Menschen

Blackyva – Black Diva aus der Favela

Schwarz, aus dem Armenviertel und transsexuell: „Blackyva“ aus Rio bringt auch die Konflikte Brasiliens auf die Bühne.

Musik dröhnt aus Boxen an der Straße, die Häuserwände sind vollgesprayt, dort, wo früher Freiluft-Duschen an der Straße standen und Drogen verkauft wurden, reihen sich jetzt Läden, Straßenstände, Restaurants und Fitnesscenter aneinander. Dutzende Motorradtaxis und Menschen drängeln sich an der schmalen Straße in der Favela aneinander vorbei. Mittendrin Blackyva – mit einem blauen Auge.

Kinder fangen bei ihrem Anblick an zu weinen, vor kurzem hat die Künstlerin an einer Schule eine Performance vorgeführt, die Jugendlichen waren schockiert. „Wenn ich mit dem blauen Auge auf der Straße herumlaufe, erschrecken sich die Leute“, sagt sie. „Es symbolisiert die alltägliche Gewalt, die ich ertragen muss, und die auch meine Mutter erlitten hat“ – Gewalt in der Familie, dazu noch dreifache Diskriminierung. Denn Blackyva ist schwarz, transsexuell, lebt in einer Favela, der Rocinha, dem größten Armenviertel von Rio de Janeiro. Das blaue Auge hat sie kämpferisch zu ihrem Markenzeichen gemacht. Heute nur noch mit Make-up.

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Die Kunstfigur Blackyva verkörpert Black Power und Favelabeats. Sie ist die Geschichte von Will und seiner Veränderung in eine schwarze, queere Diva aus dem Armenviertel. Foto: Jaroschewski

Die Zerrissenheit Brasiliens

Die 22-Jährige will Menschen schockieren, damit sie beginnen, die Dinge in Frage zu stellen. In ihren Performances verarbeitet sie eigene Probleme und Konflikte, in den persönlichen Erfahrungen spiegeln sich aber auch die großen sozialen Herausforderungen, die Brasilien bewältigen muss: die massive Einkommensschere, Rassismus, Diskriminierung, Gewalt, die Schwierigkeit, als junger, schwarzer, armer Brasilianer zu sich selbst zu finden – und zu einer Stimme.

Die brasilianische Gesellschaft ist tief gespalten. Bis heute hält sich der Mythos, dass Brasilien ein offenes Land ist, in dem sich die Hautfarben und Lebenswelten harmonisch mischen. Dabei wird das Land von der weißen Elite dominiert, auch in den Medien, im Kunst- und Kulturbereich. Doch langsam erkämpfen sich immer mehr schwarze, kreative Brasilianer, auch aus Favelas, ihren Platz. Anstatt sich anzupassen, sich dem weißen Schönheitsideal zu unterwerfen, möglichst unauffällig zu sein, entwerfen sie ihre eigene Identität, einen Stil, eigene Visionen – und versuchen, die Gesellschaft zu verändern.

Theater, Performance und Musik ist für Blackyva alias Will Lopes zu einer Möglichkeit geworden, die von Armut, Gewalt und Drogenkrieg geprägte Kindheit in der Favela Rocinha zu verarbeiten. „Die Kunstfigur Blackyva ist aus meinem Verlangen entstanden, mich zu verstehen, und davon zu sprechen, was ich erlebt habe“, sagt Blackyva. Aus der Rolle wurde mehr und mehr eine neue Identität: „Ich weiß heute nicht mehr, wo Will aufhört und Blackyva beginnt.“

Will ist Vergangenheit, Blackyva hat Zukunft

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In Blackyvas Texten geht es um echte Ängste, um die verschiedenen Dimensionen von Gewalt. Foto: Jaroschewski

Als Blackyva noch nicht existierte, war Will ein schmaler Junge, mit einem feingeschnittenen Gesicht, wirkte androgyn. Schon früh hätten Menschen auf der Straße gefragt, ob er Mädchen oder Junge sei. Auch Mädchen, die sich in den Teenager verliebten, waren verwirrt. Er selbst auch. „Ich wusste nicht, was los ist, aber ich habe gemerkt, dass irgendetwas nicht passt“, erinnert sich Blackyva.

Der Teenager interessierte sich für Kunst und Kultur, entdeckte ein lokales Modeprojekt. Die von José Luiz Summer gegründete Modegruppe produzierte Favela-Mode, wollte die Vielfalt der Favela nach außen tragen und zeigen, dass Favelas auch Kultur bedeuten können anstatt nur Armut, Gewalt, Drogenhandel. „Ich war mit 1,58 Metern zu klein für eine Modelkarriere“, erinnert sich Blackyva. „Es war nichts für mich, auf dem Laufsteg einmal hin und her zu spazieren, ich wollte auf die Bühne – und dann mehr machen als nur zu lächeln.“

Auch auf Facebook ist Blackyva aktiv:

Bekannte ermutigten Will, sich bei der Escola de Teatro Martins Penna zu bewerben, der ersten professionellen Schauspielschule in Lateinamerika. Nur 30 Talente, die kostenlos ausgebildet werden, werden jedes Jahr aufgenommen, nicht nur Brasilianer, auch internationale Studenten, etwa aus den USA – und Will war einer davon. Erst dort begriff er, welche Parallelwelten sein Favelaalltag und die privilegierte Realität der anderen Schauspielschüler waren. Sie lasen Shakespeares Stücke, die ihn begeisterten. Doch seine eigene Realität konnte er in den klassischen Werken nicht wiederfinden. Die Kunst bezog sich auf eine Welt, die ihm fremd war. Der Schauspielunterricht fühlte sich an wie ein falscher Weg. „Ich fühlte, dass ich dort nicht hingehörte, die anderen Studenten gehörten einer anderen Welt an, sie haben einen anderen finanziellen Hintergrund“, sagt Blackyva. die Schauspielschule löste eine Identitätskrise aus. „Ich habe alles hinterfragt, ich habe zwar mit 19 Jahren verstanden, dass ich Kunst machen wollte, aber diesen Traum als Favelabewohner zu haben, in einem Land wie Brasilien auf einer Theaterschule zu sein, das ist schwierig.“

Die Geburt der Kunstfigur

Er schaffte es, den Schock zu überwinden, über die Ängste und Probleme zu sprechen – und verarbeitete sie in der Bühnenfigur Blackyva. Will verwandelte sich in sie. Die Kunstfigur verkörpert Black Power, Favelabeats, sie ist die Geschichte von Will und seiner Veränderung, ironisch, politisch, kämpferisch: eine schwarze, queere Diva, die aus der Favela kommt. Von der Favela auf die Bühne, die sonst den Privilegierten vorbehalten ist.

Blackyva wollte von den Problemen sprechen, die in einer Favela alltäglich sind, inszenierte eine typische Szene einer Favela-Funk-Party als Theaterstück, um eine Realität auf der Bühne zu präsentieren, von der die anderen Schauspielschüler nicht viel wussten.

Hier sehen Sie ein Video von einem Auftritt der Künstlerin:

Funk ist der Beat von Rios Favelas: Die oft von Drogengangs veranstalteten Baile Funk-Partys sind legendär. Die Texte spiegeln die Realität in Rios Armensiedlungen wieder, verherrlichen oft das Gangsterleben, besingen aber auch die Probleme der vom Staat vernachlässigten Viertel, den Drogenkrieg, Polizeigewalt. Oft sind die Texte sexistisch und versaut, manchmal auch politisch – der Soundtrack aus dem Abseits. „Die Kraft, die dieser Takt hat, ist Wahnsinn, meine Eltern haben sich auf einem Baile Funk kennengelernt, der Funk läuft durch meine Venen, ich kann ihm nicht entkommen“, sagt Blackyva. „Ich habe diese ganze Aggressivität eines Baile Funk auf die Bühne gebracht, daraus entstand Blackyva, als Repräsentation meiner Generation, der Generation Y, die Generation des Internets, der Deskonstruktion, der Medialisierung, einer Generation, die sprechen und sich ausdrücken will.“ Das „Y“ findet sich auch im Künstlernamen: Blackyva.

Die Zuschauer liebten das Stück und die Figur. Sie lachten, aber sie lachten Blackyva aus und verstanden sie nicht. „Ich wollte die Menschen schockieren, herausfordern, aber gleichzeitig dazu bringen, die Situation zu reflektieren“, sagt Blackyva. „Sie haben gedacht, es sei eine Komödie, Ironie. Aber es war ein Drama.“ Blackyva verbrachte Tage in ihrem Zimmer, formte die Kunstfigur neu, überarbeitete die Performance, konkretisierte die Fragen, die vermittelt werden sollten.

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Blackyva kleidet sich betont modisch, weiblich, auch um nicht kriminell zu wirken. Foto: Jaroschewski

Gewalt in der Familie und durch die Polizei

In ihren Texten geht es um echte Ängste, um die verschiedenen Dimensionen von Gewalt, die für sie Alltag und für das Publikum oft fern sind. Als Kind musste Blackyva mit ansehen, wie der Vater die Mutter schlug, war machtlos, sprachlos – bis die Mutter sich befreite, ihn verließ. Als schwarzer Jugendlicher aus der Favela gerät Blackyva automatisch ins Visier der brasilianischen Polizei: Schwarze Favelabewohner werden kriminalisiert.

Die Favela Rocinha, in der Blackyva lebt, ist eine der mehr als 200 Favelas, die vor den Großereignissen Fußball-WM und Olympia 2016 befriedet werden sollte, durch Polizeipräsenz. Die Polizisten erleben viele Bewohner inzwischen aber als repressive Kräfte, nicht als Freund und Helfer: „Es kann jederzeit passieren, dass die Polizei an deine Haustür klopft und dein Haus durchsucht, weil sie denken, dass sie dieses Recht haben“, sagt Blackyva.

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In der Favela würden die Nachbarn gegenseitig auf sich aufpassen, dass nichts passiert, meint Blackyva. „Aber wenn ich die Favela verlasse, habe ich große Chancen, dass ich nicht nach Hause zurückkehre. Foto: Jaroschewski

Statt die sozialen Probleme zu lösen, setze Rio de Janeiro mit der Befriedungspolizei auf Make-up für die Favelas, glaubt Blackyva: „Wir leben in Angst und Gefahr, im Austausch dafür, dass wir Olympia-Stadt sind.“ Den Armen helfen die Olympischen Spiele kaum, im Gegenteil. Knapp zwei Milliarden Euro kostet das Sportereignis, doch in Bereichen wie Bildung, Gesundheit oder Kultur wurde in den vergangenen Monaten massiv gekürzt. Um die Polizeipatrouillen und andere Sicherheitsmaßnahmen während der Spiele zu finanzieren, ist die finanziell klamme Stadt auf Bundesmittel angewiesen. „Die Situation der Krankenstationen und aller Einrichtungen ist katastrophal, es gibt nicht genug Ärzte und die wenigen Ärzte müssen viel mehr Patienten betreuen, als es sein sollte“, kritisiert Blackyva. Nur die Wohlhabenden können sich eine gute, private medizinische Versorgung leisten. „Die Politiker kümmern sich nicht um die Bürger und halten ihre Versprechen nicht ein“, so Blackyva. „Die Sicherheit, die es in der Realität niemals gab und die sie uns versprochen hatten, schlägt und tötet uns stattdessen.“ Mehr als 11 000 Menschen sind in Brasilien in den vergangenen fünf Jahren von Polizeikugeln getötet werden. Die meisten junge, schwarze Männer aus Armenvierteln. Manche waren Drogendealer, viele nicht. Es gibt zahlreiche Fälle, in denen die Polizei im Nachhinein Waffen an den Tatort gelegt hat, Beweise fingiert. Aufgeklärt werden Polizeiverbrechen kaum. Unter den Konflikten zwischen Polizei und Drogengangs aus den Favelas leiden die Bewohner. Sie geraten ins Kreuzfeuer der Schießereien, werden angehalten, untersucht, verdächtigt.

„Wenn ich jetzt T-Shirt und Shorts oder einen Jogginganzug tragen würde, würde ich aufgrund von Vorurteilen wie ein Krimineller betrachtet werden. Ich habe Angst davor, dass die Leute Angst vor mir haben, das ist pervers“, sagt Blackyva. Sie kleidet sich betont modisch, weiblich, auch um nicht kriminell zu wirken. „Um nicht marginalisiert zu werden, bewege ich mich mit meinem Auftreten, meinem Stil in eine Art Sicherheitszone – die aber auch nicht sicher ist.“

Kein Entkommen und keine Sicherheit

Immer wieder kommt es in Brasilien zu Gewalt und Morden an schwulen, lesbischen und transsexuellen Jugendlichen. Unter dem neuen brasilianischen Übergangspräsidenten Temer erlebt das Land gerade einen konservativen Rechtsruck, auch evangelikale Kirchen, die in Brasilien immer mehr Anhänger vereinen, hetzen gegen die LGBT-Community. In der Favela würden die Nachbarn gegenseitig auf sich aufpassen, dass nichts passiert, meint Blackyva. „Aber wenn ich die Favela verlasse, habe ich große Chancen, dass ich nicht nach Hause zurückkehre.“ Es gibt kein Entkommen vor den Stigmata, keine Sicherheit, Blackyva weiß, dass sie nicht weglaufen kann vor sich selbst. Sie kann die Ängste nur sichtbar machen.

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