Maria Baumann Ohne Rand

nr. sieben: Ostern 2017

Wenn der Hahn kräht...

Mit dem Hahnschrei beginnt das Leiden Jesu. Damit wird der Hahn zum Symbol für den Übergang vom Tod zum ewigen Leben – also für Ostern.​

Der Hahn kräht, die Hühner legen, die Häschen sammeln und verpacken, bis das ganze, riesengroße Nest voll ist. Und dann ist Ostern.“ Märchenhaft erklärt „Peterchens Mondfahrt“, was in der Nacht vor Ostern geschieht. Deshalb gehört der große Gockelhahn eben zum Frühlingsfest wie der Pfefferkuchen zu Weihnachten. Doch damit gibt sich der wachsame Hahn nicht zufrieden. Er hat mehr zu bieten, um durch Hunderte von Jahren zu einem Tier mit enormer Symbolkraft zu werden. Seine geheimnisvolle Fähigkeit, das Kommen eines neuen Tages zu spüren, macht ihn vor allem zu einer Zeit, die noch gänzlich auf natürliche Lichtquellen angewiesen ist, zu einem wertvollen Begleiter der Menschen.

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Märchenhaft erklärt „Peterchens Mondfahrt“, was in der Nacht vor Ostern geschieht. Foto: Bassermann Verlag

Er ist der „Wecker“, nicht nur für das Heer im antiken Rom zur nächtlichen Wachablösung, sondern psychologisch auch für eine zentrale Person des Christentums. Die Spur führt zurück zu den Tagen, nach denen wir bis heute Ostern feiern. Es ist Donnerstagabend. In einem großen Raum im Obergeschoß liegen zwölf Männer nach römischer Sitte auf Polstern zu Tisch. Ihr Lehrmeister hat zum Essen eingeladen. Er ist ihr Vorbild, ein weiser Mann, der sich auf die Seite der Armen und Unterdrückten stellt. Viel haben sie in den vergangenen Monaten mit ihm erlebt. Wenige Tage vor der Feier des Pessachfestes sind sie von den Dörfern Galiläas hierher nach Jerusalem gekommen. Die Stadt des Tempels ist kulturelles und religiöses Zentrum Judäas, das von den Römern verwaltet wird. Menschen jubelten ihnen zu, kamen ihnen mit Palmzweigen entgegen, als ihr Anführer auf einem jungen Esel aus dem Kidrontal einzog.

​Die Rolle des Gockel im österlichen Geschehen

Mit seinem Charisma und seinen erstaunlichen Taten hat er viele Anhänger gewonnen. Auch in Jerusalem haben die Leute von ihm gehört. Aber es ist nicht einfach, ihm zu folgen. Seine Ideen sind radikal, sein Anspruch ist enorm. Aber genau das gilt auch für seine Nächstenliebe. Sie ist ihm wichtiger als Gesetze und Rituale des Mitgefühls. Nie verhält er sich so, wie man es von ihm erwartet. Kaum in der Stadt, zieht er den Unwillen der Priester auf sich. Er geht in den Tempel, bei dem Händler Opfertiere zum Kauf anbieten und Wechselstuben unterhalten. Er stößt ihre Tische um und vertreibt sie. Eine Räuberhöhle hätten sie aus dem Haus des Gebets für alle Völker gemacht, wirft er ihnen vor.

In Jerusalem ereignet sich die tödliche Zuspitzung seines Weges. Für die Würdenträger ist es nicht hinnehmbar, dass er die kultischen Rituale angreift und damit das, was ihnen heilig ist. Dass er sich nicht auf einen berühmten Lehrer beruft, sondern selbst im Namen Gottes spricht, ist zu viel. Für die Priester und Schriftgelehrten ist die Schmerzgrenze erreicht. Dieser Wanderprediger, über dessen Identität heftig gesprochen wird, muss weg.

Die zwölf Männer am Abendmahltisch ahnen nicht, welch erschütternde Wendung ihr Leben in den nächsten Stunden nehmen wird. Vertrauensvoll wenden sich die Jünger ihrem Lehrer zu, als er Brot und Wein segnet. Doch nun spricht er davon, dass diese Speisen seinem Leib und seinem Blut entsprächen – und beides würde er opfern, damit es den Menschen nicht immer nur um sich selbst geht, sondern sie Gott wieder erkennen. Dass sie Jeschua – das ist der hebräisch angemessene Name für Jesus von Nazaret – verlieren könnten, ist unvorstellbar. Vollends unfassbar aber ist, dass es einer von ihnen sein soll, der ihn mit einem Kuss, dem Zeichen der Liebe, den Richtern ausliefert.

„In dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen." Mt 26,34; Mk 14,30

Nach dem Mahl geht Jeschua mit seinen Jüngern zum Ölberg, auf einem alten Fluchtweg aus Jerusalem in Richtung Judäische Wüste, den schon König David, der erste König über Juda und Israel, benutzte, als sein Sohn Abschalom gegen ihn putschte. Doch Jeschua will nicht fliehen, sondern betet im Garten Getsemani. Er hat Angst und er weiß, dass sich noch in dieser Nacht alle seine Schüler von ihm distanzieren werden. Simon ist empört. Jeschua ist für ihn der Größte, ein König, der das Land von den Römern, die Israel schon seit über 20 Jahre unterdrücken, befreien wird, er glaubt an ihn und seine Worte von Gott. Er wird zu ihm halten, er wird bei allen Angriffen der Fels in der Brandung sein. Schließlich hat er von ihm seinen neuen Beinamen „Kephas“, übersetzt „Stein, Fels“, griechisch pétros, erhalten. Er und sein Bruder Andreas waren seine ersten Weggefährten. Petrus ist sich hier am Fuße des Ölbergs ganz sicher: „Und wenn alle an dir Anstoß nehmen – ich niemals!“ Doch Jeschua entgegnet auf diese enthusiastische Beteuerung: „In dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen“ (Mt 26,34; Mk 14,30).

Es geschieht, wie er es vorausgesagt hat. Für 30 Silberlinge verrät Judas seinen Herrn. Jeschua wird festgenommen. Die Jünger fliehen. Petrus aber folgt den bewaffneten Männern, die seinen Freund abgeführt haben, zum Palast, in dem der Hohepriester Kajaphas das Urteil der Gotteslästerung fällt. Im Hof des Palastes wird er dreimal als Gefolgsmann Jeschuas erkannt. Petrus hat seine Standhaftigkeit bei weitem überschätzt und nun Angst um sein eigenes Leben. Als er zum dritten Mal versichert: „Ich kenne den Menschen nicht“, kräht der Hahn.

​Der Hahn als Sinnbild für Petrus’ Verleugnung und Reue

Es ist dieser Moment, der dem Hahn auch kunstgeschichtlich eine bleibende Prominenz eingebracht hat. Die Bibel beschreibt: „Und Petrus erinnerte sich an das, was Jesus gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.“ (Mt 26,75). Die Verleugnung Petri, die bittere Erfahrung, die er mit sich selber machen muss und seine Reue – für all das wird der Hahn zum Sinnbild. 

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Petrus und der Hahn (Miniatur aus dem Chludow-Psalter, 9. Jahrhundert) Wikipedia/gemeinfrei

Eigentlich war der Hahnenschrei schlicht eine Zeitbestimmung. In Altisrael markierte er in der Abfolge der drei Nachtwachen die Stunden von drei bis sechs Uhr morgens und damit den Übergang von der Nacht zum neuen Tag. Dass der Hahn mit seinem Schrei den Sonnenaufgang verkündet, ließ nicht nur den römischen Gelehrten Plinius den Älteren in seiner Naturkunde dem Tier eine gewisse Einsicht und Klugheit zuschreiben, sondern wies ihm auch in der klassischen Mythologie eine Rolle zu. Der Hahn galt als Grenzwächter zum Jenseits und wurde unter anderem zum Attribut des Götterboten Merkur, der als Seelenbegleiter in das Schattenreich gelangt. 

Seinen festen Platz in der Ikonographie fand der Hahn aber erst in den Bildern des Christentums. Das alltägliche Krähen des Hahnes erhielt in der Nacht zum Karfreitag eine besondere Bedeutung. Der Hahn wurde zum Rufer und Mahner. Petrus bereut beim Anbruch des neuen Tages seine kleinmütigen Zweifel. Der Hahnenschrei hat ihn aufgeweckt. Als Apostel wird er zum Zeugen für Leben und Wirken Jesu als Gottessohn, der den Tod am Kreuz überwindet. 

Der Hahn verkündet das Licht und Christus vertreibt die Finsternis

Mit dem Hahnenschrei beginnt die Passion, die Leidensgeschichte Jesu. Nach christlichem Glauben fängt mit der Auferstehung Jesu ein neues Zeitalter an, das aus der Dunkelheit zum Licht Gottes führt. In dieser besonderen Symbolik vom Tod zum Leben, vom Dunkel zur hellen Hoffnung wird der Hahn zwischen Petrus und Christus bereits auf frühen Sarkophagen des 4. Jahrhunderts abgebildet. Bis zum 14. Jahrhundert ist der Augenblick des Hahnenschreis als Auslöser der Reue Petri ein besonders beliebtes Motiv der Kunst. Auch noch im 20. Jahrhundert sind Petrus und der Hahn in ihrer Symbolkraft Bildgegenstand, besonders eindrucksvoll im Glasfenster von Kattenhorn von Otto Dix. 

Wetterhahn vor Sonne
Der Wetterhahn zeigt nicht nur an, woher der Wind weht. Mit dem Kopf stellt er sich der Windrichtung entgegen. Foto: dpa

Der frühchristliche Dichter Aurelius Prudentius verglich den tag- und lichtverkündenden Hahn mit Christus, als dem seelenerweckenden, die Finsternis vertreibenden Erlöser. Der Hahn ist nicht verschwunden aus der Christenheit. Er wurde auf Kirchturmspitzen gesetzt, zum ersten Mal 820, als Bischof Rampertus von Brescia ihn für Santa Faustino Maggiore aus Bronze gießen ließ. Der Wetterhahn zeigt nicht nur an, woher der Wind weht. Mit dem Kopf stellt er sich der Windrichtung entgegen. Er mahnt zum Christsein, dazu, für seine Werte einzustehen. Das ist nicht immer einfach, wie Petrus erfahren musste. Doch das Scheitern ist nicht das Ende. Die Apostelgeschichte geht in der Bibel weiter: Der auferstandene Jesus verurteilt Petrus nicht, sondern schenkt ihm den Schlüssel zu Gott und zu sich selbst, die Liebe.

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Baumann

Beim Stichwort „Hahn“ denkt Dr. Maria Baumann, Leiterin der Diözesanmuseen, nicht sofort an einen Gockel. Sie schätzt vielmehr dieses Zitat der Schriftstellerin und Lyrikerin Ulla Hahn: „Nur was mich ergreift, kann ich begreifen.“

Illustration: Barbara Stefan // Fotos: dpa, Wikipedia, Bassermann Verlag

Kapitel
Gockel in der Bibel Sinnbild für Verleug Ende der Finsternis
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