Sport

Alles entsteht im Kopf

Der Druck auf Profisportler ist groß. Viele suchen psychologische Hilfe. Manche finden sie bei ungewöhnlichen Therapeuten.

Yannick Stark und Jalen Hawkins könnten unterschiedlicher nicht sein. Hawkins ist gerade einmal 18 Jahre alt und arbeitet an seinem großen Ziel, Profifußballer zu werden. Yannick Stark ist zehn Jahre älter, spielt bei Zweitligist Darmstadt 98 und hat alle Höhen und Tiefen des Profisports hautnah miterlebt. Trotz aller Unterschiede haben die beiden Fußballer etwas gemein: Sie arbeiten mit Underground-Coach Nunzio Esposito nicht nur an ihrer körperlichen, sondern auch in ihrer geistigen Fitness.

Nunzio Esposito sprüht vor Energie. Foto: Pietro Sutera
Nunzio Esposito sprüht vor Energie. Foto: Pietro Sutera

Esposito ist kein klassischer Mentaltrainer. Seine Stärke liegt in seinem Erlebten. Er teilt seine Erfahrungen, seine Rückschläge mit den Klienten. An Weihnachten 2004 werden Indonesien und Thailand von einem der schlimmsten Tsunamis der Geschichte heimgesucht, mehr als 200 000 Menschen sterben. Esposito erlebt diesen Albtraum hautnah. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin und Freunden verbringt er das Fest der Liebe auf Khao Lak im Indischen Ozean. Esposito und ein Freund sind die Einzigen aus der Gruppe, die das Unglück überleben. „Ich sehe dieses Ereignis als Wendepunkt in meinem Leben. Daraus sind mein heutiges Tun, Handeln und Wirken entstanden. Man kann sagen, es war ein großes Geschenk“, sagt er fast 15 Jahre später. Er sehe den Tsunami als eine Herausforderung und Prüfung an, die seine Einstellung formte. Über diesen Schicksalsschlag so zu sprechen, ist ungewöhnlich. Ihn als Ansatz für die Arbeit mit Klienten zu nehmen, ebenfalls. Aber das ist es wahrscheinlich, was sowohl Sportler als auch Normalos am Underground-Coach fasziniert.

Das Bewusstsein steht im Mittelpunkt der Arbeit

Als Außenstehender bezeichnet man Esposito als Fitnessguru oder Promitrainer. Bekannt wurde er auch durch die Abnehm-TV-Show „The Biggest Loser“. Aber da ist er wieder ausgestiegen, weil ihm das Konzept nicht passte. Ihm ist es wichtig, nicht nur die körperlichen Komponente zu sehen, sondern den Menschen als Ganzes . Dabei ist es egal, ob Profisportler, Investmentbanker oder der Familienvater von nebenan seine Klienten sind. Wenn es um das Bewusstsein oder Bewusstwerden geht, seien alle gleich und „fast alle haben Intuition oder Instinkt verloren“, sagt er.

Yannick Stark und Nunzio Esposito lernten sich schon 2010 kennen. Die Zusammenarbeit begann erst sieben Jahre später. Foto: Esposito
Yannick Stark und Nunzio Esposito lernten sich schon 2010 kennen. Die Zusammenarbeit begann erst sieben Jahre später. Foto: Esposito

2017 war Yannick Stark am Tiefpunkt seiner Karriere angekommen. Nach seiner Rückkehr zum SV Darmstadt 98 im Winter 2015 spielte der Fußballer bei den Lilien bis zum Sommer 2016 keine Rolle. Er ließ sich an den FSV Frankfurt ausleihen, wollte mit den Hessen den direkten Wiederaufstieg in die 2. Bundesliga schaffen. Der Plan ging nicht auf, der FSV stieg sogar in die Regionalliga ab. „Wir hatten damals eigentlich eine gute Truppe, aber es ist einfach nicht gelaufen“, sagt Stark gut zwei Jahre später. Er fragte sich ernsthaft, wie es weitergehen soll.

Der damals 27-Jährige kehrt in seine Heimatstadt zurück und holt sich Esposito an die Seite. Mit ihm analysiert er seine Situation. Er kommt zu dem Entschluss, unbedingt wieder in der 2. Liga spielen zu wollen. Esposito begleitet ihn bei der Vorbereitung auf die Saison 2017/18, noch bevor das Mannschaftstraining beginnt. Die beiden reden viel, Espositos Lebenserfahrung und seine Einstellung begeistern Stark. Er lernt, in schwierigen Situationen nicht an sich zu zweifeln und nie die Schuld bei anderen zu suchen. Heute sagt er: „Ein vermeintlicher Tiefpunkt macht einen nur stärker.“ So stark, dass Stark seitdem Stammspielern bei den Lilien ist.

„Ein vermeintlicher Tiefpunkt macht einen nur stärker.“ Yannik Stark

Espositos Ansätze beruhen darauf, Körper, Geist und Seele wieder zu verbinden und damit die verloren gegangene Intuition Schritt für Schritt zurückzugewinnen. Damit unterscheidet sich Espositos Underground-Coaching grundlegend vom klassischen Mentaltraining, das im Profisport häufig angewandt wird – das Training, dem Yannick Stark und Jalen Hawkins nichts abgewinnen können.

Fußball ist auch Kopfsache. Foto: adidas/HO/dpa
Fußball ist auch Kopfsache. Foto: adidas/HO/dpa

Laut Johanna Belz, Sportpsychologin an der Deutschen Sporthochschule Köln, bedeutet Mentaltraining im Sport das wiederholte Sich-Vorstellen eines sportlichen Handlungsablaufs, ohne diesen aktiv auszuüben. Ein Fußballer stellt sich beispielsweise detailliert vor, einen Elfmeter zu verwandeln. Er steht dabei aber nicht am Punkt. Vor allem bei langen Verletzungspausen kann diese Art Training Fortschritte bringen, selbst wenn der Sportler monatelang pausieren müssen.

Der Platz im Kader, die Qualifikation für ein großes Turnier, die Teilnahme bei einem Ironman, der Start bei der Hahnenkamm-Abfahrt – der Druck, dem Profisportler ausgesetzt sind, ist immens. Es geht dabei nicht nur um den, den die Öffentlichkeit erzeugt, sondern auch um den Druck, den sich die Athleten selbst machen. Als Sportbegeisterter ist man sich dessen oft nicht bewusst, wenn man vor dem Fernseher ein Spiel verfolgt und bei Fehlern über die Akteure schimpft.

Per Mertesacker bestritt 109 Länderspiele für Deutschland. Foto: Peter Steffen/dpa
Per Mertesacker bestritt 109 Länderspiele für Deutschland. Foto: Peter Steffen/dpa

Ex-Nationalspieler Per Mertesacker sprach nach seinem Karriereende 2018 offen über die psychische Belastung im Spitzensport. Sein Körper habe auf die hohe Erwartungshaltung mit Brechreiz und Durchfall reagiert. Vor fast jedem Spiel musste der Verteidiger würgen, bis ihm die Tränen kamen. Im Podcast „Phrasenmäher“ sagte er dazu: „Als sei das, was dann kommt, symbolisch gesprochen, einfach nur zum Kotzen.“ Die Heim-WM 2006 sei besonders schlimm gewesen.

Michael Phelps beendete seine Karriere nach den Olympischen Spiele in Rio 2016. Foto: Bernd Thissen/dpa
Michael Phelps beendete seine Karriere nach den Olympischen Spiele in Rio 2016. Foto: Bernd Thissen/dpa

Mertesacker steht damit nicht alleine da. Ex-Schwimmstar Michael Phelps litt während seiner erfolgreichen Karriere unter Depressionen. „Ich wollte mich selbst immer weiter pushen, um zu sehen, wo mein Limit ist“, sagte er in einem Interview. Der 28-fache Olympiamedaillengewinner konsumierte Drogen, wurde wegen Fahrens unter Alkoholeinfluss festgenommen. Bei den Olympischen Spielen 2012 war sein Tiefpunkt erreicht. Er sperrte sich tagelang in einem Zimmer ein, aß nichts und wollte laut eigener Aussage nicht mehr leben. Phelps hat es geschafft, sich zu befreien. Nationaltorwart Robert Enke nicht. Er nahm sich mit 32 Jahren das Leben.

Mertesacker und Phelps sprachen erst nach ihrer Laufbahn über die psychische Belastung. Aktive Sportler gehen damit eher nicht an die Öffentlichkeit.

„Die Sportler befürchten vielleicht, als schwächer als die anderen wahrgenommen zu werden und ihre Startposition zu verlieren.“ Johanna Belz, Sportpsychologin

Laut Belz sind Jugendspieler ebenso betroffen wie Profis. Aus diesem Grund gilt inzwischen eine Sportpsychologen-Pflicht in den Nachwuchsleistungszentren der Bundesligisten. „Die Persönlichkeitsentwicklung der Athleten und ihre psychische und körperliche Gesundheit stehen dadurch neben der Förderung der sportlichen Leistungsfähigkeit im Fokus“, sagt die Expertin. Trotz Sportpsychologenpflicht in den Nachwuchsleistungszentren entscheiden die Nachwuchskicker selbst, ob sie das Angebot annehmen möchten. Gezwungen wird keiner.

Jalen Hawkins hat sich bislang dagegen entschieden. Der 18-Jährige kickte bis zum Sommer 2018 in der Jugend des FC Bayern München. Jetzt spielt er in der U19 des FC Ingolstadt, trainiert hin und wieder mit den Profis der Drittligamannschaft. Er vertraut auf die Arbeit mit Nunzio Esposito. Die beiden kennen sich schon, seit Hawkins zwölf Jahre alt war. Seitdem gehen sie den steinigen Weg in Richtung Profikarriere gemeinsam. „Die Arbeit mit Nunzio ist mal intensiver, mal weniger intensiv. Am meisten hat er mir bei meiner ersten schweren Verletzung geholfen“, sagt Hawkins. Der Offensivspieler hatte sich das Kreuzband gerissen. Eine Albtraumverletzung für jeden Fußballer.

Gemeinsam mit Esposito hat Jalen Hawkins seine Angst vor einer weiteren Verletzung besiegt: „Ich spiele wie davor. Dass etwas passieren könnte – daran verschwende ich keinen Gedanken.“ Auch Yannick Stark ist durch die Sondereinheiten mental und körperlich gereift: „In guten Phasen blendet man Fehler aus. Wenn man alles bewusst macht, stärkt das den Geist, die Seele und natürlich den Körper.“

Ein Rebell, der sein eigenes Ding macht

Nunzio Esposito ist nicht der typische Mentaltrainer. Underground-Coach passt besser zu ihm. Von psychologischem Gerede hält er nichts. Er akzeptiert Sportpsychologen, polemisiert aber mit Aussagen wie dieser gegen sie: „Die sind Ende Zwanzig, Anfang Dreißig, haben studiert, aber vom Leben keine Ahnung, weil sie keine gelebten Erfahrungen und keine Erkenntnisse vorweisen können. Wie sollen sich diese Menschen mit ihrem theoretisch erlernten Wissen in Sportler hineinversetzen. Unmöglich.“

„Sportler und Vereine müssen selbst entscheiden, mit wem sie zusammenarbeiten. Es gibt viele Kompetenzen, die einen weiterbringen können“, sagt Belz. Die Psychologin rät zu einem Blick in die Expertendatenbank des Bundesinstituts für Sportwissenschaft. Dort werden Sportpsychologen und sportpsychologische Experten nach strengen Kriterien aufgenommen.

Esposito ist das egal. Alles, was für ihn zählt, seien die Einstellung zum Leben, das Bewusstsein für ein bewusst werden und der Instinkt, Gutes von Schlechtem zu unterscheiden.

Titeloptik: MZ-Infografik

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