nr. sieben

Das Geheimnis der Ruhe

Im Passauer Kloster St. Nikola wartet die Stille. Die Zeit bleibt nicht stehen, aber sie vergeht anders. Woran liegt das?

Es ist der Weg in eine eigene Welt. Zwei große Glastüren mit goldbraunem Rahmen öffnen sich. Die Pforte des imposanten Klosters St. Nikola in der Innenstadt von Passau versprüht den Charme der 60er Jahre, unscheinbar und bescheiden. Neben der Tür kann man einen Blick in den Pförtnerinnenraum erhaschen. Eine ältere Schwester sitzt an einem kleinen Holztisch, auf dem ein Drehscheibentelefon steht. Die Begrüßung ist freundlich. Willkommen in der Stille und Einkehr.

Innerhalb der Klostermauern tut sich ein großer Gang mit weiß gestrichenen, massiven Wänden auf. Das Licht ist schummrig, die Beleuchtung spärlich. Nach wenigen Metern wird es heller. Der Gang geht in einen Kreuzgang über, der einen Klostergarten umgibt. Mehrere kleine Blumenbeete lockern die große Grünfläche auf, rundum ragen die Klostermauern in die Höhe. Außer einem Gärtner, der neben einem der Beete kniet und Unkraut jätet, ist niemand zu sehen. Die Ruhe, die über allem liegt, wird lediglich durch das Geschirrgeklapper aus der Küche gestört. Von der Straße dringt kein Laut herein, obwohl nur wenige Meter Luftlinie entfernt die hektische Außenwelt vorbeitost und auch die Universität mit Tausenden von Studenten im Westen angrenzt.

Mit 20 Jahren ins Kloster

Ist es der Ort, der die Zeit zu bremsen scheint? Oder die Menschen, die hier leben? Sind es die Gebete, Rituale und Regeln, die sie verbinden? Eine Spurensuche im Stillen.

Kloster St Nikolaus Passau 6

Schwester Mirjam hat das Weltliche schon vor fast 60 Jahren hinter sich gelassen. Die Ordensschwester trägt eine weiße Schwesterntracht und eine schwarze Weste darüber, wie es für den Deutschorden typisch ist. Schwester Mirjam ist 1961 im Alter von 20 Jahren in das Kloster eingetreten. Davor aber verbrachte Elfriede Müller – auf diesen Namen hörte sie in ihrem früheren Leben – schon viel Zeit hinter diesen Mauern. Von 1954 bis 1959 arbeitete sie in ihren Schulferien im Nikola-Kloster, das zu diesem Zeitpunkt Vertriebene und Flüchtlinge beherbergte. Elfriede half nicht nur bei deren Versorgung. Sie legte auch Stuckdecken frei, studierte den Ort, der einmal ihr Zuhause werden würde und vertiefte sich in die Geschichte des Deutschordens. Der Bauernhof ihrer Eltern musste ohne sie auskommen. Die Liebe zu Christus und die Sehnsucht nach einem Leben als Ordensschwester waren stärker.

„Die Aura der Ruhe wurde nicht von uns geschaffen, sondern sie wurde uns geschenkt.“ Schwester Mirjam
Kloster St Nikolaus Passau 5

Schwester Mirjam kommt aus der Gegend – aus Langfurth im Landkreis Freyung-Grafenau. Sie erzählt freundlich und bedächtig, ihre Ausdrucksweise ist gewählt und nur dezent gefärbt von ihrem Dialekt. Sprache ist anscheinend ein Stück Heimat, das man auch im Kloster nicht ganz ablegt.

Stille, Ruhe und Einkehr bedeuten jedoch nicht, untätig zu sein – im Gegenteil. Seit ihrem Eintritt war Schwester Mirjam sehr aktiv im kirchlichen und sozialen Engagement. Zum Beispiel versorgte das Kloster St. Nikola über viele Jahre bis Mitte 2017 Bedürftige mit einem warmen Mittagessen. Für die Koordination war Schwester Mirjam 15 Jahre lang maßgeblich zuständig. Des Weiteren eröffnete sie 1965 den Kindergarten St. Nikola. Sie lehrte außerdem am Kindergartenseminar, der heutigen Fachakademie für Sozialpädagogik im Kloster St. Nikola, die sie von 1977 bis 2003 leitete. Außerdem war sie von 1992 bis 2013 deutsche Provinzoberin des Deutschordens. Seit fünf Jahren tritt die 77-Jährige kürzer. Die Ruhe und Stille des Klosters nimmt nun auch in ihrem Leben einen größeren Raum ein.

Das Kloster St. Nikola in Passau

1067 Gründung des Chorherrenklosters St. Nikola durch Bischof Altmann

1594 St. Nikola wird zur bayerischen Salzablage vor den Toren Passaus.

1680–90 Bau weiterer Klostergebäude nach Plänen von Carlo A. Carlone

1730 Neubau Klosterflügel am Inn

1803 Säkularisation des Klosters. Nutzung als Kaserne und Brauerei

1888–92 Auszug der Brauerei, Umbau des Westflügels für die Kaserne

1945 Flüchtlingslager. Deutschordensschwestern beziehen einen Teil der Anlage.

1975–78 Einzug der Universität. Umbau des Südflügels, Neubau des Westflügels. Die Kirche dient als Universitätskirche.

2006 Auflösung der Pfarrei St. Nikola

Kloster Passau

Das Kloster selbst hat eine lange Tradition. Gegründet wurde es 1067 als Augustiner-Chorherren-Stift, 1803 säkularisiert und seit 1945/46 von den Deutschordensschwestern, die aus der Tschechoslowakei vertrieben wurden, besiedelt. 1953 konnten diese einen Teil des Klosters durch Kauf erwerben. Es beheimatet im Moment 24 Schwestern vom Deutschen Haus St. Mariens in Jerusalem.

Schwester Mirjam sagt: „Die Aura der Ruhe wurde nicht von uns geschaffen, sondern sie wurde uns geschenkt.“ Diese Aura durchdringt das ganze Kloster, nicht mal die täglich hier ein- und ausgehenden 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Kinder aus drei Gruppen des Kindergartens können ihr etwas anhaben. Die „Aura der Ruhe“ ist vor allem im Klostergarten präsent. Es ist, als wäre sie dort mit Händen greifbar: Entschleunigung pur.

Ein durchgeplanter Tag

„Ein möglicher Grund für diese besondere Stimmung könnte der alte Friedhof sein, der sich unter dem Klostergarten befindet“, vermutet Schwester Mirjam. Die Keramiksärge der verstorbenen Klosterbewohner befinden sich bis heute im Erdreich und wurden erst bei Renovierungsarbeiten in den 1970er Jahren wiederentdeckt.

Aber Schwester Mirjam kennt noch eine weitere Erklärung für die Seelenruhe, die über den Räumen und Gärten liegt. Regelmäßig zieht sie sich in ihr Zimmer zurück. Sie konzentriert sich auf ihre Atmung und versenkt sich in Jesus. Körper und Geist verlangsamen sich und in der Meditation lösen sich die Knoten des Alltags. „Für mich ist das Jesusgebet eine gute Möglichkeit, meine innere Ruhe zu finden und die Erlebnisse des Tages noch einmal setzen zu lassen“, erzählt Schwester Mirjam.

Und da ist noch etwas: Das Leben im Kloster zeichnet sich durch eine vorgegebene Tagesordnung aus. Ihren Urlaub kann Schwester Mirjam kaum richtig genießen ohne die Struktur des Alltags. „Da fehlt mir einfach der feste Tagesablauf.“ In Sankt Nikola sieht er so aus: In der Früh gibt es als Erstes ein Morgengebet und einen Gottesdienst. Es folgt ein gemeinsames Frühstück. Um 12.15 Uhr findet die Mittagshora – das Gebet zur Mittagszeit – statt und das Mittagessen wird gemeinsam eingenommen. Um 17 Uhr folgen die Anbetung des Allerheiligsten, der Rosenkranz, die Vesper, das klassische Abendgebet und das Abendessen. Um 21 Uhr treffen sich noch einige Schwestern für die Komplet zum letzten Abendgebet. „Im Gegensatz zu früher gibt es keine festen Zubettgehzeiten mehr“, sagt Schwester Mirjam. Ein Stück Freiheit, das die Ruhe nicht zu stören scheint.

In den Zwischenzeiten gehen die Schwestern ihrer Arbeit in den unterschiedlichen Bereichen nach. Die Aufgaben im Kloster gestalten sich dabei sehr vielseitig und bestehen aus weitaus mehr als Beten und Lobpreisen. Es gibt neben dem Kindergarten und der Fachakademie auch eine Altenpflegestation für Schwestern. Außerdem ist in St. Nikola das deutsche Provinzialat des Deutschordens untergebracht.

Kinder spazieren durch das Kloster

Kinderstimmen kommen näher, Lachen und Fußgetrappel hallen durch den Flur. „Das sind unsere Kindergartenkinder“, sagt Schwester Mirjam mit einem Leuchten in den Augen. Die Gruppe von rund 30 Kindern zieht vorbei, die Mädchen und Buben grüßen freundlich und gehen Händchen haltend und in Zweierreihen zusammen mit einigen Erzieherinnen den Kreuzgang entlang. „Sie sind auf dem Weg zum Spielplatz, der im hinteren Bereich des Klosters ist“, erklärt Schwester Mirjam. Dort gibt es einen Garten, in dem mehrere Spielgeräte stehen und der von einer Mauer umrahmt ist. Diese schirmt die Kinder gegen die stark befahrene Innstraße ab.

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Schwester Mirjam macht sich nun auf einen Rundgang durchs Kloster. Nach einigen Schritten biegt sie hinter einer schlichten Glastür mit Holzrahmen in einen Gang ab. Die unteren Wände und der Fußboden sind gefliest. Der Weg zur Pflegeabteilung für Ordensschwestern führt an der Küche vorbei. Eine Mitarbeiterin in weißer Arbeitskleidung ist gerade damit beschäftigt, große Metalltöpfe aus einer Ablage aufzustellen. „Hier war früher die Armenspeisung“, erzählt Schwester Mirjam und zeigt auf den gegenüberliegenden Raum. Dort warten ein paar alte Holztische mit weißer Platte und einige einfache Stühle scheinbar immer noch auf Bedürftige, die Hunger haben. „Leider war der Andrang so groß, dass wir die Speisung nicht mehr bewerkstelligen konnten.“ Das Bedauern in der Stimme von Schwester Mirjam ist unüberhörbar. Sie ist aber froh, dass die Armenspeisung mittlerweile vom Caritasverband Passau übernommen wurde.

„Unsere Schwester ist schon ein eigenes kleines Wunder.“ Schwester Mirjam

Es geht weiter mit einem Aufzug zum zweiten Stock des Klosters. Eine Schwester mit weißen Haaren und zierlicher Brille sitzt in einem Lehnstuhl. Vor ihr steht ein Beatmungsgerät. „Unsere Schwester ist schon ein eigenes kleines Wunder“, sagt Schwester Mirjam, „seit zwölf Jahren braucht sie das Sauerstoffgerät.“ 90 Jahre ist sie alt, sie lächelt freundlich. Vielleicht ist ja auch das ein Quell der Ruhe an diesem Ort: die Sicherheit, hier bis zum Ende des Lebens gut aufgehoben zu sein.

Auf dem Rückweg möchte man im Garten noch etwas verweilen. Doch Schwester Mirjam blickt auf die Uhr und weist freundlich, aber bestimmt darauf hin, dass sie nun wieder weiter muss. Die Arbeit ruft. Abermals öffnet sich die Pforte und als sie sich wieder schließt, bleibt auch die Ruhe im Kloster sicher verwahrt wie ein kostbarer Schatz. Draußen empfangen einen der Lärm und das geschäftige Treiben der Außenwelt.

Text und Fotos: Lukas Kick und Ludwig Horn, Studenten der Universität Passau

Passauer Studenten des Fachs Medien und Kommunikation haben sich in zwei Ausgaben der nr. sieben mit Stillstand und Bewegung auseinandergesetzt. Die Reportage über die Passauer Fahrradstreife lesen Sie hier.

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