5 Warten

nr. sieben: Weihnachten 2017

Der Zauber des Wartens

In der modernen Zeit ist alles jederzeit verfügbar. Nur das Weihnachtsgeschenk gibt es erst am Heiligen Abend. Auch deshalb hat es einen besonderen Wert. Der sollte auf keinen Fall verschleudert werden.

Es gibt einen Punkt im Leben, der vermutlich besser als viele andere das Ende der Kindheit und den Beginn des Erwachsenseins markiert: der Moment, an dem sich die Zeit bis Weihnachten auf einmal nicht mehr dehnt wie ein Kaugummi unter Dauerspannung, sondern wie feiner Sand durch die Finger rinnt, unaufhaltsam, rasend schnell, unerwartet früh. Eine gefühlte Ewigkeit schnurrt zu einem in Rekordzeit absolvierten Marathon zusammen. Früher war nicht nur mehr Lametta. Früher war auch mehr Warten.

Die Eliminierung des Wartens

Selber schuld. In der Welt der Erwachsenen wartet heute keiner mehr. Es besteht die akute Gefahr, dass das in die Kinderwelt hineinschwappt. Alles ist jederzeit verfügbar. Leerlauf wird sofort gefüllt, indem mobil gearbeitet, gespielt, gelesen, gehört, gekauft wird. Die Däumchen werden nicht mehr gedreht, sondern übers Display gejagt. Und selbst als es noch keine Smartphones gab, fand der beste aller Lateinlehrer einen Weg, das Warten zu eliminieren: Er feierte Weihnachten genau dann, wenn der erste Schnee eine weiße Matte über die Landschaft legte und er in Stimmung war. Dieses Jahr wäre wohl der zweite Adventssonntag sein Kandidat gewesen. Am nächsten Schultag spendierte er uns Schülern Schokolade und wünschte allen, ganz im Ernst, Frohe Weihnachten.

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt, erst eins, dann zwei ... Schluss damit! Und plötzlich war alles nicht mehr so schön.​​

Wir fanden das super cool – und die sehnsüchtige Warterei plötzlich super kindisch. Denn nichts anderes war das Kindsein: Warten, bis man sechs ist. Warten, bis man richtige Zähne bekommt. Warten, bis man im Auto vorne sitzen darf. Warten, bis man Filme ab zwölf gucken darf. Und dann auch noch warten, bis das Christkind kommt. Advent, Advent, ein Lichtlein brennt, erst eins, dann zwei ... Schluss damit! Und plötzlich war alles nicht mehr so schön.

P1010015
Wilfried Griebel, Psychologe am Institut für Frühpädagogik in München Foto: Regine Paulsteiner

„Warten ist etwas, das verloren zu gehen droht“, sagt Wilfried Griebel, Diplom-Psychologe am Staatsinstitut für Frühpädagogik in München. Man sollte daran erinnern, dass es ein Wert an sich ist, meint er. Warten ist Wertschöpfung. Denn die Erwartung zaubert aus dem Alltäglichen das Besondere. „Das sollte nicht einfach so verschleudert werden.“

Was viele vergessen haben: Nicht nur die Zeit vor Ostern, sondern auch der Advent war ursprünglich eine Fastenzeit. Genau seit 100 Jahren verlangt das katholische Kirchenrecht keinen Verzicht mehr auf Feiern und Genuss in der Zeit vor Weihnachten. Seither wird das Gegenteil praktiziert: Plätzchengelage, Schlemmerei und Einkaufsorgien gehen dem großen Fest voraus. Da tut man sich schon schwer, die Vorfeiern mit der Feier überhaupt noch zu toppen.

„Kinder sind eigentlich ziemlich konservativ. Sie wollen, dass alles so bleibt, wie es ist.“ Wilfried Griebel, Psychologe

Von Weihnachten könnte man das bewusste Warten – wieder – lernen. Gerade, wenn man Kinder hat. Rituale helfen dabei. „Kinder sind eigentlich ziemlich konservativ“, sagt Wilfried Griebel. „Sie wollen, dass alles so bleibt, wie es ist.“ Wie man Weihnachten feiert, sei „ein Stück Identität“. In seiner Familie steckte immer ein Tannenzweig im Schlüsselloch, damit die Kinder nicht vorzeitig ins Zimmer mit dem Christbaum schauen konnten, erzählt Griebel. Auch als sie groß waren, bestanden sie darauf, dass der Tannenzweig da war. Breche eine Familie auseinander oder werde neu zusammengewürfelt, sei es sehr wichtig, die Kinder an der Gestaltung des Festes zu beteiligen. Selbst wenn dann vielleicht Lametta und Strohschmuck gleichzeitig am Baum hängen müssen.

53769482
Die Vorfreude auf Weihnachten wächst mit jedem Türchen. Adventskalender verkürzen das Warten auf Heiligabend. Foto: Stephan Jansen/dpa

Warten ist ja durchaus unbequem und lästig, gerade wenn der Anlass nicht dafür steht: ein Stau, eine Zugverspätung, eine Warteschleife am Telefon, ein Arztbesuch – nichts als vertane Zeit. Ein Fest wie Weihnachten unterscheidet sich davon. Es ist das Ausharren und Innehalten wert.

Warten ist auch eine Fähigkeit. Wer lernt, damit umzugehen, hat einen Vorteil. „Belohnungsaufschub“ nennt es der Psychologe. Diese spezielle Kompetenz helfe den Kindern, in der Schule und später im Leben generell besser durchzuhalten. Wer gelernt hat, Geduld zu üben, nicht alle Bedürfnisse unverzüglich gestillt zu bekommen, sich für etwas anzustrengen, für das die Belohnung erst später kommt, wird es weiter bringen als der Ungeduldige, dessen Wünsche immer sofort erfüllt wurden.

Ein Wunschzettel ist kein Bestellzettel

Griebel legt Wert darauf, dass die Belohnung nicht unbedingt materiell ausfallen müsse. Es könne auch gemeinsam verbrachte Zeit sein: „Wenn du mich das noch zu Ende bringen lässt, dann habe ich nachher mehr Zeit für dich.“

Aber mal ehrlich: Welches Kind wartet nicht in erster Linie auf die Geschenke? Schließlich wurden Briefe mit Wünschen verfasst oder gemalt, ans Christkind adressiert und abholbereit auf die Fensterbank deponiert. Ein Wunschzettel – auch das sollten Kinder wissen – sei kein Bestellzettel, sagt der Psychologe. Was davon eingepackt unterm Christbaum wartet, bleibt ein Geheimnis bis zum Heiligen Abend. 

54261641
Wünsche an das Christkind gibt es viele - die Frage ist: Welche davon werden erfüllt? Foto: Daniel Karmann/dpa

Freilich ist Weihnachten der Anlass für besondere Geschenke. Die erste Puppe, das erste Fahrrad, die selbst gezimmerte Werkbank, der Kaufladen. Solche Dinge sollte es nicht einfach so zwischendurch geben, meint Wilfried Griebel. Warten steigert ihren Wert, während Nicht-Erwarten einen Wertverlust bedeutet.

Ähnliches passiert Leuten – das weiß ich aus eigener Erfahrung –, die alle Schränke auf der Suche nach Geschenken durchforsten. Ganz oben hinter den Pullovern wartet die Ernüchterung. Auch wenn dort genau das liegt, was gewünscht war – die Magie ist weg. Und unterm Christbaum muss man dann auch noch Theater spielen...

Apropos Theater: Sollen Eltern Kindern das Christkind vorgaukeln – ja oder nein? Wilfried Griebel hat auf die alte Frage schon gewartet. Er rät zu folgender Antwort: „Wenn du dran glaubst, ist es schön. Wenn du’s irgendwann nicht mehr glaubst, ist es trotzdem schön.“ Und besonders schön ist es, wenn es bewusst erwartet wird.

250 0008 32619360 Sauerer Angelika 1 Sw Freigestellt

Angelika Sauerer hat sehr gerne eine Angewohnheit ihres Vaters übernommen, der immer erst ein bisschen wartet, bevor er eine scheinbar dringliche Aufgabe anpackt. Und siehe da, manche Dinge erledigen sich von selbst. Leider trifft das nicht auf alle zu.

Text: Angelika Sauerer, MZ
Illustration: Barbara Stefan
Fotos: dpa

Teilen