Ehe

Zusammen groß träumen

Vom Wunsch, sich zu binden – und nicht mehr zu trennen: Zwei Paare im Generationenvergleich

Es ist dunkel in dem Klassenzimmer in Witten, Westfalen, die Fenster werden von Vorhängen verdeckt. Über die Wand schwebt auf wackligem Acht-Millimeter-Film ein Gasluftballon am Himmel entlang. Die Schülerinnen und Schüler folgen gebannt dem Schauspiel, aber einem Jungen wird irgendwann langweilig. Aus Silberpapier formt er kleine Kugeln, die er in Richtung des Mädchens am Nachbartisch schnippt. Immer wieder, bis das Licht wieder angeht. Dann macht er sich aus dem Staub. Das wütende Mädchen schnappt sich also den nächstbesten Schuldigen – Richard, den Bruder des Papierkugelschnippers. „Da war er dann einfach zur falschen Zeit am falschen Ort“, erinnert sich Christel Fitzner heute, 57 Jahre später. Zum Glück, finden beide. Denn die Rivalen von damals feierten im letzten Jahr ihre Goldene Hochzeit. Bevor das Glück perfekt wurde, verloren sie sich als Teenager aber nochmals aus den Augen. Erst als Christel, damals 17, mit einer Freundin an deren Geburtstag heimlich eine Disco besucht – die erste im Dorf, erzählt sie stolz – trifft sie Richard wieder. „Und von dem Tag an haben wir uns nie wieder getrennt.“

Christel und Richard Fitzner Foto: Fitzner
Christel und Richard Fitzner Foto: Fitzner
„Gestritten wird nicht. In fast 51 Jahren sind wir nicht einmal im Streit auseinandergegangen. Man weiß schließlich nie, ob der andere wieder zurückkommt.“

Ihr Geheimrezept für eine glückliche Ehe? „Gestritten wird nicht. In fast 51 Jahren sind wir nicht einmal im Streit auseinandergegangen. Man weiß schließlich nie, ob der andere wieder zurückkommt.“

1969 beantragen beide mit 19 Jahren die vorzeitige Volljährigkeit, um heiraten zu können. Richard muss den Wehrdienst antreten. Bei der Bundeswehr hat es ihn allerdings nicht lange gehalten: Nach nur drei Wochen wird er von einem befreundeten Hauptfeldwebel bis zur Entlassung beurlaubt und kehrt zurück in die kleine, gemeinsame zweieinhalb Zimmerwohnung mit Pappkarton als Nachttisch und Toilette im Flur. Irgendwie hat es die beiden aus Nordrhein-Westfalen nach Niederbayern verschlagen. Heute leben sie in einem großen Haus, haben drei Kinder, fünf Enkel und vier Urenkel.

Nicht nur im Privatleben sind Christel und Richard unzertrennlich. Sie führen seit 37 Jahren ein gemeinsames Bestattungsunternehmen. „Wir sehen das Leben ganz anders, weil wir so eng mit dem Tod zusammenarbeiten. Man erfreut sich an jedem Grashalm, der wächst.“ Ehen scheitern heutzutage aber, da sind sich beide sicher, vor allem an fehlender Kommunikation: „Diese jungen Leute“ reden einfach nicht mehr richtig miteinander.

Der Paarberater Rudolf F. Fesl aus Passau über das Geheimrezept einer Ehe:

„Es war Wohlwollen auf den ersten Blick.“

An Kommunikation mangelt es Tim und Gina Gänsler nicht. Die beiden sind 20 Jahre alt, junge Leute also, verheiratet und beenden schon die Sätze des anderen. 2013, da waren sie in der siebten Klasse, haben sie sich auf einer Schulfahrt nach Israel kennengelernt. Tim lacht, wenn er daran zurückdenkt. „Es war Wohlwollen auf den ersten Blick.“ Ein Jahr später sind die beiden ein Paar, und nach fünf Jahren, kurz nach dem Abitur, folgt am selben Ort der Antrag.

„Es ist doch viel cooler, zu zweit durchs Leben zu gehen.“

Im August 2019 haben sie geheiratet. Warum schon so früh? „Wir richten uns immer mehr aufeinander aus. Für mich hat davor erst diese Entscheidung gehört“, erklärt Tim. „Es war uns wichtig, dass wir wissen, dass wir zueinander halten“, ergänzt Gina. Dafür hatte nicht jeder Verständnis: Habt ihr euch das schon gut überlegt? Ihr macht euch ja das ganze Leben kaputt. Solche Sätze bekommen Gina und Tim immer wieder zu hören. Ihre Antwort: „Es ist doch viel cooler, zu zweit durchs Leben zu gehen.“

Gina und Tim Gänsler bei ihrer Hochzeit Foto: Markus Haner
Gina und Tim Gänsler bei ihrer Hochzeit Foto: Markus Haner

Dem scheinen immer mehr Menschen zuzustimmen. Seit einigen Jahren steigt die Zahl der Eheschließungen wieder an. 2018 wurden fast eine halbe Million Ehen in Deutschland geschlossen. So früh wie die beiden heiraten allerdings nur die wenigsten. Tim und Gina liegen mehr als zehn Jahre unter dem durchschnittlichen Heiratsalter in Deutschland.

Was ist eigentlich dran am verflixten siebten Jahr? Wir haben bei einem Paarberater nachgefragt.

Die Zahl der Ehen steigt. Ob sie auch halten, ist eine andere Frage. Foto: Andreas Lander/dpa
Die Zahl der Ehen steigt. Ob sie auch halten, ist eine andere Frage. Foto: Andreas Lander/dpa

„Etwas Altes, etwas Neues, etwas Geliehenes, etwas Blaues“. So lautet eine Hochzeitstradition seit vielen Generationen. Christel Fitzner erinnert sich genau daran zurück: Eine Kette ihrer Großmutter, das Hochzeitskleid mit zehn Meter langem Schleier, ein Taschentuch als Leihgabe ihrer Freundin und ein blaues Strumpfband. In Sachen Traditionen hat sich einiges getan: „Den Reifrock hab ich mir geliehen, aber einfach nur weil es billiger war“, schmunzelt Gina. Etwas Altes hatten die beiden trotzdem auf ihrer Hochzeit: Das Brautauto war ein VW-Oldtimer-Cabrio, allerdings cremefarben. Dafür war Tims Anzug dann blau.

Moderne Hochzeiten sind durchgeplant bis zum letzten Detail. Foto: Oliver Berg/dpa
Moderne Hochzeiten sind durchgeplant bis zum letzten Detail. Foto: Oliver Berg/dpa

Vier Monate vor der Hochzeit beginnen die Vorbereitungen für den großen Tag. Es wird groß gefeiert. Jeder, der möchte, darf kommen. Der Gottesdienst findet in der Kirche ihrer ehemaligen Schule statt, die für beide eine besondere Bedeutung hat. „Wir hatten unsere Abifeier, alle möglichen Gottesdienste und Konzerte in dieser Kirche.“ Die Trauung führt ihr ehemaliger Religionslehrer durch, ein Pater aus dem Nachbarort. Der Glaube spielt eine große Rolle in ihrem Leben. „Er verbindet.“, sagt Gina.

„Unsere Generation tut sich schwer, sich zu entscheiden und sich für einen längeren Zeitraum an eine andere Person zu binden“

Ob die beiden die Sichtweise von Christel und Richard auf ihre Generation teilen? „Man will sich alles offenhalten. Unsere Generation tut sich schwer, sich zu entscheiden und sich für einen längeren Zeitraum an eine andere Person zu binden“, bestätigt Tim. Doch auf sie selbst trifft das nicht zu. „Ehe bedeutet für mich, gemeinsam durch’s Leben zu gehen und zu versuchen, den anderen glücklich zu machen“, erklärt Gina. Für Tim ist es die Vision fürs ganze Leben.

Paarberater Fesl über die Bedeutung der Ehe:

Die größte Herausforderung sehen Gina und Tim darin, die Beziehung nicht im Alltag versinken zu lassen. Dass man zwar miteinander lebt und spricht, aber nicht über wirklich Wichtiges. Deshalb gibt es bei den Gänslers einen Abend pro Woche, den sie sich bewusst frei nehmen, um Zeit miteinander zu verbringen, „damit man eine Verbindlichkeit schafft“.

Christel und Richard Fitzner nach über 50 glücklichen Ehejahren Foto: Kim Emmerich
Christel und Richard Fitzner nach über 50 glücklichen Ehejahren Foto: Kim Emmerich

Über Kinder haben die beiden nachgedacht, aber erst mal wollen sie ihr Studium – er Lehramt, sie Soziale Arbeit – abschließen und im Berufsalltag ankommen. „Und in 40 Jahren dann mit den Enkeln auf dem Sofa sitzen.“

Damit es den beiden wie Christel und Richard ergeht, haben Tim und Gina ihr ganz eigenes Geheimrezept: „Immer neue Dinge probieren und nie aufhören, zusammen groß zu träumen.“

Die Texte und Inhalte wurden von Studierenden im Rahmen einer Recherche im Studiengang „Journalistik und Strategische Kommunikation“ erstellt, bei dem die Universität Passau mit der Mittelbayerischen kooperiert.

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