Eisenbahn

Fabios feiner Zug

Zwei ihrer Strecken sind Weltkulturerbe: Die Rhätische Bahn gehört zu den beliebtesten Bahnen der Welt. Das könnte aber auch an Lokführern wie Fabio Peng liegen. Der 30-Jährige twittert Filme aus dem Führerstand.

Links herbstbunte Bäume, Felsen, Strommasten, rechts ein Fluss. In der Mitte das Gleis. Monoton bewegt sich ein schwarzer Scheibenwischer über die Frontscheibe. So geht es dahin, im gemächlichen Tempo der Rhätischen Bahn. 20 Sekunden lang haben die Besucher von „calandamountain“ Teil an Fabios Sicht aus dem Führerhäuschen, 342 davon haben die Kurzsequenz geliked, 41 haben sie retweetet, sechs haben sie kommentiert. Es ist einer von vielen Filmen, die Fabio von seinen Fahrten durch die Engadiner Berge ins Netz gestellt hat, dieser unter dem Stichwort: „Mystisch“.

Foto: Philipp Breu
Foto: Philipp Breu

Der 30-Jährige steigt im Bahnhof in die Führerkabine und macht sich nicht nur bereit für die Fahrt von St. Moritz ins rund 100 Kilometer entfernte Landquart. Er macht die typische Handbewegung, für die er weit über das Engadin hinaus bekannt wurde: Er kramt ein Stativ aus seinem Rucksack, klemmt sein Google Pixel Smartphone in die Halterung und stellt es links neben sich unmittelbar an die Frontscheibe. Ein kurzer Druck auf den roten Knopf am Display - der Film läuft. Dann startet er den Zug.

Die Idee, seine Fahrten mit Videos festzuhalten, die Sequenzen zu schneiden und sie anschließend ins Internet zu stellen, kam Fabio Peng vor sieben Jahren. Er fand, dass die Bahnlinien durch „spektakuläre Landschaften führen“. Das wollte er „einfach mal mit meinen Mitmenschen teilen“.

Seine Vorgesetzten und auch die meisten Kollegen wussten lange nichts von seiner Nebenbeschäftigung. Das änderte sich aber, als 2018 ein Bericht über den „Eisenbahn-Influencer“ in einem Schweizer Online-Nachrichtenportal erschien. Fabio bekam viel Zuspruch, aber auch Kritik. Er musste den Leuten in der Chef-Etage der RhB klar machen, dass das Filmen während der Fahrt seine Konzentration nicht einschränke. So wie heute Morgen um 10.47 Uhr schaltet er die Kamera im Stativ an, sie läuft nonstop bis zur Endhaltestelle durch. Er versicherte den Vorgesetzten: „Ich denke keine Sekunde daran, unterwegs auch nur einmal nachzusehen. Als Lokführer darfst du dir keine Ablenkung erlauben.“

„Ich denke keine Sekunde daran, unterwegs auch nur einmal nachzusehen. Als Lokführer darfst du dir keine Ablenkung erlauben.“Fabio Peng, Lokführer

Und so wurde Fabio Peng schnell zum wohl bekanntesten Lokführer der Schweiz. Im Juli 2012 setzte er unter dem Namen „calandamountain“, benannt nach einem Berg in seinem Wohnort, den ersten Beitrag auf der Social Media Plattform Twitter ab – mit Erfolg. Seither steht Peng bei rund 1000 Posts. Über 5000 Nutzer folgen seinem Account, die erfolgreichsten Beiträge haben bis zu 40.000 Aufrufe. „Im Endeffekt ist das eher ein Nerd-Kanal“, sagt Peng. Dennoch wurde er unter den Fahrgästen der Rhätischen Bahn bekannt. Während seiner Schicht wird er von diesen immer wieder auf seinen Twitter-Account angesprochen. Auch Unternehmen hätten schon bei ihm angefragt, ob er nicht spezielle Kameras testen wolle. Dies habe er aber bewusst abgelehnt. „Für mich ist die Filmerei einfach nur ein Hobby. Ich schalte nicht bei jeder Strecke die Kamera an und will auch nicht liefern müssen.“

Mit diesem Smartphone filmt Fabio Peng seine Zugfahrten aus dem Führerstand. Foto: Philipp Breu
Mit diesem Smartphone filmt Fabio Peng seine Zugfahrten aus dem Führerstand. Foto: Philipp Breu

Er checkt das Pult mit vielen Knöpfen vor ihm. In der Mitte das Lenkrad, mit dem er natürlich nicht lenkt. Es ist sein Gaspedal. Computertastaturen, Monitore, Leuchtdioden - Fehlanzeige. Nur ein Tablett in einer Halterung. Auf dem Display leuchten der Fahrplan sowie einige Geschwindigkeitsangaben auf. „Bis zum nächsten Rangiersignal folgen“, dröhnt auf Schweizerdeutsch durch den Lautsprecher in der Kabine. Peng legt beide Hände auf das Lenkrad und dreht es leicht nach rechts. Ein kurzes Rucken, dann setzt sich der Zug in Bewegung.

Um wieder aus dem Bahnhof ausfahren zu können, muss die Reihenfolge der Waggons geändert werden. Peng stellt seinen Wagen auf den Rangierschienen ab. Am Gleis links neben ihm bringt ein Rangierfahrzeug die übrigen Waggons in Position. Der Lokführer setzt mit seinem Wagen zurück. Die Züge werden verbunden. Pengs Waggon führt nun den Zug an – die Fahrt kann beginnen.

So sieht es in Fabio Pengs Führerkabine aus. Ein Pult mit wenig technischem Schnick-Schnack. Foto: Philipp Breu
So sieht es in Fabio Pengs Führerkabine aus. Ein Pult mit wenig technischem Schnick-Schnack. Foto: Philipp Breu

Seit zehn Jahren arbeitet der Twitter-Star bei der Rhätischen Bahn. Zunächst absolvierte er eine Lehre als Rangierarbeiter. Dann wurde er Zugbegleiter, später Lokführer. Seit einem Jahr bildet er zudem andere Mitarbeiter aus. Für Peng ist Lokomotivführer ein Traumberuf. Schon als Kind war er von Zügen begeistert. „Seit ich ein kleiner Junge bin, gibt es für mich keine andere Alternative, als bei der Bahn zu arbeiten.“ Wenn der 30-Jährige nicht gerade mit dem Zug unterwegs ist, steigt er mit einer kleinen Propellermaschine in die Lüfte. Vor zwei Jahren absolvierte er eine Ausbildung als Privatpilot. Seither fliegt er vorzugsweise Cessnas – als Ausgleich zum Fahren in den immer selben Gleisen.

Fabio Peng richtet seinen Blick auf das Gleis vor ihm. Das Startsignal zeigt freie Fahrt an. Der Lokführer dreht das Steuerrad nach rechts und setzt damit den Zug in Bewegung. Die Freunde seines Accounts werden vielleicht in ein paar Tagen unter „calandamountain“ Folgendes zu sehen bekommen: Der Bogen einer Einfahrt in einen Tunnel wird immer größer, plötzlich ist alles schwarz. Wenige Sekunden später öffnet sich rund um den einspurigen Schienenweg eine spektakuläre Landschaft: Wiesen, türkisblaue Bäche, kleine Dörfer umringt von hohen Bergen und verschneiten Gipfeln. Ein User hatte auf Pengs Twitter-Kanal einmal kommentiert, er hätte den schönsten Job der Welt. „Damit hat er gar nicht so unrecht“, sagt der Lokführer.

"Ein User hatte einmal kommentiert, ich hätte den schönsten Job der Welt. Damit hat er gar nicht so unrecht."

Das 384 Schienenkilometer umfassende Streckennetz der RhB verläuft durch den ganzen Kanton Graubünden und zählt landschaftlich zu den spektakulärsten weltweit. Vor allem bei Touristen aus Mittel- und Osteuropa sowie aus dem asiatischen Raum ist es sehr beliebt. Die beiden Panorama-Fahrten mit dem Glacier Express von St. Moritz ins rund 360 Kilometer entfernte Zermatt und dem Bernina Express von Chur ins italienische Tirano zählen zu den Top-Sellern der RhB. Die rund achtstündige Fahrt des Glacier Express, der als „langsamster Schnellzug der Welt“ betitelt wird, führt über 291 Brücken und 91 Tunnel. Den höchsten Punkt der Reise erreichen die Besucher auf dem Oberalppass auf 2033 Metern über dem Meeresspiegel, der die beiden Schweizer Ortschaften Disentis/Mustér im Kanton Graubünden mit Andermatt im Urserental im Kanton Uri verbindet.

  • Durch 19 Tunnel und über 52 Brücken - schon die Anreise nach Arosa ist mit der Rhätischen Bahn ein Erlebnis Foto: Rhätische Bahn/Tibert Keller/dpa
    Durch 19 Tunnel und über 52 Brücken - schon die Anreise nach Arosa ist mit der Rhätischen Bahn ein Erlebnis Foto: Rhätische Bahn/Tibert Keller/dpa
  • Die rund 384 Schienenkilometer führen an malerischen Bergdörfern vorbei. Foto: Philipp Breu
    Die rund 384 Schienenkilometer führen an malerischen Bergdörfern vorbei. Foto: Philipp Breu

Die Bahnstrecke des Bernina Express zieht sich mit 55 Tunnel und 196 Brücken über die Gebirgswelt von Albula und Bernina. 2008 erfolgte für zwei Streckenabschnitte sozusagen der Ritterschlag: Aufgrund ihrer einzigartigen Bautechnik und Linienführung wurden die Strecke von St. Moritz nach Tirano (Berninalinie) und der Abschnitt von Thusis nach St. Moritz (Albulalinie) als UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen. Mit Steigungen von bis zu 70 Promille – Steigungen werden im Bahnbetrieb in Promille statt Prozent angegeben – überwindet der Bernina Express eine der steilsten Zugstrecken der Welt. Auf 2253 Meter über Meer thront das Dach der RhB, das Ospizio Bernina.

Um die rund zwölf Millionen Fahrgäste im Jahr von A nach B zu bringen, sind bei der Rhätischen Bahn über 1500 Mitarbeiter angestellt – und die leisten ganze Arbeit. Mit einer Pünktlichkeitsrate von über 90 Prozent, von der deutsche Eisenbahngesellschaften derzeit nur träumen können, gehört die Rhätische Bahn zu den pünktlichsten weltweit. Und das trotz strenger Winter und drohender Bergrutsche. Ein Zug gilt in der Schweiz als pünktlich, wenn er weniger als drei Minuten zu spät ist – in Deutschland dagegen erst nach fünf Minuten. „Die Pünktlichkeit hat bei der RhB eine hohe Bedeutung. Eigentlich sind wir nicht einmal mit 90 Prozent zufrieden“, sagt Pressesprecher Simon Rageth. Die Mitarbeiter werden ständig dahingehend geschult, vor allem die Lokführer. Diese Pünktlichkeit schätzen auch die Fahrgäste. Die Bahn hat in der Schweiz einen sehr hohen Stand. „Und wir in unserer Bündner Bubble kommen da noch einmal ein Stück besser weg“, sagt Peng.

So nimmt Fabio Peng seine Videos von den Zugfahrten auf:

Auch er klappert am heutigen Tag auf die Minute genau seine Haltestellen ab. Immer wieder fährt der 30-Jährige an Schienenabschnitten vorbei, an denen auf beiden Seiten Holzpflöcke stehen. Durch mehrere Löcher wurden dort waagrecht Besen gesteckt, deren Borsten Richtung Gleis zeigen – als Schutz für die Fahrgäste. Diese stecken während der Fahrt gerne ihren Kopf aus dem offenen Fenster, um die Aussicht zu genießen.

Die Besen an der Seite des Gleises haben schon manchem Fahrgast den Kopf gerettet. Foto: Philipp Breu
Die Besen an der Seite des Gleises haben schon manchem Fahrgast den Kopf gerettet. Foto: Philipp Breu

Wenn der Zug dann durch eine verengte Stelle, wie durch Baustellen oder einen Tunnel, fährt, kann das für den unachtsamen Gast schnell gefährlich werden. Auf solche Stellen machen die Besen aufmerksam. „Und lieber habe ich vorher einen Besen im Gesicht, als einen Stahlträger“, sagt Peng schmunzelnd.

Nach rund zwei Stunden fährt er in den Bahnhof Landquart ein. Für heute hat der 30-Jährige seine Schicht beendet. In den kommenden Tagen werden seine Follower vielleicht ein neues Video von „calandamountain“ auf Twitter zu Gesicht bekommen – die Fahrt von St. Moritz nach Landquart.

Der Autor

Philipp Breu pendelt selbst regelmäßig von seinem Regensburger Arbeitsplatz in seine Heimat Sulzbach-Rosenberg. Oft hat ihn die Deutsche Bahn dabei schon im Stich gelassen. Von Verspätungen, Ausfällen und verpassten Anschlusszügen könnte er einige Geschichten erzählen. Im Oktober 2019 war er auf einem Reportageseminar in St. Moritz und lernte dabei die Rhätische Bahn und Fabio Peng kennen. Im Gedächtnis geblieben sind ihm die lockere Art des Lokführers, die hohe Pünktlichkeit der Bahn und die wunderschöne Berglandschaft, durch die die Gleise führen. Täglich mit der Rhätischen Bahn zu pendeln - damit könnte er mehr als gut leben.

Text von Philipp Breu Titelfoto: Rhätische Bahn/dpa

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