6 Singen

nr. sieben: Weihnachten 2017

Singet und seid froh!

An Weihnachten wünschen sich alle Harmonie. Im Chor kommt man diesem Glück sehr nahe.

Still ist die Nacht. Verstummt. Die schrille Dissonanz verklingt neben dem harfespielenden Engel oben am Christbaum. Und eine Erkenntnis saust herab wie ein Hackebeil: Die Frau des Hauses, vorwurfsvoller Diskant, und ihre Schwiegertochter, selbstbewusster Alt, sind Gift und Galle, Marmor und Eis. Ihr Versuch, gemeinsam „Stille Nacht“ anzustimmen, posaunt es in die festliche Stube hinaus. Ach, hätten sie nur eine CD eingelegt.

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Dabei macht Singen doch glücklich!? So jedenfalls fasst der Oldenburger Musikwissenschaftler Dr. Gunter Kreutz das Ergebnis intensiver Forschung zusammen. Singen stärkt die Immunabwehr und schüttet pfundweise Glückshormone aus. Lieder erreichen selbst Menschen, die bereits in tiefer Demenz versunken sind. Und die Herzen der Sänger schlagen nach einigen Strophen zwar nicht im Dreivierteltakt, aber ihre Herzfrequenzen swingen sich aufeinander ein.

Singen ist Lachen in Zeitlupe, sagt man. Eine Wunderwaffe ist es freilich nicht. Wenn es überall an Gleichklang fehlt, im Zwischenmenschlichen wie in der Sangeskunst, dann ist das Glücksempfinden beim „Klingelingeling“ des Glöckchens doch empfindlich beeinträchtigt. Familiäre Dissonanzen am Heiligen Abend sind allerdings die Ausnahme, die die Regel bestätigen. Es gilt: Schräge Töne sind locker auszuhalten, wenn man Seite an Seite, aus einer Brust und einer Kehle schmettert. Gleichzeitig stimmt gemeinschaftlich erzeugter Wohlklang selbst arge Streithähne versöhnlich.

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Loriot (rechts) als Opa Hoppenstedt. Foto: dpa/Radio Bremen

In dulci jubilo, nun singet und seid froh: Der Beschallung der menschlichen Weihnachtsszenerie wird besondere Bedeutung beigemessen. Gemütvoll soll es sein, heimelig und andächtig. Welches komische Potenzial der oft künstlich erzeugten Idylle innewohnt, hat Loriot in der Person von Opa Hoppenstedt manifestiert. Der greise Herr verlangt lautstark nach seinem Helenenmarsch. Ein zackiges Umpfftata, Umpfftata begleitet die hemmungslose Konsumschlacht unter der windschiefen deutschen Tanne.

Herr von Bülow hatte, als er den Sketch schrieb, vielleicht noch die musikalischen Abwege des Nationalstolzes im Ohr. Gerade nach dem Ersten Weltkrieg beschwor die gekränkte deutsche Seele inbrünstig das Nationalgefühl. Die Wandervogelbewegung, junge Bürgerliche, die in romantischer Tradition singend in die Natur strebten, wurden politisiert, ihre Lieder militarisiert. 1933 übernahm Hitler auch die Macht über den „Zupfgeigenhansl“, das Brevier der musikalischen Jugend. Fortan wurde gedrillt und völkisch intoniert. Das Singen verlor endgültig seine Unschuld.

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Erst gegen Ende des 18. und verstärkt im 19. Jahrhundert entdeckte das Bürgertum den Chor für sich. Foto: dpa

Die vom Trauma der Nazizeit geprägten Lehrerjahrgänge machten einen Bogen um alte deutsche Lieder, denen der Ruch deutschtümelnder Hinterzimmerversammlungen anhing. Muff witterten viele Pädagogen auch unter den Talaren der Kirchenleute. Ein weiterer Grund, das Singen in der Gruppe mit Argwohn zu betrachten. Dessen Geschichte führt tatsächlich in die Klöster und Kirchen zurück. Über Jahrhunderte fand Chormusik nur dort statt, als gemeinschaftlicher Lobgesang auf den Herrn. Erst gegen Ende des 18. und verstärkt im 19. Jahrhundert entdeckte das Bürgertum den Chor für sich – sein neues Selbstbewusstsein schmetterte es in patriotischen Liedern in die Welt hinaus.

"Den Taktstock schwänge der greise Gotthilf Fischer ..."

Singen als Mittel der Politik? Sicher: Die gerade von der zähen Regierungsbildung genervten Untertanen könnten sich zu einem „Rudelsingen“ zusammenfinden, den Taktstock schwänge der greise Gotthilf Fischer, Weltrekordhalter im Massenchorsingen. Gemeinsam intonierten 80 Millionen frei nach Harry Belafonte ein trauriges „Jamaika Fairwell“ und dann den aufmunternden Sondierungs-Hit „KoKo got a lot of iron, make you strong like a lion“.

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Mangels Textsicherheit verstummen immer mehr Häuflein derer, die in den Gottesdiensten zur Orgel singen. Foto: dpa

Nur: Das Potenzial für basisdemokratisches Protestsingen schwindet. Gerade erst stand in der MZ zu lesen, dass selbst in Bayern die Zahl der Kirchenchöre zurückgeht. Immer dünner klingt das „Oh du fröhliche“ an Weihnachten in der Kirche. Es sei schon manchmal beklemmend, erzählt der Musikpädagoge und Chorleiter Prof. Robert Göstl, der in seiner Heimatgemeinde Deuerling (Lkr. Regensburg) die Orgel spielt. Oft singe im Familiengottesdienst nur noch ein versprengtes Häuflein – das mangels Textsicherheit ebenfalls nach und nach verstummt. Das stimmt ihn umso trauriger, als er weiß, wie gerne Kinder die alten Lieder singen. „Singen ist im Kern nichts anderes als überhöhte Sprache. Musik kann Dinge ausdrücken, die man nicht zur Sprache bringen kann. Kinder haben ein feines Gespür für diese Substanz in den alten Liedern.“

Erzieherinnen aus der Oberpfalz berichten, dass noch viele Dreikäsehochs in „Lasst uns froh und munter sein“ und „Oh Tannenbaum“ einstimmen können. In Bayern ist die Welt noch halbwegs in Ordnung. 200 000 Menschen singen in 5000 Chören. Singen hat sie süchtig gemacht nach Oxytocin, Serotonin, Dopamin und Endorphin, den Stoffen, aus denen das Glück gemacht ist.

"Still, still, weil’s Kindlein schlafen will: Nur jeder fünfte Deutsche will heuer an Weihnachten in die Kirche gehen."

Alle kleinen Kinder summen und singen. Jugendliche verstummen. „Kann ich nicht“, heißt es plötzlich. Dahinter stecken nach Ansicht der Wissenschaftler auch die allgegenwärtigen Castingshows. Weil Dieter Bohlen und seine Spießgesellen über nicht getroffene Töne spotten. Und knödelnde Pop-Koloraturen zum Maß aller Dinge machen. So klingen alle „Superstars“ gleich und sind zu Recht gleich schnell vergessen. Denn die menschliche Stimme ist doch eigentlich einzigartig.

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Die Computersimulation des Luciano Pavarotti schwingt sich im Vincero der berühmten Arie „Nessun dorma“ müheloser als der Meister selbst zum H empor. Foto: dpa

Man höre sich nur den „Pavarobotti“ des US-Stimmforschers Ingo Titze auf Youtube an. Die Computersimulation des großen Tenors Luciano Pavarotti schwingt sich im Vincero der berühmten Arie „Nessun dorma“ müheloser als der Meister selbst zum H empor. Und doch fehlt es der Stimme an allem: an Wärme, an Seele, an Mensch.

Still, still, weil’s Kindlein schlafen will: Nur jeder fünfte Deutsche will heuer an Weihnachten in die Kirche gehen. Wie viele Menschen an Weihnachten singen, wurde nicht gefragt. Wer einstimmt, tut es aus Lust, auch aus Sehnsucht. Denn es gab ja eine Zeit, in der man dem Christkind freudig entgegenfieberte. Sich noch keinen Kopf machen musste über das Gelingen der Gans und die richtigen Geschenke – schon gar nicht über Neid und Groll, die für Missstimmung sorgen.

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In der Christmette könnte man den Glauben an die Menschheit wiedergewinnen. Foto: dpa

In der Christmette könnte man den Glauben an die Menschheit wiedergewinnen. Wenn am Ende die Lichter ausgehen und im Kerzenschein „Stille Nacht“ erklingt, wird der dröhnende Bass des Banknachbarn großzügig lächelnd überhört. Dann herrscht, für einen glückseligen Moment, wirklich Friede auf Erden.

250 0008 32031509 Claudia Bockholt Sw Freigestellt

Das Singen im Schulchor zählt zu ihren schönsten Erinnerungen an die Gymnasialzeit in Nabburg – dank des wunderbaren Musiklehrers Johannes Windisch. Claudia Bockholt verdankt ihm viel, nicht zuletzt überlebenswichtige 15 Punkte im Abitur.

Illustration: Barbara Stefan
Text: Claudia Bockholt
Fotos: dpa

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