1 Krippe

nr. sieben: Weihnachten 2017

Kleiner großer Gott

Nicht Wissen und Macht zählen. Jesus stellt ein Kind als Vorbild in die Mitte.

Es ist eine ungeplante Schwangerschaft, die das Leben der jungen Frau von einem Tag zum anderen auf den Kopf stellt. Maria lebt im galiläischen Dorf Nazaret in einfachen Verhältnissen. Sie ist mit dem Bauhandwerker Josef verlobt. Mitten hinein in ihren Alltag tritt ein Engel, der ihr die Geburt eines Sohnes voraussagt, eines besonderen Kindes – „er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden“ (Lk 1,32). Noch nicht verheiratet und mit einem Wunderkind schwanger? Eine ledige jüdische Mutter – das ist zu dieser Zeit nicht nur moralisch anstößig, sondern lebensgefährlich. Maria fragt nicht warum, sondern wie. Wie soll das gehen? Ein Mädchen vom Land soll einem Menschen das Leben schenken, mit dem Gott in seiner Schöpfung einen neuen Anfang macht?

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Maria ist eine starke Frau, die mit dem erweckten Christuskind in ihr dem Leben vertraut. Foto: dpa

Maria überlegt, wägt ab, zweifelt – und dann sagt sie ja. Sie lässt sich darauf ein, was der Allmächtige mit ihr vorhat. Maria ist eine starke Frau, die mit dem erweckten Christuskind in ihr dem Leben vertraut. Es wird nicht einfach sein. Prompt will sich Josef von ihr trennen, da er nicht der Vater des Kindes ist. Letztlich entscheidet auch er sich für die unbedingte Liebe. Er wird Jesus, wie er den Sohn Marias nennt, aufziehen und das Überleben der Familie sichern.

Die Bibel berichtet nur wenig über Maria. Die Hauptperson des Neuen Testaments ist Jesus von Nazaret. Er ist der verheißene König, den die irdischen Machthaber der Zeit so sehr fürchten. Die Angst vor dem Kind in der Krippe soll nach dem Matthäus-Evangelium den skrupellosen Herrscher Herodes sogar dazu getrieben haben, panisch alle Jungen bis zum Alter von zwei Jahren töten zu lassen.

"Maria stimmt leidenschaftlich ein Loblied auf ihren Gott an, der die Mächtigen und Hochmütigen vom Thron stürzt."

Die Geburt des Kindes in Bethlehem hat politische Sprengkraft. Davon erzählen die von Lukas überlieferten Worte Marias im Magnificat (Lk 1,46-55). Nachdem der Engel ihr verkündet hat, dass sie Gottes Sohn gebären wird, trifft Maria ihre Verwandte Elisabeth, selbst schwanger mit Johannes, der als Täufer Christi der letzte Prophet des Alten Testaments werden wird. Elisabeth erkennt die Berufung Marias zur Mutter Gottes. Viele Bilder und Skulpturen zeigen die intime Szene zwischen den Frauen, die „Mariä Heimsuchung“, Marias Besuch, genannt wird. Nun hat die Freude ihren Platz und Maria stimmt leidenschaftlich ein prophetisches und sozialkritisches Loblied auf ihren Gott an, der die Mächtigen und Hochmütigen vom Thron stürzt, die Reichen leer ausgehen lässt und sich ihr und den Machtlosen zuwendet.

Geburt als Voraussetzung für Passion

Den Evangelisten geht es nicht darum, einfach zu beschreiben, was gewesen ist. Für sie ist die Geburt des Gottessohns Voraussetzung für theologische Aussagen, mit denen sie für die frohe Botschaft Jesu in den gerade entstehenden christlichen Gemeinden werben. In den ersten Jahrhunderten spielt das Geburtsfest noch kaum eine Rolle – nicht die Geburtstage, sondern die Todestage werden feierlich begangen. Die Geburt des Kindes ist die Voraussetzung für den Weg zur Passion. Erste ausdrückliche Belege für das Weihnachtsfest am 25. Dezember sind in einem Codex sowie in einer Predigt des Papstes Liberius aus dem Jahr 354 zu finden.

Ab dem 4. Jahrhundert wird das wunderbare Geschehen der Geburt Christi auch bildlich dargestellt, zunächst auf Sarkophagen. Die Geburtsszene wird immer weiter ausgeschmückt. Jacobus de Voragine beschreibt im 13. Jahrhundert in der Legenda Aurea, was in jener Nacht geschah, die in der Predigtsammlung „Speculum ecclesiae“ um 1170 erstmals als „wîhe naht“ bezeichnet wird.

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Meister von Hohenfurth: Geburt Christi, um 1350 in der Národni Galerie in Prag

Der Messias ist geboren, aber in selbst für ein Menschenkind einfachsten Verhältnissen. Es ist vor allem das Menschliche dieses Kindes, das Weihnachten so nahe bringt – Gott hat sich klein gemacht. Der Stall, das Stroh, auf dem der nackte Junge gebettet liegt, Ochs und Esel – das ist keine fürstliche Unterkunft, aber das anheimelnde Ambiente unserer Krippenlandschaften, wie sie seit dem 13. Jahrhundert zuerst in Italien und dann quer durch die Lande liebevoll ausgeschmückt werden.

"Weihnachten ist seit über 1600 Jahren das Fest des Kindes und erst seit 200 Jahren das Fest der Kinder."

In der Kunst beginnt schon in der Romanik eine enge Beziehung zwischen Mutter und Kind. Maria kümmert sich liebevoll um den Säugling. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zieht der Alltag in die Bilder ein. Der Stall wird zur Wochenstube. Ziehvater Josef bereitet mit der Hebamme für den Knaben ein Bad (Meister von Hohenfurth, um 1340-1350, Nationalgalerie Prag), er schürt das Feuer an, kocht Brei wie bei der „Geburt Christi“ von Konrad von Soest auf dem Wildunger Altar (1404) oder fertigt aus seinen Beinkleidern Windeln an (Tafel eines Turmretabels, Ende 14. Jahrhundert, Antwerpen). Über 1000 Jahre lang bleibt der Jesusknabe das einzige in der Kunst dargestellte Kind.

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Geburtsszene aus dem Wildunger Altar, geschaffen um 1403 von Conrad von Soest in der Evangelischen Stadtkirche Bad Wildungen

Weihnachten ist seit über 1600 Jahren das Fest des Kindes und erst seit 200 Jahren das Fest der Kinder. Denn erst Romantik und Biedermeier entdecken die Kindheit. Waren Kinder zuvor kleine Erwachsene, die vor allem Pflichten hatten, setzt sich im deutschen Bürgertum ein neuer Erziehungsbegriff durch, maßgeblich geprägt von Johann Heinrich Pestalozzi. Das Spiel gilt nun als die höchste Stufe der Kindesentwicklung, die Spielzeugindustrie hat Hochkonjunktur. Der Weihnachtsbaum hält aus den Zunftstuben und Adelshäusern Einzug in die bürgerliche Stube, und in seinem Lichterglanz entwickelt sich eine neue Schenkkultur. Die Gaben der Weisen an das neugeborene Jesuskind dienen als Hintergrundfolie für das Geben an der Krippe im Wohnzimmer, ebenfalls eine Erfindung biedermeierlicher Behaglichkeit.

"Es gerät in den Hintergrund, dass das Leben Jesu spannungsvoll zwischen der hilflosen Geburt in der Höhle und dem wehrlosen Sterben am Kreuz steht."

Das Weihnachtsfest wird zur Idylle, die nach Zimtsternen und Tannennadeln duftet. Dabei gerät in den Hintergrund, dass das Leben Jesu spannungsvoll zwischen der hilflosen Geburt in der Höhle und dem wehrlosen Sterben am Kreuz steht. Auf diesem Weg lehrt er seine Jünger nicht Wissen und Macht als Erfolgsrezept für die Suche nach Gott. Als sie wetteifern, wer unter ihnen der Größte sei, stellt er ein Kind in ihre Mitte: „Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.“ (Mk 9,37). Ein weiteres Mal berichtet Markus von der Freundschaft Jesu zu den Kindern. Seine Jünger, die um Segen für ihre Kinder bittende Mütter fortschicken wollen, mahnt er: „Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen“ (Mk 10,15).

Das göttliche Kind will – nicht nur an Weihnachten – in unser Leben hineingeboren werden. Dieses Zeichen der Liebe Gottes kann uns daran erinnern, dass dieses Kind in uns lebt und trotz aller Verletzungen immer wieder neu strahlen will. Es kann uns Mut machen, wie Maria nicht nach dem Warum zu fragen, sondern nach dem Wie, auch wenn’s im Leben mal ganz anders kommt.

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„Als Kind ist jeder ein Künstler. Die Schwierigkeit liegt darin, als Erwachsener einer zu bleiben“, sagte Picasso. Vielleicht gilt dies auch für die Kunst des Lebens, überlegt Dr. Maria Baumann, Leiterin der Kunstsammlungen des Bistums.

Illustration: Barbara Stefan
Text: Dr. Maria Baumann
Fotos: dpa

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