nr. sieben: Ostern 2018

Die letzte Stunde

Die Intensivmedizin hält immer mehr Schwerstkranke am Leben. Der Regensburger Ethikmediziner Thomas Bein muss Grenzen aufzeigen, die er selbst erfahren hat.

Zwischen Neuanfang und Ende steht manchmal nur eine Sichtschutzwand. Neben dem Bett am Fenster spricht ein Arzt mit Angehörigen. Man kann in ihren Gesichtern lesen, dass es keine guten Nachrichten sind. Tränen fließen inmitten dieser technisch ausgestatteten Umgebung. Maschinen, Schläuche, Kabel, Monitore. Vor dem Zimmer steht ein Gerät, eine mobile Niere. In anderen Zimmern pumpen Beatmungsmaschinen. Hier, im Untergeschoss des Uniklinikums Regensburg zeigt sich, was moderne Medizin leisten kann. „Nie war es anspruchsvoller, herauszufinden, wann ein Leben sich dem Ende zuneigt“, sagt Prof. Dr. Thomas Bein, Anästhesist und Leiter der Station 90 für Operative Intensivmedizin. Tausende Gespräche an der Schwelle zwischen Leben und Tod hat er geführt. Vor zwei Jahren rückte das Thema in seinem eigenen Leben ganz nah. Seitdem hat er sich verändert. Auch in seinem Beruf, sagt er.

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Seit seiner Erkrankung richtet Dr. Thomas Bein seinen Blick viel stärker nach innen. Foto: Isolde Stöcker-Gietl

Thomas Bein ist 64 Jahre alt. Ein drahtig gebauter Mediziner mit raspelkurzen Haaren. Gerade ist er von einer Reise nach Japan zurückgekehrt. In einem buddhistischen Kloster hat er innere Einkehr gesucht. Meditieren, Arbeiten, Schweigen. Es habe ihm sehr gut getan, sagt er. Früher hat er sich aus derlei Reflexion nicht viel gemacht. „Mein Ausgleich war dreimal die Woche mit dem Hund zu laufen und in einem Chor zu singen.“ Dann kam vor zwei Jahren die Diagnose: Ein Plasmozytom, eine Form von Blutkrebs, die das Knochenmark befällt. Drei Wochen Intensivstation mit Hochdosis-Chemotherapie und dazu noch eine Transplantation der eigenen Stammzellen liegen hinter ihm. Eine Zäsur. Seitdem richtet er seinen Blick viel stärker nach innen. Im April muss er wieder zur Kontrolle. „Es ist eine chronische Erkrankung, es kann jederzeit wieder losgehen“, sagt Bein. Als Arzt weiß er sehr genau, was das heißt. Er genießt jeden Augenblick, freut sich auf sein erstes Enkelkind. Er begegnet jetzt viel bewusster der Endlichkeit, mit der er mit der gebotenen Distanz schon sein ganzes berufliches Leben konfrontiert ist.

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Das Arbeitsumfeld am Uniklinikum Regensburg ist höchst anspruchsvoll und zeitintensiv. Foto: Armin Weigel/dpa

85 Intensivbetten gibt es am Uniklinikum Regensburg, die Station von Bein hat 28. Das Arbeitsumfeld ist höchst anspruchsvoll und zeitintensiv. 85 Pflegekräfte arbeiten hier in Vollzeit, hinzu kommen noch weitere 30 Teilzeitkräfte. Zur Zeit sind alle Bettplätze belegt. Mehrere Influenza-Kranke mit schweren Verläufen hängen an Beatmungsgeräten. Es gibt Patienten, deren Organe nach komplizierten Operationen versagen, und Menschen, die nach einer Organtransplantation auf ein neues Leben hoffen. Dazu werden schwerstverletzte Unfallopfer nach der Erstversorgung in Beins Intensivabteilung gebracht. Auf Station 90 geht es immer ums Ganze. Hier wird gehofft, gekämpft, aber auch verloren.

„Die Medizin hat wissenschaftlich-technisch unglaublich viel erreicht, aber die Kommunikation hängt gewaltig hinterher.“ Dr. Thomas Bein

Alle Arten von lebenserhaltenden Maschinen sind verfügbar. Doch die Gespräche, die Bein und seine Kollegen mit Angehörigen führen, drehen sich nicht um das, was möglich wäre, sondern um das, was sinnvoll ist. Der Anästhesist, der auch das Ethikkomitee am Klinikum leitet, sagt, er würde sich wünschen, dass diese Gespräche schon zu einem viel früheren Zeitpunkt geführt werden. Dass die Patienten bereits vor Operationen von den Chirurgen eine ausführlichere Beratung zu möglichen Komplikationen erhalten. „Wenn der 72-jährige Patient verstanden hätte, dass die Entfernung des Bauchspeicheldrüsentumors zu einem Nierenversagen führen kann, dann hätte er sich vielleicht dagegen entschieden oder im Voraus bestimmt, wie es in einem solchen Fall weitergehen soll“, bringt Bein ein Beispiel. „Die Medizin hat wissenschaftlich-technisch unglaublich viel erreicht, aber die Kommunikation hängt gewaltig hinterher.“ Denn das, was heute in der Intensivmedizin möglich ist, bedeutet für die Patienten nicht zwangsläufig eine Perspektive auf Heilung oder zumindest ein besseres Leben, es kann auch bedeuten, dass Leid verlängert wird.

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Nur 15 Prozent haben eine Patientenverfügung. Foto: Roland Weihrauch/dpa

Bein öffnet die Tür zu einem kleinen Besprechungszimmer, das etwas abgetrennt von den Patienten liegt. Es gibt zwei davon. Bein hat sich gemeinsam mit seinem Vorgänger dafür eingesetzt, dass mit Angehörigen nicht an den Betten oder auf den Gängen über höchstpersönliche Lebensbereiche gesprochen werden muss. Ein Tisch, ein Computer und mehrere Stühle – mehr gibt es in dem Raum nicht. Hier fokussiert sich alles auf das, was einen Menschen ausmacht.

Bein hat die Lebensläufe tausender Patienten kennengelernt. Das gehört dazu, wenn es zu entscheiden gilt, wie und ob die intensivmedizinische Therapie weitergeführt werden soll. „Nur 15 Prozent haben eine Patientenverfügung“, sagt der Mediziner. Dann muss Bein in Gesprächen herausfinden, was im Sinne des Patienten ist. Hätte er einem Luftröhrenschnitt zugestimmt? Würde er Dialyse als lebenserhaltende Maßnahme annehmen? Es ist ein Prozess, den die Angehörigen bis zu einer Entscheidungsfindung durchlaufen. Mindestens zwei, drei Tage und mehrere sehr ausführliche Gespräche mit den Ärzten sind dafür nötig. In dieser Zeit schauen die Intensivmediziner auch sehr genau auf den Patienten und den Weg, den er nimmt. „Für uns ist die Grenze dort, wo wir anhand der medizinischen Daten erkennen, dass wir durch Geräte den bereits beginnenden Sterbeprozess behindern.“ Dann ist es an der Zeit, dass die Angehörigen loslassen, dass Apparate abgeschaltet werden können. Das fällt vielen unendlich schwer und braucht deshalb wieder Begleitung und vor allem das Gespräch, sagt Bein.

„Ehrlichkeit gepaart mit Empathie und Zuwendung, das ist die beste Medizin.“ Dr. Thomas Bein

Während seiner Chemotherapie hat Bein am eigenen Leib erfahren, welchen Stellenwert Worte für die Patienten und ihre Angehörigen haben. „Ehrlichkeit gepaart mit Kompetenz und Empathie, das ist die beste Medizin.“ Obwohl selbst in kritischem Zustand hat Bein viel mit anderen Krebspatienten gesprochen. „Junge Männer mit kleinen Kindern und Schulden vom Hausbau, die nun mit Leukämie und mit unklaren Perspektiven isoliert auf der Krebsstation um ihr Leben kämpfen sollen.“ Er habe daraus gelernt: „Die Kranken wollen keine Phrasen wie ‚es wird schon wieder‘ hören. Sie wollen, dass Ärzte und Pflegepersonal verstehen, wie sie sich fühlen.“ Und sie wollen absolute Aufrichtigkeit. Die Zuwendung, die er selbst auf der onkologischen Intensivstation erfahren habe, werde er nun noch mehr in die Arbeit auf seiner Intensivstation einfließen lassen, sagt Bein. „Noch genauer hinschauen und noch genauer erforschen, was der Wunsch und Wille der Patienten ist.“

„Der Hirntod ist eine neue Form des Todes, entstanden durch die Möglichkeiten der modernen Medizin.“ Dr. Thomas Bein

Besonders anspruchsvoll ist diese Aufgabe, wenn es um junge Unfallopfer geht, deren Angehörigen Bein sagen muss, dass alle Hirnfunktionen unumkehrbar erloschen sind. Damit ist das Leben unwiederbringlich zu Ende, auch wenn sich die Hände warm anfühlen, auch wenn die Herz-Lungen-Maschine es so aussehen lässt, als würde der Mensch noch atmen. „Der Hirntod ist eine neue Form des Todes, entstanden durch die Möglichkeiten der modernen Medizin. Wir Ärzte müssen noch viel mehr Wissen darüber vermitteln“, sagt Bein. Gerade auch vor dem Hintergrund, dass er ein weiteres großes gesellschaftliches Thema berührt: die Spende von Organen. Nur 28 Prozent der Menschen haben einen Organspendeausweis. Die Bereitschaft, Organe zu spenden, ist in Deutschland auf ein neues Rekordtief gesunken.

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Nur 28 Prozent der Menschen haben einen Organspendeausweis. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Mehrmals im Jahr muss Bein mit Angehörigen die Frage erörtern, ob es der Wunsch und Wille des Patienten gewesen wäre, mit seinen Organen noch das Leben anderer Menschen zu retten. „Es ist wichtig, zu verstehen, dass wir keine Jagd betreiben. Wir sind verpflichtet, diese Frage zu stellen, wenn ein Patient als Spender infrage kommt.“ Auch das ist ein Prozess, der Einfühlungsvermögen und viel Verständnis für die Bedenken der Angehörigen verlangt. Gerade weil es so schwer zu begreifen ist, dass nur noch Apparate einen Organismus erhalten. Das Gehirn und die Seele, die diesen Menschen erst komplett machen, sind nicht mehr da, erklärt Bein in den Gesprächen. „Aber niemand wird zur Zustimmung der Organentnahme überredet, das wäre ethisch nicht richtig.“

Der Krankenhausseelsorger ist auf die Station gekommen. Er holt die Familie, die soeben mit der niederschmetternden Nachricht konfrontiert wurde, ins Besprechungszimmer. „Es muss uns gelingen, die Hochleistungsmedizin durch gute Kommunikation menschlich zu halten“, sagt Bein. Manchmal erzählt er Angehörigen von seiner Krankengeschichte und den Lehren, die er daraus gezogen hat. „Die kühnsten medizinischen Entwicklungen werden nichts daran ändern, dass wir sterben müssen. Wir sollten nicht übersehen, wann es Zeit dafür ist.“

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Isolde Stöcker-Gietl hat in ihrer Familie im vergangenen Jahr selbst erlebt, wozu moderne Medizin in der Lage ist. Zehn Monate lebte ihr Onkel nach einer Gehirnblutung weiter. Für die Angehörigen eine wertvolle Zeit. Doch was er fühlte, konnte er nicht mehr mitteilen.

Titeloptik: fotolia © Lightfield Studios  
Fotos: Isolde Stöcker-Gietl & dpa
Text: Isolde Stöcker-Gietl

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