Martin Kellermeier Ohne Rand

nr. sieben: Ostern 2017

Keiner ist besser als der Hahn vom Hans

Schankkellner Jürgen Zirch hat den berühmten Wechsel vom Hornauer Hans geerbt. Er hat uns das Geheimnis des Messinghahns verraten.

Eine unscheinbare schwarze Ledertasche steht auf dem Tisch in einer Gaststube in Dießen am Ammersee, direkt am Marktplatz. Landwirt Jürgen Zirch sitzt dahinter. Der 52-Jährige lässt das Lederstück nicht aus den Augen. Der Inhalt ist zu wertvoll, ein paar tausend Euro bekommt man bestimmt dafür. Brauereiexperten und altgediente Schankkellner sprechen sogar von einer Legende.

Der Zapfhahn vom „Hornauer Hans“ ist Kult, so wie Messi, Gerd Müller und Ronaldo für Fußballfans. Etwa vier Kilogramm schwer und aus Messing ist der Wechsel. Das ist die Bezeichnung für Zapfhähne im Fachjargon. Kult ist das Stück nicht nur wegen seines bekannten Zapfmeisters. Der Hahn hat sein Geheimnis, warum er der Beste auf dem Markt ist.

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Jürgen Zirch hat den berühmten Wechsel vom Hornauer Hans geerbt.

Landwirt Zirch hat das begehrte Teil vom Hornauer Hans geerbt, einem langjährigen Schankkellner in der Augustiner Festhalle auf der Münchner Wiesn. Der Hans war ein ganz Besonderer hinter der Theke. „Ein grober Hund“, sagt Jürgen Zirch heute über ihn. Dass sein Zapfhahn so gut wie kein anderer ist, ließ sich der Hornauer Hans raushängen. Das hat auch Jürgen Zirch zu spüren bekommen. Es war auf seiner zweiten Wiesn als Schankkellner, Zirch war damals 28 Jahre alt. Den erfahrenen Schankkellnern war es ein Dorn im Auge, dass Jüngere ausgebildet wurden. „Da ist der Hans einmal mit mir zusammengerückt. Aber ich hab ihm den Schneid abgekauft“, erzählt Jürgen Zirch.

Die Streithähne in der Festhalle

Der Streit war der Beginn eines besonderen Arbeitsverhältnisses. Als der Hornauer Hans älter wurde, hat ihn Jürgen Zirch weiter an der Schenke mitarbeiten lassen – ohne Ambitionen auf den begehrten Löwen unter den Zapfhähnen. Die anderen Schankkellner konnten sich nicht so gut bremsen. Sie haben den Hornauer Hans förmlich angebettelt, dass er ihnen doch den Wechsel einmal vermachen soll. „Ich war eben ein guter Kerl und hab das nicht so gemacht“, sagt Zirch. Wenn es eine Taktik war, dann hatte sie Erfolg. Kurz vor seinem Tod hat der Hornauer Hans den Erben festgelegt: Jürgen Zirch.

Seitdem hütet der 52-Jährige den Zapfhahn wie einen Schatz und hat aus Schutz vor Neidern seinen Namen in den Wechsel eingravieren lassen. „Jürgen Zirch, Mai 2007“ steht seitdem auf der linken Seite. Rund zehn Millionen Maß Bier sind durch das Messing-Stück aus dem Jahr 1972 schon geflossen. Jedes Jahr werden es mehr. Jürgen Zirch arbeitet noch immer mit der Legende auf der Wiesn. Das soll noch so lange weitergehen, wie es die Gesundheit zulässt. Danach bekommt sein Sohn den Wechsel vom Hornauer Hans. Ein Verkauf des Erbstücks ist für Jürgen Zirch ausgeschlossen. Selbst an einen Sammler würde er den begehrten Zapfhahn nicht abgeben. Der Wechsel vom Hornauer Hans ist so gut wie kein anderer. Für die Vitrine wäre der Zapfhahn schlichtweg zu schade.

Das sind harte Zeilen für Franz Xaver Weinzierl aus Freising. Der pensionierte Neurochirurg ist begeisterter Sammler – von Zapfhähnen. Auf einem Tisch im Wohnzimmer hat er einen Teil seiner Stücke ausgebreitet. 170 Zapfhähne hat er insgesamt: aus England, Frankreich und Malta, aus der Renaissance und der Vorkriegszeit. Etwa 80 Zapfhähne für Bier- und Weinfässer liegen auf dem Holztisch. Nur einer fehlt: der Wechsel vom Hornauer Hans. „Der wär schon noch eine Sache“, schmunzelt Weinzierl.

Der Kauf bleibt aber wohl ein Traum. Aber das ist kein Beinbruch: Die Sammlung von Franz Xaver Weinzierl lässt sich auch ohne den Hahn vom Hornauer Hans beliebig erweitern. Formen und Verarbeitungen der Zapfhähne sind derartig vielfältig, dass der Sammler stundenlang darüber erzählen könnte. Seinen Namen erhielt der Zapfhahn übrigens wahrscheinlich von dem früher meist hahnförmig ausgestalten Griff des Kegels. Solche Hähne gibt es heute nicht mehr. Generell sind die Zapfhähne am Aussterben. Eine Firma wie „Stolz & Reindl“ aus München, die auch den Wechsel vom Hornauer Hans hergestellt hat, hat längst die Produktion eingestellt.

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Franz Xaver Weinzierl ist begeisterter Sammler von Zapfhähnen.

Zapfhähne gibt es heute nur noch in Massenproduktion – mit Folgen. Ein erfahrener Schankkellner will einen alten Zapfhahn. „Die neuen sind auch gut, aber die laufen nicht so wie die alten“, erklärt Jürgen Zirch. Das heißt: Das Bier fließt durch die alten Zapfhähne schneller und mit weniger Schaumbildung. Apropos Bier: Jürgen Zirch ist kein großer Fan des Gerstensafts. Auf der Wiesn trinkt er generell keinen Alkohol, daheim gibt es nur ab und an ein Bier. Das ist bei Franz Xaver Weinzierl ähnlich. Vielleicht sogar noch extremer: Anders als Zirch zapft der Sammler nicht einmal mit seinen Hähnen Fässer an. „Die Gelegenheit dazu gibt es bei mir selten.“ Stattdessen enden manche seiner Sammelstücke als Briefbeschwerer.

In unserer Bildergalerie können Sie die Vielfalt der Zapfhähne in der Sammlung von Franz Xaver Weinzierl entdecken!

  • Zapfhahn1 Farbe
    Dieser Hahn mit einem Hundkopf an der Front stammt aus der Renaissance.
  • Zapfhahn2 Farbe
    Die Besonderheit an diesem Hahn ist der Ring-Dreipass als Griff. Es handelt sich dabei um einen Weinhahn aus dem 17. Jahrhundert.
  • Zapfhahn3 Farbe
    Dieser Hahn war der Zweite in der Sammlung. Weinzierl hat ihn in der Altertumsfundgrube in München entdeckt.
  • Zapfhahn5 Farbe
    Auf Malta hat Weinzierl diesen englischen Bierhahn aus dem 20. Jahrhundert gefunden.
  • Zapfhahn6 Farbe
    Das ist ein alter Wasserhahn. Ein Ladenbesitzer hat ihn zum Weinhahn umfunktioniert.

So erging es auch dem ersten Hahn von Weinzierl. Sein Vater war beruflich in der Hallertau unterwegs und hat dem damaligen Medizinstudenten einen Zapfhahn mitgebracht, den er von einem Wirt geschenkt bekommen hat. Weinzierl wusste erst nichts mit dem Wechsel anzufangen und so landete er bei den Briefen. Durch Zufall stieß Weinzierl wenig später beim Einkaufen in der Altertumsfundgrube in München auf seinen zweiten Hahn. Für zwei Mark hat er ihn erstanden und damit das Sammelfieber ausgelöst.

Der Beginn einer Sammlung: Franz Xaver Weinzierl erzählt im Video, wie er zu seinen ersten Zapfhähnen gekommen ist!

Seitdem hält der Arzt die Augen offen. Auf einer Dienstreise hat er einmal in Frankreich einen besonderen Hahn in einem Weinfass stecken gesehen. Es war ein Wasserhahn mit einem Schwanenkopf. Weinzierl war von der Idee des Ladenbesitzers begeistert. Dieser hatte doch kurzerhand das Gewinde des Wasserhahns verlängert und so einen Weinhahn geschaffen. Die kleinen Geheimnisse sind es, die Weinzierl an seinen Hähnen begeistern. Darüber zu sinnieren ist für ihn Erholung pur.

Das Risiko spielt bei jeder Maß Bier mit

Auch der Hahn vom Hornauer Hans hat sein Geheimnis. Am Ende des Bolzens hat der Schankkellner nachgeholfen und ihn optimal aufs Bier abgestimmt – mit einer kleinen Kerbe. Die richtige Legierung und der perfekte Schliff machen den Wechsel einzigartig. „Er läuft extrem schnell“, sagt Jürgen Zirch. Mit einer Vierteldrehung am Zylinder kann er eine Maß Bier zapfen. Diese Fingerbewegung hat der Landwirt schon über zehn Millionen Mal gemacht. Der Wechsel vom Hornauer Hans macht ihm die Arbeit leichter. Das Risiko spielt aber bei jedem Zapfvorgang mit.

Der Trick eines Schankkellners: Im Video erklärt Jürgen Zirch, wie man mit einem Wechsel eine Maß Bier zapft!

Wenn Jürgen Zirch nur einmal der Zylinder des Zapfhahns auf den Boden fällt, kann alles vorbei sein. Eine kleine Delle im Messing reicht aus, damit das Bier nicht mehr richtig läuft. Ein Moment, an den Zirch nicht denken will. Wegwerfen müsste er den Hahn aber trotzdem nicht. In der Sammlung von Franz Xaver Weinzierl wäre immer ein Platz für den Hahn vom Hans.

Kellermeier

Ein Fass Bier hat der Autor Martin Kellermeier noch nie angezapft. Kein Wunder: Alkoholisches gehört nicht zu seinen Lieblingsgetränken. Einen Hahn hat er trotzdem jeden Tag – wie alle anderen Menschen – öfter in der Hand: den Wasserhahn am Waschbecken zu Hause.

Illustration: Barbara Stefan // Fotos: Martin Kellermeier

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