7 Bullerbue

nr. sieben: Weihnachten 2017

Ein Fest wie in Bullerbü

Weihnachten inspiriert seit 200 Jahren die Autoren. Doch die Geschichten haben sich verändert.

Am Abend vor Weihnachten muss Lisa weinen. Die siebenjährige Erzählerin in Astrid Lindgrens Bullerbü-Geschichten fürchtet, „Mutti und Agda würden nicht fertig werden bis zum Heiligabend. Es sah noch so wüst und unordentlich in der Küche aus.“ Doch nicht umsonst ist Bullerbü das Synonym für die glückliche Kindheit – mit Weihnachten als Höhepunkt: Die Weihnachtsepisoden aus Bullerbü, Lönneberga, Birkenlund und der Villa Kunterbunt lesen sich wie eine Anleitung für ein gelungenes Fest. Die Geschichten von Schlittenfahrten im verschneiten Wald, Plätzchen backen und Baum plündern prägen unsere Vorstellung vom Weihnachtsidyll.

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In Astrid Lindgrens Geschichten ist Bullerbü ein Synonym für eine glückliche Kindheit. Foto: Verlag Friedrich Oetinger

Vor allem für Kinder ist Weihnachten einzigartig – das ist heute nicht anders als früher. Seit es ab Ende des 18. Jahrhunderts als Familienfest mit Baum und Bescherung gefeiert wird, ist es auch Thema in Kinderbüchern. Da gibt es zum einen Motive, die zeitlos sind wie das ungeduldige Warten der Kinder auf die Bescherung. Schon Hoffmann von Fallersleben hat das im Gedicht „Weihnachten“ thematisiert: „Zwar ist das Jahr an Festen reich / Doch ist kein Fest dem Feste gleich / Worauf wir Kinder Jahraus Jahrein / Stets harren in süßer Lust und Pein.“ Etwa hundert Jahre später meint auch Lisa aus Bullerbü, bis Heiligabend grauhaarig zu werden.

Doch etwas hat sich seit dem 19. Jahrhundert gewandelt: Der Erzählton und die pädagogische Intention. Damals sollten Kinder disziplinierte Mitglieder einer leistungsorientierten Gesellschaft werden. Kinderbücher aus der Zeit der Weltkriege wollten Kinder zum Krieg erziehen. Heute setzen Autoren dagegen auf Individualität und unkonventionelle Geschichten.

Bei ​E. T. A. Hoffmann sind Eltern unhinterfragte Autoritäten

E. T. A. Hoffmann beschreibt in seiner Erzählung „Nussknacker und Mäusekönig“ (1816) den Weihnachtsabend in der Familie des Medizinalrats Stahlbaum und betont, dass „die Kinder das ganze Jahr über besonders artig und fromm gewesen sein (mussten), denn nie war ihnen so viel Schönes, Herrliches einbeschert worden, als dieses Mal“. Die Eltern sind hier unhinterfragte Autoritäten. Sie belohnen Gehorsam mit Geschenken: Marie bekommt „die zierlichsten Puppen“ und „allerlei saubere kleine Gerätschaften“, Fritz eine „neue Schwadron Husaren, sehr prächtig in Rot und Gold gekleidet“ und ein Steckenpferd.

Adolf Oberländers "Der ungenügsame Fritz"

„Der ungenügsame Fritz“ soll dagegen abschrecken: In der Bildergeschichte des gebürtigen Regensburger Zeichners Adolf Oberländer von 1877/78 ist der Junge reich beschert worden. Aber er will mehr: Dass seine Geschenke lebendig sind. Da verwandelt eine Fee Schaukelpferd, Teddybär, Spielzeugsoldaten, Schachtelteufel und Nussknacker in belebte Riesenfiguren. Diese attackieren Fritz. Die Fee beendet den Spuk, der Junge hat seine Lektion gelernt: „Fritz aber nimmt sich das zur Lehr’ / wünscht jetzt genügsam nie sich mehr, / Als was das Christkind ihm beschert, / Und tummelt froh sein Wiegenpferd.“

Die Nationalsozialisten wollten den christlichen Kontext von Weihnachten ablösen. Ihre Version des Festes glorifizierte Hitler oder kinderreiche „Arier“-Mütter. NS-Kinderbücher verherrlichen Gewalt gegen den „Feind“ und wollen ihre Leser für Krieg, Waffen und Technik begeistern. „Sperrfeuer um Deutschland“, eine Abhandlung des Ersten Weltkriegs von Werner Beumelburg, erschien 1939 in der von Reichsjugendführer Schirach herausgegebenen Reihe „Weihnachtsbuch der Deutschen Jugend“. Das Buch zeigt Gefechtsskizzen populärer Schlachten und beschwört den „Frontsoldatenstaat“.

Fliegendes Klassenzimmer
"Das fliegende Klassenzimmer" berührt seine Leser bis heute - gerade zu Weihnachten. Foto: dpa

Im krassen Kontrast dazu war 1933 eine Weihnachtsgeschichte erschienen, die bis heute populär ist, weil sie für zeitlose Werte wie Freundschaft und Solidarität eintritt: Im „Fliegenden Klassenzimmer“ erfährt der Schüler Martin an Heiligabend, dass seine Eltern das Fahrgeld nicht aufbringen können und er über Weihnachten im Internat bleiben muss. Auch wenn er seiner Mutter versprochen hat, deshalb „kein einziges Tröpfchen“ zu weinen: Martin ist hundeelend zumute – eine Gefühlslage, die gerade zu Weihnachten bis heute die Leser berührt.

Bei Astrid Lindren treiben die Kinder die Dinge voran

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Der kleine Michel hat stets einen Blick für das Elend anderer. Foto: Verlag Friedrich Oetinger

Während bei Kästner ein Erwachsener die Situation rettet – Lehrer Justus macht seinem Namen Ehre – treiben in Astrid Lindgrens Geschichten die Kinder die Dinge voran. Die Eltern bleiben dabei blass. Als Knecht Alfred todkrank ist und die Erwachsenen ihn schon aufgegeben haben, bringt ihn Michel (erschienen 1963) unter Einsatz seines eigenen Lebens in schneestürmischer Winternacht zum Arzt. Michel ist es auch, der im Gegensatz zu den Erwachsenen einen Blick hat für das Elend der „Armenhäusler“. Er tischt ihnen das Weihnachtsessen auf – ohne Rücksicht auf Vaters Geldbeutel.

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Foto: Verlag Friedrich Oetinger

Pippi Langstrumpf (1945) muss sich auch zu Weihnachten ohne Eltern durchschlagen – und rettet das Fest für andere: Pelle, Bosse und Inga weinen, weil ihre Eltern an Heiligabend nicht zu Hause sein können. Da reitet Pippi in die Wohnung – mit einem Sack voll Essen, Geschenken und Weihnachtsbaum. Am Ende haben die Geschwister zu Heiligabend „noch nie solchen Spaß gehabt“.

Eltern als tragische Figuren

Der Ostermann
Der Sohn des Weihnachtsmanns will lieber Ostermann werden. Foto: Carlsen Verlag

In aktuellen Kinderbüchern sind Eltern oft ziemlich hilflos. In Salah Naouras „Herr Rot in Not“ (2010) werden sie sogar zu tragischen Figuren: Die Mutter des Helden Denni kriegt nichts auf die Reihe, der Vater ist nach einem Streit ausgezogen. Denni tröstet die Mutter und rettet das Weihnachtsfest: Er nimmt einen verwirrten obdachlosen Mann mit nach Hause, leiht ihm einen roten Bademantel und hilft ihm, sich an seine Aufgabe zu erinnern. Als durchsetzungsstark und listig erweist sich auch das Kind in der witzigen, rotzfrech erzählten Weihnachtsstory „Der Ostermann“ (2017) von Marc-Uwe Kling und Astrid Henn: Darin rebelliert der Sohn des Weihnachtsmanns dagegen, in die Fußstapfen des Vaters treten zu müssen. Er mag den Winter nicht und möchte lieber Ostermann werden.

Mädchen wie Pippi werden seltener

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Amelia schuftet im London des Jahres 1840 im Armenhaus. Foto: dtv Verlagsgesellschaft mbH und Co. KG

Mit Mädchen als Hauptfiguren tun sich Autoren offenbar auch im 21. Jahrhundert schwer. Sie kommen bei den Neuerscheinungen zu kurz, sagt die Regensburger Buchhändlerin Daniela Dombrowsky. Immerhin wandle sich das Männerbild hin zu „sensiblen und reflektierten Jungen und Männern“. Wer in aktuellen Kinderbüchern nach starken Mädchen à la Pippi sucht, wird fündig in Matt Haigs „Das Mädchen, das Weihnachten rettete“. Dombrowsky empfiehlt die Geschichte der achtjährigen Amelia, die im London des Jahres 1840 im Armenhaus schuftet. Sie besteht haarsträubende Abenteuer, weil sie fest an den Weihnachtszauber glaubt.

Der kommt auch in modernen Weihnachtsbüchern nicht zu kurz, nur eben oft mit einem Augenzwinkern. Die glückliche Kindheit, sie ist also auch jenseits von Bullerbü möglich.

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Katharina Kellner gefällt besonders, wenn Papa Weihnachtsmann in „Der Ostermann“ sich über die moderne Arbeitswelt beschwert: „Ach, mein Sohn, die Wichtel wollen Mindestlohn. Auch soll ich sie auf Facebook liken, sonst wollen sie ab morgen streiken.“

Illustration: Barbara Stefan
Text: Katharina Kellner
Fotos: dpa, 
epa Pressensbild/dpa


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