krabbelnden, rostbraunen Parasiten kaum zu erkennen. Kein Wunder, denn die Cimex lectularius erreicht im vollgesogenen Zustand gerade mal die Größe eines Apfelkerns. Und doch sorgen die nächtlich strawanzenden Winzlinge immer wieder für großes Chaos. Mit dem enormen Befall einer Feuerwache zwangen die nach allen Prinzipien der Ästhetik hässlichen Blutsauger im US-amerikanischen Woonsocket in Rhode Island eine ganze Feuerwehrtruppe zum zeitweisen Umzug. Filialen von „Abercrombie & Fitch“ oder „Victoria’s Secret“ wurden ebenso Opfer des krabbelnden Alptraums, wie das August-Schuster-Haus in den Ammergauer Alpen. Dort wimmelte es von solchen Ungeziefer-Scharen, dass die namhafte Berghütte ihre Pforten für ein halbes Jahr schließen musste. Am Ende half nur noch eine grundlegende Sanierung. Dabei war die Bettwanze vor einigen Jahren doch schon fast gänzlich von der Bildfläche verschwunden.

Heute aber häufen sich die Befälle wieder weltweit. Allein in Berlin stieg die Zahl der Bettwanzenbekämpfungen in den letzten zehn Jahren um ein Sechsfaches an. Rückten die Schädlingsbekämpfer dort 2007 noch zu 210 Einsätzen aus, machten selbige den Parasiten 2017 schon 1229 Mal den Garaus. Dr. Arlette Vander Pan vom Bundesumweltamt führt das große Krabbeln vor allem auf die Globalisierung und die damit verbundene Reiselust zurück. „Die Bettwanze war in den industrialisierten Ländern schon nahezu ausgestorben“, erklärt die Biologin.

"Über Versandartikel können Bettwanzen so klammheimlich in die trauten vier Wände gelangen."

Als blinde Passagiere traten die bluthungrigen Vielfüßler aber fortan ihren Siegeszug an. An Bord von Rucksäcken und Koffern, zwischen schmutziger Wäsche oder in den Schlupfwinkeln von Bussen, Zügen und Flugzeugen bummeln die Wanzen um den gesamten Globus. Vor allem in Australien und den USA treiben die Krabbler ihr Unwesen. „Auch der nationale und internationale Handel von Gebrauchtwaren ist durch das Internet massiv gestiegen“, sagt Vander Pan. Über Versandartikel können Bettwanzen so klammheimlich in die trauten vier Wände gelangen. Und ist das erst mal passiert, wird womöglich schon ein einziges Tier ganz schnell zur Tortur. „Nimmt man sich ein bereits befruchtetes Weibchen mit, kann dieses sofort mit dem Legen der Eier beginnen“, erklärt Vander Pan. Und bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von sechs Monaten können das bis zu 200 werden. Dann hilft laut Vander Pan nur noch eines: einen Schädlingsbekämpfer rufen. Von eigenen Initiativen gegen die Parasiten rät die Biologin dagegen strengstens ab: „Das kann fatale Folgen haben.“ 

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Dr. Arlette Vander Pan Foto: Umweltbundesamt

Doch auch die Kammerjäger stehen mittlerweile vor Problemen. Denn ihnen steht inzwischen nur noch eine begrenzte Zahl von Wirkstoffen zur Verfügung, mit denen sie den Kampf gegen die Blutsauger antreten. Insektizide wie Lindan oder Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT) sind längst nicht mehr zugelassen. Zu sehr schadeten die Gifte der Umwelt und der Gesundheit, so dass sie vor Jahren verboten wurden. Ganz zur Freude der Parasiten. Denn die entwickelten zudem auch Resistenzen. Damit die Wanzen dennoch nicht als ungebetene Gäste in den Federn von Hotels oder privaten Wohnungen herumtanzen, entgegnet man den kleinen Quälgeistern heute vor allem mit Wärme. „Die Heißluftbehandlung ist eine gesellschaftlich hochakzeptierte Behandlungsmethode“, erklärt Andreas Beckmann, Geschäftsführer des Deutschen Schädlingsbekämpfer-Verbandes. Zwar beginnen die Eiweiße der Tiere bereits bei 43 Grad zu gerinnen, doch um auch alle Ritzen und Spalten zu erreichen, wird bei einer Wärmebehandlung auf bis zu 60 Grad hochgeheizt. Schließlich sind Bettwanzen Meister des Versteckens: Sie verkriechen sich in Steckdosen, Abdeckleisten, hinter Spiegeln oder – angelockt vom CO2 des Menschen – direkt in Matratzen, Bettgestellen und dem Kopfteil der Schlafstätten.

Für die Schädlingsbekämpfer ist es deshalb oft umso schwieriger, die lauernden Biester in ihren Schlupflöchern zu finden. Es bedarf an Erfahrung – oder einem guten Riecher. „Bei frischem Befall können Bettwanzenspürhunde helfen. Der Mensch sucht da länger“, erklärt Beckmann. Doris Reichert aus Rieden ist eine der wenigen in Ostbayern, die die Wanzen mit Hilfe eines Vierbeiners aufspürt.

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    Gibbs erschnüffelt Bettwanzen und beschleunigt die Arbeit der Schädlingsbekämpfer. Foto: Reichert
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    Doris Reichert begann vor drei Jahren mit Bettwanzenspürhunden zu arbeiten. Foto: privat

Ihren Schäferhund Gibbs musste sie dafür erst mal umschulen. Denn dieser war es eigentlich gewohnt, nach Sprengstoff zu suchen. Heute erschnüffelt der sieben Jahre alte Vierbeiner die kleinen Krabbler anhand ihres süßlichen Geruchs, den sie ausstoßen, um sich gegenseitig anzulocken. „Am Anfang war ich skeptisch, da der Geruch der Bettwanzen sehr seicht ist“, erklärt Reichert. Ihr Hund Gibbs musste „durch eine sehr schwere Schule“. Am Frankfurter Flughafen bestand der aufgeweckte Vierbeiner schließlich seine Prüfung. „Es hat tatsächlich funktioniert“, sagt Reichert. Mittlerweile ist sie mit ihrem schnüffelnden Partner quer durch die Republik unterwegs.

Spätestens macht sich ein Befall durch die Stiche der Wanzen bemerkbar. Weil die Krabbler meist nicht gleich beim ersten Versuch eine geeignete Stelle zum Blutsaugen finden, treten diese oft in sogenannten Stichstraßen auf. „Dabei entstehen starkjuckende, rote Quaddeln. Manchmal kommt es auch zu Blasenbildungen“, erklärt Dr. Stephanie Schmidt.

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Dr. Stephanie Schmidt Foto: Hautärzte-Regensburg

Bei wiederholten Stichen kann es laut der Regensburger Dermatologin sogar so weit kommen, dass alte, bereits verheilte Läsionen erneut aufblühen. „Das ist spezifisch für Bettwanzen.“ Zwar könne es bei Patienten im schlimmsten Fall sogar zu allergischen Schocks oder Superinfektionen kommen, doch insgesamt seien die Stiche doch eher harmlos. „Man kann sagen, dass Bettwanzen unangenehm, aber weitgehend harmlos sind.“ Meist reiche eine cortisonhaltige Creme, damit die Beschwerden wieder abklingen.

Die Bewohner der Balkanregionen wollen es indes erst gar nicht so weit kommen lassen. Schließlich funktioniert der Geistesblitz mit den Bohnenblättern ja offenbar hervorragend. Durch winzige, nadelspitze Widerhaken an der Oberfläche der Blätter werden die nervtötenden Blutsauger aufgespießt, oder – um im Bild zu bleiben – gepfählt. Am Morgen werden die pflanzlichen Fallen dann eingesammelt und mitsamt den Wanzen verbrannt. Eben genau wie bei Vampiren.

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Fotos: Reichert, Hautärzte-Regensburg, Umweltbundesamt & dpa
Text: Alex Huber

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