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Bist du es noch, Russland?

Der Westen und Russland sind sich fremd geworden. So geht es auch unserer Autorin Oxana Bytschenko, die Halbrussin ist und manchmal am Land verzweifelt.

Bis vor kurzem war an der Steinernen Brücke ein Kunstwerk zu sehen: Buchstaben aus dem kyrillischen und dem lateinischen Alphabet, auf den ersten Blick wahllos zusammengestellt. Doch das Werk „In common“ von Ivan Moudov macht deutlich, wie viel die beiden Sprachen gemeinsam haben, die doch so unterschiedlich sind. Das Deutsche teilt mit dem Russischen elf Buchstaben – eine gute Basis, immerhin ein Drittel des russischen Alphabets. Wenn wir schon Buchstaben teilen, sollten doch auch Gespräche möglich sein. In letzter Zeit werden die aber immer schwieriger. Russland ist uns fremd geworden, wir haben uns nichts mehr zu sagen als Floskeln. Was ist da nur passiert?

Oft habe ich Russen Deutschland erklärt und Deutschen die russische Kultur. Nun bin ich es müde. Oxana Bytschenko

Als Halbrussin kam ich überall auf der Welt mit Russen in Kontakt, kenne die berühmte russische Seele. Eine Gefühlswelt, die von tiefer Melancholie bis freudiger, scheinbar grundloser Ekstase alles kennt. Gespräche mit Russen verlaufen schnell auf einer tiefen Ebene, Smalltalk oder Gespräche übers Wetter verschwenden nur Zeit. Eine Freundin hat das Russisch-Sein mal so zusammengefasst: „Wir wissen nie, was der nächste Tag bringen wird und rechnen mit dem Schlimmsten. Bis dahin leben wir aber im Hier und Jetzt.“

Die Autorin Oxana Bytschenko

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Oxana Bytschenko ist in Tadschikistan zwischen drei Kulturen aufgewachsen, eine davon die russische. Sie vermisst die russische Sprache im Alltag sowie die Verrücktheit und Lockerheit der Russen, die weniger diplomatisch sind als Deutsche und ihre Meinung oft direkt sagen.

Oft habe ich Russen Deutschland erklärt und Deutschen die russische Kultur. Nun bin ich es müde. Das Suchen nach Erklärungen ist zu anstrengend geworden, manches kann ich mir auch selbst nicht mehr erklären. So muss es auch westlichen Politikern gehen, die versuchen müssen, mit Russland zusammenzuarbeiten. Es herrscht das Gefühl: Wir bewegen uns in verschiedene Richtungen, politisch und gesellschaftlich. Wir wollen mehr Offenheit von Russland und dass sie keine Halbinseln annektieren – sie fühlen sich von uns bedroht und ziehen sich zurück. Bei uns kann jeder so leben wie er möchte – Russen scheinen alternative Lebensentwürfe immer weniger zu akzeptieren, beginnend bei Alleinerziehenden über Atheisten bis zu Homosexuellen.

Bei Gesprächen mit Verwandten und mit russischen Freunden ist deshalb in den vergangenen Jahren eine Menge Themen weggebrochen. Wir meiden sie, weil wir uns mögen und wissen, dass wir bei heißen Themen wie Politik, Religion, Feminismus, Homosexualität oder Medien jedes Mal aneinandergeraten und kein vernünftiges Gespräch möglich ist.

Wer verstehen will, sollte russisches Fernsehen schauen

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Fernsehen ist wichtig für die Russen - und für Wladimir Putin: Der Präsident beantwortet bei der jährlichen TV-Show «Direkter Draht» die Fragen von Bürgern. Foto: Pavel Golovkin/AP/dpa

Denn unsere Blicke auf die Welt sind zu unterschiedlich geworden. Ihre Nachrichten zeigen ein starkes Land, das nach vorne strebt und Strategien für die Zukunft zu entwickeln scheint. Die wenigen kremlkritischen Medien und deutsche Medien decken die Realität auf und fragen kritisch nach: Was ist mit dem Machtmissbrauch der Elite, die sich schamlos bereichert? Wie soll die Abhängigkeit von Öl und Gas jemals enden? Was ist mit der freien Meinungsäußerung, wenn Proteste gegen die Regierung niedergeschlagen und Teilnehmer teils jahrelang eingesperrt werden? Warum spricht eigentlich niemand über das massive HIV-Problem in Russland und verbietet lieber ein Ballett über einen schwulen Tänzer?

Wer das russische Fernsehen mehr als einen Tag aushält, ist sich sicher, von Feinden umgeben zu sein und auf der Insel der Seligen zu leben, die vor dem Bösen beschützt wird.

18 Jahre Wladimir Putin haben viel verändert. Vielen Menschen geht es finanziell besser. Gleichzeitig werden aber auch Kremlkritiker eingeschüchtert oder getötet, die Willkür der Justiz ist ein böser Running Gag geworden, Medien wurden auf Linie gebracht und im Land insgesamt eine große Abhängigkeit von einem einzigen Mann geschaffen. Er sorgt für 145 Millionen Menschen von Kaliningrad bis Wladiwostok. Deshalb können Russen sich zurücklehnen und Fernsehen schauen. Und das gibt es täglich im Programm: Hetzerische Talkshows, die haarsträubende Lügen und Verschwörungstheorien als Wahrheit verkaufen; Gerichtsshows, die verrohte Jugend zeigen, die vor nichts Halt macht; Reportagen, die immer mit dramatischer Musik unterlegt werden, um die Spannung hochzutreiben; und Militarisierung und Nationalisierung an allen Ecken. Zigaretten werden in Serien verpixelt, aber Gewalt gegen Frauen ist schonungslos zu sehen. Selbst die Werbung dient Propagandazwecken: Der Slogan einer Würstchenfirma lautet bedrohlich „Das ist unser Land“. Wer das russische Fernsehen mehr als einen Tag aushält, ist sich sicher, von Feinden umgeben zu sein und auf der Insel der Seligen zu leben, die vor dem Bösen beschützt wird.

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Über die Teilnahme von Julia Samojlowa beim ESC 2017 in Kiew gab es Streit zwischen Russland und der Ukraine. Das ausrichtende Land wollte die Russin nicht einreisen lassen, weil sie 2015 auf der Krim aufgetreten war. Die Rollstuhlfahrerin erlebte einen Shitsorm. Foto: Maria Antipina/Tass/dpa

Auch der Umgangston ist rau geworden. Vor einiger Zeit musste ich meine Zugänge zu russischen sozialen Netzwerken „V Kontakte“ und „Odnoklassniki“ löschen, meine Timeline hat den Hass und die Gewalt nicht ausgehalten. Wenn ich jetzt lese, wie die russische Teilnehmerin am Eurovision Song Contest Julia Samojlowa, die im Rollstuhl sitzt, nach ihrem Ausscheiden im Internet verunglimpft wird, weiß ich, dass meine Entscheidung richtig war.

Wie sollen da Gespräche über Politik möglich sein? Wenn russische Freunde mich fragen, ob es uns in Deutschland noch gut geht, wo wir doch jetzt von Flüchtlingen umgeben seien und quasi unser Land verlieren würden, weiß ich nicht, wo ich anfangen soll. Wenn sie den Aufstieg der AfD in Deutschland als ein Zeichen des Nationalstolzes deuten, muss ich daran denken, wie weit Russland noch von der Aufarbeitung seiner eigenen Geschichte entfernt ist. Denn Stalinkult erlebt zurzeit ein Revival: Für den Westen ist er ein Massenmörder, für viele Russen ein großer Staatsmann.

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„In common“ – das Kunstwerk von Ivan Moudov an der Steinernen Brücke zeigte im Rahmen der Donumenta 2017 in Regensburg buchstäbliche Gemeinsamkeiten zwischen Russland und dem Westen. Foto: P. Schmid-Fellerer

In vielen Bereichen stimmen unsere Werte nicht mehr überein: Während den Kirchen in Deutschland immer mehr Schäfchen davonlaufen, erstarkt die orthodoxe Institution in Russland. Sie verbündet sich mit der Politik und unterstützt Putin. Priester sitzen in den Talkshows und kommentieren gesellschaftliche Entwicklungen. Während immer mehr westliche Länder sich für eine Ehe für alle entscheiden, leben Homosexuelle in Russland gefährlich. Homophobie und auch Antisemitismus waren in Russland schon immer unterschwellig vorhanden, nun sind sie gesellschaftsfähig geworden.

Bist du es noch, Russland?

Feminismus dagegen ist ein Teil der westlichen Geschichte, der in Russland nie stattgefunden hat. Der Patriarch bezeichnet ihn als „gefährliche Bedrohung“. Die Folgen zeigten sich zuletzt im Zuge der #MeToo-Debatte: Auch in Russland klagten Frauen über sexuelle Belästigung, sogar in der Duma. Es kamen auch viele Reaktionen, aber nicht die Täter wurden angegriffen, sondern die Opfer. Der Tenor: Sie sollen sich sittsamer kleiden und froh sein, belästigt zu werden. Viele Angriffe kamen von anderen Frauen. In solchen Momenten denke ich: Bist du es noch, Russland?

Viele Themen sind also zu schwierig geworden, um sie mit Russen zu besprechen. Aber vielleicht kann man die Buchstaben im Alphabet, die wir gemeinsam haben, für neue Themen nutzen. Während der Weltmeisterschaft, die ab 14. Juni erstmals in Russland stattfindet, bietet sich natürlich Fußball als Gesprächsstoff an. Und dieses Thema lieben die Russen: Sie leiden, fiebern und feiern mit ihrer Mannschaft genau wie die Deutschen. Das könnte doch eine Idee für einen Neuanfang sein?

Auch Wladimir Kaminer - privat Russe, beruflich deutscher Schriftsteller - findet, die WM in Russland kann eine Chance sein, sich wieder neu miteinander anzufreunden. Das Gespräch, das Anna-Maria Ascherl mit ihm über das deutsch-russische Verhältnis und sein neues Buch führte, wurde schnell politisch.

Hier geht es zum Interview mit Wladimir Kaminer.

Alles über die Fußball-WM in Russland finden Sie hier.

Text: Oxana Bytschenko
Illustration: ©vpif - stock.adobe.com
Fotos: Pavel Golovkin/AP/dpa, Maria Antipina/Tass/dpa, P. Schmid-Fellerer/Donumenta,
Detlef Berg/dpa

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