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nr. sieben: Ostern 2018

Am Ende der Gemeinsamkeit

Der Anfang ist einfach nur schön. Dafür sorgt ein toller Hormoncocktail. Danach ist Liebe harte Arbeit, die nicht immer von Erfolg gekrönt ist. Paartherapeutin Eva Tillmetz erklärt, wie ein gutes Ende gelingen kann.

Da standen sie nun inmitten des täglichen Familienwahnsinns. Die drei Kinder in der Pubertät. Der Job, der viel abverlangt, der Haushalt, der gemacht werden muss. Es war stressig, doch alles lief. Zumindest dachte er das. Denn eigentlich lief längst nichts mehr. Er und seine Frau waren Eltern, aber als Paar hatten sie sich aus den Augen verloren. „Wenn ich nichts mehr an dir zu kritisieren habe, dann solltest du dir Sorgen machen“, hatte sie oft gesagt. Jetzt saß der Mann in der Praxis von Paar- und Familientherapeutin Eva Tillmetz in Regensburg. Er hatte das warnende Signal überhört. Und als er nichts mehr hörte, war es zu spät, um noch etwas zu retten. Jetzt ging es nur noch darum, ein gutes Ende zu finden.

Foto Franz Peter Tschaunerdpa
2016 waren mehr als 130 000 minderjährige Kinder von der Trennung der Eltern betroffen. Foto: Franz Peter Tschauner/dpa

Nahezu jede zweite Ehe in Deutschland wird geschieden. Hinzu kommen Beziehungen, die ohne Trauschein auseinandergehen und statistisch nicht erfasst werden. „Vor 100 Jahren dauerte eine Ehe im Schnitt nur rund 15 Jahre, weil die Lebenserwartung deutlich geringer war. Heute trennt der Tod Paare erst nach 47 Jahren“, sagt Tillmetz. So eine lange Zeit muss man erst einmal schaffen. Bei den meisten ist früher Schluss. Statistisch gesehen kommt die Scheidung nach 15 Jahren. Frauen ziehen häufiger den Schlussstrich als Männer. 2016 waren mehr als 130 000 minderjährige Kinder von der Trennung der Eltern betroffen.

Der Liebeskiller ist häufig der Familien-Burnout

„Aus dem sicheren Hafen der Ehe ist eine stürmische See geworden“, sagt Tillmetz. Die klassische Familienkonstellation – der Vater arbeitet, die Mutter kümmert sich um die Kinder – gibt es nur noch selten. Sind beide Partner berufstätig, braucht es deutlich mehr Familienmanagement, um alle Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen. Je knapper die Zeit für eigene Bedürfnisse wird, desto mehr wachsen die Probleme in der Partnerschaft. „Der Weg zum gemeinsamen Ich und Du führt immer über das Ich“, sagt Tillmetz. Sie bietet Kurse für junge Eltern an, damit das Liebesglück im stressigen Familienalltag überleben kann. „Denn viele Beziehungen enden, weil die Familie vor dem Burnout steht“, sagt Tillmetz.

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Eva Tillmetz bietet Kurse an, damit das Liebesglück im Familienalltag überleben kann. Foto: privat

Drei Kinder mit ihren speziellen Bedürfnissen, da blieb auch bei jenem Paar aus Eva Tillmetz‘ Beispiel kaum noch Zeit für Zweisamkeit. Sie schimpfte, er zog sich immer mehr zurück. Der Tod der Liebe kam schleichend. Fast unbemerkt. „Man sieht die Sonne langsam untergehen und erschrickt doch, wenn es plötzlich dunkel ist, heißt es in einem vielzitierten Satz von Franz Kafka. Man liest ihn oft in Traueranzeigen. Der Abschied von einem geliebten Menschen, sei es nun durch den Tod oder durch eine Trennung verläuft nach einem vergleichbaren Muster, sagt Tillmetz. Wenn die Liebe sich verabschiedet, dann erleben auch Paare die Phasen des Sterbens, wie sie die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross einst für Menschen am Ende des Lebens definierte. Auf den Schock und das Nicht- Wahrhaben-Wollen, dass die Liebe an Kraft verliert, folgen der Zorn und die Wut. Der sterbende Mensch versucht mit einer höheren Macht zu verhandeln, der Partner, der erkennt, dass die Liebe bedroht ist, versucht den Anderen zur Einsicht zu bewegen. „Wir müssen was verändern!“, fordert er. Wenn sie oder er jetzt auf offene Ohren stößt, ist die Gefahr gut abzuwenden. Wer hier keine Resonanz erfährt, geht weiter in die vierte und vorletzte Phase: die depressive Phase, begleitet von Schmerz, Verzweiflung und Trauer. So wie bei einem guten Ende ein schwerkranker Mensch innerlich gereift seinen bevorstehenden Tod akzeptieren kann, so akzeptieren es auch die gereiften Partner, wenn ihre Liebe gestorben ist.

„Es ist ja zum Glück keine tödliche Krankheit, sondern eine verlorengegangene Liebe, die man wieder finden kann.“ Eva Tillmetz

Nicht immer läuft das allerdings zeitgleich ab, sagt Tillmetz. Auch bei jenem Beispielpaar war es so, dass der Mann gerade erst realisiert hatte, dass es in der Beziehung große Probleme gibt, während die Frau sich gedanklich fast schon verabschiedet hatte. Und trotzdem, sagt die Paar- und Familientherapeutin, ist auch an diesem Punkt noch ein Neuanfang möglich, wenn das Paar sich eine Chance gibt. „Es ist ja zum Glück keine tödliche Krankheit, sondern eine verloren gegangene Liebe, die man wiederfinden kann.“

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    So sieht im Spiel „Familien in Balance“ von Eva Tillmetz eine junge Kernfamilie in ihren Lebensbereichen aus. Foto: Tillmetz
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    Und dieses Bild zeigt sich nach einer Trennung. Foto: Tillmetz

Man muss allerdings auch wollen. Denn Beziehungen sind heute keine Zweckgemeinschaften mehr. Man bleibt nicht allein „der Kinder wegen“ in einer Partnerschaft, in der die Gefühle verloren gegangen sind. „Zumal die Kinder sowieso sehr feine Antennen dafür haben, was sich zwischen Vater und Mutter abspielt“, sagt Tillmetz. Weil die Liebe heute die Basis der Beziehung ist, müssen die Paare mehr aufeinander eingehen, sich besser zuhören, Freiräume ermöglichen und Kompromisse schließen. „Das ist in den ersten eineinhalb Jahren einer Beziehung leicht, weil schon der Hormoncocktail in unserem Körper dafür sorgt, dass alles schön ist. Aber danach muss man sich kümmern und die Partnerschaft gut pflegen“, sagt Tillmetz. Die Paartherapeutin hat ein Spiel „FIB – Familie in Balance“ entwickelt, mit dem sie die Geflechte in Familien visualisieren kann.

"Die Kinder brauchen Halt und die innere Sicherheit, dass die Eltern ihnen erhalten bleiben.“ Eva Tillmetz
Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Der Auto-Pioneer Henry Ford hat einmal gesagt: „Zusammenkommen ist ein Beginn, Zusammenbleiben ein Fortschritt, Zusammenarbeiten ein Erfolg.“ Das trifft auch auf Partnerschaften zu. Umso mehr, wenn sich das Paar zwar eingesteht, dass die Liebe erloschen ist, aber Kinder den berechtigten Wunsch haben, dass die Familie erhalten bleibt. „Ein gutes Ende einer Beziehung ist für mich, wenn man sich als Paar trennt, aber als Familie weiter zusammenhält“, sagt Tillmetz. Einfach ist das nicht, räumt die Paartherapeutin ein. Während kinderlose Paare dem Schmerz durch größtmögliche Distanz begegnen können, müssen Eltern einen neuen Umgang miteinander finden. Sie müssen Teamgeist entwickeln, auch wenn es noch so wehtut. „Das Ende der Beziehung ist gleichzeitig der Neubeginn der Familie. Die Kinder brauchen Halt und die innere Sicherheit, dass die Eltern ihnen erhalten bleiben.“ Gegenseitige Vorwürfe, der Streit um finanzielle Mittel, vielleicht ein neuer Partner, der noch weitere Kinder mitbringt – das alles stellt die Familie auf eine harte Zerreißprobe, sagt Tillmetz. Dann sollten sich Eltern an Spielregeln halten und mit einem klaren Kopf an der Entwicklung einer Elternkooperation arbeiten, auch wenn das Herz noch so tobt, sagt die Paartherapeutin. Dazu gehört, sich vor den Kindern mit Respekt zu begegnen, feste Regelungen für Mama- und Papazeiten schaffen und verletzte Gefühle nur gegenüber Erwachsenen zu äußern.

Wie man Schluss macht, ist eine Sache des Respekts

Jedes Beziehungsende hinterlässt Narben, die in neue Beziehungen hineingetragen werden, warnt Tillmetz. Gerade deshalb sei es wichtig, möglichst „im Guten“ auseinanderzugehen. „Wenn ich immer wieder verletzt wurde, dann triggert das neue Partnerschaften.“ Wie man Schluss macht, ist auch eine Sache des Respekts. Eine Trennung per WhatsApp oder SMS geht gar nicht. Kommt aber auch höchstens bei sehr unreifen, jungen Menschen vor, sagt Tillmetz. „Und den Schmerz lernen sie dennoch kennen.“

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Eine Trennung per WhatsApp kommt höchstens bei jungen, unreifen Menschen vor. Foto: Arno Burgi/dpa

Das Paar mit den pubertierenden Kindern entschied sich übrigens nach der Trennung für das Nestmodell, um den Kindern das Zuhause zu erhalten. Die Eltern bezogen Wohnungen in der Nähe und wechselten sich in der Betreuung ab. Bisweilen lebten sie in neuen Partnerschaften. Acht Jahre lang. Dann verliebten sie sich noch einmal neu. „Weil sie durch die vielen notwendigen Gespräche wieder zu schätzen lernten, was sie aneinander hatten.“ Mag sein, dass der Fall klingt, wie eine kitschige Soap, sagt Tillmetz. „Aber bei diesem Paar war das Ende der Anfang von etwas Neuem.“

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Isolde Stöcker-Gietl entspannt mit Krimis. Nichts hilft besser, eine gedankliche Auszeit zu nehmen und danach mit neuem Elan das Familienleben zu managen, sagt sie. Ihr Mann muss aber nichts befürchten!

Titeloptik: fotolia © Lightfield Studios
Text: Isolde Stöcker-Gietl
Fotos: dpa

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