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Auf und zu

Vor 125 Jahren wurde der Reißverschluss erfunden. Heute wäre ein Leben ohne den Schieber undenkbar. Doch bis er genutzt werden konnte, war es ein langer und lustiger Weg.

Er ist eine der meistgenutzten Erfindungen der Neuzeit. Ihn kennt jeder, den Reißverschluss. Journalist Kurt Tucholsky widmete ihm eine Satire, die Rolling Stones inszenierten ihn mit einem Album-Cover spektakulär. Am 29. August feiert der kleine Helfer mit den vielen Zähnen Geburtstag: Seit 125 Jahren geht der Reißverschluss auf und zu.

Für Journalist Kurt Tucholsky blieb das gezackte Wunderwerk der Ingenieurs-Technik zeitlebens ein Mysterium: „Kein Mensch kann sich erklären, warum der Reißverschluss funktioniert“, schrieb das Lästermaul unter seinem Pseudonym Peter Panter 1928 in der „Vossischen Zeitung“. „Ich weiß es nicht, du weißt es nicht, wir alle wissen es nicht.“ Auch der frühere Bundespräsident Theodor Heuss gab sich ahnungslos: Als „Papa Heuss“ in den 1950er Jahren die Ausstellung „Bergbau“ im Deutschen Museum in München eröffnete, sprach der Schwabe mit der markanten Stimme den Kuratoren ins Ohr: „Meine Herren, das interessiert mich hier eigentlich alles gar nicht.“ Aber wie ein Reißverschluss funktioniert, das wüsste er schon gerne.

Männer leiden an Reißverschluss-Verletzungen

Vorsicht vor dem Klauenschließer! Er hat so seine Tücken: Er klemmt, wenn er nicht klemmen sollte. Er öffnet sich, wenn er sich nicht öffnen sollte. Jeans rutschen, Anoraks flattern im Wind, durch Hosentüren zieht es. Schlimmer noch: Mehr als 81 000 männliche Patienten in den USA landeten zwischen 2002 und 2010 in der Notaufnahme – wegen einer Reißverschluss-Verletzung an ihrem besten Stück. Zwei Drittel davon waren laut Forscher der University of California Kinder. „Einfach besser aufpassen“, resümierten die Urologen simpel und rieten den Eltern, ihre Kinder lieber in Hosen mit elastischem Bund zu stecken, bis die Kleinen mit dem Reißverschluss umgehen können. Deutschen Medizinern war das schmerzhafte Problem 1999 sogar ein Fachbuch wert: „Reißverschlussverletzungen – Tipps und Tricks für den Urologen“.

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Die Rolling Stones widmeten dem Reißverschluss sogar ein Album-Cover. Foto: dpa

Derart schräg, amüsant und manchmal auch tragisch sind viele Geschichten und Überlieferungen, die sich um den Ritsch-Ratsch-Apparat ranken. Das geniale Ding hat viele Väter: Ein gutes Dutzend Erfinder hat sich jahrzehntelang an seiner Technik abgearbeitet. Wann endlich vermochte ein flinkerer Ersatz die umständlichen Schnürsenkel, Bänder, Knöpfe oder Knebel ersetzen? Manch Tüftler verzweifelte darüber. Einer starb verkannt und bettelarm. Ein anderer wurde am Lebensende sogar für geisteskrank erklärt.

Statt des Zippers wird die Nähmschine erfunden

Aber der Reihe nach: Die Geburt des Reißverschlusses beginnt ganz unten – an den Füßen. In hochgeknöpften Schuhen stolzieren die Bürger im 19. Jahrhundert über das Pflaster. Und es braucht viel Geschicklichkeit, die Galoschen mit Stiefelknöpfern zu bändigen. Ob Hosen, Jacken, Kleider, Korsetts – alles wird umständlich und zeitraubend zugeknöpft oder verhakt.

Reissverschluss Hose
Manchmal ist auf den Reißverschluss nicht Verlass - so wie 2010 bei Formel 1-Rennfahrer Mark Webber. Foto: dpa

Das will ein Amerikaner ändern: Vor etwa 170 Jahren lebt in Boston ein sonderbarer Kauz, der, so die Überlieferung, „trotz seines Alters noch läppisch und kindisch und vor allem ein Feind jedweder anstrengenden Arbeit war“: Elias Howe, eine „Stadtmerkwürdigkeit“. Nächtelang hockt der Grübler in seinem elenden Dachstübchen und weiß oft nicht, wie er seine hungernde Familie ernähren soll. 1851 meldet der dreifache Familienvater ein Patent für seinen „automatischen, ununterbrochenen Kleiderverschluss“ an. Howes Idee ähnelt einem Kordelzug, der durch eine Reihe von Klämmerchen läuft. Ein Konstrukt, das es nie zur Marktreife brachte. Der späte Ruhm kommt dennoch: Als Howe 1867 im Alter von nur 48 Jahren in Brooklyn stirbt, hinterlässt der inzwischen zum Fabrikanten aufgestiegene Kauz von einst ein großes Vermögen: Howe ist der Erfinder der Nähmaschine.

Erst der Geistesblitz eines ehemaligen Leutnants bei der 22. Illinois US-Kavallerie führt zur Entwicklung des ersten echten Reißverschlusses: Um einem an einer Gelenkentzündung leidenden Freund das Schließen der Stiefel zu erleichtern, tüftelt Whitcomb Leonard Judson, ein amerikanischer Maschinenbau-Ingenieur und Handlungsreisender für Kornwaagen, an einer revolutionären Konstruktion. Am 29. August 1893 meldet er seinen auf Haken und Ösen basierenden Verschluss mit dem klangvollen Namen „Klemmöffner und Klemmschließer für Schuhe“ zum Patent an. Noch im selben Jahr präsentiert Judson auf der Weltausstellung in Chicago seine bahnbrechende Idee. Doch die Präsentation gerät zum Desaster: Die 21 Millionen Besucher der gigantischen Leistungsschau interessieren sich viel mehr für das weltweit erste elektrische Riesenrad und Amerikas erste Bauchtänzerin „Little Egypt“ als für das winzige Textil.

"Ein Zug und fertig!" Whitcomb Leonard Judsons Werbeversprechen

Judson ist untröstlich. Sein vollmundiges Werbe-Versprechen „Ein Zug und fertig!“ kann das kleine Wunderwerk nie einlösen: Allzu oft klemmt der Verschluss, oder er öffnet sich bei den unpassendsten Gelegenheiten. Den Siegeszug seiner Erfindung hat der Urvater des Reißverschlusses nicht mehr erlebt. Judson stirbt 1909 verarmt in dem traurigen Glauben, dass seine Erfindung nie einen praktischen Nutzen haben wird. Ein Trugschluss.

Patent für einige zehntausend Franken abgequatscht

Einem ehemaligen Maschinenbau-Studenten am Rheinischen Technikum in Bingen gelingt acht Jahre später die entscheidende Weiterentwicklung von Judsons Lebenswerk: Mit dem „Separable Fastener“ entwickelte der gebürtige Schwede Otto Frederik Gideon Sundbäck 1917 den ersten serienreifen Reißverschluss. Der Ingenieur, der 1905 in die USA emigriert war, ersetzt die Haken und Ösen bisheriger Modelle durch ineinandergreifende Klemmbäckchen und Kügelchen. Das US-Militär ist begeistert: Noch im selben Jahr werden die wetterfesten Uniformen der Navy mit Sundbäcks Reißverschlüssen ausgestattet, ebenso die Gummistiefel für die kämpfende Truppe in Europa zum Ende des Ersten Weltkrieges. Zur zivilen Anwendung kommt es erst später.

1923 bietet Sundbäck seine Erfindung in der Schweiz feil. Die Stickereibarone in St. Gallen amüsieren sich über den Amerikaner. Sie schicken ihn zum Bruchbandhändler Martin Othmar Winterhalter, den sie für ebenso durchgeknallt halten. Winterhalter, der sein Jura-Studium mit der Produktion von Bändern zur Heilung von Bauchhöhlen-Brüchen finanziert hatte, erkennt den unschätzbaren Wert dieser visionären Erfindung sofort. Der Eidgenosse schwatzt Sundbäck für einige zehntausend Franken das Patent ab und entwickelt aus dem amerikanischen Urtyp ein Verschlusssystem aus Rippen und Rillen, kurz „Riri“. Eine Revolution. Schon 1925 produzieren 1000 Arbeiter in Winterhalters erster Fabrik in Wuppertal zehn Kilometer „Riri“ täglich.

Kurt Tucholsky
Journalist Kurt Tucholsky konnte sich nicht erklären, wie der Reißverschluss funktioniert. Foto: dpa

Eine geniale Erfolgsstory, die privat in einer Katastrophe endet: Nach dem Zweiten Weltkrieg beginnt der Unternehmer damit, religiöse Scharlatanerie großzügig zu sponsern. Der einstige Klosterschüler fantasiert von wundersamen Steinchen und Wässerchen, die er entdeckt habe. Schlösser, Viadukte und Straßen aus Rippen und Rillen sollen entstehen. Der kinderlose Millionär dreht durch, lässt rauschende Feste steigen, verschleudert sein märchenhaftes Vermögen. 1961, zum 25. Firmenjubiläum, stirbt Winterhalter in der Klapsmühle. Diagnose: paranoide Schizophrenie.

"Kein Mensch kann sich erklären, warum der Reißverschluss funktioniert." Kurt Tucholsky, Journalist

Auch für den rastlosen Querkopf Winterhalter gestaltet sich die Vermarktung des Reißverschlusses anfangs schwierig. Die konservative Kundschaft gibt sich zugeknöpft: „Zu vulgär.“ Erst in den dreißiger Jahren wird der Zipper salonfähig. 1935 stattet erstmals in Deutschland das Münchner Modehaus Hirmer Herrenhosen mit Reißverschlüssen aus. Die eigenwillige Modedesignerin Elsa Schiaparelli baut ein Jahr später knallrote Reißverschlüsse in Kleider aus Cellophan.

Reissverschluss Osterei
Eine Option für Ostern: ein mit einem Reißverschluss bemaltes Ei. Foto: Franziska Kraufmann/dpa

Auch in der DDR ratschten die Schieber unermüdlich auf und zu. Vor allem für die „Jugend- und Freizeitmode mit Jeans-Charakter“. 800 Arbeiter standen bis 1990 im Thüringer VEB Kombinat Solidor Heiligenstadt am Fließband, das Jahr für Jahr 60 000 Kilometer Reißverschluss ausspuckte. „Wir benutzen sie mit mehr oder weniger Freude täglich“, schreibt 1977 der Schweriner Schriftsteller Jürgen Borchert. „Leider hat noch niemand den Schlafanzug mit Reißverschluss gefunden. Welche ungeahnten Möglichkeiten der Kooperation böten sich da.“

Ein 632 Meter langer Reißverschluss

Ein Leben ohne Reißverschluss? Undenkbar. Längst finden wir die geniale Erfindung, die unseren Alltag erleichtert und beschleunigt, nicht nur bei Kleidern, Hosen, Taschen, Geldbeuteln und Bettwäsche. Sie verschließt auch Zelte, Tauchanzüge und feuerfeste Formel 1-Fahrerkombis, verriegelt Ölsperren, Fischer- und Vogelnetze, selbst rindslederne Bibeln, Leichensäcke, künstliche Rasenstücke auf Fußballfeldern und Patienten-Bäuche nach Operationen. Einer der größten Reißverschlüsse dümpelt in ewiger Dunkelheit: Das Monstrum liegt auf dem Grund des Atlantiks und hält die Schutzhülle eines Telefonkabels zusammen. Seine Länge erreicht 632 Meter, sein Gewicht beträgt 43 Kilogramm.

Die Produktion brummt. Heute verbraucht ein Mensch in den Industrieländern zu Lebzeiten im Schnitt mehr als 20 Meter Reißverschlüsse. Global Player ist ein japanischer Konzern. Die drei Buchstaben YKK – wer kennt sie nicht? Sie zieren Reißverschlüsse in der ganzen Welt. Der Gigant, seit 50 Jahren auch in Deutschland einsamer Marktführer, produziert etwa die Hälfte des weltweiten Bedarfs. Besuche in der deutschen Zentrale in Mainhausen sind unerwünscht. Keine Fotos, keine Infos aus dem Reißverschluss-Imperium. Alles zu. „Wir zeigen nichts aus der Produktion“, sagt die japanische Marketing-Mitarbeiterin Naomi Kotani.

  • Reissverschluss Haus Total
    Dieses Reißverschluss-Kunstwerk ist in Großbritannien zu sehen. Foto: Kirsty O'connor/dpa
  • Hochhaus Reissverschluss Nah
    Künstler Alex Chinnek mit seinem Reißverschluss-Kunstwerk in Großbritannien Foto: Kirsty O'connor/dpa
  • Reissverschluss Geschminkt
    Der Reißverschluss macht sich auch geschminkt nicht schlecht. Foto: Fredrik von Erichsen/dpa
  • Reissverschluss Latex
    Für einen Rock aus Latex wird ein Reißverschluss geklebt. Foto: Angelika Warmuth/dpa

Journalist Kurt Tucholsky hatte wohl recht, als er vor hundert Jahren scherzte: „Keiner weiß, warum der scheinbar so einfache, welterobernde Reißverschluss funktioniert. Die Fabrikanten können ihn herstellen, aber sie wissen eigentlich auch nicht ganz genau, was sie da fabrizieren.“

Text: Thomas Olivier

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