nr. sieben

Sie brennt, schmeckt und heilt

Die Brennnessel wehrt sich gegen Fraßfeinde – vergeblich: Ihre Liebhaber wissen, wie man ihre Stacheln zähmt.

Wie eine feine Nadel bohren sich die kleinen Härchen der Brennnessel in die Haut des Fraßfeinds. Es ist ein leichtes Stechen, das die ersten Minuten nicht mehr enden will. Fast so, als würde eine Injektionsnadel ständig an derselben Stelle tief in die Haut gestochen werden. Aus einer mikroskopisch kleinen Wunde in der Haut wird ein kleiner Hügel auf der Haut. Pochend, stechend fühlt es sich an. Die Brennnessel hat sich wieder erfolgreich gegen einen Fraßfeind gewehrt und gezeigt, warum sie ihren Namen zu Recht trägt. Brennend – so ist der Saft der Brennnessel. Schmerzhaft – so ist der erste Kontakt mit der Pflanze.

Eine verborgene Waffe mit sehr abschreckendem Effekt

Kein Wunder, dass die Brennnessel heute eher von den Menschen gemieden und als Unkraut eingeordnet wird. Ein gebranntes Kind scheut das Feuer, lautet ein altes Sprichwort. Wer als Kind schon einmal in eine Wiese voller Brennnessel gefallen ist, der hält seitdem vermutlich einen größeren Sicherheitsabstand. Auch bei Gabriele Leonie Bräutigam war das so. In jungen Jahren landete sie beim Inlineskaten in den Brennnesseln – eine schmerzhafte und prägende Erfahrung. „Danach hatte ich erst einmal 20 Jahre die Schnauze voll von der Brennnessel.“ Heute ist Bräutigam Kräuterführerin und Autorin, ihr neuestes Buch über die Brennnessel liest sich wie ein spätes Liebesbekenntnis.

„Brennnesseln sind ein guter Partner, wenn man weiß, wie man mit ihnen umgeht." Gabriele Leonie Bräutigam

Bräutigam weiß: Der schmerzhafte Saft der Brennnessel ist mehr, als nur eine verborgene, effektive Waffe. Er ist eine gut gewählte Form der Kommunikation. Die Brennnessel spricht zu uns. Klar, direkt, unmissverständlich. Die Botschaft: Finger weg von mir! Spätestens, wenn die Haut brennt und sich kleine Pusteln bilden, hat der Mensch das verstanden. Die Brennnessel ist eben eine Meisterin der Selbstverteidigung. Sie teilt sich mit, blüht, breitet sich aus, sucht die Gemeinschaft zu anderen Brennnesseln. Es sind fast menschliche Eigenschaften.

Eine heimische Wildpflanze mit vergessenen Superkräften

Wenn Bräutigam über die Brennnessel spricht, gerät sie ins Schwärmen: Die Brennnessel ist die Heilpflanze der Stunde, entgiftet, stärkt das Immunsystem, hilft gegen Stress, liefert Energie, beugt Haarausfall vor. Das wussten die Menschen schon früh. Sie gönnten ihrem Haar eine Spülung mit Brennnesseltee – das kostete weder Zeit noch Geld. Die Jauche – das ist Wasser, in dem Brennnesseln längere Zeit eingelegt wurden und vergoren sind – nutzten sie als Dünger und zur Schädlingsbekämpfung im Garten. 

In unserem Video stellen wir die Superkräfte der Brennnessel vor:

Doch die Kräfte der Brennnessel gerieten in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland weitestgehend in Vergessenheit. Schleichend wandelte sich das Image der Brennnessel: von der Arzneipflanze zum lästigen Unkraut, das lediglich als eiweißreiches Tierfutter dient. Auf dem Teller landet sie nur noch selten, Restaurants verbannten sie von der Speisekarte. Zu Unrecht. Doch wie kam die Brennnessel zu ihrem negativen Image?

Bräutigam führt dies auf negative Erlebnisse zurück. Direkt nach dem Krieg sei die Brennnessel überaus beliebt gewesen: Sie lieferte Eisen und Eiweiß und war in großen Mengen vorhanden. Doch die Zeit nach dem Krieg war hart – und der leicht nussige Geschmack der Brennnessel verband sich untrennbar mit den mageren Nachkriegsjahren. „Das löst wohl bis heute Erinnerungen an eine Zeit aus, in der man emotional sehr leiden musste“, vermutet Bräutigam. Die Menschen verdrängen die Erinnerungen – und damit die positiven Eigenschaften der Brennnessel.

Brennnessel 4
Gabriele Leonie Bräutigam pflückt in ihrem Garten in Weigendorf Brennnessel.

Für die will Bräutigam nun werben: „Man muss wissen, wie man mit der Brennnessel umgeht. Wenn man das weiß, dann ist sie ein Lebensbegleiter und wertvoller Partner.“ Die Buchautorin sitzt in ihrem Garten im kleinen Örtchen Weigendorf im Landkreis Amberg-Sulzbach. Auf ihrem Holztisch hat sie eine mit Brennnesseltee gefüllte Kanne gestellt, dazu Datteln mit Brennnesselsamen. Ihr Blick schweift über ihren weitläufigen Garten, über die Brennnesselsträucher am Zaun zum kleinen Fluss, der an ihrem Haus vorbeifließt. Die Idylle stört lediglich für einen kurzen Augenblick ein Zug, der über die 200 Meter entfernte Bahntrasse rattert.

In den Blättern stecken Vitamine und jede Menge Eiweiß

Hier, in diesem ländlichen Umfeld, hat Bräutigam die Brennnessel schätzen und lieben gelernt. „Ich lebe in einem Wildkräuterparadies und habe das erst jetzt wahrgenommen.“ Ihre Umgebung sehe sie seitdem mit anderen Augen. Die Autorin kocht oft mit Brennnesseln: Veggie-Chips, Pesto oder eine Suppe. Die Brennnessel und ihre Kräfte will sie nicht mehr missen. Besonders die Blätter stecken voller Energie. Wenn ihre Brennhärchen umgeknickt sind, können die grünen, gezackten Blätter pur gegessen werden. Sie strotzen nicht nur vor Eiweiß, sondern enthalten auch die Vitamine A, C, E, viel Eisen und Mineralstoffe. 

Sieben Fakten über die Brennnessel

  • Wachstum:  Die Große Brennnessel ist eine ausdauernde Pflanze, die bis zu drei Meter hoch wird und sich über Ausläufer vermehrt. Sie verbreitet sich am liebsten in feuchten, nährstoffreichen Wäldern und Wiesen. 
  • Heilkunde: Die Brennnessel gilt als Arzneipflanze. Sie wirkt harntreibend und soll gegen Rheuma helfen. Neben Eiweiß enthalten die Blätter auch Mineralstoffe, Eisen und die Vitamine A, C und E. 
  • Samen:  In den Früchten der weiblichen Brennnessel und den Pollen der männlichen Pflanze konzentriert sich die Energie der Brennnessel von Juni bis September. 
  • Wurzeln: Gut für den Mann: Die sekundären Pflanzenstoffe der Brennnessel sind in der Lage, das alterstypische Prostatawachstum zu stoppen. Sie können Symptome mildern, aber nicht die Ursache der vergrößerten Prostata beheben.
  • Fasern: Die Stängel älterer Pflanzen liefern Fasern, aus denen bereits vor Jahrtausenden Garn gewonnen und Stoff gewebt wurde. Nesseltuch ist reißfest, nimmt viel Feuchtigkeit auf und ähnelt in Glanz und Griff der Rohseide. 
  • Schönheit: Die Inhaltsstoffe der Brennnessel fördern elastische Haut, volles Haar und feste Fingernägel.
  • Verzehr: Vor dem Zubereiten empfiehlt es sich, Brennnesseln kurz mit heißem Wasser zu überbrühen. Bei Herzinsuffizienz, Nierenkrankheiten und Diabetes sollten Brennnesseln nicht verzehrt werden.

Bekannt sind nicht nur die Blätter, sondern insbesondere auch die kleinen, grau-grünen Pollen und Samen. Ihnen sagt man nach, dass sie zu Vitalität und Leistungskraft beitragen. Geschickte Pferdehändler fütterten alte Rösser mit den Samen und verhalfen ihren Tieren so zu einem glänzendem Fell. Nicht nur bei Rössern, auch bei Hühnern zeigen die Samen ihre Wirkung. Sie sollen für eine höhere Eierproduktion gesorgt haben.

Samen Brennnessel
Die Brennnesselsamen sind reich an essenziellen Fettsäuren und entzündungshemmenden Stoffen. Deshalb werden sie seit der Antike als Vital- und Sexualtonikum eingesetzt.

In einer Metalldose bewahrt Bräutigam die Samen auf. Sie nutzt sie zum Kochen, besonders traditionelle Hausrezepte haben es ihr angetan. Früher hatte sie damit nichts zu tun. Sie lebte mit ihrer Familie in Nürnberg, schrieb Werbetexte für Textilien, Maschinenbau und Apotheken. Heute macht Bräutigam Werbung für die Natur und deren Heilkräfte. Mit ihrem Mann kaufte sie eine ehemalige, etwas abgelegene Mühle, sanierte das Gebäude und den großen Außenbereich. Wenn sie durch ihren Garten schlendert, kann sie zu jeder Pflanze etwas erzählen: wie sie wirkt, wann sie blüht, wie sie beim Kochen genutzt werden kann. Bräutigam strahlt über das ganze Gesicht, gestikuliert mit den Armen, man spürt ihre Begeisterung für die Natur und deren Wildpflanzen.

Die „Pflanzenfrau“ weiß, wie sie die Stacheln der Brennnesseln zähmt

Am liebsten mag die Autorin aber die Brennnessel. Sie sei eine „Wunderpflanze, so etwas wie eine Lebensversicherung“. Bräutigam geht über die unebene Bodenfläche, zum hinteren Teil ihres Grundstücks. Hier blühen sie, ihre Brennnesseln. Rundherum sind mehrere abgeschnittene Holzstämme verteilt. Die Kursteilnehmer sitzen dort, wenn Bräutigam wieder einmal über die Brennnessel spricht. Aus ganz Deutschland reisen sie an, um von der „Pflanzenfrau“, wie sich Bräutigam selbst bezeichnet, zu lernen. Die Kräuterführerin zeigt dann, wie die Stacheln der Brennnessel gezähmt werden. Etwas Mut braucht es dafür. Doch viel mehr, außer Pusteln auf der Haut und dem pochenden Stechen, kann nach einer ungeschickten Bewegung nicht passieren. Schuld daran sind die Reiz- und Giftstoffe der Brennhaare.

Im Video stellt Gabriele Leonie Bräutigam die Brennnessel genauer vor:

Laut Bräutigam gibt es sogar Hinweise darauf, dass das Brennen in einigen Fällen gesundheitsförderlich ist. Es löst eine stärkere Durchblutung aus. Entzündungsstoffe werden dadurch schneller abgebaut. Menschen mit rheumatischen Gelenkbeschwerden nutzen die Brennnessel für eine lokale Reiztherapie. Auch bei Arthrose werden Brennnesseln eine schmerzlindernde Wirkung nachgesagt. Wer unter einer Verspannung oder einem Hexenschuss leidet, kann sich ebenfalls überlegen, ob er nicht zur Brennnessel greift. Es sticht dann zwar einige Stunden auf der Haut – aber der Schmerz könnte nachlassen. Die Brennnessel wehrt sich nicht nur gegen ihre Fraßfeinde – sie hilft ihnen auch.

Mit Brennnesseln lassen sich viele Gerichte veredeln. Die Buchautorin Gabriele Leonie Bräutigam verrät einen ihrer Geheimtipps: Brennnessel-Dinkelspätzle "Waldlerart". Hier geht es zu diesem Rezept.

Text und Fotos: Philipp Seitz

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