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Allein unter den „Ehrlechen“

Mitten in New York City leben ultra-orthodoxe Juden streng isoliert von der Außenwelt. Eine junge Frau hat den schwierigen Absprung geschafft.

Wie in einer Zeitmaschine kann man sich im New Yorker Stadtteil Brooklyn fühlen. Am Ende der Williamsburg-Brücke, die Manhattan und Brooklyn verbindet, sieht man sich plötzlich ins 19. Jahrhundert versetzt. Hier ist die Welt der Satmar, einer ultra-orthodoxen jüdischen Gemeinde, die in Süd-Williamsburg ihre weltweit größte Anhängerschaft hat.

Das ist bei jedem Schritt sichtbar: Hier trägt fast niemand den üblichen urbanen Chic, sondern den, der die Zugehörigkeit zur Gruppe ausdrückt: Die Männer haben lange Bärte, hohe schwarze Hüte und Pejes – kunstvoll eingedrehte Schläfenlocken. Die Frauen tragen lange Röcke, dunkle Daunenjacken, blickdichte Strümpfe. Viele chauffieren Kinderwagen – im Durchschnitt hat eine Familie hier sechs bis sieben Kinder. Die Ladenschilder sind häufig in Jiddisch, geschrieben mit hebräischen Schriftzeichen. Es wirkt wie eine Geheimsprache für Eingeweihte. Die Geschäfte richten sich an den speziellen Bedürfnissen der Community aus. Hier gibt es koschere Lebensmittel, religiöse Bücher und Judaica-Bedarf: silbern blitzende vielarmige Menorahs, Gebetsschals, Geschirr für Festtage.

Nur wer in diese Community geboren wird, kennt ihre Codes

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Frieda Vizel ist aus der Satmar-Community ausgestiegen. Heute erklärt sie Gästen aus aller Welt das chassidische Williamsburg. Foto: Frieda Vizel

Einblicke in die Lebensweise der Satmar sind rar. Frieda Vizel ist eine der Wenigen, die die Codes dieser rätselhaften Community entschlüsseln kann. Sie wurde vor 32 Jahren in diese Sekte hineingeboren und nach ihren Regeln erzogen. Vor sieben Jahren hat sie den Absprung geschafft. Sie hebt sich schon optisch ab von den Passanten hier, trägt Lederjacke, schicke enggeschnittene Hosen, das lange Haar offen. Es ist ihr eigenes Haar, keine Perücke, wie die Satmar-Frauen sie haben.

Vizel ist nicht nur durch ihre Herkunft Expertin für Geschichte und Kultur der Satmar. Sie hat dies auch zu ihrer Profession gemacht. Seit 2013 ist sie lizenzierte New Yorker Gästeführerin. Zusammen mit anderen Ehemaligen gründete sie die Plattform „visithasidim.com“, mit der sie Führungen durch das chassidische Williamsburg anbietet. Vizel will bei ihren Expeditionen die Satmar nicht vorzeigen wie Objekte eines Kuriositätenkabinetts. Vielmehr möchte sie erklären, warum diese Community so aus der Zeit gefallen wirkt. Die Satmar kann man nicht verstehen ohne die Shoa. Als der Zweite Weltkrieg 1945 endete und das Morden vorüber war, wurden die KZ-Überlebenden zu Geiseln des Erlittenen.

Die Satmar suchten Heil und Sicherheit im rigiden Regelsystem der neuen Gemeinde.

Am 24. April erinnern Menschen in aller Welt an die Opfer der Shoa und den jüdischen Widerstand. Sie feiern „Jom haScho’a“, den „Tag des Gedenkens an Holocaust und Heldentum“. Der Umgang mit der Katastrophe ist vielfältig. Die überlebenden Satmar, die 1948 die New Yorker Siedlung in Williamsburg gründeten, zogen daraus eine spezielle Konsequenz, die sich stark von anderen Shoa-Überlebendden unterscheidet und nicht repräsentativ für das Judentum ist. Sie suchten Heil und Sicherheit im rigiden Regelsystem der neuen Gemeinde. Doch nicht nur das: Bis heute glauben sie, die Shoa sei die Strafe Gottes für eine zu starke Assimilation ihrer Vorfahren in Europa. Um eine erneute Bestrafung zu verhindern, richten sie ihre gesamte Lebensweise auf ihre religiöse Zugehörigkeit aus. In den Straßen von Williamsburg geht es heute sittenstrenger zu als in den osteuropäischen Schtetln des 19. Jahrhunderts. „Ehrlecher“, frommer, wollen sie sein und kein abweichendes Verhalten dulden.

Beispiel Art Spiegelmann: Es geht auch ganz anders

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Der jüdische Comic-Zeichner Art Spiegelman hat das Grauen des Holocaust in ungewohnter Form thematisiert: als Comic. 1992 erhielt er als erster Comic-Autor den Pulitzer-Preis. Foto: Nadja Spiegelman/Steven Barclay Agency/dpa
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Eine Zeichnung aus den berühmten "Maus"-Büchern von Art Spiegelman Foto: Jewish Museum New York/dpa

Im Gegensatz zu anderen jüdischen Überlebenden und ihren Nachkommen: zum Beispiel Art Spiegelman. Er kam 1951 als Dreijähriger nach New York. Seine Eltern waren polnische Auschwitz-Überlebende, die sich in den USA eine neue Existenz aufbauten. Auch sie wurden die Schatten nicht los. Der ältere Sohn war durch die Judenverfolgung der Nazis zu Tode gekommen. Art Spiegelman verarbeitete seine Familiengeschichte – den stets präsenten toten Bruder, den Selbstmord der Mutter, den Verlust so vieler Verwandter in den KZ – durch seine Graphic Novel „Maus“. Er wurde der erste Comic-Autor, der den Pulitzer-Preis bekam. Es gibt wohl kaum einen größeren Kontrast zu den Satmar.

Williamsburg

Frieda Vizel sagt: „Wenn wir durch Williamsburg laufen, müssen wir es im Kontext von Erhaltung und Wiederaufbau sehen. Das ist der Grund für das extreme Bedürfnis, die Zeit und jeden Wandel anzuhalten. Die Satmar sagen: Hier sind wir. Wir haben es uns zurückerobert, lasst es uns nicht wieder verlieren.“

Frieda Vizel verquickt ihre Geschichtsstunde mit einem kulinarischen Erlebnis. Sie startet ihre Tour im koscheren Green’s Restaurant, wo es mit Milch zubereitete Speisen gibt, aber kein Fleisch. Nach den jüdischen Speisegesetzen dürfen diese Lebensmittel nicht zusammen gegessen, gekocht und aufbewahrt werden.

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Das jüdische Viertel in Williamsburg ist bekannt für seine Vielfalt an Backwaren. Foto: Kellner

Im Green’s gibt es wunderbare Rugelach und anderes Gebäck. Vizel erläutert die Verwurzelung der Satmar-Community im chassidischen Judentum, einer orthodoxen mystischen Bewegung, die im 18. Jahrhundert in Osteuropa entstand. Im Mittelpunkt der chassidischen Gemeinden steht der „Rebbe“, der als charismatischer Führer gilt. Gründungsrabbi der Gemeinde in New York war Joel Teitelbaum (1887-1979). „Satmar“ leitet sich ab von der Stadt Satu Mare – Jiddisch „Satmar“ – im heutigen Rumänien. Die Satmar sind eingeschworene Antizionisten. Sie sind der Meinung, dass nur der von Gott gesandte Messias das Recht habe, einen jüdischen Staat zu errichten. Die Gründung des Staates Israel ist in ihren Augen Gotteslästerung.

Die Williamsburger Community hat in jüngster Zeit große Aufmerksamkeit erhalten durch das Buch einer Abtrünnigen: Deborah Feldman, die Autorin des Millionen-Bestsellers „Unorthodox“, der 2012 im englischen Original und 2016 auf Deutsch erschien, ist hier geboren und aufgewachsen.

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Deborah Feldman Foto: dpa

Wie Frieda Vizel verließ sie mit ihrem Sohn die Gemeinschaft und den Ehemann. Feldmans Kontakt zu ihrer Familie ist abgebrochen. In ihrem Buch sprach sie Tabu-Themen an wie Missbrauch, Gewalt in der Familie und die Rebellion ihres Körpers gegen den ihr aufgezwungenen Sex. Deshalb wurde sie zur Hassfigur in einer Gemeinschaft, die die Außenwelt auf Abstand halten will. Die Satmar betreiben eigene, von Feldman als extrem autoritär beschriebene Schulen und sprechen ausschließlich Jiddisch, die Sprache der alten Heimat. Die englische Sprache gilt ihnen als „unrein“.

Gebildet zu sein, gilt als Schande, als „Pesthauch über der Familie“

Im Gegensatz zu Feldman, die heute in Berlin lebt, ist Vizel eine Wanderin zwischen den Welten. Sie ist zwar gegangen, doch sie hält Kontakt zu ihrer Familie. Ihren Sohn erzieht sie im jüdischen Glauben – aber nicht in den starren Regeln der Satmar. Dieser ambivalente Weg ist alles andere als einfach: Die Community nennt Menschen wie Vizel „OTD“ – das heißt „off the derech, vom Pfad Abgekommene“. Viele Ausstiegswillige scheitern, vor allem, wenn sie Kinder haben, und kehren auf den Pfad zurück.

Auch Vizel kannte ihre Bestimmung. Im Green’s zeigt sie auf ihrem Tablet ein Foto mit etwa zehn Kindern verschiedenen Alters: „Das bin ich mit meinen Geschwistern – und es sind nicht einmal alle.“ Sie ist als Fünftes von 15 Kindern in einer Satmar-Familie in Kiryas Joel aufgewachsen, einer chassidischen Dependance, eine Autostunde von Brooklyn. Kinderreichtum ist hoch angesehen – jede Geburt wird als Sieg über Hitler betrachtet. Laut Schätzungen zählen die Satmar heute etwa 120 000 Mitglieder. Vizel hat die Geschichte ihrer Ablösung und ihres Ausstiegs in einem Essay aufgeschrieben, der unter dem Titel „Breaking from Hasidim, online“ im Internet zu finden ist. Sie schreibt: „Ich wusste, dass es der Gipfel des Erstrebenswerten für eine Frau war, sieben oder zehn oder ein Dutzend Kinder zu haben und eine gute und fromme Hausfrau zu sein. Weltliche Bildung war verpönt. Mehr als das: Gebildet zu sein, ,oifgeklert‘, war eine Schande, ein Pesthauch über der Familie.“

Ein Schulbus in Williamsburg. Der Bildungsstand in der Satmar-Community ist niedrig, die Armutsrate vergleichsweise hoch. Jungen studieren vor allem die Thora, Mädchen sind höhere Schulen verboten. Foto: Kellner

Beim Rundgang auf den Straßen Williamsburgs bleiben wir vor einem Internetcafé stehen, das den Anwohnern einen zensierten Zugang zum Netz bietet. Das Internet zu fürchten, dazu hat die Gruppierung allen Grund. Für Frieda Vizel öffnete es das verbotene Fenster zur Welt. Der Laptop mit Internetzugang, den ihr Mann sich aus beruflichen Gründen zulegte, war das „kleine Geheimnis“ ihrer Ehe – und bedeutete schließlich deren Ende. „Ich war nicht darauf vorbereitet worden, was einem chassidischen Leben im Internet-Zeitalter zustoßen konnte“, schreibt Vizel. Sie las, diskutierte und schrieb bald einen eigenen Blog. Ihre Anonymität im Netz eröffnete ihr einen schwindelerregend weiten Horizont: Zum ersten Mal kommunizierte sie mit Männern, die nicht zu ihrer Familie gehörten, und mit Menschen außerhalb ihrer Community. Auch inhaltlich gab es keine Tabus: Mit einem Rabbi aus Brooklyn diskutierte sie das Verbot von Geburtenkontrolle. Er schrieb ihr, dass wohl nicht alles stimmte, was sie an ihrer chassidischen Mädchenschule gelernt hatte.

„Es hätte mir viel bedeutet, eine Frau als Präsidentin zu haben.“ Frieda Vizel

„Ich konnte meinen Ansichten und meiner Verwirrtheit Ausdruck verleihen und meine Stimme benutzen, die dazu erzogen worden war, still zu sein“, schreibt Vizel. Ihre intellektuelle Neugier machte es ihr unmöglich, in der engen Welt weiterzuleben, erleichterte ihr aber den Start in ihr neues Leben: Sie studierte am New Yorker Sarah Lawrence College und befasste sich intensiv mit der Geschichte und Kultur der Chassiden. Wer ihre Blogbeiträge im Netz liest, erlebt eine analysestarke und wortwitzige Autorin, die sich lebhaft für alles interessiert. Als Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde, habe sie geweint, erzählt Vizel: „Es hätte mir viel bedeutet, eine Frau als Präsidentin zu haben.“

Die meisten Satmar kommen in der Wissensgesellschaft weniger gut klar. Der Bildungsstand in der Community ist niedrig, die Armutsrate vergleichsweise hoch. Die New York Times berichtete, dass die United Talmudical Academy, die die Schul-Aufsicht hat, erst kürzlich eine höhere Ausbildung für Frauen strikt unterbunden hat. Ein Dekret untersagt Mädchen, Collegefächer zu studieren: Wer nicht gehorche, dem werde eine Anstellung als Lehrerin verweigert. Dabei erhalten die Satmar-Mädchen sogar mehr weltlichen Unterricht als die Jungen, die überwiegend dem Torahstudium verpflichtet sind. Viele von ihnen sprechen nur bruchstückhaft Englisch.

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Ein Plakat warnt die Kinder der Satmar in Williamsburg vor der Gefahren der modernen Welt. Foto: Kellner
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Bilderbücher, Spiele, quasi jede Art von Unterhaltung wird nach den Regeln der Community hergestellt. Foto: Kellner

Die Rundum-Fürsorge der Gemeinschaft bietet ihren Mitgliedern Sicherheit und ein ökonomisches Netzwerk: Innerhalb der Community einen Job zu finden ist oft einfacher als draußen – weil verheiratete Frauen in der Regel zuhause bleiben und die Vorschriften spezielle Produkte notwendig machen. Zum Beispiel in der Unterhaltungsindustrie: Satmar-Kinder spielen „Mitzwah-Land“, eine religiös ausgerichtete Variante des beliebten amerikanischen Brettspiels „Candy-Land“.

Wir stehen an der Lee Avenue, die laut Vizel eine Art Laufsteg ist. Hier sieht jeder jeden. Wer sich hier unpassend gekleidet zeigt, ist Tagesgespräch.

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Im südlichen Williamsburg tragen die meisten Männer lange Bärte, Schläfenlocken und große Hüte. Links ein Mann mit Shtreymel, dem breiten Pelzhut für verheiratete Satmarer. Foto: Kellner

Die speziellen Kopfbedeckungen von Frauen sind ein Indikator für die Frömmigkeit der ganzen Familie. Daran orientiert sich auch ein „shadchen“, ein Heiratsvermittler. Vizel zeigt eine Übersicht der Kopfbedeckungen: „Eine Frau, die nur eine Perücke trägt, ist ziemlich liberal. Eine Frau mit Perücke und Hut ist schon religiöser. Ein „shpitzel“, ein Kopftuch, verweist auf extreme Frömmigkeit. Die Heiratsvermittlerin würde sagen: Ich habe ein großartiges Mädchen aus einer Hut-Familie gefunden.“ Gewöhnlich heiraten die Satmar im Alter von 18 Jahren. Eine verheiratete Frau muss sich jeden Monat das Kopfhaar scheren.

In Williamsburg geraten Chassiden und Hipster-Nachbarn aneinander

Die New Yorker Politik macht immer wieder Zugeständnisse an die Chassiden, die eine einflussreiche Wählergruppe bilden. So zogen sich die Satmar 2009 den Unmut ihrer Hipster-Nachbarn in Nord-Williamsburg zu, als sie sich erfolgreich gegen einen Radweg an der Bedford Avenue wehrten – die Radfahrerinnen seien zu freizügig. Vizel erklärt, die Satmar tendierten dazu, nach der Empfehlung des Rebbe zu wählen – meistens unterstützen sie die Republikaner. Sie begründet das mit den größeren Freiheiten, die diese Partei den Satmar zum Beispiel im Erziehungswesen zugesteht. Hier wollen die Rabbis staatliche Einmischung vermeiden – schließlich ist die Schule diejenige Institution, die den Nachwuchs auf Linie bringt.

"Die Zeiten ändern sich für eine Gemeinschaft, die die Zeit bekämpft hat.“​ Frieda Vizel

Es sieht so aus, als widersetze sich die Satmar-Sekte erfolgreich den Anfechtungen des 21. Jahrhunderts. Doch Frieda Vizel hat eine andere Prognose: „Ein Glaubenssystem, das so einfach zu widerlegen ist und auf so viel Fehlinformation basiert, kann Wikipedia und Google nicht widerstehen. Die Zeiten ändern sich für eine Gemeinschaft, die die Zeit bekämpft hat.“

Frieda Vizel schätzt die Küche ihrer Kindheit sehr. Nach ihren Rundgängen verteilt sie ein kleines Geschenk an die Gäste: ein „Heimish Recipe“, ein Rezept aus der vertrauten Küche ihrer Mutter. „Sie kochte es jeden Sommer, wenn ich vom Ferienlager nach Hause kam“, steht neben den Zutaten für süße Cheese Latkes. Hier geht es zu diesem Rezept.

Text: Katharina Kellner
Fotos: Katharina Kellner, dpa, MZ-Infografik

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