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nr. sieben

Das globalisierte Spiel

Der Fussball und die Taktik: Die Kleinen spielen wie die Großen und umgekehrt. Bei der WM in Russland ist also vieles offen.

Die brasilianische Fußball-Nationalmannschaft überraschte ihre Gegner bei der Fußball-WM 1958 in Schweden mit einem noch weitgehend unbekannten Spielsystem. Offensive Verteidiger, zurückhängende Stürmer – das gab’s bis dahin nicht. Die Brasilianer brauchten selbst ein wenig Zeit, um das System zu begreifen, aber im Halbfinale (gegen Frankreich) und Finale (gegen den Gastgeber Schweden) gab es fulminante 5:2-Erfolge. Und die größte Sensation hieß nicht Pelé, sondern Didi.

Überrascht heute noch jemand mit einem Spielsystem?

Nein. Die Stars aus allen Erdteilen spielen fast ausnahmslos in den europäischen Top-Ligen. Es gibt keine Geheimnisse und keine Überraschungen mehr. Es gibt auch keine Stereotype mehr, mit denen das Spiel bestimmter Nationalteams charakterisiert werden kann. Nicht mal der frühere englische Stürmer Gary Lineker hat noch recht: „Fußball ist ein einfaches Spiel. 22 Spieler jagen dem Ball hinterher und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“

Wie Autos sich weltweit gleichen und das Bier in Rio so schmeckt wie in München, decken sich die Spielideen.

Die Globalisierung hat den Fußball längst erfasst. Der Prozess der Annäherung war schleichend, mit dieser WM ist er vollzogen. Wie Autos sich weltweit gleichen und das Bier in Rio so schmeckt wie in München, decken sich die Spielideen. Die Kleinen spielen wie die Großen und umgekehrt. Früher suchte eine WM nicht nur die beste Mannschaft, sondern ermittelte darüber hinaus den besten Spielentwurf. Heute steht die Taktik fest, entscheidend ist die Qualität ihrer Umsetzung. Das war nicht immer so.

Ein System mit W und M

FOTO: © FOTOLIA, ROBERT KNESCHKE | ILLUSTRATION: INGE BRUNNER, MZ

Als die Brasilianer vor 60 Jahren mit ihrem genialen Trainer Vicente Feola zum Titel rauschten, trotteten die Gegner noch im sogenannten WM-System über den Platz, auch Titelverteidiger Deutschland. Die Buchstaben W und M stehen nicht für Weltmeisterschaft. Das W zeichnet, etwas in die Breite gequetscht, die taktischen Positionen der drei Stürmer und zwei Halbstürmer auf dem Feld nach, das M diejenigen der defensiven Spieler (siehe Grafik). Zu den beiden Verteidigern gesellte sich auf der hintersten Linie der Mittelläufer, davor, an den Spitzen des M, spielten die beiden etwas nach innen gerückten Außenläufer. Fürs Tore schießen waren die Mannen im W zuständig. Schaut man sich die 25 Torschützen des siegreichen deutschen Teams während der Weltmeisterschafts-Endrunde von 1954 an, finden sich hier praktisch nur Stürmer und Halbstürmer.

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Herzstück eines Doppel-Weltmeisters: Didi führte Brasilien 1958 und 1962 zum Titel. Foto: efe/EPA/dpa

Nicht nur die Klasse von Spielern wie Pelé, Vava oder Garrincha also gab den Ausschlag für den – endlich – ersten Titelgewinn einer brasilianischen Nationalmannschaft in der WM-Geschichte. Sondern das neue taktische Konzept 4-2-4. Für dessen Umsetzung auf dem Feld war ein Spieler verantwortlich, der weder einem W noch einem M angehörte: Didi! Der damals 29-Jährige, mit bürgerlichem Namen Valdir Pereira, zog die Fäden im Mittelfeld der Seleção, setzte das Offensiv-Quartett nach Belieben ein und half zusammen mit Nebenmann Zito der Abwehr, wenn der Gegner den Ball hatte. Von den vier Stürmern agierte der erst 17-jährige Pelé leicht zurückhängend.

Ein Psychologe hielt Pelé und Garrincha für ungeeignet

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Die Mannschaft Brasiliens, die am 1958 in Stockholm zum ersten Mal den Weltmeistertitel für ihr Heimatland erkämpfte: knieend (v. l.) Garrincha, Didi, Pele, Vava und Zagalo, Konditionstrainer Paulo Amaral; stehend (v. l.) Trainer Feola, Djalma Santos, Zito, Kapitän Bellini mit dem Jules-Rimet-Pokal, Nilton Santos, Orlando und Gilmar. Foto: dpa

Didi war also für etwas zuständig, was man heute Umschaltspiel nennt. Während der brasilianische Stratege dabei vor 60 Jahren noch weitgehend ungehindert im Mittelfeld agieren konnte, würde er heute schnell auf einen oder mehrere Gegenspieler treffen. Die meisten Mannschaften beherrschen das blitzartige Umschalten nach einem Ballverlust von Angriff auf Verteidigung. Gegenpressing sagt man im Fachjargon. Mit fixen Angriffen nach einem Ballgewinn ist ein Gegner nicht mehr leicht zu überrumpeln. Was nicht heißt, dass dies trotzdem auch immer wieder gelingt.

Zurück zu Brasilien 1958: Pelé sollte ebenso wie Rechtsaußen Garrincha gar nicht mitfahren nach Schweden. Trainer Feola beorderte vor der endgültigen Nominierung des Teams einen Psychologen ins Trainingslager. Der befand Pelé als zu jung und unreif, Garrincha dagegen sei intellektuell derart rückständig, dass mit ihm kein Staat zu machen sei. Der Trainer schlug den Rat in den Wind, stellte beide bei der WM aber erst im dritten Spiel auf. Pelé erzielte dann in vier Spielen sechs Tore, Garrincha spielte den gegnerischen Verteidigern Knoten in die Beine.

Ausgetüftelte Taktik, individuelle Klasse der Spieler, das Momentum, also die Zeit, in der einfach alles funktioniert, oder immenser Mannschaftsgeist – was gewinnt Spiele?

Die Ästhetik des brasilianischen Stils garantierte lange Zeit Erfolge, ehe die Ballkünstler vermehrt an den Raubeinen europäischer Kicker-Athleten scheiterten. Man passte sich zwischendurch diesem Kraftfußball an, brauchte lange, um das Talent der Spieler wieder wirksam einzusetzen und schaffte immerhin noch die WM-Titel vier (1994) und fünf (2002). Seitdem wartet Brasilien auf einen weiteren Triumph.

Eine ausgetüftelte Taktik, die individuelle Klasse der Spieler, das Momentum, also die Zeit, in der einfach alles funktioniert, oder immenser Mannschaftsgeist – was gewinnt Spiele?

Die großen Blamagen der Engländer und der Italiener

Pak Do Ik
Nordkorea-Sensation 1966: Szene mit Pak Doo Ik (rechts), der Italien aus dem Turnier schoss. Foto: dpa

Taktischer Vorsprung und individuelle Klasse allein sind es jedenfalls nicht immer. 1950, bei der WM in Brasilien, gehörte England mit Stars wie Alf Ramsey oder Stan Matthews zum Favoritenkreis. Man traf auf die USA. Die US-Boys, allesamt blutige Amateure, wollten nicht zu hoch verlieren, zogen am Vorabend aber noch munter durch die Bars von Belo Horizonte. Sie wurden schwindlig gespielt, aber die Engländer vergaßen das Tore schießen. So gingen die Amerikaner durch einen Zufallstreffer in Führung und in der Folge wuchs nicht nur US-Keeper Frank Borghi, ein Leichenwagenfahrer, über sich hinaus. Der Leichenwagenfahrer hielt den Kasten sauber – und die hochnäsigen Briten mussten nach Hause.

Ähnlich erging es den mit vielen Stars angereisten Italienern 1966 in England. Im Gruppenspiel gegen Nordkorea hätte ein Unentschieden zum Einzug ins Viertelfinale gereicht. Aber die Azzurri vergaben unzählige Torchancen und fingen sich ein Gegentor ein. Zuhause wurde die Mannschaft von den enttäuschten Tifosi mit Tomaten und faulem Obst empfangen. Die Nordkoreaner hingegen waren so berauscht, dass sie im anschließenden Viertelfinale gegen Portugal nach 25 Minuten mit 3:0 führten, ehe Portugals Superstar Eusebio aufdrehte und vier Tore zum 5:3-Erfolg beisteuerte. Das Momentum war von den Asiaten zu den Portugiesen gewechselt.

Good bye, Kick and Rush!

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Während der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika hat Franz Beckenbauer der englischen Mannschaft im Auftaktspiel gegen die USA vorgeworfen, „Kick and Rush“ zu spielen. Das ärgerte die Briten. Das Foto zeigt eine Szene mit Stürmer Wayne Rooney im Mittelpunkt. Das Vorrundenspiel ging 1:1 aus. Foto: Rolf Vennenbernd/epa/dpa

England, das Fußball-Mutterland, war jahrzehntelang für sein Kick and Rush bekannt, also einer schnellen Spieleröffnung mittels weit nach vorn geschlagener Bälle. Heute, da in der finanzstarken englischen Premier League zahllose Top-Stars aus aller Herren Länder spielen und Trainer wie Pep Guardiola, José Mourinho und Jürgen Klopp das Sagen haben, ist dieser Stil nicht mehr gefragt. Er wäre auch nicht erfolgreich. Englands Auswahlteam, in Russland so etwas wie ein Geheimfavorit, hat sich längst dem ballsicheren und schnellen Aufbauspiel anderer Nationen angepasst.

Die USA 1950 oder Nordkorea 1966 wussten, dass sie eigentlich chancenlos waren. Die Devise war „Kampf um jeden Ball, solange die Puste reicht“ oder anders ausgedrückt: „Hinten dicht und vorne hilft der liebe Gott“. Natürlich gibt es auch heute noch extrem defensiv ausgerichtete Mannschaften, deren Erfolg aber neben einer guten Zweikampfquote eine Folge von strenger Disziplin in der Umsetzung engmaschiger, ballorientierter Raumdeckung ist – Überzahl im Mittelfeld lautet eines der Zauberworte. So wird der Gegner vom eigenen Tor ferngehalten und kommt nur zu wenig guten Chancen.

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    Xavi, Herz und Hirn der Spanier beim WM-Gewinn 2010 und den EM-Siegen 2008 und 2012. Foto: Gebert/dpa
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    Xavi in Aktion im EM-Finale gegen Italien 2012 Foto: Georgi Licovski/epa/dpa

Spanien hatte eine Lösung gegen diese „Vielbeinigkeit“. Die Nationalmannschaft, die über lange Zeit an einer gewissen Harmlosigkeit vor dem Tor und mangelnder Durchsetzungsfähigkeit litt, kombinierte sich zwischen 2008 und 2012 mit traumhafter Ballsicherheit und wunderbaren Laufwegen durch jede Abwehr hindurch und zeigte, dass auch jede noch so gute Defensivarbeit ihre Grenzen hat. Die schöne Folge der neuen Treffsicherheit waren drei Titel (zweimal Europa-, einmal Weltmeister). Schon kurze Zeit später aber gab es einen Knick im spanischen Kurzpass-Zauber: Die Kontrahenten hatten Rezepte dagegen gefunden. Der Schönheit des Spiels war dies nicht unbedingt förderlich. Portugal etwa holte 2016 mit unattraktivem Langeweile-Fußball den Europameistertitel.

Cruyff und der „Fußball total“: Die Zeit der Niederländer

Alles andere als langweilig war es Anfang der 70er-Jahre. Gefunden schien nichts weniger als der Stein der Weisen. „Fußball total“ hieß der Stil, mit dem Ajax Amsterdam die europäische Szene dominierte, dreimal in Folge den Europapokal der Landesmeister (heute Champions League) gewann und diesen Stil auch in die niederländische Nationalmannschaft transferierte. Gespielt wurde ein 4-3-3-System mit einer taktischen Aufgabe für jede Position. Die musste jedoch nicht immer vom selben Spieler ausgeführt werden. Auf dem Höhepunkt der Ajax-Dominanz mit dem Trainer Rinus Michels stand Stürmer Johan Cruyff im Mittelpunkt.

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    „Fußball total“: Johan Cruyff im Trikot von Ajax Amsterdam. Der WM-Titel blieb ihm versagt. Foto: epa/dpa
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    Johan Cruyff (Mitte) gegen die Deutschen Paul Breitner (l.) und Berti Vogts während des WM-Finales 1974 im Münchner Olympiastadion. Deutschland gewann 2.1. Foto: dpa
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    Helenio Herrera, als Trainer bei Inter Mailand Begründer des Defensiv-Stils „Catenaccio“ Foto: Archiv/Wikipedia

Er trieb sich überall auf dem Feld herum, seine Mitspieler füllten die entstandenen Lücken traumhaft sicher aus, so dass das Spiel der Mannschaft eine ungeheure Dynamik entfaltete. Da mussten sogar Italiens Defensivkünstler, die in den 60er-Jahren das Geschehen mit dem sogenannten Catenaccio bestimmt hatten, klein beigeben.

Immer mehr Spieler aus Südamerika heuerten bei den reichen Klubs in Europa an. Die Folge war, dass sich deren Nationalteams den Spielsystemen aus Europa annäherten – nicht immer zu deren Vorteil. So enttäuschte etwa 1974 bei der WM in Deutschland ein uninspiriertes Team aus Brasilien mit schematischem Ergebnisfußball, während die Niederländer und gegen Ende auch die Deutschen einen begeisternden Offensiv-Stil zeigten. Bitter für Hollands Fußballzauberer, dass sowohl das WM-Finale 1974 (1:2 gegen Deutschland) als auch das Endspiel 1978 (1:3 n.V. gegen Argentinien) jeweils gegen den Gastgeber verloren gingen. Eigentlich waren sie in beiden Spielen besser. Die Dominanz war gebrochen, ehe zehn Jahre später bei der EM in Deutschland doch noch ein Titel in die Niederlande ging – dann mit Stars wie Ruud Gullit und Marco van Basten.

„Es gibt keine Kleinen mehr“

Auch afrikanische und asiatische Spieler drängten nun vermehrt in die Top-Ligen Europas. Eine Entwicklung begann, die heute in der Feststellung „Es gibt keine Kleinen mehr“ mündet. Das erste Ausrufezeichen setzte Algerien, als es 1982 gegen Deutschland mit 2:1 siegte. Kamerun bezwang im Auftaktspiel der WM 1990 den Titelverteidiger Argentinien mit 1:0 und wurde erst im Viertelfinale von England (2:3) gestoppt. Der Senegal schlug den amtierenden Weltmeister Frankreich 2002 mit 1:0 und im gleichen Turnier warf Co-Gastgeber Südkorea Spanien und Italien aus dem Turnier, ehe im Halbfinale Deutschland Endstation war (0:1).

FOTO: © FOTOLIA, ROBERT KNESCHKE | ILLUSTRATION: INGE BRUNNER, MZ

Fußball ist nicht gerecht: Die Besseren können verlieren

Apropos Deutschland: 2010, bei der WM in Südafrika, zeigte eine junge Mannschaft um den neuen Kapitän Philipp Lahm ein begeisterndes 4-2-3-1-System mit großer Ballsicherheit und Tordrang. Coach Joachim Löw hatte dieses System zwar nicht erfunden, es mit diesem Team aber perfekt in Szene gesetzt. Nur Spanien war damals besser.

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Philipp Lahm, Kapitän der jungen deutschen Mannschaft bei der WM 2010 Foto: Ronald Wittek/dpa

Fußball ist letztlich kein gerechtes Spiel. Die bessere Mannschaft kann verlieren, weil am Ende nur zählt, wie oft der Ball über die Torlinie ging. Und am Reißbrett bzw. an der Taktiktafel arbeiten die Übungsleiter zwar gerne und viel, aber die „Wahrheit ist auf’m Platz“, um einen überraschend erfolgreichen Coach wie Otto Rehhagel zu zitieren. Der Fuß ist zudem nicht der geschickteste Körperteil des Menschen, außerdem kann es furchtbar regnen, der Rasen kann stumpf sein und so weiter.

In Russland sehen wir 32 Mannschaften, die diszipliniert das umsetzen, was in der Teambesprechung gesagt wird. Ihre Gegner werden sie damit nicht überraschen können. Vielmehr wird es darauf ankommen, möglichst wenig Fehler zu machen, kühlen Kopf zu bewahren und mit heißem Herzen seine Chance zu suchen. Wenn dann noch etwas Glück hinzukommt…

Glück brauchten übrigens auch die Brasilianer 1958. Ein Freistoßtreffer kurz vor Schluss brachte sie im entscheidenden Qualifikationsspiel gegen Peru erst zur WM. Torschütze: Didi.

Der Autor Manfred Sauerer

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Manfred Sauerer sieht lieber Fußballspiele, die 5:4 ausgehen als 1:0. Zur Taktik hat er ein gespaltenes Verhältnis: Sie kann Mannschaften sympathisch machen, aber auch unsympathisch. Er hat lange in der Sportredaktion gearbeitet und 1990 für die MZ von der WM in Italien berichtet.

Einer gegen alle - geht das im Fußball?
Lesen Sie dazu auch die Analyse von Jürgen Scharf.

Alles über die Fußball-WM in Russland finden Sie hier.

Text: Manfred Sauerer
Grafik: Inge Brunner
Illustration: Robert Kneschke, Fotolia
Fotos: Thomas Eisenhut/dpa, efe/epa/dpa, Rolf Vennenbernd/epa/dpa, Gebert/dpa, Georgi Licovski/epa/dpa, Ronald Wittek/dpa

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