nr. sieben: Ostern 2018

Momente grauenhafter Leere

Berühmte Sportlerinnen und Sportler stehen am Ende der Karriere vor der Frage, was das Leben für sie noch bereithält. Finden sie keine Antwort, greifen sie gerne nach einem Strohhalm: dem Comeback.

Es war ein Abend der ganz großen Gefühle, der überbordenden Emotionen, inszeniert für Millionen – 21 waren es in der Spitze, wie der Sender RTL anderntags quotentrunken verbellte. Und dann dieses Finale furioso! Der Kitsch führt Regie. Der besiegte Faustkämpfer kauert auf einem Knie im Ring. Scheinwerferspots tauchen Henry Maske in gleißendes Licht, als er hinter bandagierten Pranken seine feuchten Augen verbirgt. Dazu Streicher, die seinen Abgang musikalisch untermalen. Es erklingt ein Lied, das fortan zum Gassenhauer bei solchen Anlässen avancieren wird: „Time to Say Goodbye“, dargeboten vom italienischen Tenor Andrea Bocelli und der britischen Sopranistin Sarah Brightman.

Matthias Schrader Dpa
Am 31. März 2007 stieg Henry Maske im zarten Alter von 43 Jahren erneut in den Ring, abermals gegen Virgil Hill. Foto: Matthias Schrader/dpa

Zeit, um auf Wiedersehen zu sagen: Für „Gentleman“ Henry Maske ist sie am späten Abend des 23. November 1996 gekommen. Dumm nur, dass er soeben in der Münchner Olympiahalle gegen den US-Amerikaner Virgil Hill den Kampf, der doch erklärtermaßen der allerletzte seiner glanzvollen Laufbahn sein sollte, umstritten nach Punkten verloren hat.

Hier trete „der größte deutsche Boxer aller Zeiten“ ab, greint der TV-Kommentator ins Mikrofon. Das wäre höchstens dann richtig, wollte man den Beginn der deutschen Boxgeschichte auf den Start des Privatfernsehens hierzulande datieren. Sinnigerweise wirkt Henry Maske Jahre später als Hauptdarsteller an der Filmbiografie über Max Schmeling mit, aber seine Darstellung gerät grotesk hölzern und streckenweise unfreiwillig komisch. Ein Schauspieltalent ist er nicht, das war freilich bereits an jenem 23. November 1996 in München absehbar.

Sportlich aber sitzt der Stachel offenbar tief, er kapselt sich nicht ein, sondern beginnt bei Maske immer heftiger zu schmerzen. Gut zehn Jahre später, am 31. März 2007, steigt er im zarten Alter von 43 Jahren erneut in den Ring, abermals gegen Virgil Hill, abermals in der Münchner Olympiahalle. Diesmal triumphiert der Deutsche nach Punkten über den US-Amerikaner. Über Maskes Motive lässt sich trefflich spekulieren. War’s Geltungssucht, waren’s finanzielle Probleme? Einerlei: Nun endlich findet die Seele des gefeierten Faustkämpfers zur Ruhe.

Komprimiert auf wenige Jahre körperlicher Blüte

Sportlerinnen und Sportler sind ja irgendwie auch bedauernswerte Geschöpfe. Zwar pflastern Ruhm und nicht selten Unmengen Geld ihren Weg, doch ist dieser Weg verkürzt. Ihre Schaffenskraft schwindet genetisch bedingt weit vor der Zeit, ihre Ära ist gleichsam komprimiert auf wenige Jahre der körperlichen Blüte. Dann beginnen sie langsamer zu rennen, kürzer zu springen, niedriger zu hüpfen. Sportler führen uns die Mühsal schleichender Gebrechlichkeit im Zeitraffer vor. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den Disziplinen. Aber selbst beim Schachspieler nimmt die Zahl der Geistesblitze ab, seine Züge diktiert nicht mehr das Genie, sondern die Routine.

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    Michael Jordan zählt wohl zu den prominentesten Wiederkehrern der Sportgeschichte. Foto: Gianni Congiu/dpa
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    Auch Muhammad Ali zog es nach dem Karriereende nochmal zurück in den Ring. Foto: Ipol Joffe/dpa

Das Ende der Karriere ist dann der Anfang von… ja, von was eigentlich? Vielen eben noch gefeierten Athleten mag es ergehen wie der Celebrity, die nach einer rauschenden Oscar-Nacht ins Freie tritt und dort beinahe von der Straßenreinigung durchnässt wird. Manchmal – siehe Henry Maske – hat der Sportler noch eine Rechnung mit seinem Schicksal offen. Der Strohhalm der Gepeinigten ist das sogenannte Comeback, der Neuanfang nach dem eigentlich schon beschlossenen und verkündeten Ende der Karriere.

Martina Navratilova, Katarina Witt, Martina Hingis, Monica Seles, Michael Jordan, Muhammad Ali, Mario Lemieux, Roger Milla: Die Namen der berühmten Wiederkehrer aus dem Retiro sind Legion. Nicht selten startet der Ruheständler nochmals durch in seinen zweiten sportlichen Frühling. Der Maske-Kollege George Foreman mag hier als Beispiel dienen. Nach dem legendären „Rumble in the Jungle“ gegen Ali im Oktober 1974 in Zaire hatte der gefürchtete Haudrauf seinen Abschied auf Raten eingeläutet, stieg jedoch 1988 nach elfjähriger boxerischer Abstinenz wieder in den Ring, um sich 1994 zum Titel „ältester Schwergewichts-Champion aller Zeiten“ zu prügeln. Dass Foreman zwischenzeitlich als Geistlicher Gottes Wort der Gewaltlosigkeit gepredigt hatte, rundete die wundersame Story seiner sportlichen Wiederauferstehung trefflich ab.

Björn Borg trat auf dem Tenniscourt auf wie ein Schatten seiner selbst.

Wie anders liegt da der Fall Björn Borg! Nach fünf Wimbledon- und vier Paris-Triumphen war beim Schweden mit gerade mal 25 die Motivation perdu, doch gesellten sich finanzielle zu privaten Turbulenzen – beide gehen ja bekanntlich gerne Hand in Hand.

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Björn Borg (links) machte dem Spuk 1993 selbst ein Ende. Foto: Julie Vrabelova/dpa

Indes: Der Frauenschwarm mit der blonden Mähne trat auf dem Tenniscourt auf wie eine Karikatur seiner selbst. Mit seinem antiquierten Holzschläger gastierte er mal in Monte Carlo, mal in Stuttgart. Björn Borg erntete keinen sportlichen Lorbeer, sondern Mitleid. Er wirkte wie ein Fossil aus einer längst vergangenen Tennis-Epoche. Nach zwölf Erstrunden-Pleiten in Serie machte er 1993 dem Spuk selbst ein Ende.

Die berühmteste Comeback-Geschichte hierzulande hat zweifellos der langjährige Formel-1-Dominator Michael Schumacher geschrieben, und sie steht exemplarisch für den Horror Vacui, für das Grauen, wie er sonst nur Schriftsteller vor leeren Seiten und Künstler vor leeren Leinwänden befällt.

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Michael Schumacher trieb es 2010 zurück ins Cockpit. Foto: epa/Diego Azubel/dpa

Aus Angst vor der Leere in seinem bis dato rasanten Leben schwang sich der sonst so besonnen auftretende Rekordweltmeister und Familienvater aufs Motorrad, das er in buchstäblich halsbrecherischer Manier über die Strecken dieser Welt bewegte. Der Rausch der Geschwindigkeit trieb Schumacher 2010 nach dreieinhalb Jahren Rennpause zurück ins Cockpit der Formel 1, aus dem er sich nach weiteren zweieinhalb, relativ erfolglosen Jahren in Diensten von Mercedes endgültig verabschiedete. Ob sein folgenschwerer Skiunfall am 29. Dezember 2013 ins Bild des unverbesserlichen Speed-Junkies passt, ist eine ganz andere Frage.

Warum nicht umsatteln ins verwandte Unterhaltungsfach?

Freilich enden auch diese – bisweilen über Gebühr strapazierten – Karrieren nach dem Comeback irgendwann. Eher durchschnittlich begabte Athleten eröffneten alsdann früher gerne eine Lotto-Annahmestelle, Heroen von einst wie Schmeling oder Uwe Seeler fanden als Repräsentanten von Getränke- oder Sportartikelkonzernen ein bekömmliches Auskommen. Wer sich als Trainer und Funktionär verdingt, bleibt im Metier. Andere nutzen ihre Popularität als Nährboden für die zweite Karriere, satteln um ins verwandte Unterhaltungsfach und beeindrucken uns mehr oder weniger als Schauspieler (Eiskunstläufer Hans-Jürgen Bäumler) oder Schlagersänger (Ski-Ass Hansi Hinterseer).

Ein weites Betätigungsfeld tat sich mit der Erfindung des ebenso fachkundigen wie sympathischen Experten auf. Die Flut der Fernsehkanäle spülte diese ins Sportprogramm, wo sie – siehe Oliver Kahn, Maria Höfl-Riesch oder Magdalena Neuner – das Treiben ihrer Nachfolger eloquent kommentieren. Oder sie machen die beflissen nachfragenden Moderatoren überflüssig und schwingen sich selbst zu solchen auf, denken wir nur an den Eiskunstläufer Rudi Cerne oder die Schwimmerin Kristin Otto.

„Ich habe keine Lust mehr, im Kreis herumzufahren.“ Niki Lauda

Die Kunst, sich nach dem Ende der sportlichen Karriere neu zu erfinden, erfordert bisweilen einen Aufwand wie das Einstudieren des dreifachen Rittbergers. Ihrem einsam an der Spitze ihrer Sporthelden thronenden Boris Becker sehen die Deutschen seit nunmehr gut zwei Jahrzehnten dabei zu, wie er regelmäßig strauchelt oder gar stürzt, sich dann aber doch wieder irgendwie berappelt – während sich sein weibliches Pendant Steffi Graf in ein skandalfreies Privatleben außerhalb des grellen Scheinwerferlichts verabschiedet hat.

Den Anfang vom Ende der sportlichen Karriere markiert meist ein Moment der tiefen Erkenntnis. Der dreimalige Formel-1-Weltmeister Niki Lauda goss diesen Augenblick der Sinnsuche einst in legendäre Worte, als er sagte: „Ich habe keine Lust mehr, im Kreis herumzufahren.“

Er war dann doch nur kurz mal weg. Denn zweieinhalb Jahre später, in der Formel-1-Saison 1982, stand der Österreicher im McLaren wieder an der Startlinie. Er stellte noch einmal alles auf Anfang und wurde erneut Weltmeister – einfach, indem er dauernd im Kreis herumfuhr.

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Heinz Gläsers eigene sportliche Karriere endete abrupt nach einem Tritt eines fußballerisch minderbegabten Betriebswirtschafts-Studenten gegen sein Knie. Die Glut des unbändigen Wunsches nach einem Comeback fühlte er allerdings nie in sich lodern.

Titeloptik: fotolia © BY-Studio
Fotos: dpa
Text: Heinz Gläser

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