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Auf Wiedersehen, Mitte!

Der goldene Mittelweg hat für viele keine Zugkraft mehr. Aber ohne breite Mitte wird der Demokratie der Boden entzogen.

Die Mitte ist golden, seit jeher. Sie ist der Ort, an dem wir uns treffen, egal ob wir reisen oder verhandeln. Sie ist das Gelbe vom Ei, der Punkt, um den wir kreisen: Die Spitze des Zirkels sticht in die Mitte, sein Schenkel zieht einen Kreis, an dessen Rand jeder Punkt gleich weit vom Mittelpunkt entfernt ist. Und Orientierungshilfe: Links und rechts sind immer von einer Mitte aus gedacht. „Ich bin in meiner Mitte“, sagt man, wenn man zufrieden ist und meint damit die Balance zwischen Seele und Leib, Innen und Außen, Psyche und Physis. Mitte ist, wo man sich aufgehoben fühlt, auch deshalb ist sie das Maß aller Dinge. Und ja, bisweilen wird sie auch nur als Mittelmaß gescholten oder als kleinster gemeinsamer Nenner verunglimpft. Aber das ist zu verkraften. Denn schließlich ist der Mittelweg der Königsweg eines funktionierenden Zusammenlebens. SPD-Chef Sigmar Gabriel versteht die Mitte denn auch als „Deutungsort der Gesellschaft“.

Leider laufen wir Gefahr, diese Mitte zu verlieren.

Mehr als tausend Straftaten gegen Flüchtlingsunterkünfte registrierte das Bundeskriminalamt (BKA) im Jahr 2015, darunter waren 95 Brandstiftungen. Im ersten Halbjahr 2016 wurden 665 Straftaten gezählt, darunter 55 Brandstiftungen. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) zeigte sich erschüttert: „Es ist erschreckend, dass die Gewalt teilweise bis in die Mitte der Gesellschaft kriecht.“

„Teile der Mitte haben sich radikalisiert und äußern rechtsextreme Meinungen“

Seit 2006 gibt die Friedrich-Ebert-Stiftung alle zwei Jahre eine Studie in Auftrag, die die Befindlichkeit der gesellschaftlichen Mitte vor allem im Hinblick auf rechtsextreme Haltungen untersucht. „Die Leitbilder, an denen sich Menschen im Jahr 2016 orientieren, klaffen immer weiter auseinander. Hass, Abschottung und Gewalt stehen Solidarität und zivilgesellschaftlichem Engagement für die Integration von Geflüchteten und Asylsuchenden gegenüber. Teile der Mitte haben sich radikalisiert, sind gewaltbereit und äußern unverhohlen rechtsextreme Meinungen.“ Das wird die aktuelle Studie belegen, die im November veröffentlicht wird und aus deren Vorstellung das Zitat stammt.

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Die goldene Mitte ist das Gelbe vom Ei – und fehlt immer häufiger. Foto: Fotolia

Die ohnehin seit Jahren fragile Mitte spaltet sich im Jahr der Flüchtlingskrise und im Zeichen wachsender Bedrohung durch islamistischen Terrorismus. Die Teile driften auseinander und wo das Zentrum war, gähnt ein Vakuum, das sich mit herkömmlichen Worthülsen, Durchhalteparolen und leeren Versprechungen nicht so schnell wieder bevölkern lassen wird. Eine Unwucht hat das politische Leben in Deutschland erfasst.

Aber nicht nur dort: In den USA stehen sich die Lager eines maßlosen Demagogen und einer unterkühlten, nicht besonders beliebten Berufspolitikerin gegenüber. Die Briten kehrten der Europäischen Union den Rücken, der Riss zwischen den meist jungen Befürwortern eines Verbleibs und den Brexit-Anhängern wird nicht so schnell vernarben. In Ungarn etablierte der nationalreaktionäre Populist Viktor Orbàn ein autoritäres System. In Frankreich schickt sich Nicolas Sarkozy an, die Führerin der Rechten, Marine Le Pen, im Rennen um die Präsidentschaft rechts außen zu überholen. Man fragt sich: Wo in aller Welt ist die bürgerliche Mitte geblieben? Gleiche Frage, anderes Land: In Österreich treten ein Grüner und ein Rechtspopulist bei der Präsidentenwahl – falls sie denn jemals korrekt über die Bühne gehen sollte – gegeneinander an. Wo man auch hinblickt, scheinen Zentrifugalkräfte zu wirken, die die Mitten leeren und die Ränder füllen.

Die Tyrannei der Mehrheit

Wo ist das Problem, könnte man meinen, wenn am Ende die Verhältnisse klar sind und Volkes Wille regiert? Das Problem ist, dass ohne breite Mitte einem auf Ausgleich der Interessen und Ideen fußenden politischen System der Boden entzogen wird. Sah Alexis de Toqueville (1805-1859) noch die Tyrannei der Mehrheit in ihrer uniformen Gleichschaltung als größte Gefahr für die Demokratie an, so ist es jetzt eher die Unvereinbarkeit extremer Lager ohne Schnittmengen. Schlimmstenfalls würde sie dazu führen, dass die skrupellosere oder einfach nur politisch geschicktere Hälfte über die Geschicke einer leiseren und womöglich politisch naiveren Hälfte bestimmt – und auch das wäre nichts anderes als eine Tyrannei der Mehrheit. Oder eine „Unterwerfung“, um mit Michel Houellebecq zu sprechen. In dessen gleichnamigem Roman übernimmt ein charismatischer Muslimbruder die Macht in Frankreich, den eine marginalisierte Mitte nur deshalb unterstützt, um die Rechten nicht ans Ruder zu lassen.

„Ob und wie etwas oder jemand sich in der Mitte befindet, hängt davon ab, wie eine Situation definiert, ein Tätigkeitsfeld strukturiert oder eine Welt organisiert ist.“ Bernhard Waldenfels, Philosoph

Bei all dem ist freilich eins klar: Eine Mitte gibt es immer, und jede Klage über ihr Verschwinden meint eigentlich ihr Verschieben auf einer Skala nach rechts oder links, oben oder unten. „Ob und wie etwas oder jemand sich in der Mitte befindet, hängt davon ab, wie eine Situation definiert, ein Tätigkeitsfeld strukturiert oder eine Welt organisiert ist“, schreibt Bernhard Waldenfels, der sich als Philosoph mit dem Fremden in Ordnungen auseinandersetzt. Topographisch oder chronologisch gesehen definiert die Mitte lediglich eine Stelle zwischen zwei Punkten oder Zeitpunkten. Bewegen sich die Punkte, bewegt sich auch die Mitte. Ebenso funktioniert sie quantitativ als der Durchschnittswert von Messungen. Das Zentrum ist immer abhängig von der Peripherie. Übertragen auf das politische Spektrum bedeutet das Überschreiten einer Grenze nach rechts auch einen Rechtsruck in der Mitte.

Mitte als Machtzentrum

Neben mathematischen Betrachtungen von Mitten sind es die metaphorischen, symbolhaften Dimensionen des Begriffs, mit denen sich Philosophie und Politikwissenschaft beschäftigen. Der Philosoph Kurt Röttgers und die Literaturprofessorin Monika Schmitz-Emans haben in einem Buch philosophische, medientheoretische und ästhetische Konzepte der Mitte gesammelt. Unter anderem verweisen sie auf das Verständnis von Mitte als Machtzentrum. „Mit räumlichen Vorstellungen ist dies insofern verknüpft, als … Zentralbereiche oft strategische Vorteile bieten, die die Ausübung von Macht erleichtern“, schreibt Schmitz-Emans. Machtarchitektur – „von Versailles bis zu faschistischen Architekturphantasien“ – und Machtsymbole, wie etwa Wappen, aber auch religiöse Kultstätten seien daher immer stark axialsymmetrisch angelegt. Man kann hier getrost als Beispiel auch das Bundeskanzleramt in Berlin anführen – eher ein klotziger Tempel der Macht als eine zeitgemäße Verkörperung von Demokratie.

„Die Schule von Athen“ (1510/1511, Vatikan) ist ein Fresko des italienischen Renaissance-Meisters Raffael. Platon und Aristoteles besetzen darin die Mitte

„Autorität drückt sich in einer mittleren Positionierung unmittelbar sinnfällig aus“, meint Schmitz-Emans. Das gelte nicht zuletzt auch für das Bad eines Politikers in der Menge. Als Beispiele aus der Kunst führt sie neben Darstellungen vom Letzten Abendmahl und Weltgericht auch Raffaels Gemälde der „Schule von Athen“ (1510/1511) an. Zentral auf dem Bild: Platon und Aristoteles, der Begründer der Mesotes – der Lehre der Mitte.

Ethisch gut und richtig handelt nach Aristoteles derjenige, der den Mittelweg zwischen zwei Extremen, man kann auch sagen Lastern, wählt. Das Mittel der Wahl liegt zwischen dem Übermaß und dem Mangel, wie die Tapferkeit zwischen der Tollkühnheit und der Feigheit, die Mäßigkeit zwischen dem Stumpfsinn und der Zuchtlosigkeit, die Freundlichkeit zwischen der Streitsucht und der Schmeichelei, die Toleranz zwischen der Ignoranz und der Intoleranz. Der „goldene Mittelweg“ – aurea mediocritas – findet sich auch in den Oden von Horaz und in Ovids Metamorphosen: „Medio tutissimus ibis“ – in der Mitte gehst du am sichersten. Das Gute des Handeln sei nach Aristoteles „die Mittlere von Handlungsalternativen“, schreibt Kurt Röttgers. Es liege aber auch mitten im Handeln selbst. Es ist das, was auf den Anfang folgt und vor dem Ende kommt, denn: „Ganz ist, was Anfang, Mitte und Ende besitzt“ (Aristoteles, „Poetik“, Kap. 7).

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Donald Trump, US-Präsidentschaftskandidat der Republikaner, provoziert, wo er nur kann, und schürt Verschwörungstheorien. Foto: dpa

Es ist offensichtlich, dass der goldene Mittelweg für einen erschreckend großen Teil der Gesellschaft keine Zugkraft hat. Ignoranz und Intoleranz laufen der Toleranz den Rang ab, siehe Flüchtlingsdebatte, siehe Pegida-Parolen, siehe AfD-Erfolge. Tollkühne Verschwörungstheorien – Donald Trump wiederholt gebetsmühlenartig: „There’s something going on“ (Irgendwas geht da vor) – fallen bei immer mehr Menschen auf fruchtbareren Boden als mäßigende Worte. Und mit Kampfansagen einerseits – Seehofer an Merkel: „Wenn sich nichts ändert…“ – und Anbiederung andererseits – etwa an die „verständlichen Ängste besorgter Bürger“ – kommt man scheinbar weiter als mit Respekt und Freundlichkeit. Nicht nur im politischen Spektrum, auch im politischen Handeln scheint sich die Mitte aufzulösen. War das eigentlich schon immer so?

„Es gibt viele Menschen, die wegen ihres Engagements Angst haben müssen vor rechten Übergriffen. Das ist für unsere Demokratie verheerend.“ Heiko Maas, Bundesjustizminister

Hinzu kommt ein Problem der Vermittlung. Auch Kommunikationsmodelle bedienen sich der Mitte – sie steht gemeinhin als Medium zwischen Sender und Empfänger. Doch das war einmal. Der Sender erreicht den Empfänger längst direkt und unmittelbar, ohne einen distanzierenden, reflektierenden, ordnenden und wie auch immer gewichtenden Vermittler zu brauchen. Das hat viele gute Seiten – sofern die Regeln, nach denen klassische Medien sich richten, hier ebenso befolgt werden. Wo das nicht der Fall ist, gehen Sinnstiftung und Anstand verloren.

Hasstweets in der Timeline, Patrone im Briefkasten

Zu spüren bekommen das nicht nur die als „Lügenpresse“ verunglimpften Medienvertreter, sondern jeder einzelne, der sich traut, mitmenschlich zu sein. Rechte Hetze vor großem Publikum trifft den Bundespräsidenten Joachim Gauck genauso wie den einfachen Bürgermeister vor Ort. Mehr als 200 Straftaten wie Bedrohungen, Beleidigungen und Sachbeschädigungen zählte das Bundeskriminalamt im ersten Halbjahr 2016. Bundesjustizminister Heiko Maas bekam nicht nur verbale Drohungen im Netz zugestellt, sondern eine Patrone in den Briefkasten. Er sagt: „Es gibt viele Menschen, die wegen ihres Engagements Angst haben müssen vor rechten Übergriffen. Das ist für unsere Demokratie verheerend.“

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Seit Massenkommunikation nicht mehr zwingend ein klassisches Medium als Vermittler braucht, geht der Anstand verloren. „Was hier geschieht, ist eine gewaltige Verrohung der Sitten“, resümiert die Studie „Enthemmte Mitte“ der Uni Leipzig. Foto: dpa

„Die enthemmte Mitte“ titulierten Forscher der Uni Leipzig kürzlich ihren Bericht über rechte Gewalt aus der Mitte. Mitautor Elmar Brähler: „Was hier geschieht, ist eine gewaltige Verrohung der Sitten.“ Wird Zeit, dass die Mitte ihren Deutungsort wieder zurückerobert.

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