2 Augen Des Kindes

nr. sieben: Weihnachten 2017

Ein neuer Anfang

Weihnachten war entzaubert – bis zur Geburt unserer Tochter. Wie vereint man zwei Traditionen?

Weihnachten, das war für mich und den Mann an meiner Seite bis vor einem Jahr ein schönes Familienfest. Nicht weniger – aber auch nicht mehr. Wir beschenkten unsere Lieben, verbrachten Zeit miteinander und blickten gleichzeitig nüchtern und mit erwachsenem Zynismus auf die Kommerzialisierung der ach so „besinnlichen“ Weihnachtszeit. Den Zauber aus Kindertagen, den hatte das Fest für uns schon längst verloren.

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Der weihnachtliche Zauber aus Kindertagen geht bei Erwachsenen oft verloren. Foto: Kathrin Robinson

Doch dann kam Hannah. Ein kleines Bündel Leben, das uns dazu auserkoren hatte, es zu behüten und in die Welt zu begleiten. Mit im Gepäck hatte sie die Gabe, an unser Innerstes zu rühren und schlummernde Kindheitserinnerungen wachzurufen, Erinnerungen an magische, ja mystische Momente in der Weihnachtszeit. „Weihnachten“ – allein das Wort hatte für uns mit Hannah im Arm plötzlich wieder einen warmen, aus Kindertagen vertrauten Klang. Ich dachte zurück an Adventswochen, die aufgeladen waren mit geheimnisumwobenen Geschehnissen und gespannter Erwartung. An klirrende Kälte draußen und wohlige Wärme drinnen. An Plätzchenduft und Punsch im Kerzenlicht. An das ungeduldige Warten auf das Christkind und die Aufregung am Abend des 24. Dezember, wenn das Glöckchen klingelte. An das Staunen und die Ehrfurcht beim Anblick des wunderschönen Baumes im Lichterglanz. Und an die tiefe Dankbarkeit, wenn das Christkind einen sehnlichen Wunsch erfüllt hatte.

Der Mann an meiner Seite dachte zurück an heiße Sommertage, die Erfrischung im Meer verlangten. An blau blühende und mit Schleifen dekorierte Jacaranda-Bäume in den Gärten. An das Aufhängen der Weihnachtsstrümpfe und das gespannte Warten auf Father Christmas, den Weihnachtsmann. An durchwachte Nächte vor dem Anbrechen des 25. Dezember und das Lauschen, ob man die Ankunft des Gabenbringers durch den Kamin hören würde. Und an die Freude beim Auspacken der Geschenke am Morgen im Kreise der Familie – übermüdet, aber glücklich.

Das Christkind oder doch Father Christmas?

Weihnachten, das ist für mich Heiligabend, der 24. Dezember. Für meinen Mann, der aus Australien stammt, ist Weihnachten am 25. Dezember.

Lange Zeit waren uns die kulturellen Bräuche und Familientraditionen, mit denen wir aufgewachsen sind, nicht wichtig. Seit Hannah da ist, ist das anders. Sie rühren an Emotionen, die tief in uns verankert sind, die ausmachen, wer wir sind, und die wir gerne weitergeben wollen – beide. Während in anderen Familien bereits unterschiedliche Traditionen bezüglich des Weihnachtsessens (Truthahn oder Karpfen?) oder der Art des Christbaumschmucks zu mittleren Dramen führen, sind wir uns noch nicht mal im Tag der Bescherung einig und finden uns in teils absurden Diskussionen wieder ...

6. Dezember, Plätzchenduft erfüllt die Wohnung, das Kind schläft, Unterhaltung am Küchentisch. Ich: „Wir müssen mal überlegen, ob Nikolaus und Kramperl nächstes Jahr zu uns nach Hause kommen sollen?“ 
„Der Nikolaus? Aber bei uns kommt doch am 25. Father Christmas.“
„Das ist nicht das Gleiche. Und überhaupt – was ist mit dem Christkind am 24.?“
„Das mit dem Christkind ist doch eine komische Geschichte. Was ist das überhaupt, eine Mischung aus Jesuskind und mädchenhaftem Engel mit blondem Haar? Wie soll es das schaffen, alle Geschenke zu verteilen?“
„Aber der Weihnachtsmann schafft’s?!“
„Der hat Rentiere und Elfen als Helfer. Außerdem legen wir in Australien zur Stärkung etwas vor die Tür. Karotten für die Rentiere und ein Bier für Father Christmas.“ 
„Ein Bier? Echt jetzt?“
„Klar.“

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Wer schmückt den Baum? Wer bringt die Geschenke? Wäre es ein Ausweg einfach auf „Märchen“ zu verzichten? Foto: dpa

Ich seufze. Wie sollen die Vorstellungen und Geschichten, mit denen wir aufgewachsen sind, je zusammengehen? Im vergangenen Jahr wurde diese Frage noch überlagert. Mit unserem kleinen, erst wenige Monate alten Wunder unter dem Weihnachtsbaum waren wir rundum selig. Nun, da Hannah schon vieles bewusster wahrnimmt, werden die Überlegungen, wie wir als kleine Familie künftig Weihnachten feiern wollen, so dass sich jeder darin wiederfindet, drängender. 

Wäre es ein Ausweg einfach auf „Märchen“ zu verzichten? Also kein Christkind, kein Father Christmas oder Santa Claus bringt die Geschenke. Von Anfang an nichts als die schnöde Wahrheit: Mama und Papa sind die Gabenbringer. Nein, geht gar nicht. Zumindest darin sind wir uns schnell einig. Hat nicht auch Hannah wie jedes Kind ein Recht auf Phantasie, auf Zauber und auf magische Welten? Wir würden sie der Gabe berauben, zu der sie uns erst wieder befähigt hat: das Weihnachtsfest mit Kinderaugen zu sehen.

„Weihnachten“ – allein das Wort hatte für uns mit Hannah im Arm plötzlich wieder einen warmen, aus Kindertagen vertrauten Klang.

Also, unsere eigene Geschichte finden, zusammengesetzt aus unseren Traditionen, wenn möglich eine, die auch noch logisch klingt – oder ist das vielleicht gar kein wichtiges Kriterium? Einer, der das wissen muss, ist Axel Felser, der sich am Lehrstuhl für Grundschulpädagogik an der Uni Regensburg mit Werten in der Schule und dem Philosophieren mit Kindern beschäftigt. „Erwachsene machen sich oft zu viele Gedanken darüber, ob eine Geschichte stimmig ist“, sagt er. Viel wichtiger sei es dagegen, sich selbst zu fragen, warum man diese weitergibt. „Wenn Kinder spüren, dass eine Geschichte für Erwachsene große Bedeutung hat, dann nehmen sie diese auch eher an, dann wollen sie daran glauben.“ Natürlich, irgendwann kommt der Moment, da treffen Kinder in Kindergarten oder Schule auf andere Vorstellungen oder es heißt plötzlich: „Christkind, gibt's doch gar nicht.“ Doch auch davor sollten sich Eltern nicht fürchten, meint Felser. „Es geht dann darum, den symbolhaften Charakter der Geschichte zu erklären.“

Ein Kind als Inbegriff von Liebe und von Hoffnung

Denn so unterschiedlich unsere Tradierungen sein mögen – so haben sie doch dieselben Wurzeln. Im Zentrum steht das Schenken, das symbolisch für das eigentliche Weihnachtsgeschenk Gottes an die Welt steht: das Jesuskindlein. Darum geht es ja an Weihnachten, um ein Kind, das der Inbegriff von Liebe und von Hoffnung ist. So wie Hannah für uns der Inbegriff von Liebe und von Hoffnung ist.

Wenn sie staunend und mit großen Augen draußen vor den mit Lichterketten dekorierten Bäumen stehen bleibt oder Plätzchenteig von klebrigen Fingern schleckt, dann fühlen wir uns der Bedeutung von Weihnachten ganz nah. Dann ist die Magie sofort da – und mit ihr die Gewissheit, dass ein Weihnachtsfest, bei dem wir verschiedene Traditionen vereinen, funktionieren kann. Und es wird mit Sicherheit zauberhaft.

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Kathrin Robinson fällt es nicht immer schwer, Weihnachtsbräuche aus der Heimat ihres Mannes zu übernehmen. Mit der Tradition, flambierten Christmas Pudding mit Vanilleeis als süßes Dessert zu servieren, kann sie sich prima anfreunden. Schmeckt einfach magisch!

Illustration: Barbara Stefan
Text: Kathrin Robinson
Fotos: dpa

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