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Die Frau, die den Rhein liebt

Sie wurde gehänselt, geschlagen, missbraucht. Ein seltener Gendefekt lässt Körperhaare und Bart sprießen. Schon als Kind hatte Moselle Adams genug vom Leben. Doch dann macht ihr der Rhein einen Antrag.

Linz am Rhein, ein trüber Morgen. Moselle Adams geht zum Rhein. Sie will schwimmen. So wie jeden Tag, auch im Winter bei Minusgraden. Sie trägt nur eine Badehose. Anstelle der Brüste hat sie zwei Narben. Um ihre Taille ist ein Seil gebunden, an dem ein fußballgroßer, roter Ball baumelt. Ihr langes, dünnes hellblondes Haar weht im Wind, an vielen Stellen schimmert die Kopfhaut durch. Ihr Rücken ist behaart, am Kinn prangt ein Bart.

„Ich liebe den Rhein, er gibt mir Nähe, Zärtlichkeit und Berührungen. Im Wasser fühle ich mich sicher.“ Moselle Adams

Barfuß läuft Moselle über das raue Kopfsteinpflaster der Altstadt. Vorbei an den Touristengruppen. Die Leute starren. Eine Mutter legt den Arm um ihr Kind, als Moselle vorbeigeht. Drei junge Männer vor einem Cafe lachen dreckig. Moselle ignoriert sie. Sie will an den Fluss, der jetzt in Sichtweite ist. „Ich liebe den Rhein, er gibt mir Nähe, Zärtlichkeit und Berührungen. Im Wasser fühle ich mich sicher.“

Die letzten Meter bis zum Ufer geht die 37-Jährige schneller. Sie klettert die Stufen an der Ufermauer hinunter, läuft über die vielen Steine und Muscheln, bis ihre Füße ins Wasser eintauchen. Dann wirft sie sich in die Wellen, taucht ab und wieder auf. Ihr ausgelassenes Lachen übertönt das Tuckern der Schiffsmotoren.

Moselle macht ein paar Schwimmzüge. Der Ball direkt hinter ihr schaukelt auf dem Wasser. Er muss sein, damit die Schiffe sie sehen – eine Vorgabe der Polizei. Sie schwimmt los. Ohne den Rhein würde es sie nicht mehr geben, sagt sie. Der Rhein ist ihr Verbündeter, im Wasser ist sie wie im Rausch.

Linz am Rhein, vom gegenüberliegenden Ufer aus

In Linz fühlt sich Moselle zuhause. Oft geht sie in ein Eiscafé am Rhein oder in einen Imbiss in der Innenstadt. Freunde hat sie kaum welche, aber sie sucht den Kontakt zu den Menschen, ist im Kanuverein aktiv und Mitglied im Kunstverein. Sie malt fast ständig, Acrylbilder oder Cartoons, mit Vorliebe über ihre Erlebnisse im Rhein. Gerade erst wurden ihre Bilder in der Linzer Stadthalle ausgestellt. In der „bunten Stadt am Rhein“ kennt sie fast jeder. Moselle Adams fällt auf.

„Anfangs hab ich mich noch rasiert, doch die Haut wurde immer empfindlicher, ich habe Ekzeme bekommen. Dann musste es eben so bleiben.“

Sie hat einen seltenen Gendefekt, ähnlich dem Wolfsmenschsyndrom, durch den die Körperbehaarung stärker ist als bei anderen Menschen. Es fing an, als sie 19 Jahre alt war. Am ganzen Körper wuchsen plötzlich Haare. „Anfangs hab‘ ich mich noch rasiert, doch die Haut wurde immer empfindlicher, ich habe Ekzeme bekommen. Dann musste es eben so bleiben.“

Vorher hat sie ausgesehen wie ein ganz normales Mädchen. Doch Normalität, das ist für Moselle seit ihrer Geburt ein Fremdwort. Ihre leibliche Mutter hatte viele Affären, aus einer stammt Moselle, ein „Unfall“, nicht gewollt. In den Arm genommen hat sie niemand, wenn sie geschrien hat.

Ständig wechselte die Mutter die Partner, es gab viele Halbschwestern und -brüder. Und irgendwann einen Stiefvater, der länger blieb. Er und Moselles Mutter waren Mietnomaden, nirgendwo hielt es sie lange. Freunde hatte Moselle keine. Irgendwann fing der Stiefvater an, sie zu schlagen. Auch die Stiefoma verprügelte sie und ihre Geschwister mit dem Rohrstock, wenn die Kinder auf die Toilette gehen mussten.

„Da habe ich mich in den Rhein verliebt.“
Blick vom Loreleyfelsen in das Rheintal - der Inbegriff der Rheinromantik; Foto: Thomas Frey/dpa
Blick vom Loreleyfelsen in das Rheintal - der Inbegriff der Rheinromantik; Foto: Thomas Frey/dpa

Moselle hielt diesen Terror irgendwann nicht mehr aus und flüchtete in den Wald. Einen ganzen Sommer lang. Da war sie neun Jahre alt. Sie schlief im Wald, vor lauter Hunger aß sie verschimmelte Lebensmittel, die sie irgendwo im Abfall fand. Gesucht hatte sie niemand. Irgendwann ging sie nach Hause zurück. Wohin hätte sie auch sonst gehen sollen? Die Eltern zogen erneut um, diesmal nach Linz am Rhein, wo Moselle heute noch lebt. In Linz nahm sie das erste Mal wahr, wie sich die Lichter der Häuser nachts auf der Wasseroberfläche spiegelten. „Da habe ich mich in den Rhein verliebt.“

Moselle schwimmt nun schon seit 15 Minuten im Rhein. Sie schwimmt dorthin, wo das Wasser flacher ist. Dann klemmt sie sich das Handy mit einem Stirnband an den Kopf, dreht die Musik auf und tanzt im Wasser. Jetzt wartet sie am Ufer auf die Wellen der großen Schiffe. Immer, wenn eins kommt, dreht sie dem Fluss den behaarten Bauch zu und kreischt, wenn die Wassermassen gegen sie prallen und über sie schwappen. Jede Welle, jede Wasserbewegung nimmt sie mit.

„Runtergezogen hat mich der Rhein noch nie. Ich habe ihm immer vertraut.“

Das Schwimmen hat sie sich selbst beigebracht. Da war sie zwölf Jahre alt. „Erst bin ich knietief rein ins Wasser und habe gepaddelt. Dann hab‘ ich mich tiefer reingetraut, es ging immer besser. Mittlerweile schwimme ich wie ein Delfin.“ Manchmal steuert sie auch mitten in einen Strudel und filmt sich dabei mit einer Helmkamera. Sie legt sich flach aufs Wasser und lässt sich vom Strudel drehen, bis ihr schwindelig wird. Das macht ihr Spaß. „Runtergezogen hat mich der Rhein noch nie. Ich habe ihm immer vertraut.“

Als sie elf war, versuchte Moselle sich das erste Mal umzubringen. Sie klemmte ihren Kopf in der Tür ein. Mehrmals, es klappte nicht. Ihr Stiefvater schlug sie nicht nur, er missbrauchte sie auch.

In der Schule wurde sie von ihren Mitschülern gehänselt. Denn sie sprach wie ein Kleinkind. Niemand hatte ihr jemals vorgelesen, denn niemand kümmerte sich um sie.

Wenn die anderen sie hänselten, stellte sie sich tot, damit sie aufhörten. Oder sie warf sich schreiend auf den Boden oder rannte mit ihrem Kopf immer wieder gegen die Wand. Oft flüchtete sie an den Rhein, ihrem einzigen Vertrauten, bei ihm suchte sie Schutz. Oft kam sie mit nassen Sachen zum Unterricht zurück. Der einzige Mensch, dem Moselle vertraute, war ihre Grundschullehrerin. Die schaltete das Jugendamt ein.

Die Burg am Rhein

Ein Jahr verbrachte Moselle in der Kinderpsychiatrie. Dann kam sie in ein Kinderheim und eine Sonderschule für aggressive Kinder. Irgendwann holte die Lehrerin das verstörte Kind zu sich, beantragte das Sorgerecht. Sie brachte Moselle das Sprechen bei. Zum ersten Mal kümmerte sich jemand um sie. Lange dauerte es, bis das Mädchen „Mama“ zu ihr sagen konnte. „Ich kann sie bis heute nicht in den Arm nehmen und ihr zeigen, dass ich sie lieb habe.“

Moselle schwimmt im Rhein zu ihrer „Burg“. Die Burg ist ein Stück Ufer, das sie mit einer u-förmigen Mauer abgegrenzt hat. Jeden einzelnen der schweren Steine hat sie aus dem Rhein geholt und dorthin getragen. Sie hat die Steine mit Mörtel verbunden und mit Beton einen Weg gegossen. Sie hat Bäume gepflanzt, als Sichtschutz, und innerhalb der Burg Sand aufgeschüttet. Moselle setzt sich in ihre Burg.

Moselle in ihrer Burg am Fluss. In Bildern hält sie ihre Erlebnisse fest. Auch wenn sie selbst täglich im Rhein schwimmt, warnt sie in vielen Facebook-Einträgen vor den Gefahren. Foto: Sabine Wygas

Ein Mädchen hat sich einfach mal hier reingesetzt und wollte nicht gehen. Moselle kannte sie, wurde von ihr ständig gehänselt. Da ist Moselle mit einem toten Aal auf sie losgegangen. „Die ist nicht mehr wiedergekommen.“ Die 35-Jährige lacht. Ihr Lachen ist laut, übertrieben und hysterisch. Ausgelassen planscht sie mit den Füßen im Wasser. Ihre Hände vergräbt sie im Sand, die blauen Augen unter den buschigen Brauen schauen neugierig in die Ferne.

Schon als Jugendliche hat sie es gehasst, dass ihre Brüste wachsen. Als sie 31 ist, lässt Moselle sie entfernen. „Ich hatte eine große Oberweite, und dann die Behaarung, ständig bin ich gehänselt worden.“ Sie wollte kein Junge sein, wollte aber auch nie weiblich aussehen.

Vor einigen Jahren drohten die Behörden, ihr das Schwimmen im Rhein zu verbieten. Zu ihrem eigenen Schutz. Doch ihr Psychologe bestätigte: Moselle kann ohne den Rhein nicht leben. Suizidgefahr.

Sie schwimmt Kilometer weit, fast jeden Tag, von Koblenz bis Linz oder noch weiter. Fünf bis sechs Stunden ist sie unterwegs, 38 Kilometer legt sie zurück. Das meldet sie bei der Polizei immer an. Kinder hat sie schon aus dem Fluss gerettet. „Gedankt hat es mir niemand.“ Und einmal hat sie einen Schuh im Rhein gefunden. Da steckte noch ein Fuß drin. Den hat sie bei der Polizei abgegeben.

„Ich würde ihn sofort heiraten, wenn das ginge.“

„Ich schwimme aus Liebe zum Rhein, ich möchte ihn ganz genau kennenlernen“, sagt sie. Deshalb will sie mal durch den ganzen Rhein schwimmen, als erste Frau. Von der Quelle bis zur Mündung, 1232 Kilometer. Innerhalb von sechs Wochen und in unterschiedlichen Etappen. Sie hat sich sogar den Flusslauf auf den Bauch tätowieren lassen. „So habe ich ihn immer bei mir.“

Der Rhein erwidert diese Zuneigung, sagt sie. Immer wieder mache er ihr bei ihren Tauchgängen Geschenke. So findet sie einmal eine kleine Schatulle mit Modeschmuck. Und einmal holt sie einen goldenen Ehering aus dem Wasser. Sie lässt ihn gravieren mit „Moselle und Rhein“. Den Ring träg sie Tag und Nacht. „Der Rhein hat mir einen Heiratsantrag gemacht. Und ich habe ihn angenommen. Ich würde ihn sofort heiraten, wenn das ginge.“

Es hat viel geregnet, der Rheinpegel ist ziemlich hoch. Da sieht man nur ein paar Farbkleckse, der Rest steht unter Wasser. Moselle hat die Uferwand unterhalb ihrer Burg bunt bemalt. Mit spezieller Farbe. Die Bilder zeigen, was sie im Rhein sieht und erlebt. Viele Schiffe hat sie gemalt. Zum Beispiel das blaue Ausflugsschiff, das so aussieht wie der Moby Dick. Oder eine Windhose. Sie ist bei einer ihrer Touren mal mitten reingeschwommen in eine. Angst hat sie nicht gehabt. „Ich war ja im Rhein.“

Einige Motive zeigen Lichter, die sich nachts auf dem Wasser spiegeln. Jedes Jahr, an Silvester, schwimmt Moselle von Bad Hönningen nach Linz und schaut sich die vielen kleinen Feuerwerke vom Wasser aus an.

„Die alten Menschen akzeptieren mich, wie ich bin.“

Eine Berufsausbildung hat Moselle Adams nicht. Sie ist Frührentnerin. Sie wohnt seit sieben Jahren in einem Seniorenheim. „Die haben damals jemanden gesucht, der sich ehrenamtlich ums Aquarium kümmert.“ Eigentlich hatte sie ja immer Angst vor alten Menschen. Um zu testen, wie zuverlässig Moselle ist, setzt die Heimleitung sie ein paar Tage in der Tagespflege ein. Sie spielt „Mensch ärgere dich nicht“ mit den Heimbewohnern und hat dabei Spaß. „Die alten Menschen akzeptieren mich, wie ich bin.“ So wie der Rhein. Irgendwann fragt sie die Heimleiterin, ob sie bleiben darf. Zufällig ist eine Dachwohnung frei. Nur eine steile Treppe führt nach oben, zu steil für alte Menschen.

Es wird Nachmittag. Moselle schwimmt wieder zurück, weg von der Burg, Richtung Linz. Bis zur Fähre. Dabei lässt sie sich einige Meter von der starken Strömung treiben. Sie wartet im Wasser in sicherer Entfernung, bis die Fähre abgelegt hat. Dann schwimmt sie zur Rampe und steigt aus dem Wasser. Nass, die rote Boje immer noch um die Hüften, geht sie zur Straße, durch die Unterführung in die Altstadt. Das Haar klebt an ihrem Kopf. Auf dem Kopfsteinpflaster zieht sich eine Tropfspur, dazwischen ihre Fußabdrücke.

Text: Sabine Wygas

Fotos von Moselle Adams: Sabine Wygas

Karte: dpa/MZ-Infografik/Lissi Knipl-Zörkler

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