Sport

Angriff auf Amerikas Männlichkeit

Neue Regeln sollen den American Football sicherer machen. Fans sehen die Identität des Spiels bedroht – und die ihres Landes.

Boom! Oouuh! Ho! Die Geräusche, die Zuschauer beim American Football nach einem Tackle absondern, sind vielfältig. Sie sind Ausdruck von Überraschung, vielleicht von Mitgefühl für den soeben zu Boden gebrachten Spieler oder von kindlicher Freude über die wuchtige Wirkung von Gewalt. Doch, auch wenn es für unerfahrene Zuschauer nicht so aussehen mag: Im Football gibt es Regeln – gerade wenn es um den Körperkontakt geht. Wie im Fußball sorgen die Regeln auch bei den amerikanischen Footballfans für ständige Diskussionen. Nur geht es hier um mehr als die Tradition oder den Charakter des Spiels. Es geht um den Charakter einer Nation und um den ihrer Männer.

Härte gehört zum American Football. Sie ist ein Grund, warum auch bei diesem Super Bowl weltweit wieder mehr als 100 Millionen Menschen zuschauen werden, auch wenn sie – wie in Deutschland – sich dafür die Nacht zum Montag um die Ohren schlagen müssen. Roman Motzkus, ehemaliger Wide Receiver und jetzt TV-Experte bei ran NFL, der Footballsendung aus dem Hause ProsiebenSat1, sagt: „Football ist nicht nur Kontaktsport, es ist ein Kollisionssport. Härte – innerhalb der Regeln – muss sein, das macht den Football aus.“

Das Wegsensen der Beine wurde verboten

Roman Motzkus
Roman Motzkus, TV-Experte bei ran NFL Foto: ProSieben MAXX/Bene Müller

Diese Regeln ändern sich fast jedes Jahr. Zu Beginn der vergangenen Saison hatte die NFL erneut die Möglichkeiten eingeschränkt, gegnerische Spieler zu tacklen und so letztendlich zu stoppen. So wurde etwa das Wegsensen der Beine, der sogenannte „chop block“ verboten. Ein ständiger Zankapfel sind die Regeln um die „helmet-to-helmet collision“, bei der ein Spieler mit seinem Kopf den Kopf des Gegners rammt. Befürworter der neuen Regeln verweisen auf die hohen Gesundheitsrisiken beim American Football. Kritiker sagen: Die Identität des Spiels ist in Gefahr.

Der amtierende US-Präsident Donald Trump ging einen Schritt weiter. Er hatte sich in einer Rede im zurückliegenden Wahlkampf über die neuen Regeln geärgert. „Football ist weich geworden“, schlussfolgerte der Unternehmer, der einst wegen eines Fersensporns nicht in den Vietnamkrieg zog. „Football ist weich geworden, so wie unser Land weich geworden ist“, sagte er und erntete großen Jubel. 

„Football ist weich geworden, so wie unser Land weich geworden ist.“ Donald Trump, US-Präsident

So unvermittelt dieser Zusammenhang auf den ersten Blick erscheinen mag: Trump ist nicht allein in seiner Kritik an den Regeländerungen im American Football. Und er ist auch nicht allein in der Auffassung, dass es einen Zusammenhang gibt, zwischen der Art, wie dieser Sport gespielt wird, und der Verfassung des Landes.

Eine Metapher für den Krieg, ein Ersatz für Krieg

Um das zu verstehen muss man in die Geschichte des Sports und der Vereinigten Staaten blicken. Bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts waren Kriegsmetaphern in der offiziellen Rede über den Football alltäglich. Mehr noch: Ende des 19. Jahrhunderts, als Football populär wurde, war es die Metapher für Krieg.

Olaf Stieglitz, Experte für nordamerikanische Geschichte an der Universität Köln, hat die Ursprünge des American Football studiert. Der Sport ist eng mit der Entwicklung des US-amerikanischen Schul- und Universitätssystems verflochten. Für die neuen Universitäten, die sich nach dem amerikanischen Bürgerkrieg im mittleren Westen des Landes bildeten, war der Sport eine Möglichkeit, den altehrwürdigen Colleges im Osten Paroli zu bieten. 

Um 1900 waren die Studenten zu jung, um selber am Krieg teilgenommen zu haben. Der Football stellte eine Art Äquivalenz zum Krieg her, er gewann durch eine Art militärähnlicher Ausübung an gesellschaftlichem Wert. „Football galt als die Schule einer idealen Männlichkeit“, erklärt Stieglitz.

„Football galt als die Schule einer idealen Männlichkeit. Olaf Stieglitz, Amerikanist

So rekrutierte der spätere US-Präsident Theodore Roosevelt für den spanisch-amerikanischen Krieg neben Cowboys auch Studenten der Eliteuniversitäten. Seine Kavallerieeinheit war in Zeiten, als Gewalt nicht nur in den USA glorifiziert wurde, ein Symbol für die überlegene amerikanische Männlichkeit – physisch und intellektuell.

Bis heute gilt American Football als Männersport. Zwar gibt es inzwischen auch Frauenligen, die lediglich mit einem etwas kleineren Ball spielen. Doch die starke körperliche Fixierung führt dazu, dass diese in der Öffentlichkeit keine Rolle spielen. Wer „Frauen Football“ googelt, bekommt vor allem Fotos der Playboy-Variante „Lingerie Football“ zu sehen – also Frauen in Unterwäsche.

Football
Football ist ein kraftzehrender, körperlicher Sport. Foto: dpa

Schwere Verletzungen, Behinderungen, Todesfälle

Der Körper und seine Kraft als definierendes Element des Footballs: Die Theoriegeber des Sports, wie der „Vater des Footballs“ Walter Camp, wehrten sich gegen frühe Strömungen an den Universitäten, das Spiel sicherer zu machen. „Es gab enorme Verletzungen, Dutzende Todesfälle, dauerhafte Behinderungen“, erklärt Stieglitz. Doch die Regelhüter wollten davon nichts wissen. Die jungen Leute müssten lernen, den Schmerz zu überwinden. Eine friedvolle Nation, so die Theorie, brauche ein Pendant zum Krieg, damit die Männer nicht verweichlichten.

Football als Krieg, der Super Bowl als entscheidende Schlacht, der Coach als General, sein Quarterback als Captain, die Spieler als Soldaten. „No pain, no gain“ – kein Schmerz, kein Gewinn. Ein Spruch, der bis heute auf Motivationspostern der Football-Teams an amerikanischen High Schools steht.

Nicht nur der Football hat sich im Laufe der Zeit gewandelt, sondern auch die Halbzeitshows: Weg von den Marschkapellen, hin zur Popkultur. Einen kurzen Abriss lesen Sie hier.

Doch gerade an den Universitäten und Schulen setzten sich im 20. Jahrhundert zunehmend neue Sicherheitsregeln und entsprechendes Equipment durch. Nicht zuletzt die Eltern der Spieler hatten großes Interesse daran, das Spiel sicherer zu machen.

Die NFL sperrte sich lange gegen Reformen

Anders die NFL: Die Profiliga, die in verschiedenen Formen seit 1920 existiert, entfernte sich seit den 1950er und 60er Jahren immer weiter vom nach wie vor beliebten College-Football. Die Liga setzte auf eben jene Härte, die aus den Universitäten und Schulen verbannt wurde, und sperrte sich gegen Reformen und Regelveränderungen.

Gleichzeitig wurde die Unternehmensstrategie der NFL immer raffinierter. Das Produkt Profi-Football wurde mit amerikanischen Werten aufgeladen: Erfolg und Niederlage als Ergebnis der eigenen Fähigkeiten, die Möglichkeit als ein Niemand durch harte Arbeit zum Helden zu werden, reich zu werden. „Das Geschäftsmodell verkauft die harte, raue Männlichkeit der Arbeiterklasse“, sagt Stieglitz.

Für den Fernsehmarkt ging die NFL Kompromisse ein. Noch heute reiben sich europäische Fans ob der puren Masse an Werbespots während eines Spiels die Augen. Anders als Baseball, die ehemalige Sportart Nummer eins in den USA, vergrößerte sich die Fangemeinde der NFL im 20. Jahrhundert immens. Sie eroberte das amerikanische Kernland zwischen Rocky Mountains und den Appalachen. Ein Gebiet, in dem Männlichkeit traditioneller interpretiert wird, als an der Ost- und Westküste der USA.

Der Super Bowl lockt jedes Jahr mehr als 100 Millionen Zuschauer vor die Fernsehgeräte:

Unglaublich viele Gehirnerschütterungen

Doch die Realität holte die NFL nach und nach ein. Dabei half es nicht, dass die Spieler immer athletischer wurden, schwerer und gleichzeitig schneller. In keinem anderen Sport treten so viele Gehirnerschütterungen auf, leiden so viele ehemalige Spieler an Demenz, Alzheimer oder Parkinson. Nachdem die NFL jahrzehntelang so tat, als gäbe es die entsprechenden Studien und Statistiken nicht, lenkten die Entscheider zuletzt ein. Die Verschärfung der Regeln wurde von Experten in Deutschland zumeist positiv aufgenommen. Der ehemalige Passempfänger Roman Motzkus sagt: „Es ist extrem wichtig, dass auf die Gesundheit der Spieler geachtet wird. Gerade der chop block ist sehr gefährlich.“

„Das Spiel lebt von Intelligenz, die Spieler müssen ihre Gegner lesen können.“ Tom Haller, Coach der Red Devils Kümmersbruck

Auch Tom Haller, Oberpfälzer Football-Pionier und Trainer der Red Devils Kümmersbruck aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach, hält die meisten Regeln für sinnvoll. Allerdings: „Es gibt auch Regeln, die sind übertrieben“, sagt der Football-Coach. Man müsse sich bewusst machen, dass man das Spiel schwächer mache, wenn man immer mehr Dinge verbiete. „Man muss eine gewisse Härte reinbringen dürfen, sonst verliert Football seinen Reiz.“ Allerdings gibt er zu bedenken, dass der Sport sehr viel mehr als Kraft und Schnelligkeit ist. „Das Spiel lebt von Intelligenz, die Spieler müssen ihre Gegner lesen können“, stellt er fest.

Schnelligkeit, Antizipation, Genauigkeit, die Fähigkeit, den Ball in den unmöglichsten Situationen elegant zu fangen, jede noch so kleine Lücke in der Abwehrreihe zu finden: All das macht den Football aus.

Für Trumps Wahlkampf eignete sich eine solch nuancierte Wahrnehmung allerdings nicht. Die Gleichung „Weicher Football, weiches Land“ dürfte nicht zuletzt die Football-Fans im Mittleren Westen angesprochen haben. Hier gibt es viele Hardcore-Fans des harten Footballs. Sogenannte „angry white men (and women)“, die Trump während des Wahlkampfs erfolgreich umwarb. Menschen, für die jede neue Regel im American Football einem Angriff auf die US-Identität gleichkommt.

Die Schiedsrichter nerven

Es ist also kaum zu glauben, dass der amtierende US-Präsident in seinem Wahlkampf zufällig auf das Thema Football zu sprechen kam. Zumal, wenn man den Rest seines Exkurses beachtet. Die Schiedsrichter, so Trump damals, würden zu viele Flaggen werfen – also zu oft das Spiel unterbrechen – und nähmen zu viel Einfluss auf das Ergebnis. „Sie wollen Flaggen werfen, damit ihre Ehefrauen zu Hause sie sehen und sagen: ‚Oh, da ist mein Mann‘.“

American Football wird auch in der Oberpfalz gespielt:

Bleibt man bei Football als Metapher für die USA, gewinnt dieser lapidare Kommentar eine neue Bedeutung. Die Schiedsrichter wären dann unabhängige Institutionen wie der Oberste Gerichtshof etwa, der – nach Trumps Logik – den Entscheidern in Politik und Wirtschaft mit unnötigen Regeln und Einsprüchen das Spiel verderben. Das lässt für die kommenden vier Jahre nichts Gutes erwarten.

Und die NFL? Die Diskussion um die Regeln wird weitergehen. Auch unter den Spielern gibt es diejenigen, denen die Einschränkungen zu weit gehen, die einfach ihr Spiel spielen wollen. Von ihrer Freude, ihrer Motivation hängt auch ihre Leistung ab. Das gegenseitige Aufpeitschen vor dem und während des Spiels gehört auch zum Football dazu. Sekundenbruchteile machen einen im Auge der Öffentlichkeit entweder zum Helden oder zum Verlierer. Es geht um Ruhm und viel Geld – für die Spieler, die Trainer, die Teambesitzer und die Liga. Es bleibt nur wenig Platz für Schwäche.

Trotz aller Skandale von häuslicher Gewalt von Spielern bis zum berühmten Deflate-Gate um manipulierte Spielbälle und trotz neuer Regeln sind die Einschaltquoten der NFL stetig gewachsen. In der vergangenen Saison allerdings gab es einen Einbruch bei den Zahlen um etwa acht Prozent. Ein Zeichen für den Irrweg, den die NFL betreten hat, sagt Donald Trump. Ein Zeichen dafür, wie der wahnsinnige Wahlkampf alles überschattet hat, sagen andere.

Und was gibts zum Naschen während des Super-Bowl-Finales? Wir hätten da einen Tip für super Dips!

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