Nina Schellkopf Ohne Rand

Ostern

Warum heißt der Cocktail eigentlich Cocktail?

Diese Frage lässt sich heute nicht mehr eindeutig beantworten, aber es gibt viele amüsante Anekdoten

Man nehme einen Zuckerwürfel, zwei Spritzer Bitter, zwei Teile Bourbon und eine Orangenspirale – fertig ist ein echter „Old Fashioned“. So oder so ähnlich sahen auch die ersten Cocktails aus, die um 1800 über den Tresen wanderten. Aber wie kam der Cocktail eigentlich zu seinem Namen? Auf den ersten Blick scheint die Erklärung einfach: Das Wort besteht aus den beiden englischen Begriffen „cock“, zu deutsch „Hahn“, und „tail“, was so viel wie Schwanz bedeutet. Auch das Logo der deutschen Barkeeper-Union zierte bis 2014 ein quietschbunter Hahn auf einem Cocktailsglas. Doch warum wurde aus dem Hahnenschwanz die Umschreibung für ein alkoholisches Mischgetränk? Darüber gibt es verschiedene Theorien und Anekdoten.

Cocktails so bunt wie ein Hahnenschwanz

Fotolia 116843769 S
Die Schwanzfedern des Hahns sind so bunt wie mancher Cocktail. Foto: fotolia

Ein bisschen Blue Curaçao, ein wenig Grenadine – die oft farbenfrohen Cocktails von heute sind in der Tat so bunt wie der Schwanz eines prächtigen Gockels. Die Bezeichnung „Cocktail“ entstand aber bereits Ende des 18. Jahrhundert, irgendwo an der Ostküste der USA. Und damals bestand der „Cock-tail“ noch aus etwas völlig anderem: Harry Croswell, Herausgeber der Wochenzeitschrift „The Balance, and Columbian Repository“, definiert ihn in einer Reaktion auf einen Leserbrief 1806 als „stimulierendes Getränk aus Spirituosen aller Art, Zucker, Wasser und Bitters“. Die sogenannten „Pousse Cafés“ aus Saft, Sirup und Likör kamen erst viel später in Mode.

Belebend und heilend: Ein Weckruf am Morgen

81539202
Der Weckruf des Hahns am Morgen macht wach. Früher wurde dem Cocktail eine ähnlich belebende Wirkung nachgesagt. Foto: dpa

Heutzutage ziemt es sich, mit dem Konsum von Alkohol erst nach 18 Uhr zu beginnen. Doch das war nicht immer so. Als der Cocktail noch in den Kinderschuhen steckte, also in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wurden er vor allem vormittags konsumiert. Der Grund: Die zugesetzten Bitterspirituosen, die in der Regel von Apothekern aus Kräutern und Gewürzen hergestellt wurden, galten als Heilmittel und wurden zur Steigerung des Wohlbefindens eingesetzt. In seinem Buch „Cooling Cups & Dainty Drinks“ definierte der Autor William Terrington Cocktails als „Mischungen, die bevorzugt von Frühaufstehern, den ,early birds‘, genutzt werden, um die Manneskraft zu stärken“. Der Cocktail war also wie ein belebender Weckruf am Morgen - ein Job, der ja eigentlich traditionell dem Hahn obliegt.

„On the cock’s tail“: Auf (in) den Hahnenkampf

9513703
Hahnenkämpfe waren in den Südstaaten der USA früher äußerst beliebt. Dort ging es nicht nur blutig, sondern auch feuchtfröhlich zu. Foto: dpa

Hahnenkämpfe waren nicht nur eine blutige, sondern auch eine süffige Veranstaltung und in den Südstaaten der USA lange Zeit sehr beliebt. Hier könnte auch der Begriff „Cocktail“ seinen Ursprung haben. So war es nämlich angeblich üblich, dass dem unterlegenen Gockel seine prächtigen Schwanzfedern ausgerissen wurden. Diese steckte man dem Besitzer des Gewinners dann beim obligatorischen Umtrunk ans Glas. Anschließend wurde wortwörtlich „on the cock’s tail“, also „auf den Hahnenschwanz“ getrunken.

Sazerac – der Drink aus dem „Eierbecher“

Fotolia 89823686 S
Der Sazerac gilt als der Ur-Cocktail in New Orleans. Foto: fotolia

New Orleans ist bekannt für seine Kneipendichte – und den eher lockeren Umgang mit Alkohol. Es könnte also gut möglich sein, dass hier der Cocktail geboren wurde. Zumindest legt das die Geschichte des französischen Apothekers Antoine Amédée Peychaud nahe. 1795 braute der eine Medizin und nannte sie Peychaud’s Bitter. Seine Landsleute sollen auf dem Heimweg von der Arbeit gerne mal bei ihm auf ein Schlückchen vorbeigeschaut haben. Und eines Tages habe Peychaud den Cognac „Sazerac“ dann mit einem Schuss seiner Medizin verfeinert und den Drink in einem Apothekermessbecher serviert, so erzählt man sich. Den verwunderten Gästen gegenüber bezeichnete er das ungewöhnliche Trinkgefäß als „coquetier“, zu deutsch: Eierbecher. Daraus sei dann die amerikanisierte Form „cocktail“ entstanden. Bis heute ist der „Sazerac“ übrigens der offizielle Cocktail der Stadt New Orleans.

Barmaid Betsy Flanagan und die Feder im Becher

Feder1
Mit einer Hahnenfeder im Drink soll alles angefangen haben - im Lokal von Betsy Flanagan. Foto: dpa

In den USA gilt gemeinhin die Barfrau Betsy Flanagan als die Mutter des Cocktails. Circa 1776 – während des Unabhängigkeitskrieges – betrieb die Dame eine Gaststätte in Four Corners, in Westchester County/New York oder ein paar Kilometer weiter in Elmsford. Hier sind sich die Quellen schon nicht ganz einig. Bei Betsy sollen vor allem französische Offiziere ihren Durst gelöscht haben. In einer Schnapslaune unterstellten die ihr ein Tête-à-Tête mit einem hühnerzüchtenden Engländer aus der Nachbarschaft. Um dieses Gerücht zu widerlegen, riss die Bardame dem Federvieh des Nachbarn ein paar Schwanzfedern aus. Diese tunkte sie dann kurzerhand in die Drinks ihrer beschwipsten Gäste. Einer der Franzosen soll daraufhin ausgerufen haben: „Vive le coq’s tail!“ So oder so ähnlich erzählt man es sich. In Wirklichkeit ist der Autor James Fenimore Cooper der Erfinder dieser Anekdote: Für seine Geschichte „The Spy“ (1821) erfand er eine Figur namens Betty Flanagan.

Resteverwertung aus dem Keramikhahn

Fotolia 141491594 S
In manch einer Bar soll man sich die Schnapsreste einst aus einem Keramikhahn gezapft haben. Foto: fotolia

Der Cocktail als Resterampe? Auch diese Theorie gibt es: In einer Kneipe in den USA sollen die Barkeeper die übriggebliebenen Alkoholika in einen großen, hohlen Keramikhahn geschüttet haben. Gezapft wurde das hochprozentige Gebräu dann aus dem Schwanz des Hahnes – zum Sonderpreis, versteht sich.

Nina Schellkopf

Die Autorin Nina Schellkopf trinkt gerne mal einen Cocktail und hat sich dabei schon öfter gefragt, was ein Hahnenschwanz mit einem (alkoholischen) Getränk zu tun haben könnte? Mit diesen fünf Erklärungsversuchen kann sie künftig auf jeder Cocktailparty punkten.

Illustration: Barbara Stefan / Fotos: dpa/fotolia

Kapitel
Bunter Hahnenschwanz Weckruf am Morgen Auf den Hahnenkampf Aus dem Eierbecher Barmaid Flanagan Resteverwertung
Teilen