4 Ohne Mama Und Papa

nr. sieben: Weihnachten 2017

Ohne Mama und Papa

Nicht alle Kinder erleben Weihnachten als ein besinnliches Fest im Kreis der Familie.

Philipp muss noch mal. Der siebenjährige Junge mit den dunklen Strubbelhaaren hat sich für diesen besonderen Abend eine schwarze Krawatte angelegt. Er ist aufgeregt. Gleich kommt der Nikolaus zu ihm. Seine Backen sind schon ziemlich stark gerötet, das liegt nicht nur am Feuer, das im Kachelofen des alten Pfarrhauses brennt. Was wird der Nikolaus über ihn sagen? Wird er ihn schimpfen oder loben? Für Philipp (alle Namen der Kinder sind geändert) ist das alles aufregend. Auch, weil er solche Rituale in seinem bisherigen Leben selten hatte. Der Siebenjährige ist eines von neun Kindern, die derzeit in der heilpädagogischen Kindertagesstätte St. Vincent in Regensburg-Burgweinting betreut werden. Hier werden Kinder unterstützt, die in ihren Familien nicht sorglos aufwachsen können oder die eine besondere Unterstützung für ihre schulische und persönliche Entwicklung brauchen.

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Die Kinder in St. Vincent sind aufgeregt. Was wird ihnen der Nikolaus sagen? Foto: Isolde Stöcker-Gietl

Besinnliche Geschichten im Schein der Adventskerzen, der Besuch der Christmette, das gemeinsame Singen vor dem Christbaum, ein besonders liebevoll zubereitetes Essen – das gehört in Familien, die mit Problemen kämpfen, nicht unbedingt zum Weihnachtsfest dazu. Das ist den Kindern, die in St. Vincent betreut werden, durchaus bewusst. „Es ist eben eine emotionale Zeit, das merken wir auch am Verhalten. Auf den Gängen kehrt eine gewisse Unruhe ein, die Kinder sind aufgedrehter als sonst“, sagt Bereichsleiter Xaver Waitzhofer.

"Der Heilige Abend ist ein Tag, der wie kein anderer der Familie gehört."

Ein paar Kilometer weiter, im Süden von Regensburg, lebt zur Zeit der elfjährige Marvin. In seinem Alter spielen Jungs normalerweise mit Lego und zocken mit der Playstation. Marvin war auf der Straße unterwegs, und hat, wie er selbst sagt, „einigen Mist“ gebaut. Seit drei Monaten lebt der Junge mit der pfiffigen Undercut-Frisur in der sogenannten Clearingstelle, einer geschlossenen Wohngruppe im Kinderzentrum St. Vincent, das unter dem Dach der Katholischen Jugendfürsorge geführt wird. Es wird sein erstes Weihnachtsfest sein, das er ohne seine Familie verbringt. Akzeptieren will er das nicht. „Und ich fahr’ auf jeden Fall heim“, wiederholt er turnusartig. Es klingt trotzig, ja fast ein bisschen provokant. Aber Betreuerin Stefanie Nadolski weiß, dass dahinter Angst und Unsicherheit stecken.

Der Heilige Abend ist ein Tag, der wie kein anderer der Familie gehört. „Egal was die Eltern den Kindern zugemutet haben, es sind Mama und Papa. Das können wir nicht ersetzen“, sagt Nadolski. Daran ändern auch die selbstgebackenen Plätzchen, der festlich geschmückte Christbaum, das gemeinsam zubereitete Abendessen und die hübsch verpackten Geschenke nichts. Marvin wird sich nach der Mama sehnen. Doch sie kann den Sechstklässler nicht zu sich nehmen, weil sie im Moment keine Wohnung hat und bei einer Freundin untergeschlüpft ist.

„Wir versuchen, diesen Tag so schön wie möglich zu gestalten." Stefanie Nadolski, Erzieherin in der Clearingstelle

„Drei bis vier Kinder“, so schätzt Erzieherin Stefanie Nadolski, werden in diesem Jahr in der Clearingstelle zusammen feiern. Sie war bereits im letzten Jahr als Betreuerin dabei. „Wir versuchen, diesen Tag so schön wie möglich zu gestalten. Das nehmen die Kinder auch gut an. Sie verdrängen natürlich auch viel.“ Und doch erinnern die Stahltüren und die Gitter vor den Fenstern die jungen Bewohner daran, dass für sie in diesem Jahr alles anders ist. „Diese Kinder sind in einer Phase, in der sie vor sich selbst geschützt werden müssen“, sagt Stefanie Nadolski und es klingt wie eine Entschuldigung. Dabei verbirgt sich hinter dieser drastischen Maßnahme die Hoffnung, dass die häufig seelisch schwer belasteten Kinder durch konsequente Erziehung, einen geregelten Tagesablauf und den Aufbau von Bindungen die Rückkehr in ein normales Leben schaffen.

Die Kinder in St. Vincent werden sich nach ihren Familien sehnen. Daran ändern auch die Rituale wie ein Adventskalender, Plätzchen, Christbaum, das gemeinsam zubereitete Abendessen und Geschenke nichts. Foto: dpa

Die Gründe, warum Kinder wie Philipp und Marvin nicht ohne professionelle Unterstützung aufwachsen können, sind vielfältig. Die Eltern haben selbst Probleme, sind krank oder können sich aus anderen Gründen nicht so um ihren Nachwuchs kümmern, wie es eigentlich erforderlich wäre. Manchmal sind sie auch einfach überfordert. Die Folgen für die Kinder sind fatal: Sie werden ausgegrenzt, gemobbt, manche ziehen sich zurück, andere werden aggressiv, der Schulbesuch wird nicht selten zum Problem. Im Kinderzentrum St. Vincent soll diese Abwärtsspirale durchbrochen werden. Nicht immer können die Eltern diesen Weg mit ihren Kindern gemeinsam gehen.

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Ein selbst gemaltes Bild für den Nikolaus Foto: Stöcker-Gietl

Für Sabine ist es eine Zeit des Aufbruchs. Das Weihnachtsfest hat für die 18-jährige junge Frau in diesem Jahr eine besondere Bedeutung. Es wird das letzte Mal sein, dass sie mit den Betreuern in ihrer Wohngruppe im Regensburger Umland feiert. Sie hat eine Ausbildung im sozialen Bereich begonnen und wird bald in ihre erste eigene Wohnung ziehen. Sabine lebt seit zehn Jahren in der Einrichtung. „Das, was man mir hier gegeben hat, will ich später beruflich auch an Kinder in ähnlichen Lebenssituationen weitergeben.“

„Wenn wir uns sehen, gibt es Streit. Da ist es besser, man sieht sich nicht.“

Das Verhältnis zwischen Sabine und ihren Eltern ist belastet. „Wenn wir uns sehen, gibt es Streit. Da ist es besser, man sieht sich nicht.“ So verbrachte Sabine die Weihnachtsfeste ab ihrem achten Lebensjahr nicht mehr zu Hause. „Bevor ich hier einzog, da dachte ich, dass ich so ein böses Kind bin, dass das Christkind mir nichts bringen wird.“ Die Freude und die tiefen Emotionen, die man mit dem Fest verbindet, die habe sie erst hier gespürt. So wolle sie das später auch an ihre eigenen Kinder weitergeben. „Mit allen Traditionen, die für mich jetzt dazugehören.“

In der Tagesgruppe in Burgweinting haben sich die Kinder inzwischen um die Eckbank versammelt. Auf dem Tisch stehen Schokoladenlebkuchen und Stollen. In der Kanne dampft Kinderpunsch. Im Büro hat sich Xaver Waitzhofer das Nikolausgewand angelegt. Der hölzerne Bischofsstab liegt bereit, das Goldene Buch klemmt er sich unter den Arm. Dann öffnet er die Tür und schaut in die erwartungsvollen Gesichter. Mag sein, dass nicht mehr alle der Mädchen und Jungen an den Nikolaus glauben. Aber darum geht es nicht. Wichtig ist die Aufmerksamkeit, die ihnen in diesem Moment geschenkt wird. Die Teenager meckern nicht, als ein Nikolauslied angestimmt wird.

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Isolde Stöcker-Gietl verbindet viele schöne Kindheitserinnerungen mit Weihnachten. Etwa als ihre Eltern heimlich eine Spielküche schreinerten – „wir Kinder freuten uns riesig darüber“. Dass es Kinder gibt, die so etwas nicht erleben, macht sie traurig.

Illustration: Barbara Stefan
Text: Isolde Stöcker-Gietl
Fotos: dpa

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