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Das Ding mit dem Pling

Fitness-Tracker für Kinder sind ein Trend auf der Spielwarenmesse. Experten glauben nicht, dass sie für mehr Bewegung sorgen.

Spring, flieg, leg dich hin. Pling, Pling, Pling. Jede Bewegung, zu der die achtjährige Johanna aufgefordert wird, registriert das pinkfarbene Gerät an ihrem Handgelenk. 28 Moves, 280 Punkte, 28 Mal Pling und eine Fanfare. Für Johanna Motivation genug, gleich eine weitere Trainingseinheit zu starten. Morgen werden die Highscores auf dem Schulhof verglichen. Fitness-Tracker und Smartwatches sind in den Kinderzimmern angekommen. Sie sind einer der Trends, die auf der Spielwarenmesse in Nürnberg, die am 1. Februar beginnt, vorgestellt werden.

Jeder Dritte überwacht sich

Unter Jugendlichen und Erwachsenen ab 14 Jahren überwacht bereits jeder dritte Deutsche seine Körperfunktionen, misst Puls, Herzschlag, Schlafrhythmus, kontrolliert sportliche Aktivitäten und das Gewicht. Auf Facebook gibt es Foren, in denen sich die Mitglieder mittels ihrer Fitness Tracker „duellieren“ und sich so gegenseitig zu Höchstleistungen anspornen oder verlorene Pfunde feiern. Es gibt Krankenkassen, die Mitgliedern einen Bonus zahlen, wenn sie die Daten ihrer Fitness-Tracker offenlegen. Die Spiel- und Sportartikelhersteller haben diesen Markt nun auch für Kinder erkannt und bringen seit einigen Monaten Geräte auf den Markt, die speziell auf deren Bedürfnisse zugeschnitten sind. Sportliche Aktivitäten werden hier nicht mit sinkenden Gewichtskurven, sondern mit virtuellen Belohnungen versüßt.

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Fitness-Tracker gibt es inzwischen in allen Farben - und jetzt auch mit speziellen Funktionen für Kinder. Foto: dpa

In einer Studie, für die mehr als 20 000 Grundschulkinder untersucht wurden, kam das Projekt „Fit sein macht Schule“ bereits 2003 zu dem Ergebnis, dass die körperliche Fitness immer weiter abnimmt. Bei Jungen waren es innerhalb eines Zeitraumes von acht Jahren 20 Prozent, bei Mädchen sogar 26 Prozent. 2003 war der Medienkonsum aber noch deutlich niedriger als heute. Drei und mehr Stunden sind Kinder und Jugendliche jeden Tag in der virtuellen Welt unterwegs – spielen mit Konsolen, am Tablet, chatten mit dem Handy, sehen fern. In den USA haben 38 Prozent der Kinder unter zwei Jahren Zugang zu mobilen Geräten.

„Wir stellen fest, dass immer häufiger eine Kombination aus motorischer Ungeschicklichkeit und Übergewicht zu typischen Verletzungsmustern führt.“ Dr. Michael Kertai, Kinderorthopäde
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Dr. Michael Kertai Foto: Barmherzige Brüder Regensburg

Dr. Michael Kertai, Facharzt für Kinderchirurgie und Kinderorthopädie der Kinderklinik St. Hedwig in Regensburg, sieht die Folgen täglich. Bänderverletzungen, Verletzungen der Sprunggelenke und der Kniescheiben nehmen messbar zu, sagt er. „Wir stellen fest, dass immer häufiger eine Kombination aus motorischer Ungeschicklichkeit und Übergewicht zu diesen Verletzungsmustern führt.“

Nur noch eines von vier Kindern in Europa hat ausreichend Bewegung, stellte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in einer Studie fest. Wenn sich Kinder weniger bewegen, dann müssten sie sich eigentlich auch weniger verletzen, doch genau das Gegenteil sei der Fall, sagt Kinderorthopäde Kertai. „Und das ist nicht allein auf Sportgeräte mit erhöhtem Verletzungsrisiko wie Hoverboards oder Trampoline zurückzuführen.“ Die Kinder wissen schlichtweg nicht mehr, wie sie sich fallenlassen sollen.

Viele Kinder sind ungelenkig und zu dick

Noch vor 20, 30 Jahren hätten sich Kinder in jeder freien Minute bewegt. „Sie waren aktiv vom Schulschluss bis zum Schlafengehen. Ruhephasen auf der Couch gab es kaum“, sagt Kertai. Inzwischen lässt der Konsum von Medien kaum noch Zeit, um Fahrrad zu fahren, Fußball zu spielen oder auf Bäume zu klettern. Grob- und Feinmotorik werden schwächer.

Welche Folgen der wachsende Bewegungsmangel im Kindesalter langfristig haben wird, könne noch nicht genau vorhergesagt werden, sagt Dr. Kertai. „Aber wir können davon ausgehen, dass wir Schäden am Haltungsapparat oder Erkrankungen wie Arthrose, die wir jetzt klassisch nach dem 50. Lebensjahr sehen, in Zukunft wesentlich früher sehen werden.“ Ähnliches sei bereits bei Krankheiten, die durch Übergewicht entstehen, zu beobachten. In den vergangenen 20 Jahren habe die Zahl der adipösen, also stark übergewichtigen Kinder, um 20 Prozent zugenommen. Diabetes vom Typ II, bekannt als Alterszucker, werde immer häufiger schon bei Kindern diagnostiziert. „Das gab es früher bei Kindern nicht“, sagt Kertai.

„Wir beobachten einen bedenklichen Trend von Haltungsschäden bei vielen Kindern, die noch dazu häufig nicht rechtzeitig erkannt werden.“ Stefan Lindner, Physiotherapeut
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Physiotherapeut Stefan Lindner Foto: Privat

Seit zwei Jahren geht der Regensburger Physiotherapeut Stefan Lindner an Schulen, um über die Folgen exzessiven Medienkonsums aufzuklären. „Wir beobachten einen bedenklichen Trend von Haltungsschäden bei vielen Kindern, die noch dazu häufig nicht rechtzeitig erkannt werden.“ Gerade bei Kindern und Heranwachsenden sei ein frühzeitiges Gegensteuern enorm wichtig, um eine normale Entwicklung der knöchernen Strukturen, insbesondere der Wirbelsäule, zu gewährleisten. „Kommt der Gang zum Arzt bzw. die Therapie durch den Physiotherapeuten zu spät, sind die bereits entstandenen Haltungsveränderungen immer schwerer rückgängig zu machen“, warnt Lindner.

Auch in Sportvereinen ist man für das Problem sensibilisiert. Lesen Sie hier ein Interview mit Josef Koller, Kinder- und Jugendtrainer beim SWC Regensburg.

In seinen Vorträgen in den neunten Klassen stellt der Physiotherapeut fest, dass sich die Kinder der Gefahr aber gar nicht bewusst sind. Dass sie sich zwar über Kopfschmerzen oder Konzentrationsprobleme wundern, aber keinen Bezug zu ihrem Medienkonsum herstellen können. Bereits nach einer halben Stunde in einer angespannten Haltung vor einem Handy oder Tablet kommt es zu Verspannungen im Schulterbereich. „Im vergangenen Sommer haben viele das Handyspiel ‚Pokémon Go‘ gespielt und sind stundenlang mit gesenktem Kopf herumgelaufen. Eine extreme Belastung für die Halswirbelsäule“, sagt Lindner.

Der Physiotherapeut sieht aber nicht nur körperliche Auswirkungen durch das veränderte Freizeitverhalten. Auch die soziale Kompetenz leide darunter. „Die Kinder laufen Gefahr, sich sozial zurückzuziehen und entwickeln aufgrund der verringerten Bewegung im Freien weniger Selbstvertrauen. Der wachsende Medienkonsum macht die Kinder nicht nur ungelenkig, er macht sie auch einsamer.“

Lieber in den Sportverein

Erwartungsgemäß sieht das die Spielwarenbranche anders. „Pokémon go“ habe bewiesen, dass man Bewegung im Freien gut mit den digitalen Begleitern verknüpfen könnte, heißt es in der Pressemitteilung zu den Trends 2017. Dem widerspricht Physiotherapeut Lindner nicht nur aus medizinischen Gründen. Beim Medienkonsum fehle die Gruppendynamik. „Kinder gehören in den Sportverein, hier erhalten sie Reize, die kein Fitness-Tracker und kein Sportprogramm auf dem Tablet schaffen kann.“

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