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Auf den Händen bis nach Rom

Vor 50 Jahren machte sich der Handstand-Lucki seinen Namen. Ludwig Hofmaier lebt jetzt in Offenburg als Antiquitätenhändler.

Entschuldigen Sie bitte, wissen Sie, wo hier der Handstand-Lucki wohnt?“ Drei alte Damen vor dem Seniorenstift Vinzentiushaus in der Offenburger Grimmelshausen-Straße blicken verständnislos. „Was für ein Handstand?“ fragt die eine zurück. „Den Herrn Ludwig Hofmaier.“ – „Ah, Sie meinen den Antiquitätenhändler aus der Fernsehsendung ‚Bares für Rares‘.“ Jetzt wird der Fremde verstanden. Eine der Frauen weist auf ein graues, villenartiges Haus, etwas weiter vorn an der gutbürgerlichen Straße.

Läuten an der Gartentür kann man nicht. Man muss bis zur Haustür vordringen. Dort hängt eine Messingglocke. Wenn man den Klöppel schwingt, hallt es hell. Gleich darauf öffnet sich die Tür. Da steht er und sagt: „Kommen’s nur eina.“ Der Lucki, in voller Größe von 155 Zentimetern, im wild gemusterten bunten Hemd, in brauner Hose. Das Bäuchlein zwischen den Hosenträgern ist gut sichtbar. Ein Sport-Ass, Weltmeister im Handstandgehen – das war einmal. Lang, lang ist’s her.

„Mei, des kannt’ i heit nimmer. Sport mach i koan mehr.“ Lucki Hofmaier

Vor genau 50 Jahren hat dieser Mann eine spektakuläre Pilgerreise unternommen: vom Regensburger Domplatz zum Petersplatz in Rom. „Mei, des kannt’ i heit nimmer. Sport mach i koan mehr“, gesteht der rundliche 76-Jährige.

Das zweite Leben des einstigen deutschen und bayerischen Kunstturnmeisters, Sportlehrers, Unteroffiziers der Bundeswehr und Hofnarrs der Regensburger Narragonia manifestiert sich im Innern des Hauses. Buchstäblich jedes Zimmer ist eine Wunderkammer, vollgestellt mit Heiligenfiguren, Votivbildern, Bierkrügeln in den Regalen und Hampelmännern an den Wänden, voll alten Möbelstücken, Kinderspielzeug, einem riesigen Schaukelpferd aus einem Karussell-Ensemble.

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Ludwig Hofmaier handelt mit Antiquitäten und tritt in der ZDF-Sendung "Bares für Rares" auf. Foto: Harald Raab

Er sitzt auf einem roten Sofa. Hinter ihm tummelt sich eine musizierende Engelschar auf einem Stuckfragment aus einer barocken Kirche. Lucki hat eine große gelbe Schachtel bereitgestellt. In ihr ist das frühere, das Regensburger Leben des Ludwig Hofmaier mit Bildern und Zeitungsausschnitten feinsäuberlich dokumentiert. „Des is mei Vater und daneben, des bin i“, sagt der Hausherr und zeigt auf ein vergilbtes Foto. Beide haben sie einen Siegerkranz auf dem Kopf. Das war beim deutschen Turnfest 1956 in Frankfurt am Main. 

Luckis Vater war Schneidermeister in Saal an der Donau und „a guada Turner“ dazu. Jetzt weiß man, woher der 1941 geborene Lucki sein sportliches Talent hat. „Mei Muada war a exzellente Schwimmerin. Acht Kinder war ma. Der Vater hat gut für uns gesorgt. Er hat Anzüge g’naht. Da hat oana 150 Mark kost’. Des war damals vül Geld.“ Eigentlich sollte der Lucki auch einmal solche Anzüge schneidern. Er sagt: „ Aber das war nix für mi. Da müsst’ i ja immer sitzen. Des Nah’n, des wollt’ i net.“

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Wie der Vater, so der Sohn: Lucki Hofmaier und der Papa als bekränzte Sieger 1956 beim Turnfest in Frankfurt Foto: Archiv Ludwig Hofmaier

Früh übt sich, was ein Handstandgeher und tüchtiger Geschäftsmann werden will. Der Lucki führte seine Kunststücke auf der Straße vor und kassierte so manches Zehnerl. Dass er dann auch auf dem Dachfirst des elterlichen Hauses einen Handstand probiert hat, zeigt, dass er hoch hinaus wollte. Doch vorerst blieb er auf dem Boden. Er holte an den Ringen, am Pferd und am Barren so manche Meisterschaft. Im Bodenturnen machte ihm keiner was vor. Am Pferd war der drahtige Lucki der erste Deutsche, der den höchst gefährlichen Yamashito-Salto zustande brachte.

Die Karriere als Handstandgeher kam so richtig in Fahrt, als die Regensburger Faschingsgesellschaft einen Hofnarren brauchte: einen, der den Tollitäten und dem narrischen Hofstaat vorausmarschierte – auf den Händen versteht sich.

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Ludwig Hofmaier machte auch als Hofnarr (im Bild vorne) der Regensburger Narragonia eine gute Figur. Foto: Archiv Ludwig Hofmaier

Es war bei einer Narragonensitzung im Ratskeller. Oberbürgermeister Rudolf Schlichtinger forderte den jungen Hofnarren auf: „Geh, Lucki, zeig uns mal deinen Handstand.“ Es kam zu einem Disput darüber, wie weit er wohl auf den Händen gehen könnte. „20 Kilometer, die gangad i scho“, erwiderte der bei seinem sportlichen Ehrgeiz Gepackte. „Wetten, dass?“

Lucki marschierte danach von Saal nach Regensburg, auf den Händen. In der Mittelbayerischen Zeitung stand zu lesen: „Zwei Paar Handschuhe lief der 22-jährige Bundeswehrsoldat und Hofnarr der Narragonia, Lucki Hofmaier, an diesem Wochenende durch. Um 18 Uhr startete er in Saal, um auf Händen die 20 Kilometer zurückzulegen. Am Ziel, wo er völlig erschöpft eintraf, konnte er 500 Mark kassieren, den Lohn einer ungewöhnlichen Wanderschaft und den Preis einer gewonnenen Wette.“

Das Tagesgespräch beim Kneitinger

Lucki Hofmaier war in Regensburg Tagesgespräch. „Beim Kneitinger samma zammg’sessen“, erinnert sich Hofmaier an den zweiten Ansporn zu sportlichen Großtaten. Lucki hatte gerade vom Weltrekord im Handlaufen über 100 Kilometer gelesen. „Des konn i a“, verkündete er. Ein Geschäftsmann versprach ihm 2000 Mark, wenn er diesen Rekord brechen könnte. Von Regensburg nach München, das würde reichen und genügend Aufmerksamkeit erregen.
Gesagt, getan. In Etappen von rund 20 Kilometern pro Tag ging es kopfüber auf die Walz. „I bin so einen, zwei Kilometer am Stück ’gangen. Dann abgesetzt, damit der Kopf wieder frei wurde und so ging es weiter. Wir hatten einen Caravan dabei, dort hab’ i g’schlafen. Insgesamt waren es 48 Stunden reine Gehzeit in 13 Tagen.“ Am 26. Oktober 1964 marschierte Lucki auf dem Münchner Marienplatz ein. Im Rathaus wurde der Handgeher von Oberbürgermeister Jochen Vogel empfangen. Der Handstand-Lucki war nun ein richtiger Weltmeister.

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    Kleiner Lucki neben großem David: Ludwig Hofmaier passierte auf seinem Weg nach Rom auch die berühmte Statue von Michelangelo in Florenz. Foto: Archiv Ludwig Hofmaier
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    Als Turner war Ludwig Hofmaier ein Ass. Er war einst deutscher und bayerischer Kunstturnmeister und Sportlehrer. Foto: Archiv Ludwig Hofmaier

Und wie es sich für so eine sportliche Berühmtheit gehört, wurden große Pläne geschmiedet. Die Spitze des Eiffelturms in Paris um Luckis 155 Zentimeter zu verlängern, das wäre es, oder gar das damals höchste Gebäude der Welt, das Empire State Building in New York. Doch aus all dem wurde nichts. Lucki musste erst einmal Geld verdienen. Er vermietete sein attraktives Können bei Werbe-Events. Er kletterte auf Händen auf hohen Dächern und Türmen herum, machte Handstand auf Dachrinnen in Schwindel erregender Höhe.

Der Handstand-Lucki war jetzt ein gefragter Mann. Die Wochenschau berichtete über ihn. Im ZDF-Sportstudio bei Harry Valerien trat er mit dem bekannten Fußballspieler Karl Heinz Schnellinger und dem Box-Profi Bubi Scholz auf. In Peter Frankenfelds Fernsehshow „Und ihr Steckenpferd“ lief er eine ganze Sendung lang auf Händen durchs Studio.

Pilgerreise statt Eiffelturm

Da man in Paris den Handstand auf dem Eiffelturm verweigerte, und es nach New York damals für einen wie Lucki doch zu weit war, musste eine andere Krönung der Handgeherlaufbahn her: eine Pilgerreise auf den Händen zum Papst nach Rom. Das ist für einen frommen Katholiken aus Regensburg das Höchste der Gefühle.

21. April 1967: Der Regensburger Domplatz war schwarz von Menschen. Polizisten mussten den Verkehr regeln. Fernsehreporter aus aller Welt waren angereist. Der Lucki streifte sich ein Paar Handschuhe über, das erste von 200, die ihm die österreichische Handschuhfabrik Moser angefertigt hatte, mit einer Polsterung für die Handflächen und die Fingerspitzen.

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Grenzkontrolle auf zwei Händen: „Wohin soll die Reise denn gehen?“ Nach Rom zum Papst. Foto: Archiv Ludwig Hofmaier

Unter dem Beifall der Menge ging es los. 1070 Kilometer in drei Monaten auf den Händen. Regensburger Geschäftsleute hatten für das außergewöhnliche Unternehmen 15 000 Mark zur Verfügung gestellt. Der Regensburger Fernsehreporter Fritz Stegerer reiste immer wieder hinterher, um dem Publikum daheim zu zeigen, wie weit es der Handstand-Lucki geschafft hat: bei Mittenwald über die bayerisch-österreichische Grenze, über den Brenner, durch die norditalienische Ebene, über den Apennin. Und dann endlich Einmarsch auf dem Petersplatz in Rom. „Da bin i an den Wachen vorbei in den Vatikan nei. Da war der Papst. Um den bin i im Handstand einmal herum. Er hat mir den Segen geben und gesagt: ‚Das ist ein Wunder, was Sie da machen‘.“ Noch heute leuchten die Augen und seine Stimme wird feierlich, wenn er davon berichtet.

Aber warum gibt es davon keine Fotos? Lucki hat eine Erklärung, in der Mythos und Realität verschmelzen und eine gute Geschichte ergeben. „Des war ganz privat. Da waren nur der Papst, ein Monsignore und i. Da hot koana dabei sein dürfen.“

Kultfilm mit dem Handstand-Lucki

Noch bis heute dabei sein darf ein zahlreiches Publikum bei einer anderen Großtat des Lucki. Denn er war auch Star und Hauptdarsteller in einem Kultfilm. Der Regensburger Filmemacher, Regisseur und Schauspieler Wendl Sorgend drehte 1966 mit Lucki Hofmaier den Streifen „Play Harlekin“, eine Kulturgeschichte des widerborstigen Outlaws und Spaßmachers. Im karierten Harlekin-Kostüm und mit Ledermaske turnt Lucki auf windschiefen Regensburger Altstadtdächern herum, macht Handstand auf den Zinnen von Geschlechtertürmen, kraxelt Dachrinnen empor, narrt Polizisten und Geistliche, wühlt in einem Koffer voll Geld und geht einer vollbusigen Blondine unter den Minirock. Damals eine Provokation.

"Der Kerl war schier umwerfend. Er hat atemberaubende Kunststücke in 20 Meter Höhe ganz ohne Absicherung vollführt.“ Wendl Sorgend, Filmemacher

Wendl Sorgend erinnert sich: „Mein Hauptdarsteller, Werner Saladin, hatte sich gleich am ersten Drehtag beide Fersenbeine angebrochen. Da hat mein Assistent den Lucki Hofmaier vorgeschlagen. Ich habe ihn mir angesehen. Der Kerl war schier umwerfend. Er hat atemberaubende Kunststücke in 20 Meter Höhe ganz ohne Absicherung vollführt.“

Die Popularität musste sich schließlich auch in barer Münzer auszahlen. Lucki wurde Gastronom. Er übernahm in Regensburg gleich drei Lokale, die „Kongo-Bar“ am Neupfarrplatz, das „Aquarium“ in der Pfarrergasse und die „Arco-Bräu-Stuben“ in der Adolf-Schmetzer-Straße. Zuletzt kam noch die Diskothek „Apollo“ in Steinberg am See dazu. Dort traten damals berühmte Interpreten auf, auch Marianne Rosenberg und die Band „Middle of the Road“. Doch so gut scheint dem Lucki dieser geschäftliche Drahtseilakt nicht bekommen zu sein.

„Bei mia geht no allerweil a bisserl was.“ Ludwig Hofmaier

Der Geschäftsmann verließ die heimischen Gefilde, übersiedelte Anfang der 70er Jahre zu seiner Freundin nach Offenburg ins sonnige Baden und etablierte sich als Antiquitätenhändler. Auch da zahlte er zuerst Lehrgeld, wurde mit der Zeit aber ein gewiefter Händler auf Flohmärkten und Antiquitätenmessen in Deutschland, von Garmisch bis Hamburg, in Holland und in Belgien. Es war 2013, als das ZDF Casting-Leute ausschickte, um ein Händlerteam für die Sendung „Bares für Rares“ mit Horst Lichter zusammenzustellen. Auf dem Bonner Trödelmarkt waren sie gleich begeistert von dem listigen Bayern, der mit urigen Sprüchen seine Sammelstücke anpries und verhandelte. Man wollte ihn zu einem Casting-Termin einladen. Lucki protestierte: „Na, des mog i net. Entweder ihr nehmt’s mi oder lasst es bleibn.

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Ludwig Hofmaier in seiner Villa Kunterbunt Foto: Harald Raab

Die Fernsehleute nahmen das Original. Seitdem hat Lucki in über 100 Sendungen mitgewirkt. Ins Studio nach Köln kommen Leute, die manchmal wertvollen, manchmal skurrilen Besitz loswerden möchten, vom Tretroller bis zum Familienschmuck. „Des is alles reell. Da werden echte Gschäfta gmacht“, versichert der neue Zuschauerliebling. Inzwischen hat die Sendung mit Lucki Hofmaier und seinen Händlerkollegen ein Millionen-Publikum. „Die Leit’ sehn das gern und wir machen weiter, noch 100 Sendungen“, sagt Lucki zukunftsfroh. Ans Aufhören denkt der Handstand-Lucki nicht. „Bei mia geht no allerweil a bisserl was.“ Zuhause herumsitzen ist nicht sein Ding. Obwohl er es, beschützt von so vielen Heiligenfiguren und einem bayerisch-barocken Stuckhimmel, eigentlich ganz gemütlich hat.

Text: Harald Raab 
Fotos: Archiv Ludwig Hofmaier, Harald Raab

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