nr. sieben

Berufen, Gott zu dienen

An Pfingsten erfüllte der Heilige Geist die Jünger. Wer heute Jesus nachfolgen will, macht sich zuvor auf eine innere Suche.

An Pfingsten senkten sich Feuerzungen auf die Jünger herab und der Heilige Geist erfüllte sie. So steht es in der Bibel. Es ist gleichzeitig der Auftrag, Gottes Wirken und die Taten Jesu zu verkünden. Noch heute folgen viele Menschen Jesus und den Jüngern nach – als Priester, im pastoralen Dienst und als Gläubige. Wir haben mit dem angehenden Priester Markus Böhnert und mit dem ehemaligen Seminaristen Tobias Schmitt, der sich gegen den Priesterberuf entschied, gesprochen.

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Markus Böhnert ist fest entschlossen, Priester zu werden. Foto: altrofoto.de
Priesterseminar 1
Tobias Schmitt zog aus dem Priesterseminar wieder aus. Foto: altrofoto.de

Zu den Personen

  • Tobias Schmitt: Der 23-Jährige kommt ursprünglich aus Bernkastel-Kues. Für das Theologiestudium zog er nach dem Abitur nach Regensburg. Vom vierten bis siebten Semester lebte er im Priesterseminar. Nach dem Studienende will er Pastoralreferent werden.
  • Markus Böhnert: Der 29-Jährige absolvierte nach seinem Abitur und Zivildienst ein duales Studium bei Krones in Neutraubling. Danach entschied er sich für ein Theologiestudium und trat ins Priesterseminar ein. In zwei Jahren soll er zum Priester geweiht werden.

Seit wann haben Sie darüber nachgedacht, Priester zu werden?

Tobias Schmitt: Es gibt Menschen, die waren in Taizé und haben dort gespürt, dass sich in ihnen etwas bewegt. Bei mir war es kein konkretes Ereignis. Ich habe schon als Jugendlicher immer mal wieder gemerkt, dass das Priester-Sein mein Weg sein könnte. Das kann man mit einem Verliebtsein vergleichen. Da ist etwas, das einen nicht mehr loslässt.

Markus Böhnert: In meinem Fall würde ich es eher als einen Prozess bezeichnen. Ich habe mich schon immer extrem für Technik interessiert. Deshalb habe ich nach dem Abitur Elektrotechnik studiert. Ich würde Berufung deshalb so beschreiben: Es ist ein Gedanke, der in mir reift und irgendwann immer lauter wird.

„Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer."
Apostelgeschichte 2,3

(Foto: altrofoto.de)

Kommen Sie aus einer religiösen Familie?

Schmitt: Ich komme aus einem normalen katholischen Umfeld. Am Sonntag sind wir in die Messe gegangen und die Liturgie war für mich als Kind schon immer etwas Schönes. Ich wollte schon vor meiner Erstkommunion Ministrant werden, das ging aber natürlich nicht. Die Zeit im Internat in Ettal und die Benediktiner haben mich dann nochmals geprägt. Ich bin dort gerne zur Vesper gegangen, habe ministriert, Ministranten- und Jugendgruppen geleitet oder Kirchenführungen gegeben. So wächst man hinein und fragt sich, ob das Priesteramt ein Weg sein könnte. Viele werden das schnell zur Seite schieben. Ich habe nach gründlicher Überlegung gesagt: Ich will es versuchen.

Böhnert: Ich komme vom Land, war in der Pfarrei Ministrant und in der Jugendarbeit aktiv, mein Vater war in der Kirchenverwaltung und im Pfarrgemeinderat. Die Kirche und Gemeinschaft habe ich immer als sehr positiv erfahren, als etwas, das ich gerne an andere Menschen weitergeben würde. Es ist etwas, wo man sich aufgehoben fühlt.

Böhnert und Schmitt
Lebten gemeinsam im Priesterseminar, gehen aber nun unterschiedliche Wege: Tobias Schmitt (links) und Markus Böhnert (rechts). Foto: altrofoto.de

Wie hat Ihr Umfeld auf die Entscheidung reagiert, ins Priesterseminar einzutreten?

Schmitt: Es war keine große Überraschung. Viele haben mich ermutigt, diesen Schritt zu gehen, weil ich nur dann eine endgültige Entscheidung treffen kann. Es gab aber auch Skepsis. Vor allem die Familie fragt sich, ob das Kind auf diesem Weg glücklich wird. 

Böhnert: Das war für mich eine sehr spannende Zeit, weil ich ja fest in einem technischen Beruf arbeitete. Meine Familie hatte mit diesem Schritt schon früher gerechnet. In der Arbeit war es ganz nett, da gab es durchaus Kollegen, die mich unter der Arbeitszeit besucht und gemeint haben, sie hätten da ein Gerücht gehört... Die Reaktionen waren durchweg positiv. Aber ich habe in den Gesprächen schon auch gemerkt, dass manche Kollegen die Entscheidung nicht nachvollziehen oder mit der Kirche allgemein wenig anfangen konnten.

Wie schwierig ist es, sich als junger Mensch auf ein Leben für Gott einzulassen?

Schmitt: Es braucht auf jeden Fall Mut. Aber schwierig ist es nicht, weil man mit dem Eintritt ins Priesterseminar ja noch nichts versprochen hat, sondern sich weiter auf die Suche macht. Man hat die Offenheit, sich umzuentscheiden. Das Schwierigste ist vielmehr die Zeit vor dem Eintritt, die Zeit der Entscheidung, ob es der richtige Weg ist.

Böhnert: Schwierig ist es vor allem auf Partys. Gerade zu späterer Stunde wird manchmal auch sehr kritisch nachgefragt. Da braucht es Selbstvertrauen. Mittlerweile kann ich gut damit umgehen. Ansonsten ist mir der Eintritt ins Seminar nicht schwer gefallen.

Der Priesterdienst bringt Konsequenzen mit sich: Keine Familie, Zölibat und wechselnde Einsatzorte.

Schmitt: Der Zölibat spielt bei der Entscheidung sicher eine große Rolle. Das trägt natürlich dazu bei, dass sich viele Menschen davon abschrecken lassen. Ich hatte im Seminar weder mit der Einsamkeit noch mit dem Zölibat Probleme, wobei das trügerisch ist, weil die Einsamkeit erst kommt, wenn man aus dieser großen Gemeinschaft, herausgeht und alleine in der Pfarrei ist.

Böhnert: Flexibilität und wechselnde Einsatzorte sind heute nichts Ungewöhnliches mehr. Was man mögen muss, ist, dass man als Priester auf das Land kommen kann, während man als Student gewohnt ist, dass man in Regensburg wohnt und alles vor der Haustüre hat. Was den Zölibat anbelangt, ist das Seminar ein guter Ort, um das nochmals zu prüfen. Als zölibatär lebender Mensch muss ich aber nicht zwingend einsam sein.

„Der freiwillige Zölibat ist keine Lösung." Papst Franziskus in einem Interview mit der "Zeit"

Papst Franziskus hat zuletzt die Debatte um den Zölibat neu entfacht.

Schmitt: Ich halte den Zölibat für zeitgemäß. Die Frage, die man sich stellen muss, lautet: Muss es ein Pflichtzölibat sein oder gibt es noch andere Wege? Ich halte es für überlegenswert, ob man die Berufung zum ehelosen Leben und die Berufung zum Priester verpflichtend aneinander koppeln sollte. Es ist wichtig, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Aber das zölibatäre Leben ändert sich ja auch: Früher hat der Pfarrer eine Haushälterin gehabt, mit der er den Alltag geteilt hat. Das ist heute meist anders. Das zeigt, warum die Chorherren so einen Zulauf haben: weil sie in Gemeinschaft leben und dennoch ihrem Priesterberuf nachgehen.

Böhnert: Warum diskutieren wir über den Zölibat? Weil wir sagen, das bringt heute nichts mehr? Weil es ohne mehr Priester gäbe? Oder geht es um den Zölibat selbst? Er birgt ja auch Freiheit. Ich kann mich durch die Ehelosigkeit mehr auf meine Arbeit als Seelsorger einlassen. Das bedeutet nicht, dass er zwingend notwendig ist. Ich bin schon der Meinung, dass es auch gute Priester gäbe, die nicht im Zölibat leben. Aber ich mag die Diskussion insofern nicht, wenn es nur um Zahlen und Funktionen geht.

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(Foto: altrofoto.de)

Welche prägenden Erfahrungen haben Sie im Priesterseminar gemacht?

Schmitt: Ich habe durchweg positive Erfahrungen gemacht. Sowohl beim Eintritt, als auch beim Austritt nach zwei Jahren. Ich bin gestärkt herausgegangen, denn ich habe das Ziel, meinen Weg zu finden, erreicht. Das primäre Ziel des Seminars ist es ja, zu schauen: Ist das Priesteramt mein Weg? Ich war immer sehr gerne im Seminar. Aber: Im Leben gehen Türen auf und Türen zu. Als ich in das Seminar eingetreten bin, hat sich eine Tür geöffnet, als sich diese verschlossen hat, haben sich wieder neue Türen im Leben aufgetan.

„Im Leben gehen Türen auf und Türen zu." Tobias Schmitt

Böhnert: Das Leben in einem Priesterseminar hat den Vorteil, dass ich mich nicht alleine, sondern gemeinsam auf das Priestertum vorbereite. So entsteht Austausch, manchmal reibt man sich auch aneinander, weil man verschiedene Ansichten hat, was einen guten Priester ausmacht. Es besteht aber auch die Gefahr, dass man zu sehr in einer eigenen Welt lebt. Es ist deshalb üblich, dass jeder Seminarist ein Jahr außerhalb des Hauses wohnt, um einfach auch einen anderen Blick auf die Sache zu bekommen.

Darf man als Seminarist dann auch mal in die Stadt zum Feiern gehen?

Schmitt: Man hat fixe Tagespunkte, wie die gemeinsame Mahlzeit oder die Eucharistiefeier. Ansonsten darf man so leben, wie jeder andere Student – und natürlich auch mal feiern gehen. Das ist ganz schön, weil hier im Haus ja viele junge Menschen zusammenwohnen. Es ist wichtig, im ganz normalen Alltagsgeschehen dabei zu sein.

Böhnert: Man muss manche Prioritäten anders setzen. Wenn ich weiß, wir haben morgens gemeinsam Frühmesse, dann muss ich dementsprechend meinen Abend davor anpassen. Die Gemeinschaft ist nicht nur für mich da, sondern ich auch für sie. Ich finde es aber sehr gut, wenn man mal feiern geht. Es schadet ja dem Ansehen des Priesterseminars nicht. Wir sperren hier auch nicht um acht Uhr die Türen zu und bleiben nur noch unter uns. Wir sind schließlich auch nur Studenten, wie viele andere auch. 

Welche Persönlichkeit braucht ein guter Priester?

Böhnert: Ich finde es gut, wenn man einem Priester anmerkt, dass er ein spiritueller Mensch ist, der aber nicht nur in seiner eigenen Welt lebt, sondern mitten in seiner Gemeinde. Ein guter Priester muss wissen, was in der Welt vor sich geht. Bei einem Jugendpfarrer kann es beispielsweise förderlich sein, wenn er weiß, welche Musik die Jugendlichen hören oder ob zur Zeit eine App besonders angesagt ist. Es ist wichtig, dass die Priester voll im Leben stehen aber gleichzeitig diese Verbindung zu Gott aus ihrem Glauben heraus besitzen, mit der sie den Menschen begegnen.

„Leg dein Leben in Gottes Hand, verlasse dich auf ihn, er macht es richtig." Psalm 27,5

Herr Böhnert, zweifeln Sie manchmal an Ihrem Entschluss, Priester zu werden?

Böhnert: Zweifel gibt es immer, die wird es sicherlich auch nach der Priesterweihe noch geben. Ich glaube, dass das einfach menschlich ist. Im meinem Freundeskreis wird derzeit viel über das Heiraten und Kinder gesprochen, das ist hinsichtlich des Zölibats natürlich nicht einfach. Aber wichtig ist, dass man auch in Zeiten des Zweifelns nicht sofort alles hinwirft, sondern gewisse Grundentscheidungen trifft, an denen man festhält. Besonders wichtig ist es, sich Menschen zu suchen, mit denen man über seine eigenen Zweifel sprechen kann.

„Wichtig ist, dass man auch in Zeiten des Zweifelns nicht sofort alles hinwirft." Markus Böhnert

Herr Schmitt, Sie sind sicher auch ins Zweifeln gekommen. Wann haben Sie gesagt, ich schlage einen anderen Weg ein?

Schmitt: Meine Zweifel kamen im letzten halben Seminarjahr. Ich habe gemerkt, dass sich etwas in meinem Inneren tut. Diese Idee, die ich verfolgt habe, hat sich nach der Zeit der Prüfung als falsch herausgestellt. Ich habe einige Gespräche mit meinem Regens und dem geistlichen Begleiter geführt. Das war mir sehr wichtig, denn einen solchen Entschluss darf man nicht voreilig treffen. Bei Zweifeln ist der größte Fehler, überhastet nach anderen Rettungsankern zu suchen. So habe ich eine Entscheidung getroffen, hinter der ich auch stehe.

Welchen Weg haben Sie nun vor sich?

Böhnert: Ich bin jetzt im achten Semester im Theologiestudium und habe noch zwei Semester vor mir. Danach beginnt für mich der Pastoralkurs. Dann arbeite ich als Praktikant in einer Pfarrei mit und werde im Dezember zum Diakon geweiht. Ende Juni 2019 werde ich dann, wenn alles nach Plan läuft, die Priesterweihe empfangen.

Schmitt: Ich werde im Sommer fertig mit dem Studium und komme dann als Praktikant in eine Pfarrei. Für mich war schon immer klar, dass ich für die Kirche Dienst tun möchte. Darauf freue ich mich schon sehr. Neben dem Beruf will ich mich auch im künstlerischen Bereich weiterentwickeln und dabei auch im kirchlichen und sakralen Bereich tätig sein. Privat habe ich eine Freundin. Wir können es uns sehr gut vorstellen, einmal eine Familie zu haben.

Interview: Philipp Seitz
Fotos: altrofoto.de/Uwe Moosburger und dpa

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Die Berufung Der Zölibat Die Erfahrungen Die Zweifel
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