3 Entfesselt

nr. sieben: Weihnachten 2017

Entfesselte Weihnachten!

Das Fest ohne Kinder zu feiern, stachelt die Phantasie an: Endlich frei, alles zu tun, was ich will. Aber was ist das? Und wie gestalte ich aus einem Zustand losgelassener Konfusion heraus diesen einzigartigen Heiligen Abend?

Können wir reden? Darf ich offen sprechen? So ganz ohne Maulkorb? Es ist doch Weihnachten. Da muss man doch mal etwas dazu sagen dürfen, oder? Ich kenne kein anderes Fest, bei dem der Druck der Konventionen ähnlich groß ist wie an Weihnachten. Ablauf und Regeln – das ist alles fest. Gefeiert wird, wie schon immer, im Kreis der Familie, an Heiligabend im Kreis der engeren, und an den folgenden zwei Tagen geht es in die familiäre Peripherie, zu Onkeln und Tanten, Cousins und Cousinen. Mitzubringen sind neben Geschenken ein Übermaß an Harmonie („Streiten verboten!“) und die Bereitschaft, vor allem den Kindern ein unvergessliches Weihnachtszauberwerk zu bescheren. Sie sind die eigentlichen Protagonisten dieses Fests, neben denen das Kind in der Krippe zum Statisten verblasst.

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Mitzubringen ist neben zahlreichen Geschenken ein Übermaß an Harmonie. Foto: dpa

Darf ich offen sprechen? Bei aller Liebe zum Familienfest – während ich die Einkäufe für drei prall mit Familie gefüllte Festtage heimschleppe, während ich den Baum schmücke und Plätzchenberge auf Tellern mit goldenen Sternen verteile – spielt sich in meinem Kopf eine ganz andere Szenerie ab. Heimlich still und leise plane ich den Alleingang. Entfesselte Weihnachten ohne Kinder und familiäre Verpflichtungen, wie wäre das? Und ohne diese verstaubten Rituale?

Erste Konsequenz: kein Baum. Für mich allein rentiert das nicht, sage ich im Tenor meiner Mutter. Aber wenn ich mir Freunde einladen würde? Trotzdem kein Baum. Denn sonst wäre es ja schon fast wie immer. Wir feiern erwachsene Weihnachten: kein Baum, kein Schmuck, keine Weihnachtslieder, keine Geschenke, keine Kerzen. Alles ganz schlicht und spartanisch. Dafür viel Aufmerksamkeit fürs Gegenüber, ein offenes Ohr. Wir sitzen gesittet zusammen und denken besinnlich über unsere Leben nach. Vielleicht wird ein Stück gesegnete Literatur deklamiert, nein nicht die Bibel und auch keine Weihnachtslyrik, irgendwas Zeitgenössisches, Freches.

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Statt zu feiern wie an Silvester ist Einzigartigkeit gefragt! Foto: dpa

Der Schönheitsfehler meiner Utopie: Was unterscheidet diesen Abend von x anderen, bei denen sich kulturbeflissene Menschen in der Lebensmitte zusammenrotten? Nichts. Die Megaparty für X-mas sieht aber doch anders aus! Also noch einmal von vorn: Freunde einladen, Ja! Und zwar viele. Aber gesittet müssen sie nicht sein. Und auch nicht sitzen. Wir machen eine Steh-, beziehungsweise Tanzparty mit bunten Hütchen und mit viel südamerikanischen Rhythmen oder auch Punk als Kontrastprogramm zum allgegenwärtigen Jingle Bells. Wir lassen es krachen! Ja, genau, wie an Sil... ! Das heißt, nein! Nicht wie an Silvester oder dem 60. Geburtstag von Tante Trude. Einzigartigkeit ist doch gefragt.

Doch wie stellen wir die her? Weihnachten neu erfinden, geht das? Alternativentwürfe gibt es sicher. In fast jeder Stadt gibt es ein oder zwei Szenelokale oder Discos, die extra an Heiligabend öffnen – für Familienweihnachtsflüchtlinge. Das ist immer wunderschön, sagt mir eine Freundin. Sie trifft dort ihre Immer-noch-Single-Freunde aus der Schulzeit. Dann wird gelacht, getanzt und getrunken.

"Wer ist an Weihnachten auch allein? Kommt zu mir!"

Ein Freund von mir hat einmal lauter wildfremde Leute zu sich an Heiligabend eingeladen. Er hatte einfach im Supermarkt einen Zettel hingehängt: „Wer ist an Weihnachten auch allein? Kommt zu mir!“ Es kamen sieben ihm bis dato unbekannte Menschen, drei Frauen und vier Männer. Zwei ältere Damen hätten sonst zusammen gefeiert, fanden das aber so lustiger. Weihnachtsabenteurerinnen also.

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Die echten Sterne ließen Assoziationen mit dem Stall in Bethlehem aufkommen. Foto: dpa

Eine Frau kam aus der Achtsamkeitsfraktion und dachte, dass sie beim Alleinsein helfen kann. Zwei der Herren waren frisch geschieden, ein weiterer war ein obdachloser Handwerker auf der Suche nach einem warmen Platz. Der letzte Besucher war Soziologie-Student und behauptete, wegen des spannenden Experiments da zu sein. Der Abend wurde einzigartig, nur weihnachtlich war es nicht, sagte mein Freund. Sein Kühlschrank war anschließend leer, sein Kopf schwer, und irgendetwas in ihm unbefriedigt. 

Vielleicht sollte man das Weihnachtenfeiern gleich sein lassen. Schon mal von Antinatalisten gehört? Die wollen, dass sich die Menschheit nicht mehr vermehrt. Dass es keine Kinder gibt. Der Mensch ist zu schädlich für den Globus. Diesen Antinatalisten muss Jesus ja ein rechter Dorn im Auge sein, diese fleischgewordene Hoffnung.

Ziemlich nah dran am Nicht-Feiern war ich einmal, als ich zu Weihnachten verreiste. Auf dem Weg nach Gomera sind wir in Teneriffa gestrandet. Das Schiff zur grünen Insel ging am 24.12. nicht. Das Not-Hotel war nur mit versprengten Gomera-Reisenden besetzt, denen ein missgelaunter Ober bereits gegen 19 Uhr mit heftigem Rumms die Teller mit dem vermeintlichen Festessen vorsetzte. Er wollte spürbar nach Hause zu seinen Lieben. Im Raum blinkten schäbige Plastiksterne.

Später auf dem Balkon wurden wir ein wenig versöhnt: Die echten Sterne über dem Sandstrand und die absolute Stille in der Hotelanlage ließen Assoziationen mit dem Stall in Bethlehem aufkommen.

Weihnachten ist ohne Kinder undenkbar

Darf ich offen sprechen? Hören Sie mir noch zu? Wenn ich tief in mich hineinhorche, dann weiß ich, dass Weihnachten ohne Kinder ganz undenkbar ist, selbst wenn keine physisch anwesend sind. Sogar in meinen atheistischen Jahren kurz nach Pubertät und Jugendrevolution hab ich dem Christkind immer die Treue gehalten.

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Erwachsene Weihnachten gibt es nicht. Denn das Kind in uns diktiert unverdrossen die Konditionen. Foto: dpa

Erlauben Sie mir einen kühnen Schluss: Erwachsene Weihnachten gibt es nicht. Denn das Kind in uns diktiert unverdrossen die Konditionen. Wenn ich die Augen schließe und mir so richtig genussvolle Weihnachten vorstelle, dann sitze ich warm eingemummelt unter einem wunderschön bunt behängten Christbaum und lese in einem soeben geschenkt bekommenen Buch. Und daneben liegt das Christkind in seiner Krippe und zwinkert mir zu. Entfesselte Weihnachten!

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Susanne Wiedamann mag Weihnachten und wurde vor vielen Jahren, mit über 30, erstmals gezwungen, sich am Christbaumschmücken zu beteiligen. Das große Weihnachtsmirakel war damit dahin. Doch die Sehnsucht nach dem Geheimnisvollen blieb.

Illustration: Barbara Stefan // Fotos: dpa
Text: Susanne Wiedamann

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