nr. sieben: Ostern 2018

Das A und O des Lebens

Alle vertraute Symbolik des Osterfests vom Ei als Zeichen des Lebens bis zum Küken, das die Eierschale zerbricht und ans Licht tritt, verweist auf Christus. Ostern stellt die Frage nach dem Wohin und der Quelle des Lebens.

Die Frage nach dem Anfang lässt ihn nicht los. Soeben ist er vom Osterspaziergang heimgekommen. Nach einer Nacht voll düsterer Gedanken hat er das bunte Treiben der Menschen beobachtet, die in die Frühlingsnatur aufbrechen: „Jeder sonnt sich heut so gern. Sie feiern die Auferstehung des Herrn, denn sie sind selber auferstanden…“ Mit neuem Lebensmut setzt er sich in seine gotische Studierstube. Doch sein begieriger Wissensdurst holt ihn schnell wieder ein. „Wir sehnen uns nach Offenbarung, die nirgends würd’ger und schöner brennt als in dem Neuen Testament.“ Er macht sich daran, die Heilige Schrift, in griechischer Umgangssprache verfasst, mit Einsprengsel aus dem Aramäischen, der Muttersprache Jesu, ins Deutsche zu übertragen. Dr. Johannes Faust will es wissen. Er will nichts weniger als die Quelle des Lebens erkunden.

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Die Schwierigkeit von Goethes Faust liegt bereits im ersten Satz. Foto: Uwe Zucchi/dpa

Was Goethe seiner wohl berühmtesten literarischen Figur in dessen bitterem Streben nach Erkenntnis nun in die Feder diktiert, ist die Auseinandersetzung mit dem Prolog des Johannesevangeliums. Die Schwierigkeit von Faust beginnt bereits beim ersten Satz. „Im Anfang war…“ Im Griechischen folgt jetzt „Logos“, der Begriff, von dem unser ebenso vielbedeutender Ausdruck Logik abgeleitet ist. „Im Anfang war der Logos, und der Logos war bei Gott, und Gott war der Logos“. Martin Luther hat Logos mit „Wort“ übersetzt, denn der Evangelist Johannes schlägt bewusst die Brücke zum Beginn des Alten Testaments. Das Buch Genesis berichtet über die Anfänge: „Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht.“ Durch das Wort kreiert Gott die Schöpfung. Das aber genügt Faust nicht. An Stelle von „Wort“ versucht er es der Reihe nach mit „Im Anfang war der Sinn!“, „Im Anfang war die Kraft!“ und entscheidet sich zum Schluss: „Im Anfang war die Tat!“ Goethe ringt lebenslang mit seinem Faust auf dem Pfad zwischen Wissen und Glauben um sein Natur- und Gottesverständnis.

Der Urknall und das Weltenei

Am Anfang war… Die Geburt des Universums können wissenschaftliche Ergebnisse aus Messungen des Weltraumteleskops Hubble heute genau datieren. Nach der „Big Bang Theory“ entstand das All vor 13 Milliarden Jahren. Der junge Priester und Physiker Georges Lemaître aus Belgien leitete aus Albert Einsteins Gleichungen die Expansion des Universums her und publizierte im April 1927 zum ersten Mal sein Gedankenkonstrukt der Urknall-Theorie. Der Kosmos erschien im Bruchteil einer Sekunde, behauptete der Theologe – aus einem winzigen „Uratom“. Im Laufe von Äonen entstanden unzählige Galaxien, vor vier bis fünf Milliarden Jahren die Erde und schließlich der Mensch. Lemaîtres revolutionäre These war mit der christlichen Lehre von Gottes Erschaffung der Welt gleichsam aus dem Nichts, außerhalb von Zeit und Raum, durchaus kompatibel. Doch nicht einmal Albert Einstein glaubte ihm, bis 1929 der amerikanische Astronom Edwin Hubble mit einem 100-Zoll-Teleskop entdeckte, dass sich die galaktischen Planetenstrudel im All offenbar immer weiter von der Erde wegbewegen und wie Granatsplitter nach einer Explosion auseinandertreiben. Er belegte damit die Erkenntnis, die Georges Lemaître bereits zwei Jahre zuvor hatte: Das Universum wächst und dehnt sich aus.

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Selbst für Albert Einstein passten göttliches Wirken und die Gesetze der Natur grundsätzlich zusammen. Foto: International News Photos/dpa

Für bedeutende Naturwissenschaftler der Geschichte wie Kopernikus, Kepler, Galilei, Newton und selbst Einstein passten göttliches Wirken und die Gesetze der Natur grundsätzlich zusammen. Die Kirche aber wandte sich im Mittelalter und darüber hinaus noch entschieden gegen ein neues Weltbild der Forscher. Dennoch interpretierte Papst Pius XII. 1950 das Big-Bang-Modell als eine Bestätigung für die biblische Schöpfungsgeschichte. Eine Theologenkommission unter Kardinal Ratzinger veröffentlichte 2004 eine Erklärung, nach der sowohl Darwins Evolutionslehre als auch die Urknalltheorie mit dem christlichen Glauben vereinbar seien. 2014 bekräftigte Papst Franziskus, Evolution in der Natur sei kein Gegensatz zur Überzeugung von einer göttlichen Schöpfung. Der Urknall als Ursprung der Welt „widerspricht der kreativen Intervention Gottes nicht, sondern setzt sie im Gegenteil voraus“. Auch Forscher des 21. Jahrhunderts sehen Wissenschaft und Religion als verschiedene Perspektiven derselben Wirklichkeit. „Als Beobachter der Natur kann ich den Gedanken nicht zurückweisen, dass hier eine höhere Ordnung der Dinge existiert. Es ist eine Intelligenz auf höherer Ebene vorgegeben, jenseits der Existenz des Universums selbst“, sagt Carlo Rubbia, der frühere Leiter des europäischen Kernforschungszentrums Cern bei Genf.

„Ich bin das Alpha und das Omega, spricht Gott, der Herr."
Auf Osterkerzen werden traditionell die griechischen Buchstaben Alpha und Omega als Symbol für Anfang und Ende aufgebracht. Foto: Stefan Puchner dpa

Am Anfang war… Die Menschen, deren Geschichte über zwei Millionen Jahre zurückreicht, haben zu allen Zeiten versucht, den Ursprung der Welt zu begreifen. Inder, Perser, Ägypter, Griechen und andere Völker stellten sich in ihren Schöpfungslegenden ein Weltenei vor. Viele Kulturen schufen zur Erklärung eine ganze Götterwelt. Die Entstehung des Judentums vor über 3000 Jahren brachte einen religiösen Umbruch. Erstmals glaubten Menschen nicht mehr an eine Vielzahl von Gottheiten, sondern nur noch an einen einzigen Schöpfer. Obwohl sie nur ein kleines Volk sind, begründen die Stämme Israels eine Weltreligion.

Der Glaube an den einen Gott hat unsere Kultur geprägt. In dem schier unfassbaren Zeitraum des universalen Werdens scheint die Geschichte des Christentums gering. Gerade einmal 2000 Jahre bezeugen Menschen, dass der allmächtige Schöpfergott in Gestalt eines Kindes einen neuen Anfang mit ihnen gemacht hat. Gott wird zum Menschen Jesus, „damit der Mensch am Leben Gottes teilhabe“, wie der Kirchenvater Irenäus von Lyon das fundamentale Geschehen von Weihnachten bis Pfingsten in einer Kurzformel zusammenfasst.

Jesus – der Erste und der Letzte

Jesus macht alle menschlichen Erfahrungen, er hofft voll Zuversicht und zweifelt, wird gefeiert und verraten und stirbt letztlich am Kreuz. Es ist der Karfreitag der Liebe, an dem er sein Leben hingibt, um den Menschen zu zeigen: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Jesu Auferstehung verheißt, dass der Mensch im Sterben hindurchgeht zum Leben.

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Jesu Auferstehung verheißt, dass der Mensch im Sterben hindurchgeht zum Leben. Foto: Peter Kneffel/dpa

Am Anfang war das Wort. „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“, heißt es im Johannesevangelium 1,14. Wenn wir Jesus seinen Gott glauben, dann ist er nicht nur der Anfang, sondern auch der Zielpunkt, zu dem alle Existenz führt. Das letzte Buch des Neuen Testaments heißt „Apokalypse“. Der auferstandene himmlische Christus enthüllt sich den Menschen in einer Vision des Verfassers und weist ihnen den Weg zu Gott: „Ich bin das Alpha und das Omega, spricht Gott, der Herr, der ist und der war und der kommt, der Herrscher über die ganze Schöpfung.“

Mit Alpha und Omega, dem ersten und dem letzten Buchstaben des griechischen Alphabets, bezeichnet sich in der Johannesoffenbarung Gott selbst symbolisch (Joh 1,8 und 21,6), ebenso Christus (Joh 22,13), nach Luther übersetzt mit „Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte“. Bereits im Alten Testament findet sich bei Jesaja diese Selbstaussage Gottes: „Ich, der Herr, bin der Erste und noch bei den Letzten bin ich derselbe“ (Jes 41,4).

„Christus, gestern und heute, Anfang und Ende, Alpha und Omega.“

Die frühe christliche Kunst greift diese Buchstabensymbolik auf. Die ersten Inschriften sind im 3. Jahrhundert nachweisbar, ab dem 4. Jahrhundert wird das Sigel Alpha-Omega mit den Sinnbildern für den Namenszug Jesu, später mit dem Zeichen des Kreuzes verbunden, auf Grabinschriften, Münzen, Medaillen, Sarkophagen, Ziegeln, Ringen, Lampen, Goldgläsern, Gefäßen, in Malerei, Mosaik, Plastik, an Kirchen und Haustüren. Mit der Figur des erhöhten, thronenden oder richtenden Christus trägt das Mittelalter die beiden apokalyptischen Buchstaben weiter, die es ihm zur Seite oder aber auch auf das aufgeschlagene Evangelienbuch gibt. Im 7. Jahrhundert entsteht in Spanien der Brauch, in die Osterkerze ein Kreuz samt den Buchstaben Alpha und Omega einzuritzen. Nach der Segnung des Osterfeuers spricht der Priester dazu das deutende Gebet: „Christus, gestern und heute, Anfang und Ende, Alpha und Omega.“

Matthias Hiekel Dpa
Das Ei gilt als Zeichen des Lebens. Foto: Matthias Hiekel/dpa

Alle vertraute Symbolik des Osterfests vom Ei als Zeichen des Lebens bis zum Küken, das die Eierschale zerbricht und ans Licht tritt, verweist auf Christus, der aus dem Verschlossenen aufersteht, und bleibt doch nur der Versuch des Menschen, die erstaunliche Geschichte mit dem allmächtigen Gott zu verstehen. Ostern ist kein niedliches Frühlingsfest, sondern stellt die Frage nach dem großen Ganzen, nach Anfang und Ende, der Quelle und dem Wohin unseres Lebens.

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Dr. Maria Baumann, Leiterin der Kunstsammlungen des Bistums, sagt: Für mich gehören Auferstehung und Osterfeiertage zusammen, logisch!

Titeloptik:  fotolia © Lightfield Studios | Collage: Lissi Knipl-Zörkler
Fotos: dpa
Text: Dr. Maria Baumann

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